LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Promotion bei den Medizinern: Dumm­heit schützt doch vor Strafe

von Hermann Horstkotte

09.06.2018

Der "Dr." beruht stets auf einem Verwaltungsakt. Die Zu- oder Aberkennung ist eine vom jeweiligen  Fach geprägte, aber unerlässlich rechtsförmige Entscheidung. Mehr juristischen Sachverstand in den Fachgremien fordert Hermann Horstkotte.

Doktoranden kommt es meist mehr auf das spätere Ansehen in Beruf und Gesellschaft an als auf den schon bald wieder überholten wissenschaftlichen Fortschritt. Vielleicht aus sozialem Klüngel, jedenfalls aus mangelnder Rechtskenntnis laufen Promotionsverfahren oder auch eine Nachkontrolle schnell schief.

In einem aktuellen Fall aus Freiburg hatte ein Gruppenleiter mindestens zwei Dissertationen seiner Promovenden aus dem Fach Medizin massiv überarbeitet, statt nur die legitimen Korrekturvorschläge zu machen. Das haben die beiden Begünstigten nach "intensiver, zeitaufwändiger und sorgfältiger Sachverhaltsaufklärung" durch den Promotionsausschuss selber zugegeben, wie die Uni Freiburg jetzt mitteilt. Nicht nur die Versuchsanordnung, Methodenbeschreibung und alles wissenschaftlich Grundlegende stammte vom Betreuer, sondern weitgehend sogar die Diktion der Arbeiten, wie ein linguistisches Gutachten beweist. Die Dissertationen selbst lassen entsprechende Herkunftsangaben indes vermissen. Wäre das nicht ein recht klarer Fall für die Aberkennung des Doktorgrades wegen Täuschung?

Nicht doch, sagt die aktuelle Dekanin der Freiburger Medizinischen Fakultät, Kerstin Krieglstein. Die Doktoranden hätten wenig Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten und sich darauf verlassen können, dass mit dem Vorgehen des Betreuers alles in Ordnung sei. Sie dürften sich also auf den Vertrauensschutz berufen.

"Geistiges Eigentum" als Stille Post?

Ist das also mal wieder - wie in ähnlichen Fällen nicht nur in der Medizin - die übliche Abmilderung drohender Rechtsfolgen? Nein, vielmehr sieht die Dekanin überhaupt keinen Rechtsverstoß. In der Lokalpresse erklärt sie, die Überarbeitungen durch den Betreuer seien "rechtlich gesehen ins geistige Eigentum" der Promovenden "übergegangen".

Ein solcher Übergang ist nach Urhebergesetz schlicht und einfach ausgeschlossen, wie der dafür renommierte Passauer Juraprofessor Michael Beurskens klarstellt. Etwas juristische Nachhilfe in der Fakultät wäre nicht falsch gewesen.

Auf Nachfrage von LTO besinnt sich die Dekanin sodann auf den Wortlaut einer anderen Fakultätsentscheidung vor gut vier Jahren und meint: "Wenn ein Betreuer eine Qualifikationsschrift 'korrigiert', dann bleibt das Ergebnis das geistige Eigentum des ursprünglichen Verfassers" der Rohfassung. Wer jedoch ein Werk "in relevantem Umfang verändert", so Beurskens, gewinne an der Bearbeitung laut Gesetz ein eigenes Urheberrecht und einen Anspruch auf entsprechende Anerkennung.

In der Wissenschaft ist das sogar unumgängliche Pflicht, wie etwa das baden-württembergische Hochschulgesetz vorschreibt: "Bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen sind Personen, die einen eigenen wissenschaftlichen oder wesentlichen sonstigen Beitrag geleistet haben, als Mitautorinnen oder Mitautoren zu nennen; soweit möglich, ist ihr Beitrag zu kennzeichnen."

Ein "wesentlicher sonstiger Beitrag" kann gemäß bundesweit gültigen Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis beispielsweise bei der "Formulierung des Manuskripts" entstehen, zumal bei der Veredelung eines Textes bis zur Promotionsreife. Dieser Ansicht verschließt sich auch die Dekanin nicht ganz, wenn sie warnt: "Ich würde dringend empfehlen, dass Betreuer keine umfangreichen Korrekturen vornehmen, sondern die Doktoranden zu einem guten wissenschaftlichen Schreiben anleiten."

Da das bei den fraglichen Doktorarbeiten aber nicht der Fall war, verzeiht die Fakultät den nominellen Autoren ihren Schlamassel. Von so viel Mitleid können andere wie Annette Schavan nur träumen. Die Uni Düsseldorf hatte der früheren Bundesbildungsministerin nach einer Plagiatsaffäre den Doktortitel entzogen

Kein Vertrauensschutz bei Dummheit

Bei Außenstehenden stößt der Freiburger Gnadenerlass auf heftigen Widerspruch. So sagt der bekannte Plagiatsexperte und Rechtsprofessor Volker Rieble: "Jeder Doktorand weiß doch, dass er selbst schreiben muss. Der Betreuer kann auch jene, die zu blöd sind, davon nicht befreien und Vertrauensschutz für die Ordnungsgemäßheit abweichenden Vorgehens erzeugen."

