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Mecklenburg-Vorpommern startet Nachwuchskampagne: Junger Jurist zum Bleiben gesucht

von Constantin Körner

14.07.2016

Unter Urlaubern ist Mecklenburg-Vorpommern sehr beliebt, den juristischen Nachwuchs kann das Flächenland weniger begeistern, insbesondere der Justiz fehlt es an Nachwuchs. Das soll eine groß angelegte Kampagne jetzt ändern.

Die Kreidefelsen auf Rügen, die malerische Altstadt von Rostock oder die Seenplatte: All das lockt alljährlich viele Besucher nach Mecklenburg-Vorpommern, um Urlaub zu machen. Im Gegensatz dazu verlassen die meisten Jurastudenten wie selbstverständlich sofort nach ihrem Abschluss das Bundesland wieder, um ihr Referendariat woanders zu absolvieren. 

"Ab 2021 werden wir in Mecklenburg-Vorpommern wie nahezu in ganz Deutschland im Bereich der Richter und Staatsanwälte hohe Altersabgänge haben. Im Kampf um die Besten müssen wir jedoch einen Tick besser als die anderen sein. Darum gilt es, die Jurastudierenden als auch die Referendare und Juristen hier im Land zu behalten", sagte die Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) zum Start ihrer Kampagne zur Nachwuchsgewinnung.

"Mecklenburg-Vorpommern ist das beliebteste Urlaubsland in Deutschland, das sich auch als guter Referendariatsstandort einen Namen machen möchte. In der Justiz unseres Landes werden voraussichtlich allein bis zum Jahr 2025 rund 25 Prozent, bis zum Jahr 2030 schätzungsweise 45 Prozent der derzeit aktiven Richter und Staatsanwälte das Pensionsalter erreichen", ergänzt ihr Pressesprecher Tilo Stolpe. Ähnliche Probleme hat zum Beispiel Thüringen.

Großes Land mit wenig Einwohnern – und kleinen Arbeitsgemeinschaften

"Klein, aber fein" heißt es nun etwa auf der Titelseite einer Informationsbroschüre an Referendare. Ein Imagefilm, der insbesondere über die sozialen Netzwerke verbreitet wird, soll demnächst folgen. "Das Motto bezieht sich auf die Größe der Arbeitsgruppen. In Mecklenburg-Vorpommern können sich die AG-Leiter mehr um die Referendare bemühen als es Erfahrungsberichte aus anderen Ländern schildern. Das motiviert sowohl AG-Leiter als auch Referendare. Betont werden soll zugleich, dass auch bei wenigen Referendaren ein attraktives Ausbildungsangebot aufrechterhalten wird", erläutert Stolpe.

Zunächst habe man anhand von Umfragen und Einzelgesprächen unter Referendaren ermittelt, wo man aktuell stehe. Dabei seien insbesondere die Höhe der Unterhaltsbeihilfe, die längeren Anfahrtswege in einem Flächenland sowie die Examensergebnisse angesprochen worden. Bei letzteren liegt das Bundesland im Vergleich weit hinten, was die Anzahl der Prädikatsexamina angeht.

Höhe der Unterhaltsbeihilfe soll "wettbewerbsfähig" werden

"Um für junge Juristen attraktiver zu werden, soll zum einen die Unterhaltsbeihilfe auf ein Niveau erhöht werden, das im Bundesvergleich 'wettbewerbsfähig' ist. Zum anderen wurde die Vorbereitungszeit auf die schriftliche Prüfung durch eine Verschiebung der Prüfung um einen Monat verlängert. Das inhaltliche Ausbildungsangebot soll durch Zusatzveranstaltungen ergänzt werden.

Hier soll Raum entstehen, neben Themen, die nicht unmittelbar zum Pflichtstoffkatalog gehören, aber von praktischer Bedeutung sind, wie etwa Internetkriminalität und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, auch aktuelle rechtspolitische Fragen anzusprechen. Zudem ist die Einführung einer Klausurenklinik für eine, wenn notwendig, besonders intensive fachliche Betreuung der Referendare angedacht", fasst Stolpe die Eckpunkte der Kampagne zusammen. Zusätzlich stelle man den Referendaren neben Juris auch Beck online kostenlos zur Verfügung. Auch wolle man den Klausurenkurs online ermöglichen.

