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Legal Tech in der Juristenausbildung: Mehr Com­puter auf den Campus

von Marcel Schneider

08.09.2016

Legal Tech wird anwaltliches Arbeiten zunehmend beeinflussen, in Studium und Referendariat kommt das Thema aber noch nicht vor. Angehende Juristen müssen kein Technikfaible haben - aber aufpassen, dass sich eine völlige Unkenntnis nicht rächt.

Bis ein Computer zuverlässig komplexeste Rechtsfragen eigenständig lösen kann, wird es noch dauern. Das Feld der Legal Technology (kurz: Legal Tech) aber ist groß und die Möglichkeiten gehen schon jetzt weit über die bloße Kommunikation und Vernetzung von Anwalt und Mandant hinaus, die sich mit der Verbreitung des Internets eröffnet haben.

Für Markus Hartung ist der Umgang mit Legal Tech in Zukunft essenziell für eine wirtschaftlich gesunde Kanzlei, denn "Rechtsberatung ist nicht gleichzusetzen mit Falllösung." Software werde Juristen verstärkt dabei unterstützen, das Recht auf Sachverhalte anzuwenden. Nach Ansicht des Rechtsanwalts und Direktors der Bucerius Law School in Hamburg wird die Hauptarbeit des Anwalts zunehmend darin bestehen, für den Mandanten die beste Handlungsoption zu finden.
Zahlreiche Arbeiten, wie etwa das Aufsetzen standardisierter Schreiben oder Verträge, seien heute  noch das Brot-und-Butter-Geschäft vieler Anwälte. "Das wird sich ändern, wenn Mitbewerber diese Leistungen künftig durch technische Hilfsmittel schneller und vor allem günstiger erbringen können", prophezeit Hartung.

Schon jetzt ließen - vornehmlich große – Kanzleien Mitarbeiter nachträglich im Umgang mit den ersten etablierten Tools und Softwares ausbilden, weiß Dr. Micha-Manuel Bues. Der Rechtsanwalt, seit Juni dieses Jahres Geschäftsführer beim Legal-Tech-Unternehmen Leverton, beschäftigt sich seit ihren  Anfängen mit der digitalisierten Rechtsberatung in Deutschland. Er ist sich sicher: "Legal Tech wird den Anwaltsberuf immer stärker verändern und auch ihren Weg als tägliches Arbeitsmittel in mittelständische und kleine Kanzleien finden. Die Juristenausbildung muss den Berufsalltag widerspiegeln – und dazu gehört eher früher als später der Umgang mit Legal-Tech-Software."

Ein Schwerpunktbereich an der Uni?

Doch welche Möglichkeiten gibt es für die Universitäten und Ausbilder, den angehenden Juristen in den verschiedenen Stationen Legal Tech näher zu bringen und vor allem für die Praxis greifbar zu machen?
Bues kann sich das Thema Legal Tech als universitären Schwerpunktbereich vorstellen. Schwerpunkte würden "intern organisiert und können damit am schnellsten im doch eher konservativen Jurastudium umgesetzt werden." Zudem hätten die federführenden Lehrstühle die Möglichkeit, durch ihre Kontakte in die Praxis Dozenten zu gewinnen, die in ihrer alltäglichen Arbeit mit Legal-Tech-Produkten zu tun haben.

Bisher bietet noch keine Uni einen  eigenen Schwerpunkt für Legal Tech, doch immerhin: An der Universität Münster konnten sich Studenten des Schwerpunktbereichs "Rechtswissenschaft in Europa" die erfolgreich bestandene Teilnahme an einer Block-Veranstaltung zum Thema Legal Tech als Schwerpunktseminar anrechnen lassen.

Alternativ biete sich Legal Tech als weiteres Grundlagenfach an, ähnlich den Klassikern wie Rechtsgeschichte und –philosophie, meint Bues: "Diese Fächer vermitteln Hintergrundwissen, das die Anwendung der Studieninhalte verbessern soll. Legal Tech als ein solches Fach hätte zusätzlich noch einen aktuellen Bezug, weil sich eine solche Veranstaltung auch mit aktuellen Entwicklungen in der Branche beschäftigen könnte."

Oder eine Arbeitsgemeinschaft im Referendariat?

Hartung bemängelt, dass die Juristenausbildung in ihrem Aufbau auf die Befähigung zum Richteramt abzielt. Der Arbeitsalltag als Anwalt sei aber wesentlich vielschichtiger und facettenreicher, weshalb Legal Tech dort eher zum Einsatz komme als im Staatsdienst.

Er schlägt deshalb vor, neuen Referendaren die Wahl zu lassen: "Was spricht dagegen, im Referendariat einen neuen Zweig zu schaffen für diejenigen, die lieber anwaltlich tätig werden wollen? Wer diese Ausrichtung wählt, würde entsprechend mit anderem Fokus ausgebildet werden und könnte in diesem Zusammenhang auch Inhalte wie etwa ein Softwareanwendungstraining erfahren."

So könnte man zum Beispiel während des Vorbereitungsdienstes Platz schaffen für Arbeitsgemeinschaften, die direkt mit dem Berufsbild des Anwalts zu tun hätten. Im Bereich Legal Tech käme zum Beispiel ein Grundkurs in Kanzlei-IT oder Software in Frage. An der Bucerius Law School werden solche Inhalte bereits in sogenannten Legal Tech Lectures umgesetzt.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Legal Tech in der Juristenausbildung: Mehr Computer auf den Campus . In: Legal Tribune Online, 08.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20514/ (abgerufen am: 11.12.2019 )

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Kommentare
  • 13.09.2016 13:20, Mike M.

    Legal Tech geht jeden an, so dass die Verortung in einem Schwerpunkt natürlich Unsinn ist. Die Benutzung von Datenbanken ... einer elektronischen Akte etc. ist aber auch nicht so schwer, dass man dafür einen Kurs bräuchte. Zudem wären die Inhalte schnell auch wieder veraltet. Allerdings erstaunen manchmal die schlechten Computerkenntnisse der jungen Leute, wenn es um Textverarbeitung geht.

  • 18.09.2016 08:56, Johannes Stark

    Wurde hier eine Runde Buzzword Bingo gespielt?

    Zunächst mal: Rechtswissenschaftstechnologie wird in den Common-Law-Ländern aufgrund der dortigen Methodik deutlich wichtiger sein als bei uns. Dass die Herrschaften dort ein systematisch unterlegenes Rechtssystem haben, begünstigt diese.

    Zum anderen: Um ein wenig Software bedienen zu können, braucht es keine Umstellung der universitären Ausbildung. Mittelmäßig technikkompetente Juristen reichen vollkommen - regelmäßig sind das alle unter 40 Jahren.