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Praxiserfahrung mal anders: Junge Juristen hinter Gittern

von Daniel Grosse

04.04.2013

In der JVA Oldenburg werden sich ab dem 17. April die schweren Türen schließen. Hinter ihnen sitzen dann Studenten* unter Haftbedingungen. Aber man muss sich nicht gleich für Tage wegschließen lassen. Gleich in mehreren Projekten bundesweit können junge Juristen eine Welt kennenlernen, die sie sonst selten sehen oder gar fühlen können - obwohl sie viel mit ihr zu tun haben.

Wenn sich der lange Schlüssel metallisch klingend dreht, schließt sich eine von vielen massiven Türen. Ein Schritt mehr, weg von der Welt da draußen. Eingesperrt, am eigenen Arbeitsplatz. Für Referendare im Strafvollzug, die in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) auf Zeit arbeiten, ist das Neuland. Außer vielleicht für diejenigen, die bereits während ihres Studiums an einem Schnuppertag oder einer Exkursion in eine JVA teilgenommen haben.

Dabei steht die viel zitierte Praxiserfahrung doch so hoch im Kurs. Auch angehende Juristen sollen frühzeitig reale Welten erleben und sehen, sie sollen die Arbeitswelt fühlen. Es geht darum, zu erkennen, was juristische Entscheidungen bewirken: zum Beispiel, dass ein Mensch zum Inhaftierten wird.

Dies war vielleicht eines der Motive für die verschiedenen Gruppen an deutschen Hochschulen, die schon früh den engen und intensiven Kontakt zu JVAs und ihren Häftlingen gesucht haben. Der Gesetzgeber unterstützt das ehrenamtliche, freiwillige Engagement, ermöglicht auch durch den so genannten Gegensteuerungsgrundsatz: Schädlichen Folgen des Freiheitsentzuges ist entgegenzuwirken – zum Beispiel durch nicht uniformierte, nicht inhaftierte Menschen, die von draußen in die Haftanstalt kommen. Sie wirken als Bindeglied zwischen der Welt draußen und drinnen.

Beide Seiten profitieren: Kenntnisse vom Strafvollzug und soziales Training

Nicht erst Referendare, auch schon Studierende machen mit, häufig Juristen. Ein Beispiel ist die Haftgruppe des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. "Krümmede" nennen die Menschen in der Region die dortige JVA. Regelmäßig besuchen rund zehn Studenten zehn Insassen für je zwei Stunden. Und das einmal die Woche. Referate aus dem Recht im Alltag sind fester Bestandteil der Treffen. Dann folgen Diskussionen.

Die Studierenden sollen durch den Kontakt mit Strafgefangenen und den Aufenthalt in einem Gefängnis die Praxis des Strafrechts und Strafvollzugs kennen lernen und damit ihre theoretische Ausbildung ergänzen.

Die andere Seite, die Gefangenen, sie üben angemessenes Diskussionsverhalten in der Gruppe. Das Bochumer Projekt versteht sich auch als sozialer Trainingskurs, heißt es von Seiten der Hochschule. Seit 2004 gibt es die Initiative, der nicht nur Studierende der Rechtswissenschaften willkommen sind.

"Wir reden auf Augenhöhe miteinander, duzen uns"

Einen ähnlichen Weg geht die "Knastgruppe" der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Professor Alexander Böhm gründete die Vereinigung für Studenten und Referendare schon 1985. Heute fahren ihre Mitglieder wöchentlich für je eineinhalb Stunden in die JVA Rohrbach. Sie treffen dort Untersuchungsgefangene.

Die Leiterin der angehenden Juristen, Saskia Kerksieck, hat die Vermutung, dass die JVA die Gruppe gerne bei den Untersuchungshäftlingen hat, "weil diese schlicht unter einem zeitlichen Loch leiden. Immerhin müssen sie teils bis zu 20 Stunden auf ihrer Zelle sitzen, weil sie nicht in Behandlungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Arbeit, eingebunden sind", erklärt Kerksieck das Zuviel an Zeit der Untersuchungsgefangenen. Schließlich greift der Gedanke der Resozialisierung bei U-Häftlingen noch nicht. Erst wenn sie rechtskräftig verurteilt sind, können derlei Maßnahmen beginnen.