Wenig Perspektive für international ausgerichtete Juristen

Bislang sei die Kampagne sehr gut angelaufen, berichtet Stolpe: "Von Seiten der Referendare kamen positive Reaktionen. Sehr begrüßt wurde, dass es jetzt Beck online gibt. Sowohl die Rechtsanwalts- als auch die Notarkammer haben Unterstützung für die Kampagne angekündigt. Wir verstehen das Konzept als Grundlage für weitere Überlegungen, in die noch weitere Beteiligte einbezogen werden."

Rechtsreferendar Marvin Ziegert, Mitglied  im Vorstand des Vereins zur Förderung des juristischen Referendariats in Mecklenburg-Vorpommern e. V., meint, dass man mit der Kampagne "aus der Not eine Tugend" gemacht habe: "Der Umstand, dass es in Mecklenburg-Vorpommern verhältnismäßig wenige Referendare gibt, kann zu vielen Vorteilen führen. An diese wird durch die Kampagne versucht anzuknüpfen. Wir spüren den Wunsch, dass sich tatsächlich etwas bewegen soll. Das zeigt sich auch an dem Interesse an unserem Verein. Es wird sehr häufig der Dialog mit uns gesucht. Allerdings müssen auch wir zur Verbesserung beitragen, und zwar durch mehr als bloß konstruktive Kritik. So konnten wir bereits erreichen, dass die Rechtsanwaltskammer Mecklenburg-Vorpommern und der RostockerAnwaltVerein ihre Seminare zum Selbstkostenpreis für Referendare geöffnet haben."

Auf die Frage, ob man denn selbst vorhabe, nach dem Referendariat zu bleiben, fällt das Echo aber geteilt aus. Sollte es der Arbeitsmarkt hergeben, würde Ziegert "sehr gerne" bleiben. Auch sein Vorstandskollege Paul Wilhelms findet: "Irgendwie würde es mich persönlich sehr stören, die Ausbildung und das Studium hier auf Kosten des Landes abzuschließen, um dann in ein – leider - besser bezahltes Bundesland 'auszuwandern'. Gerade deshalb hat dieses Bundesland ein so großes demografisches Problem." Dagegen scheint für das verbleibende Drittel des Vorstands die Kampagne bereits zu spät zu kommen, denn Mitglied Maja Mascher sagt: "Ich spreche mehrere Sprachen und habe ein internationales juristisches und kulturelles Interesse. Von daher sehe ich für mich in Mecklenburg-Vorpommern keine Berufsperspektiven."

Zitiervorschlag

Constantin Körner, Mecklenburg-Vorpommern startet Nachwuchskampagne: Junger Jurist zum Bleiben gesucht . In: Legal Tribune Online, 14.07.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19999/ (abgerufen am: 22.05.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 14.07.2016 11:06, junger Vorpommer

    Ich habe vor 3 Wochen mein Zeugnis für das 2. StEx in Rostock bekommen und zuvor auch schon das erste Examen hier im Land an einer Universität gemacht.

    Wenn man dieser Region nicht durch externe Faktoren verbunden ist, wird es meines Erachtens nach schwierig, hier Fuß zu fassen. Erfolgreiche junge Juristen zieht es in die Nähe von interessanten Mandaten, die M-V wirklich nur sehr beschränkt bieten kann. Viele nutzen ihr Referendariat, um spannende Verwaltungs-, Anwalts- oder Wahlstationen zu erleben, was hier de facto unmöglich ist und einen quasi nach Hamburg oder Berlin zwingt.
    Die Unterhaltsbeihilfe ist zum Leben zu viel und zum Sterben zu wenig. Bedenken müssen angehende Referendare, dass im Flächenland erhebliche Fahrtkosten auf sie zu kommen, die nicht immer ersetzt werden.

    Die AG-Leiter waren alle durchaus nett und engagiert, sind aber (anders als in einigen anderen Bundesländern) in erster Linie noch Praktiker, die den Job neben ihrem richtigen Job machen, weswegen von intensiver, hoch qualitativer Ausbildung eigtl. kaum die Rede sein kann.