Das klare Wort passt zu den "Leitsätzen" zur guten wissenschaftlichen Praxis und ihren Grenzen, die die Vereinigung der Staatsrechtslehrer 2012 praktisch für alle Wissenschaften aufgestellt hat. Danach soll als Doktorand nur zugelassen werden, wer zuvor in Studium und Examen bewiesen hat, ein wissenschaftliches Thema bewältigen zu können. Die nötige "selbständige Leistung" dürfe nicht von der "Intensität der Betreuung" beeinträchtigt werden. In Veröffentlichungen müsse der Leser erkennen können, welche Ergebnisse und Formulierungen der Autor von anderen übernommen hat.

Zwar halten selbst Juristen diese guten Vorsätze nicht immer ein, wie sich etwa an Doktorarbeiten aus Münster oder Hamburg zeigt – aber falls die Verstöße auffallen, werden sie wenigstens  mit einer "Rüge" oder dem Titelentzug beantwortet statt offiziell entschuldigt.

Berufsdoktorat auf niederem Niveau

Seit dem 19. Jahrhundert sind die wissenschaftlichen Ansprüche an Dissertationen enorm gestiegen, wie der Historiker Ulrich Rasche von der Göttinger Akademie der Wissenschaften feststellt. Zulassungsvoraussetzungen wie ein abgeschlossenes Diplom-, Bachelor- oder Master-Studium oder überdurchschnittliches Staatsexamen sind grundlegend dafür.

Allein die Hochschulmedizin nahm einen Sonderweg. Landesherrliche Medizinalordnungen banden den Arztberuf vor mehr als zweihundert Jahren an die Promotion, um ihn von Heilern ohne Studium ("Kurpfuschern", "Quacksalbern") titular abzugrenzen. Laut Rasche leisteten die medizinischen Fakultäten der Vorschrift aus der hohen Politik Folge, indem sie "das für eine medizinische Promotion geforderte Niveau auf ein Maß senkten, das jeder Student erfüllen konnte." Bis heute gibt es in Fachgebiet Medizin kein Zulassungskriterium wie für Doktoranden aller anderen Fakultäten.

Wenn Dissertationen jedoch zur Schnäppchenware werden, wird Pfuscherei im vermeintlich rechtsfreien Raum der Wissenschaften fast zwangsläufig  zur Gewohnheit. Missbrauch aber nachträglich für in Ordnung zu erklären, spottet aller akademischen Freiheit.

Zitiervorschlag

Hermann Horstkotte, Promotion bei den Medizinern: Dummheit schützt doch vor Strafe . In: Legal Tribune Online, 09.06.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29035/ (abgerufen am: 24.05.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.06.2018 12:54, Hermann Scharnagl

    Zur Praxis des Urheberrechts
    An der Medizinischen Fakultät Freiburg scheint es beides zu geben: ,,unschuldige" Doktoranden und eine ahnungslose Dekanin im Urheberrecht.
    Schon im Frühjahr 2016 ließ die Universität über den BZ-Redakteur Dr. Wulf Rüskamp eine Peinlichkeit verbreiten, die mich zu einem Kommentar veranlasste, der Ende März 2016 auf BZ-online und in der Printausgabe der Badischen Zeitung abgedruckt wurde:

    Rüskamp schreibt: ,,...Indes gilt der Vorwurf wissenschaftlich unredlichen Vorgehens einem anderen Sachverhalt: Dickhuth hat offenbar den von ihm betreuten Doktoranden eigene Texte zur Verfügung gestellt [...] auch in den zur wissenschaftlichen Bewertung wichtigen Teilen. Nicht bedacht hatte er aber dabei, dass diese Texte damit urheberrechtlich in den Besitz des Doktoranden übergehen."
    Der letzte Satz ist unzutreffend. Richtig ist vielmehr, dass Dickhuth als geistiger Vater dieser Texte im Sinne des Urheberrechts Urheber ist und bleibt. Dickhuth hat auch in keiner Weise den Doktoranden Urheberrechte übertragen, sondern als Urheber allenfalls die Nutzungsrechte an seinem geistigen Eigentum übertragen, woraus sich ergibt, dass nicht der Urheber, sondern vielmehr der Nutzer der Zitierpflicht obliegt.
    Es ist daher ein folgenschwerer Irrtum, davon auszugehen, dass der Urheber im vorliegenden Fall die Zitierpflicht verletzt hat. Die Rücknahme der Habilitation von Professor Dickhuth ist somit auch aus urheberrechtlicher Sicht in keiner Weise gerechtfertigt.