Wichtig ist den Mainzern, auch den Gefangenen gleich klar zu machen, dass eine individuelle Rechtsberatung tabu ist. Die Treffen mit den Gefangenen beschreibt die Mitarbeiterin am Lehrstuhl Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug und Strafrecht an der Uni Mainz  als so etwas wie einen regelmäßigen Stammtisch. "Wir reden auf Augenhöhe miteinander, duzen uns, sitzen alle in einem Boot." Zum Beispiel durch gemeinsame Spiele wie activity oder Uno. Es herrsche Gleichheit, sagt Kersieck,."so würde ich die Atmosphäre beschreiben."

Zitiervorschlag

Daniel Grosse, Praxiserfahrung mal anders: Junge Juristen hinter Gittern . In: Legal Tribune Online, 04.04.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8458/ (abgerufen am: 14.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 04.04.2013 11:19, Andreas Moser

    Habe ich auch mal gemacht. Eine Woche Gefägnis im Iran. Eher unfreiwillig: http://andreasmoser.wordpress.com/2009/07/30/reports-about-my-trip-to-iran-in-junejuly-2009/ - aber lehrreich.

  • 05.04.2013 03:21, eono

    Das muss m.E. nicht sein. Ich bin nicht sicher daß das positiv ist.
    Eine Säuglingsschwester legt sich auch nicht in ein Kinderbettchen
    analog die auszubildende Krankenschwester in ein Krankenbett ...
    Der angehende Chirurg lässt sich nicht mal eben selber operieren/amputieren
    ES WÜRDE GENÜGEN - Wenn JURA-STUDIERENDE verpflichtet würden - Psychologie
    und Kommunikationswissenschaftliche Kompaktseminare zu besuchen.
    Kurz: Wenn sie sich klar machen müssten: Was bitte ist ein MENSCH?
    Wie sind Menschen? Wie funktionieren diese?
    WAS IST SPRACHE?
    Wie lange dauert es eine Urlaubsreise zu planen zu buchen?
    ABER WIE KURZ sind Anwaltsgespräche?
    Wie Null und nicht kann ein Erstgespräch und leider auch das Letzte
    mit einem RICHTER verlaufen?
    Kurz: ES BENÖTIGT ALLES VIEL ZEIT - selbst um nur am Abend auszugehen
    oder eine Autoreparatur ... egal was...
    Nur: Im BRREICH JURISTEREI weiß JEDER SOFORT ALLES
    DA LÄUFT ALLES IM SEKUNDEN-MINUTENTAKT AB ...
    Grüßgott - "Name genügt" "... und du bist raus"!
    Warum eigentlich? Weswegen?
    Man muss ja nicht gleich "Gewalt"anwenden ..
    aber: Vielleicht könnte man ihnen ihr Papier mal um die ... vor die
    Füße werfen?
    Viel schlimmer ist das eigene Papier - das dann beschrieben wird
    werden muss - nur um sich den ganzen Müll von der Seele zu schreiben
    bwz. erst einmal zu sondieren: Was läuft denn da? Wovon reden die?
    Wie denken die? Was meinen die? Wie kommen die auf was?
    DAS ALLES MUSS NICHT SEIN
    Aber: Ob man das als angehender Jurist ausgerechnet im Knast lernt -
    das glaube ich nun wieder nicht.
    KURZ: Ich meine: Man könnte es einmal mit ARBEIT versuchen!
    Mit seriösen Arbeitstechniken.
    z.B. Die Benutzung eines Dictaphons!
    Wer kann denn damit umgehen?
    Dazu muss erst einmal erfaßt werden worum es geht ..
    dann: Muss das Ergebnis diktiert- festgehalten werden und zwar unter
    BLICKKONTAKT mit dem GEGENÜBER - dieser ist nämlich ein doch meist
    Ernst zu nehmender MIT MENSCH - das heisst: Es kommt auf WAHR und RICHTIG an - bedeutet es muß auch an den Formulierungen gefeilt werden.
    Die gängige Praxis von allen Seiten in und um Gerichte herum aus ALLEM
    was ANDERES zu machen dazu muss man sich jedenfalls nicht in Kunstformen
    zu bemühen die schon wieder etwas sind was sie nicht sind -
    sein wollen - was sie nicht sein können und auch nicht sollten.