    Das man nun beck-online anbietet (mit sehr geringem Umfang, ich meine es ist nur der BeckOK und die JA - genau kann ich es nicht sagen), klingt fast nach Hohn in Anbetracht der Tatsache, kaum Bibliotheken oder Präsenzbestände zu haben, auf die man ohne weiteres zugreifen könnte.

    Insgesamt kann ich es nur bedingt empfehlen, obwohl ich das Bundesland sehr liebe!

    • 15.07.2016 11:35, Küstenkind

      Du hast Zugriff auf die Bibliothek des OLG Rostock, des LG Rostock, des JM Schwerin, der beiden großen Unibibliotheken...

  • 14.07.2016 12:36, MS

    Als Proberichterin in MV, die im Berlin ihr Referendariat absolviert hat, kann ich für den Justizdienst in diesem Land nur werben. Die Arbeitsbedingungen sind sehr gut und kein Vergleich zu dem, was ich in Berlin erlebt habe (z.B. bzgl. Ausstattung, Kollegium, Arbeitsbelastung). Aus meiner Sicht gibt es hier keinen Grund zu klagen. Das Referendariat hier kann ich allerdings nicht beurteilen.

    • 16.07.2016 21:24, S. K.

      Nicht alle haben dieses Glück:

      http://betrifftjustiz.de/wp-content/uploads/texte/BJ%20120_Grade.pdf

      (Bei google einfach mal Richter oder Söldner suchen falls der Link nicht gepostet wird)

  • 14.07.2016 12:39, Clemens-Lothar Bernig

    Was ist mit dem Kapital der berufserfahrenen Juristen? Ich würde auch nach Mecklenburg-Vorpommern gehen. Aber, ganz offensichtlich, besteht dort für jahrzehntelange Lebens- und Berufserfahrung kein Bedarf. Tja.

  • 14.07.2016 13:18, RA F

    Wenn man weiterhin 9 Punkte oder mehr im Examen verlangt von Bewerbern, muss man sich nicht wundern, dass diese nicht zur Justiz wollen, schließlich kommen sie mit einer solchen Note in einer Großkanzlei unter, wo sie das vierfache verdienen.

    • 14.07.2016 13:53, MS

      Das gilt dann aber für alle Bundesländer.

      Geld allein ist (zum Glück) nicht alles. Kein Geld der Welt würde mich aus der Justiz in eine Großkanzlei locken.

  • 14.07.2016 13:56, Mike M.

    Und für die jungen Männer wird der Öffentliche Dienst ja ohnehin zur Karrieresackgasse, wenn die nächsten 20 Jahre erst einmal nur Frauen befördert werden, damit die Quote stimmt.

    • 15.07.2016 13:44, Küstenkind

      Die Realität sieht anders aus. Noch immer haben Männer in diesem Bereich die besseren Karrierechancen. Und auch die Einstellung scheitert nie am "Mann sein".

  • 14.07.2016 14:48, X aus Y

    Ich habe ebenfalls mein Referendariat in M-V absolviert. In meinem Durchgang machte der Anteil der Prädikatsexamen - wie regelmäßig - nur 6 (!) % aus. Aus diesem Grund begrüße ich die angestrebten Veränderungen im Vorbereitungsdienst, damit die Quote hoffentlich endlich mal ansteigt.

    Was jedoch meiner Meinung nach in dem Artikel und auch sonst in M-V sehr stark vernachlässigt wird, ist die Frage, warum die bis dato wenigen Absolventen mit Prädikatsexamen zumeist abwandern und eben nicht in M-V bleiben.

    Ein beachtlicher Grund liegt für mich auch in der Einstellungspraxis des Landes für den Justizdienst.

    Wenn es darum geht, zukunftsorientiert Referendare gut auszubilden und mit überdurchschnittlichen Examina im Land zu behalten, um der nahenden Pensionierungswelle in der Justiz entgegenzuwirken, muss man sich fragen, warum bereits jetzt jedes Jahr nur tröpfchenweise in den Justizdienst eingestellt wird.

