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Mit Jura nach New York: Rooftop-Cocktail-Events für unbezahlte Referendare

von Florian Schneider

23.05.2013

Zwingend ist ein Auslandsaufenthalt während des Referendariats nicht. Trotzdem zieht es viele Studenten raus aus den deutschen Gerichtssälen und Behördengängen. Möglichkeiten gibt es genug. Wie wäre es zum Beispiel mit New York? Ein Erfahrungsbericht über die Wahlstation bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer, einem Ride-along mit der Polizei durch die Bronx und geduldige Schlangesteher.

New York City. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt auf der Welt, über die so oft berichtet wird, die so häufig als Kulisse für Film und Fernsehen dient und die so viele Geschichten erzählt, wie die inoffizielle Hauptstadt der USA. Nahezu jeder mit dem man spricht war schon dort – oder möchte noch hin.

Wie ich dort hingekommen bin: Glück und Verstand

Ich gehörte zu denjenigen, die ihren Besuch noch vor sich hatten. Trotzdem waren meine ersten Planungen für den Ort meiner Wahlstation keineswegs auf New York fokussiert. Ich wollte vielmehr einfach ins Ausland und am besten nicht in eine Kanzlei. Der erste Punkt war kein Problem. Möchte man seine Station jedoch nicht in einer der großen internationalen Law Firms oder einer kleineren regionalen Anwaltskanzlei verbringen, bleibt für deutsche Rechtsreferendare häufig nicht mehr sonderlich viel Auswahl übrig. Eine Bewerbung bei den hippen IT-Unternehmen des Silicon Valley scheitert häufig bereits daran, dass entweder gar keine Kontaktinformationen auffindbar sind oder die Bewerbung an die zentrale E-Mailadresse auf dem iPad eines Mitarbeiters in der Bucht von San Francisco versandet.

Eine Alternative sind die Deutschen Auslandshandelskammern. Diese informieren auf ihren Internetseiten gut und übersichtlich darüber, wo und unter welchen Voraussetzungen Referendaren die Gelegenheit gegeben wird, ihre Stationen zu absolvieren. Die Deutsch-Amerikanische Auslandshandelskammer New York beschäftigt etwa durchgehend zwei bis drei Referendare.

Entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung bei der German American Chamber of Commerce New York (GACCNY) ist, neben aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen, vor allem auch etwas Glück hinsichtlich des gewünschten Aufenthaltszeitraumes. Um sich von Mitbewerbern absetzen zu können, sollte man möglichst internationale Erfahrung mitbringen oder jedenfalls entsprechend aufgeschlossen sein. Noten spielen natürlich auch eine Rolle. Entscheidend ist – wie so oft – der Gesamteindruck.

Behördenalltag I: Deutsche Behörde trifft amerikanisches Unternehmen

Die GACCNY ist eine Kapitalgesellschaft amerikanischen Rechts und befindet sich in einer typischen Büroetage in unmittelbarer Nähe zur Wall Street in Downtown Manhattan. Ein eigenes Büro ist einigen wenigen Mitarbeitern vorbehalten – die große Mehrheit verbringt ihren Arbeitsalltag im amerikatypischen Großraumbüro. Was einen beim ersten Telefongespräch mit der US-Steuerbehörde oder beim konzentrierten Durchforsten amerikanischer Zollbestimmungen noch stören mag, erfreut spätestens dann, wenn man unkompliziert und schnell mit sämtlichen Kollegen in Kontakt kommt und umgehend auf deren Hilfe zurückgreifen kann.

Die vorherrschende Bürosprache ist deutsch. Zwar arbeitet man mitten in New York, die meisten Mitarbeiter, Kunden und Mandanten der GACCNY stammen jedoch aus Deutschland oder beherrschen die deutsche Sprache nahezu perfekt. Aller amerikanischer Einflüsse erwehrt sich aber auch die Handelskammer nicht: Es wird geduzt. Und zwar jeder jeden, der Praktikant den Abteilungsleiter, der Referendar den Vize-Präsidenten – nur der Kammerpräsident ist eine Ausnahme.

Behördenalltag II: Arbeiten bei den Legals

Als einer von drei Referendaren wurde ich vom ersten Tag an voll in die Arbeit der Rechtsabteilung eingebunden, wozu auch E-Mails und Telefongespräche mit Mandanten und Behörden gehörten. Wen das abschreckt, den wird sicherlich beruhigen, dass man jederzeit auf die freundliche Hilfe und Unterstützung der Abteilungsleiterin und einer weiteren Juristin zurückgreifen kann. Da die Referendare in aller Regel zeitlich versetzt mit ihrer Station beginnen, steht zudem meist ein Referendars-Routinier in den eigenen Reihen für jegliche Fragen bereit.

Die Palette der behandelten Fälle ist bunt und dreht sich meist um deutsch-amerikanische Sachverhalte: vom kleinen oder mittelständischen Unternehmer, der in den USA Fuß fassen will, bis hin zur Privatperson, die von der amerikanischen Großtante ein Aktienpaket geerbt hat.

