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Legal Tech in der Juristenausbildung: Mehr Com­puter auf den Campus

von Marcel Schneider

08.09.2016

2/2: Nicht über Tools lernen, sondern mit ihnen

Nicht über Tools, sondern mit ihnen lehrt Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder. Er benutzt in seinen zivilrechtlichen Grundvorlesungen solche schon jetzt, um Rechts- und Prüfungsstrukturen zu visualisieren.

Anhand eines Prüfungsbaums veranschaulicht er seinen Studenten den juristischen Gedankengang bei der Suche und Prüfung von Anspruchsgrundlagen. "Über das Auge können komplexe Inhalte besser aufgenommen werden. Während ich am Pult spreche, können die Studierenden an der Leinwand hinter mir genau nachvollziehen, wo ich gerade was mit ihnen prüfe."

Zugang zum Prüfungsbaum haben die Studenten auch online über das Universitätsportal. Dort können sie an jedem einzelnen Abschnitt persönliche Notizen anbringen oder auch Fragen in einem Forum stellen, die der Professor dann selbst beantwortet. Wenn die Zeit reif ist, will Breidenbach sein Tool im Internet öffentlich zugänglich machen.  Er ist überzeugt: "An den Universitäten muss mehr für das Verständnis von Digitalisierung sensibilisiert werden. Die Studierenden müssen ein Bewusstsein dafür bekommen, was Technik kann und – noch viel wichtiger – was sie können wird, bevor sie in den Beruf starten."

"Digital Natives haben es leichter"

Seit zwei Jahren beschäftigt sich auch Nico Kuhlmann nach einem Aufenthalt in den USA mit Legal Tech. Dort gebe es mittlerweile einen Datenbank-Anbieter, der für einzelne Gerichte eine Erfolgswahrscheinlichkeit für Klagen in bestimmten Rechtsgebieten errechnet, veranschaulicht der Hamburger Referendar. Zuverlässigkeit und Aussagekraft solcher Dienste einmal dahingestellt, er ist fasziniert von den Veränderungen, die anstehen: "Fakt ist: Es tut sich etwas." Und auch wenn noch niemand so genau sagen könne, was, mahnt Kuhlmann zur Aufmerksamkeit: "Man muss nicht selbst programmieren können, aber ein Auge darauf haben, wie Rechtsmarkt und juristisches Arbeiten – vor allem im eigenen Tätigkeitsbereich - durch IT beeinflusst werden." Wer wissen will, was zukünftig mit Legal Tech machbar sein könnte, kann sich zum Beispiel unter diesem Stichwort auf meetup.com über die regelmäßigen und kostenlosen Legal-Tech-Meetings in Deutschland informieren.

Jüngeren Juristen als Digital Natives falle es im Vergleich zu älteren Kollegen leichter, auf dem Laufenden zu bleiben. "Als sich mit der Verbreitung des Internets die ersten juristischen Datenbanken wie Beck online und Juris etablierten, war das im weiteren Sinne auch Legal Tech, die die Recherchearbeit und Informationsbeschaffung verändert hat. Für heutige Studenten und Referendare ist das der Standard, sie sind mit der Digitalisierung aufgewachsen", sagt Kuhlmann.

Im Studium sieht er Legal Tech als heißen Kandidaten für den Bereich der nachzuweisenden Schlüsselqualifikationen. Anstelle von Blockveranstaltungen zu Rhetorik oder Mediation könne man "auch von Legal Tech fächerübergreifend profitieren. Man muss sich bewusst machen, dass das Thema zunehmend präsenter sein wird, nur zum jetzigen Zeitpunkteben noch nichts rechtsdogmatisch konkret Greifbares ist." Wohl mit ein Grund dafür, warum Legal Tech in der Juristenausbildung noch sehr stiefmütterlich behandelt wird.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Legal Tech in der Juristenausbildung: Mehr Computer auf den Campus . In: Legal Tribune Online, 08.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20514/ (abgerufen am: 30.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 13.09.2016 13:20, Mike M.

    Legal Tech geht jeden an, so dass die Verortung in einem Schwerpunkt natürlich Unsinn ist. Die Benutzung von Datenbanken ... einer elektronischen Akte etc. ist aber auch nicht so schwer, dass man dafür einen Kurs bräuchte. Zudem wären die Inhalte schnell auch wieder veraltet. Allerdings erstaunen manchmal die schlechten Computerkenntnisse der jungen Leute, wenn es um Textverarbeitung geht.

  • 18.09.2016 08:56, Johannes Stark

    Wurde hier eine Runde Buzzword Bingo gespielt?

    Zunächst mal: Rechtswissenschaftstechnologie wird in den Common-Law-Ländern aufgrund der dortigen Methodik deutlich wichtiger sein als bei uns. Dass die Herrschaften dort ein systematisch unterlegenes Rechtssystem haben, begünstigt diese.

    Zum anderen: Um ein wenig Software bedienen zu können, braucht es keine Umstellung der universitären Ausbildung. Mittelmäßig technikkompetente Juristen reichen vollkommen - regelmäßig sind das alle unter 40 Jahren.

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