    Sollte an dieser Einstellungspraxis festgehalten werden, wird sich auch jeder angehende gute Referendar zweimal überlegen, ob er sich nur von den beabsichtigten verbesserten Bedingungen im Vorbereitungsdienst im M-V überzeugen lässt, ohne aber frühestens vor dem Jahr 2021 selbst bei überdurchschnittlichem Abschluss eine wirkliche Einstellungschance zu haben, weil einfach keine ausreichenden Stellen geschaffen bzw. besetzt werden.

    Die Folge ist, dass diejenigen, die bis dahin einen guten Abschluss abgelegt haben, wegen der nur tröpfchenweisen Einstellung in M-V in andere Bundesländer abwandern, in denen einfach bessere Einstellungsvoraussetzungen herrschen. Oder sie nehmen aus diesem Grund gar nicht erst den Vorbereitungsdienst in M-V auf.

    Dies ist genau einer der Effekte, der laut des Artikels eigentlich vermieden werden soll. Und diese Aussicht für das spätere Berufsleben im Justizdienst in M-V macht den Vorbereitungsdienst gerade nicht den "Ticken" besser.

    Solange diese Einstellungsvoraussetzungen herrschen, ist die Gefahr groß, angehende Volljuristen schon vor Aufnahme des Referendariats zu verschrecken. Denn bei den geringen Einstellungszahlen von Bewerbern in den Justizdienst, spielt das Glück eine größere Rolle, als es eigentlich sollte, um letztlich den Traumberuf ergreifen zu können.

    Auch diesem Problem sollte sich die Justiz annehmen, um den Vorbereitungsdienst attraktiver mit beruflicher Perspektive zu gestalten.

  • 14.07.2016 15:01, .

    "in der Justiz unseres Landes werden voraussichtlich allein bis zum Jahr 2025 rund 25 Prozent, bis zum Jahr 2030 schätzungsweise 45 Prozent der derzeit aktiven Richter und Staatsanwälte das Pensionsalter erreichen".

  • 14.07.2016 15:27, Schweriner

    Ich habe vor einigen Jahren mein Referendariat in M-V gemacht. Die Bedingungen war eine einzige Katastrophe. Die Ausbilder waren zwar Praktiker, hatten aber oft offenbar nicht die geringste Ahnung, wie man den Stoff sinnvoll vermittelt. Hinzu kam eine sehr merkwürdige Auswahl der Examensklausuren mit knallharter Bewertung. Nach dem Schriftlichen waren dann die Hälfte der Referendare durchgefallen. Selbst Kollegen mit exzellenten Noten im 1. Staatsexamen lagen plötzlich diverse Notenpunkte schlechter. Im Mündlichen Examen wurden im Aktenvortrag hochkomplexe Fälle vorgelegt und Bereiche geprüft, die eigentlich gar nicht prüfungsrelevant sind. So was spricht halt rum, mit dem Ergebnis, dass M-V bis heute seine Referendariatsplätze nicht besetzen kann.