Der Rückgriff auf das eigene deutsche Rechtswissen oder eine tiefere Einarbeitung in das amerikanische Recht ist nur in Ausnahmefällen wirklich notwendig. Viel häufiger wird man im Internet fündig oder fragt direkt bei den richtigen amerikanischen Behörden und Ansprechpartnern nach. Für die mündliche Prüfung bringt einem die Station fachlich daher nicht unbedingt etwas – viele interessante Erkenntnisse und eine Portion Arbeits- und Lebenserfahrung hingegen schon.

Als kleines Bonbon für die tägliche – leider unbezahlte – Arbeit habe ich die zahlreichen Networking-Events empfunden, an denen wir Referendare teilnehmen durften. So konnte man beim abendlichen Rooftop-Cocktail-Event (gefühlt findet das gesamte öffentliche Leben im Sommer auf den Dächern Manhattans statt) oder beim Get-Together-Snackbuffet nicht nur eine kleine Verschnaufpause von den horrenden New Yorker Preisen nehmen, sondern auch in  meist schöner Atmosphäre neue Gesichter kennenlernen.

Was ich nicht vergessen werde I: Private-Club und Ride-Along

Ride-along mit New Yorker PolizistenIn vier Monaten New York hatte ich sehr viele beeindruckende Erlebnisse, von denen ich keines missen möchte. Dazu zählt die Einladung in einen der exklusivsten Privatclubs der USA, zu dem nur Mitglieder und deren Gäste Zutritt haben, genauso wie die Streifen-Mitfahrt (Ride-Along), bei der ich zwei Polizisten des New York Police Department durch die berüchtigte Bronx begleiten durfte (die entgegen aller Erwartungen im Bezirk meines Streifenteams erstaunlich schön und ruhig war).

Aber auch das Konzert der New Yorker Philharmoniker, zu dem zehntausende Zuhörer in den Central Park kamen, die eigene Rooftop-Party vor der Skyline Manhattans oder die Ausflüge nach Fire Island und an den Rockaway Beach sind unvergessliche Erinnerungen.

Was ich nicht vergessen werde II: Das Schlange stehen

Im Laufe der Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, der New Yorker scheint es beinahe zu lieben, sich in langen Menschenschlagen anzustellen. Dies tut er mit einer bewundernswerten Gelassenheit, die dem durchschnittlichen, zum Drängeln neigenden, Kontinentaleuropäer eher fremd ist. Ich will nicht zusammenzählen, wie viel Zeit ich in endlos scheinenden Menschenketten vor Museen und diversen Veranstaltungen verbracht habe. Und auch das ist New York: Lange Wege und nicht immer angenehme U-Bahnfahrten – schon gar nicht im Hochsommer bei Rekordtemperaturen.

Zitiervorschlag

Florian Schneider, Mit Jura nach New York: Rooftop-Cocktail-Events für unbezahlte Referendare . In: Legal Tribune Online, 23.05.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8785/ (abgerufen am: 20.09.2019 )

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Kommentare
  • 27.05.2013 07:40, Simon

    Diese Auslandshandelskammern sind doch laecherlich. Betteln um eine unbezahlte Wahlstation bei einer 5-Tage-Woche in einer der teuersten Metropolen der Welt. Und die Chefs der AHKs schlagen sich den Bauch voll. Und diese satten Chefs soll man dann auch noch mit guten Noten, Internationalitaet und gutem Gesamteindruck ueberzeugen, damit man kostenlos arbeiten darf. Unfassbar.

  • 27.05.2013 17:08, Mat

    So ist das nun mal im Leben.

    nett geschriebener Bericht

    Mat, der mal 4 Wochen für ein deutsches Unternehmen in NYC den praktikanten während des Studiums gespielt hat und auch viel Spaß hatte

  • 27.05.2013 17:08, Mat

    nachtrag:
    Ernsthaft arbeiten werden in Kanzleien lediglich ein paar Prozent der deutschen referendare, die haben auch keine Ahnung von US-recht. Da lieber irgendwo anpacken, wo man sich auch einbringen kann

  • 26.06.2014 13:08, Pauline

    Ständig beklagen sich Referendare, dass sie in der wahlstation von den Unternehmen, Kanzleien, etc. Nicht bezahlt werden. Dabei wird vergessen, dass sie weiterhin ihre unterhaltsbeihilfe von den Ländern erhalten - die erhalten sie nicht fürs Nichtstun. Es wird niemand gezwungen nach New York zu gehen, wenn das Geld knapp ist. Man sollte so eine Station ohnehin als Investition in den Lebenslauf begreifen. Und außerdem vergessen viele Referendare, dass ihnen noch die Berufserfahrung fehlt und sie nach wie vor in der Ausbildung stecken und den Unternehmen nicht nur Arbeit abnehmen, sondern auch Arbeit bereiten. Deshalb würde ich mich mit Gehaltsforderungen etwas zurückhalten oder eben ein Unternehmen suchen, das in die Tasche greift.

  • 26.06.2014 13:19, Pauline

    Auch die AHk-Chefs haben mal klein angefangen. Jura-Studium und zwei Jahre Referendariat in allen Ehren, aber bis zum AHk-Chef-Posten und Bauch voll schlagen fehlen in der Regel noch so 15+ Jahre Berufserfahrung. Einfach mal ball flach halten.