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Prüfungspanne in NRW: Examensklausuren verloren gegangen

28.05.2015

23 Prüflinge in NRW stehen vor einer ungewöhnlichen Alternative: Sie können ihre Noten anerkennen, oder die V2-Klausur neu schreiben. Nur Einsicht nehmen können sie nicht - denn die Aufsichtsarbeiten sind verloren gegangen.

Wie zunächst auf der Online-Plattform Forum zur letzten Instanz berichtet und inzwischen auf Anfrage beim Landesjustizprüfungsamt (NRW) bestätigt, sind 23 V2-Klausuren aus dem Februar 2015 in Nordrhein-Westfalen auf dem Postweg zwischen Zweitkorrektor und LJPA verloren gegangen. Der Verlust habe sich im Geschäftsbereich der Post ereignet, die jedoch keine genauere Begründung zur Ursache habe mitteilen können, so die Behörde.

Da die Klausuren bereits bewertet worden waren, haben die betroffenen Referendare nun zwei Optionen: Entweder sie erkennen die Bewertung an, oder sie treten am 17. Juli 2015 erneut zur Prüfung an und schreiben die V2-Klausur jenes Durchgangs mit.

Unzutreffend ist nach Aussage des LJPA die zeitweise im Internet verbreitete Behauptung, dass mit einem Anerkenntnis der Note auch ein vollständiger Verzicht auf Rechtsmittel verbunden sei. Zwar findet die Behörde, dass "die Entscheidung des Prüflings, die Bewertung des Erst- und Zweitkorrektors als Leistung für die zweite juristische Staatsprüfung werten zu lassen, einem Verzicht auf Einwendung gegen die Bewertung" gleichkomme.

Dies gelte aber "selbstverständlich" nicht für den Fall, dass die Klausuren zu einem späteren Zeitpunkt doch wieder auftauchen sollten und die Bewertungen dann noch in zulässiger Weise angefochten werden könnten.

Somit stehen die Prüflinge vor der ungewöhnlichen, aber im Grunde vorteilhaften Alternative, ihre Note anzuerkennen und damit - aller Wahrscheinlichkeit nach - zumindest faktisch auf die Remonstrationsmöglichkeit zu verzichten, oder aber sie abzulehnen, und im Juli erneut zu schreiben. Bei allen Ergebnissen, die nicht ausgesprochen positiv oder negativ ausgefallen sind, ist das vermutlich keine leichte Wahl.

ms/cvl/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Prüfungspanne in NRW: Examensklausuren verloren gegangen . In: Legal Tribune Online, 28.05.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/15663/ (abgerufen am: 10.12.2019 )

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Kommentare
  • 29.05.2015 12:38, prüfling

    Offenbar passiert das öfter! Im Augustdurchgang 2014 sind auch 24 Z-4 Klausuren verloren gegangen. Man sollte mal über einen anderen Dienstleister nachdenken.

    • 02.06.2015 13:20, Josef

      Die sogenannte Deutsche Post kann ja nicht einmal
      richtig zustellen.
      Postzustellurkunden verschwinden Tag für Tag, so
      dass ein Nachweis der Zustellung nicht mehr zu
      führen ist!

  • 30.05.2015 08:04, Kristof Schnitzler

    was, schon wieder? auch Frühjahr 2007 ist das schon mal passiert. seinerzeit bot das prüfungsamt aber noch eine weitere Variante an, nämlich man konnte sich entscheiden, ob man den aufgerundeten durchschnitt der übrigen klausuren für die verloren gegangene klausur anerkennen möchte. heftig war, dass man tatsächlich einen rechtsmittelverzicht erklären musste (!), andernfalls - so die aussage - würde man halt neu geladen. es gab damals auch eine anfrage im landtag zu den vorgängen.

    wirklich eine schande, was da passiert...

  • 30.05.2015 12:57, Ehemaliger Prüfling

    Hier kann ich beiden Kommentatoren nur Zustimmen!!! Es ist schon seit Jahrzehnten gängige Praxis, dass Klausuren angeblich auf dem Postwege (!) verloren gegangen sind. Somit hat man einen Schuldigen gefunden!!! Am mangelhaften System wird nichts geändert. Auch wird ein Wechsel des Dienstleisters nichts bringen, da die "Ausreden" der Verantwortlichen Beamten nichts daran ändert!!!

    • 02.06.2015 13:24, Josef

      Ab 2016 gibt es keine verantwortliche Beamte mehr, höchstens
      verantwortliche Angestellte!

      Die vorzeitige Ruhestandsregelung und einer 10% Pensionskürzung,
      läuft am 21.12.2016 aus.

      Dann gibts auch keine Streikbrecher mehr.

  • 01.06.2015 09:23, NRW-Gast

    Ich finde es eine Unverschämtheit, dass die Klausuren nicht schnellstmöglich elektronisch gesichert werden... In welchem Jahrhundert leben die da eigentlich beim JPA?! Derartige Schlamperei sollte man sich mal in der freien Wirtschaft erlauben; da hätte man direkt allerhand Klagen an der Backe. Unfassbar sowas. Wobei die Noten mittlerweile ja eh den Eindruck machen als säße da jemand mit nem Würfel - auf die Klausuren kommt es offenbar eh nicht mehr an; richtig lesen tut sie ohnehin niemand...

    • 05.06.2015 08:33, LawJune

      Wie Recht Du hast!!!

      Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass sie durch 3 Empfehlungen von Richtern, mit denen sie persönlich befreundet ist, nun zur StA in Hessen zugelassen wird...der Hacken...sie hat im 1ten 6,.. und im 2ten 7,...!!!

      Soviel zur Willkür!!!

  • 01.06.2015 11:57, Leguleius

    Der schleichende Qualitätsverlust in der (nordrhein-westfälischen) Justiz macht auch vor dem LJPA nicht halt. Auch dort hat man, wie auf dem Gebiet der Rechtsprechung, nicht genügend qualifiziertes Personal, um jeden Monat acht vernünftige Klausuren auf den Weg zu bringen. Die dort mit der Klausurerstellung betrauten Grünschnäbel sind vielfach weder gute Didaktiker noch erfahrene Praktiker. So ist es nur folgerichtig, dass die Klausuren selten geeignet sind, praktische Anforderungen zu simulieren, deren Aneignung ja das eigentliche Ziel der Referendarausbildung ist. Die meisten Klausuren sind mit der heißen Nadel gestrickt, entsprechend erbärmlich sind die sog. "Prüfervermerke", die nur selten "richtig", geschweige denn vollständig sind. In geschätzt jedem dritten Prüfervermerk sind wirklich grobe Schnitzer drin. Das LJPA wird schon wissen, warum diese Vermerke keinen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit erheben, andererseits aber trotz ihrer Unverbindlichkeit auf keinen Fall in den Umlauf gelangen dürfen. Da es darüber hinaus keine einheitlichen Bewertungsmaßstäbe gibt, hängt die Qualität jeder Korrektur allein an den Fähigkeiten des einzelnen Korrektors - und dieser Qualitätsunterschied zwischen den einzelnen Korrektoren ist eben so groß wie der zwischen Erprobungsrichter und OLG-Vorsitzendem. Schlussendlich sind die Bewertungen faktisch nicht angreifbar, eben weil es keine verbindlichen Maßstäbe gibt und der "Prüfervermerk" ebenfalls unverbindlich (und geheim) ist; die Justiziabilität beschränkt sich also auf eine bloße Willkürkontrolle, auch wenn auf Prüfungsanfechtungen spezialisierte Anwälte das anders darstellen mögen.

    Am Ende verliert die Note des zweiten Staatsexamens so seine Aussagekraft. Da ist es nur folgerichtig, dass mittlerweile die Prädikatsquote bei den Neueinstellungen in den Richterdienst in NRW bei nur noch 50 % liegt.

    Das haben Teile der Justiz übrigens selbst vor Jahren schon erkannt. Das OLG Hamm hat schon vor über 10 Jahren ein Assessment-Center eingerichtet, um die Tauglichkeit von Bewerbern mit guter Note im zweiten Staatsexamen selbst zu überprüfen. Am OLG Düsseldorf gibt es ein ähnliches, wenn auch etwas kompakteres Einstellungsverfahren. Offener kann man ja kaum die Aussagekraft der Notengebung in Frage stellen.

    • 01.06.2015 19:07, NRW-Gast

      Sehr zutreffende Zusammenfassung!

  • 01.06.2015 15:41, WPR_bei_WBS

    Die Dinger gleich nach der Klausur alle einmal schnell durch den Dokumentenscanner zu jagen, so weit denkt beim Land wohl keiner?

    • 05.06.2015 11:03, Referendar

      Das hätte aber zur Folge, dass es leichter wäre, an die Examensklausuren zu kommen.
      Es gibt schon einen Grund, wieso man seine eigene Klausur nie wieder ausgehändigt bekommt und nur (kurz) Einsicht nehmen darf.
      Am Ende würde noch öffentlich gemacht werden, wie inkonsistent korrigiert wird..
      Nicht umsonst haben Prüfungsanfechtungen in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung einen relativ hohen Erfolgsgrad (im Vergleich zu anderen Prüfungsentscheidungenen).

  • 13.06.2015 09:17, informant

    Angeblich sind die v2-Klausuren wieder aufgetaucht...

    • 13.06.2015 11:00, Kristof Schnitzler

      Wie bei mir damals: im ersten Schreiben stand geschrieben "trotz intensivster bemühungen" sind die klausuren nicht wieder aufgefunden worden. Dann, 3 Wochen vor der Mündlichen: "ah, da sind sie wieder". Dachte mir damals nur "soooo intensiv können die Bemühungen dann zunächst doch nicht gewesen sein"...

  • 17.06.2015 14:04, Gast

    Gerade ist ähnliches in BaWü passiert: http://fudder.de/artikel/2015/06/16/28-jura-klausuren-sind-verschwunden/

  • 19.06.2015 08:47, Ozelot

    Es ist ja nicht nur so, dass die Klausuren beim LJPA nicht digital gesichert werden, sondern es besteht auch bei der Einsichtnahme nicht die Möglichkeit sie als PDF zuzusenden, weil man ja auf veraltete Kopie zurückgreifen möchte. Kostenpunkt: Je Seite 0,5€ für die ersten 50 Seiten, dann wird es erst etwas günstiger.

    Meiner Meinung nach, müssen die Klausuren sofort digital gesichert werden und dann erhalten Erst- und Zweitkorrektor jeweils unabhängig von einander ein ausgedrucktes Exemplar. Damit wird nämlich auch verhindert, dass der Zweitkorrektor sich von vorhandenen Anmerkungen auf der Klausur bereits eine beeindrucken lässt. Das würde schon für ein deutliches Plus an Beurteilungsgerechtigkeit sorgen.