  • 14.07.2016 18:11, Ex Schweriner

    Ich habe schon vor längerer Zeit das Jurastudium vollständig in Rostock absolviert - zumal als Ex-Schweriner - und kann, was die damaligen Verhältnisse betrifft, keine substanziellen Beanstandungen vorbringen. Es gab schon auch eine hinreichende Zahl von Prädikatsexamen. Während aber beim Studium die Situation passabel war, haben eine Mischung aus Statistiken, Gerüchten und dem Blick auf die historische Entwicklung (wer waren denn die Ausbilder, die in großer Anzahl gleichzeitig eingestellt worden waren) nicht nur mir die Entscheidung leicht gemacht, das Bundesland zu wechseln. Das Referendariat in Niedersachsen lief im Vergleich zu meinen Befürchtungen MV betreffend, glatt und nahezu stressfrei durch. Auch das ist inzwischen mehr als zehn Jahre her. Meine Berufung habe ich dann in der Bundeshauptstadt gefunden. Die Hauptfrage für die Personalplanung in der Landesjustiz ist sicherlich, womit man gute Juristen überzeugen kann. Eins ist klar - ein Flächenland ohne einen internationalen Flughafen und weitgehend ohne große Industrienamen ist nicht dasselbe wie eine Metropole. Wer im Norden judizieren, anklagen, vertreten oder beraten möchte, wird vor allem in den klassischen Rechtsgebieten unterwegs sein. Es wird vielleicht etwas einfacher sein als in einer Metropole, eine Behausung zu finden. Die Entfernungen sind aber weiter und bei sinkender Bevölkerung nehmen demografische Probleme zu. Gibt es Ärzte oder Ärztinnen, Apotheken, Krankenhäuser, Kultur- und Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Kindergärten, Beschäftigungsmöglichkeiten für Partner usw. - das sind zentrale Fragen, die die Justizverwaltung (allein) nicht lösen kann. Will sie Juristen aus anderen Bundesländern anwerben, muss sie Defizite kompensieren. Es ist nicht attraktiv, wenn aus "Rostock" mal eben "Pasewalk" werden kann. Weder im Referendariat noch im Justizdienst. Will sie Juristen aus MV halten, darf sie die Juristenausbildung nicht vernachlässigen. Auch die Arbeitsbedingungen selbst müssen stimmen, damit die Arbeitsplätze attraktiv sind. Ein Wechsel von Stadt und Land, von Verwaltung und Entscheidung kann ein Instrument sein. Verwaltungsbeamte können auf Zeit und Auftrag an das Verwaltungsgericht abgeordnet werden. Richter und Staatsanwälte können an das Ministerium, an den Bundesrat oder an das Bundesministerium abgeordnet werden. Die Rückkehr an ein Gericht oder an eine Staatsanwaltschaft kann ihnen dann erleichtert werden. Die Initiative ist insofern ein Strohfeuer. Wird sie nicht längerfristig gefahren, droht sie sogar das Gegenteil zu erreichen: Mal ehrlich - wer will schon dort arbeiten, wo demnächst reihenweise Dezernate und Kammern zu vertreten sind? Und das ist nicht nur Theorie - die Kommentare zeigen, dass die Warnung ankommt. Die Initiative müsste daher nicht warnen, sondern werben, und sie müsste Erfolge aufzeigen. Ich fürchte nur, da kommt nicht viel.

    • 15.07.2016 11:40, Küstenkind

      Im Referendariat hat man (zumindest momentan) freie Ortswahl. Du gibst bei der Bewerbung an, wo du hin möchtest, und wirst dahin zugeteilt. Also weder Pasewalk noch (und hier kann mich sich wirklich ausbilden lassen, wenn man möchte) Neubrandenburg drohen. Diese Freiheit kenn ich aus anderen Bundesländern so übrigens auch nicht.

  • 14.07.2016 20:40, Noah

    Habe auch in MV vor ca. einem Jahr das 2. Examen gemacht. Die Ausbildung im Referendariat ist bestenfalls mittelmäßig, eher unterdurchschnittlich. Ich hatte genau eine AG (Strafrecht), die ich positiv bewerten würde. Hier wurde man in der Einführung auf den Sitzungsdienst vorbereitet und in den wöchentlichen AGs wurden Klausuren besprochen. Ansonsten haben die AG-Leiter sich auf den Standpunkt gestellt, keine Klausuren besprechen zu "dürfen" und im Wesentlichen Stoff vermittelt, den man schneller und effizienter aus Lehrbüchern hätte lernen können oder der überhaupt nicht sinnvoll zu gebrauchen war. Alle AG-Leiter waren Praktiker.

    Vielleicht gibt es diesen Interessenkonflikt generell, aber mich hat als Referendar nur interessiert ob ich gut aufs Examen vorbereitet bin. Dafür waren die AGs überwiegend unbrauchbar. Alles andere ist sekundär, obwohl die Entlohnung in der Tat ein Witz ist. Wenn man 40h ansetzt (wobei es wohl von Referendar zu Referendar und von Station zu Station unterschiedlich ist, ob man die erreicht; in der Anwaltstation ist fast jeder mehr oder weniger getaucht), erreicht die nicht einmal den Mindestlohn.

    Was den Justizdienst angeht, hatte ich mich in MV beworben, aber wurde abgelehnt. Insofern hab ich wenig Mitleid mit Personalsorgen ;). Nachteilig fand ich dabei aber weniger die Besoldung als mehr die absurde Perspektive nicht zu wissen wo man morgen ist. Da man sich in MV verpflichtet in jeder Gerichtsbarkeit (+StA), an jedem Ort tätig zu sein und von diesen Verschiebungen teils extensiv und kurzfristig Gebrauch gemacht wird, ist sinnvolle Lebensplanung während der Zeit als Proberichter kaum möglich. Hätte es aber hingenommen, weil ich gerne in meinem Heimatland geblieben wäre.