  • 09.06.2018 13:21, Hermann Scharnagl

    Fall Dickhuth bleibt Skandal der Universität Freiburg
    Im Folgenden die Gründe:
    Erstens: Im Kern ging es zuletzt um die Dissertationen von M. Orlowska-Volk und A. Wehinger. A. Wehinger hat seine Dissertation fünf Monate nach Einreichung der Dickhuth-Habil.-Schrift vorgelegt. Im Fall M. Orlowska-Volk (O.-V.) liegt die Aussage von ihr vor „Das habe ich ganz alleine gemacht" (vgl. dazu auch BZ vom 9.3.2011), die mutmaßlich falsch ist. Mutmaßlich falsch ist diese Aussage aus dreierlei Gründen; weil die einstige Doktorandin a) erhebliche Probleme mit der deutschen Sprache hatte, b) keine Expertise in der damals neuen zweidimensionalen Echokardiographie hatte (die hatte lt. vier Zeitzeugen im ganzen Frbg. Uni-Klinikum nur Dickhuth) und c) allein schon aus diesen beiden Gründen unmöglich eine urheberrechtsrelevante Leistung generiert haben kann, von der dann – so die geradezu abenteuerliche Schlussfolgerung der Universität Freiburg und des Dekanats der Medizinischen Fakultät – der Habilitand Dickhuth abgeschrieben haben soll. Umgekehrt jedoch wird ein Schuh daraus, weil nur der Habilitand Dickhuth alle urheberrechtsrelevanten Inputs geben konnte.
    Zweitens: Den Uni-Verantwortlichen ist anzulasten, dass sie Frau O.-V., die ihren einstigen Betreuer Dickhuth sogar öffentlich schwer belastet hat (siehe oben), nicht unter Eid genommen hat, sondern vielmehr blind vertraut. Nicht nachvollziehbar ist außerdem, um nicht zu sagen grob fahrlässig, dass trotz mehrfacher schriftlicher Bitten der Promotionsausschuss Prof. Dickhuth keine Anhörung gewährte.
    Drittens: Fakt ist ebenfalls, dass die Doktoranden die Endfassungen ihrer Dissertationen am Betreuer Dickhuth vorbei dem Doktorvater und Erstgutachter Prof. Keul vorlegten. Meine Recherchen haben ergeben, dass dies auch dem Promotionsausschuss bekannt ist. Von einer Verletzung der Betreuerpflicht kann deshalb ebenfalls keine Rede sein.

  • 09.06.2018 13:46, Hermann Horstkotte

    Irrwege und Auswege
    Mit ihren Pseudoargumenten schiebt die Dekanin die Hauptverantwortung für die Täuschung über die Autorschaft in den Promotionsschriften dem Betreuer in die Schuhe. Das erscheint umso befremdlicher, als dieselbe Fakultät im Verfahren gegen den Betreuer ausdrücklich offen gelassen hatte, ob der den Doktoranden Texte geliefert hat oder umgekehrt; sie macht ihm vielmehr nicht mehr und nicht weniger als eine nicht ordnungsgemäße Leitung der Arbeitsgruppe zum Vorwurf (https://www.lto.de/recht/studium-referendariat/s/plagiat-akademischer-titel-aberkennung-verjaehrung-rechtsfrieden/).
    Übrigens sah sich derselbe Promotionsausschuss der Fakultät vor gut einem Jahr in einem anderen Plagiatsfall "außerstande nachzuweisen, von welcher Seite das Fehlverhalten begangen wurde." Das Verfahren wurde "eingestellt", also ohne jedes Ergebnis abgebrochen (https://www.tagesspiegel.de/wissen/plagiate-in-der-wissenschaft-zu-viel-teamarbeit-im-medizin-labor/20942570.html). Eine Falluntersuchung in der Medizin der Münchener LMU wurde eingestellt, weil dem plagiatsverdächtigen Autor "kein bewusstes oder grob fahrlässiges Verhalten nachgewiesen" werden konnte. Der Kommissionsvorsitzende Prof. Dr. jur. Ansgar Ohly verwies auf konkrete "Eigenheiten" der Autoren-Situation im Einzelfall (https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/plagiat-wissenschaft-lmu-aufklaerung-umgang-entschuldbare-uebereinstimmungen/), was von außen auch als situative Abmilderung der verwaltungsrechtlichen Angelegenheit verstanden werden kann.
    Im Vergleich mit diesen angeführten Fall-"Lösungen" erscheinen die Erklärungen der Freiburger Dekanin als laienhafte Stümperei im Abseits der Rechtssache.

  • 09.06.2018 15:21, Hermann Horstkotte

    Zur Ahnungslosen-These der Dekanin
    Dass es vor der Jahrtausendwende jedenfalls keine so verschriftlichten Regelungen zur guten wiss. Praxis gab wie heute, ist bekannt (siehe auch den Ergebnisvermerk der Sitzung des Unterausschusses des Habilausschusses der MedFak Freiburg vom 15.8.2012). Das heißt aber nichts für die Aberkennung von Doktortiteln. Denn die Promotion ist ein begünstigender Verwaltungsakt, der wegen einer veränderten Sach- oder Rechtslage später aufgehoben werden kann.

Mitreden? Schreiben Sie uns an leserbrief@lto.de

Eine Auswahl der Leserbriefe wird in regelmäßigen Abständen veröffentlicht. Bitte beachten Sie dazu unsere Leserbrief-Richtlinien.