  • 14.07.2016 20:56, Weinges

    sehr harte Benotung, lange Wege, insbesondere nach der Gerichtsstruckturreform, 1 Prof. mit internationalem Ruf, geringe staatliche Beihilfen und ungenügende Referendarausbildung sowie fortbildungsresistente Richter - nur neun Referendare in MV sind die Quittung.

  • 15.07.2016 09:35, Küstenkind

    Ich gehöre zu den jungen Juristen, die sich "trotz" Prädikatsexamen im Ersten dazu entschieden haben, in MV zu bleiben und hier das Referendariat zu machen.
    Und ich bereue es nicht. Die Ausbildung hier ist wesentlich besser als ihr Ruf.

    AG

    Wir haben, anders als zB Hamburg, tatsächlich eine wöchentliche AG. Diese wird von sehr engagierten AG Leitern geleitet. In allen AG liegt die Klausurvorbereitung im Vordergrund. Dabei wird viel abverlangt. Wer bereit ist, sich reinzuhängen, nimmt aber auch richtig was mit. Die kleine Gruppengröße in den AG ist perfekt. Die Ausbilder nehmen sich wirklich Zeit um sicherzustellen, dass alle dem Stoff folgen können. Auch mit Problemen in der praktischen Ausbildung kann man immer zu den AG-Leitern gehen. Wo gibt es das sonst? Dass die AG Leiter Praktiker und keine Porsche fahrenden Repititoren sind, ist übrigens auf die Ausbildung bezogen nur positiv. Ich will ja schließlich auch den Job lernen und nicht nur für die Klausur. Mit AG-Leitern, die die AG schon ewig machen, teilweise selbst Prüfer sind, aber den Blick zur Praxis nicht verlernt haben, gelingt die Mischung gut.

    Praktische Ausbildung

    Auch die praktische Ausbildung habe ich bisher nur als positiv erlebt. Die mir zugeteilten Ausbilder waren sehr gut. Sie haben mich zwar gefordert, aber eben dadurch gefördert. In der Verwaltungsstation nur tote Akten bearbeiten oder im Staatsanwaltsdienst als Sitzungsäffchen herhalten - das hat in meinem Jahrgang keiner erlebt. Anders als in anderen Bundesländern hat man in MV freie Auswahl in den Stationen. Die Verwaltungsstation im Landtag oder in der Landesregierung zB ist kein Problem. Oder wie wäre es mit einer Wahlstation im maritimen Bereich? Die Fahrtkosten zu Stationen innerhalb von MV sowie nach Speyer werden übrigens vom Land übernommen. Man muss sich nur kümmern.

    Examina

    Ja, die Noten sind schlechter als in Hamburg. Das hängt aber auch mit der Zusammensetzung der Bewerber zusammen. Wenn der Notendurchschnitt der in MV den Referendatsdienst ableistenden Referendare im ersten Examen schon sehr viel schlechter ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass auch die zweiten Examina im Schnitt schlechter ausfallen. Das sagt aber nichts über die Einzelleistungen der Referendare und eine faire Bewertung aus.

    Unterhaltsbeihilfe

    Die Unterhaltsbeihilfe nimmt sich übrigens in allen Bundesländern nicht viel. Wo mehr gezahlt wird, gehen auch mehr Steuern ab. Wir reden also maximal über 100€ Unterschied. Es ist aber auch kein Lohn, sondern eine Beihilfe. In einen Referendar wird viel mehr Arbeit reingesteckt, als am Ende durch dessen Arbeitsleistung rauskommt. Von daher sollte man hier auch keine Reichtümer erwarten.

    Ich kann also allen Studenten nur empfehlen, sich selbst ein Bild zu machen und die Ausbildung hier in Betracht zu ziehen. Es lohnt sich.

  • 15.07.2016 13:46, Ex Schweriner

    @Küstenkind:

    Es ist schön, dass es einen Hoffnungsschimmer gibt. Das mit der Statistik würde ich genauso unterstreichen - in Hamburg sind die Noten deshalb viel, in den meisten anderen Bundesländern zumindest etwas besser, weil die besseren Bewerber dort zum Referendariat zugelassen werden. Man wird ja nicht wegen der Standortwahl automatisch besser oder schlechter. Die Referendare und Referendarinnen werden ja auch nach Leistung ausgewählt.

    Als ich in Niedersachsen Referendariat gemacht habe, war es auch ohne weiteres möglich, sich die Orte auszusuchen. Das hängt ein bisschen davon ab, wie intensiv man seinen Wunsch vorträgt, und wo man steht. Mit "Rostock" bzw. "Pasewalk" meinte ich in der Tat die Phase nach dem Referendariat, um zum Ausgangspunkt zurückzukommen (Justizdienst in MV). Neubrandenburg ist in der Tat ein Ort zum Leben. Mir ging es darum, das Logistikproblem anzusprechen, beispielsweise als Proberichter.

    @alle:

    Die Zusammenarbeit mit AG-Leitern und mit praktischen Ausbildern ist auch nichts, was man verallgemeinern kann, sie hängt von der persönlichen Beziehung auf, die man zueinander aufbaut oder eben nicht aufbaut. Da werden (außerjuristische) Fähigkeiten benötigt, die man als Referendar testen, später aber in jedem Fall anwenden kann. Ich hatte auch einen AG-Leiter, der nach einer substanziell wirksamen Remonstration (die Klausurnote stieg von 4 auf 15 Punkte) deutlich besser wurde in seinem Unterricht. Das kann sicher überall so stattfinden.

    Man darf aber auch nicht übersehen, dass die neuen Bundesländer Anfang der neunziger Jahre auf einen Schlag sehr viele Juristen - unter abgesenkten Anforderungen - eingestellt haben, die anderenfalls nicht in die Justiz gelangt wären. Einige von ihnen mögen Schwierigkeiten haben, zwischen guten und sehr guten Juristen und Juristinnen zu unterscheiden. Das mag dann zusätzlich zu der Zusammensetzung der Referendarinnen und Referendare die Statistik beeinflussen, ebenso die Ausbildungsqualität. Am Ende ist aber jeder Referendar und jede Referendarin für den Erfolg der eigenen Ausbildung verantwortlich.

    Die Diskussion über das Referendariat scheint aber aus meiner Sicht am Problem vorbeizugehen. Denn auch die erfolgreichen Referendare bleiben ja nicht alle in MV, sondern suchen sich neue Betätigungsorte. Ein solcher Tapetenwechsel ist auch gut, da der beobachtete Umgang mit Problemen außerhalb MV auch neue Lösungen innerhalb MV beflügeln kann.

    Wie dem auch sei: Die Justizverwaltung sollte nicht nur Warnungen erteilen bzw. mit Fotos vom Strand werben (der im schon erwähnten "Pasewalk" nicht ganz so greifbar ist), sondern eine Strategie entwickeln, um die Justizberufe insgesamt in MV attraktiver zu machen. Dinge anzubieten, die andere Bundesländer nicht anbieten, bei denen MV dann interessanter erscheint. Mentorenprogramme aufzulegen. Nicht ganz spitz zu kalkulieren, damit nicht jeder Richter/Richterin bzw. Staatsanwalt/Staatsanwältin genau an seinem Platz sitzen muss, damit das System nicht kollabiert (was schon wegen Krankheiten illusorisch wäre, aber auch Fortbildungen und Außenerprobungen verhindert). Das zaghafte Bevölkerungswachstum der letzten Monate in den größeren Städten zu berücksichtigen und nicht nur mit negativen Bevölkerungsprognosen von vor 5 Jahren zu arbeiten. Nach der Gerichtsstrukturreform keine neuen standortbezogenen Reformen starten, sondern erst mal Synergieeffekte daraus schaffen und anwenden. Die Besoldung auf ein attraktives Niveau heben, das die Grenze von Art. 33 Abs. 5 GG nicht mehr touchiert. Ortsübergreifenden fachlichen Austausch der Justizkollegen fördern und dafür Freiräume und Mittel bereitstellen.

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