  • 05.04.2013 03:24, eono

    Und wenn: Lassen sich diese Jura-Studierenden denn auch in die Psychiatrie
    einweisen und mit Neuroleptika "behandeln" vergiften?
    Hoch dosiert! Mindestens 45 Tage - gern 90?

  • 05.04.2013 03:43, eono

    Meines Erachtens würde es genügen wenn sich Anwälte und Richter
    überhaupt in derartige Einrichtungen begeben würden ....
    Und zwar richtig und wirklich und ehrlich und nicht nur auf 2 Beinen
    um dort mit ? Wachpersonal zu sprechen oder lieber nur mit den sogenannten
    "Ärzten" was diese wiederum im Umgang mit "Untergebrachten" auch nicht sind
    fraglich ob überhaupt.
    Und nicht etwas als "Anhörung" bezeichnen: Am Bett von medikamentös
    Schlafenden vorbei zu gehen ..
    oder wie im Fall 1977 Stammheim - der BGH lehnte es ab - dahin zu gehen
    mit den "Terroristen" zu sprechen. Das war zwar wegen persönlicher
    Betroffenheit im Gefühl nachvollziehbar ...aber irgendwann muss es sein.
    Und als Dauerverhalten von allen Seiten in vielen Gerichten ist das
    auf gar keinen FAll tragbar. (Wenigstens nicht in meinem Verständnis.)
    Und alles im Vorfeld abzulehnen und zu verurteilen und aus ALLEM
    was anderes zu machen - egal was wer schreibt oder sagt ...
    das geht überhaupt nicht.
    Die DEUTSCHE SPRACHE sollte der VERSTÄNDIGUNG dienen und eben nicht
    der Vernichtung ...Meinetwegen können Juristen auch Esperanto oder
    sonstwas sprechen - mit ihren Gegenübern - HAUPTSACHE sie SPRECHEN MIT
    ihnen und nicht nur ÜBER SIE! Und dann auch noch irgendwas ..."egal".
    GRUNDSÄTZLICH: Erst die normale Regelsprache - der Sachverhalt
    so klar und wahr wie möglich
    unter soviel Zeitaufwand wie nötig
    Und dann erst: Die dazu passenden Art.§§ heraus suchen.
    UND BITTE NICHT UMGEKEHRT
    Denn: Das ist schlicht und ergreifend: Kriminell!
    Und solche Juristen gehörten DANN durchaus ...eh s.o. nur ...
    BEI ALLEM VERSTÄNDNIS ..
    Bei allen persönlichen Schwierigkeiten und Mißverständnissen und was
    da alles sein kann ...
    Wenn die künftigen Juristen-Generationen dann auch BESCHWERDEN als solche
    annähmen und bearbeiteten ..hmmm
    Vielleicht bekäme man dann auch das "Depression"s und "Sucht"Problem
    in den Griff. Es könnte immerhin wegen zunehmender Transparenz dazu
    beitragen.

  • 05.04.2013 03:52, eono

    Tip: DER JURIST MUSS ALLES TUN um sich SELBER zu achten - >Sport - sonstwas
    Dann: Sein Gegenüber!
    Immer vom Normalfall ausgehen.
    Dann sich den Sachverhalten und den Umständen sachlich nähern.
    Alles in Frage stellen - und unter dem Ausschlußverfahren abklopfen.
    Tip: Hat der Jurist selber neurotische, psychotische oder Suchtprobleme -
    dringend: Psychotherapie!
    Tip: Sich bessr nie auf "Wissen" aus dem Bereich "Durchlässig"sein
    berufen noch verlassen.

  • 16.08.2017 12:39, lustikkk

    antje gasser fickt gern und viel in swingerclubs in leipzig.

    • 16.08.2017 19:35, eono

      Woher wollen Sie denn wissen, was Antje Wasser macht?
      Vielleicht ermittelt sie gerade ...

    • 16.08.2017 19:36, eono

      Antje GASSER
      Wer brachte meinem Computer bei zu schreiben was ER will?

  • 16.08.2017 18:58, eono

    Ja "seit der Wende ist alles anders"! Damals haben wir leider sofort unsere "Werte verloren" und sie noch immer nicht wieder gefunden.
    Seit dem "ist alles nur sexuell!" - Warum eigentlich?
    Sind Ostdeutsche so einsam - auch Süddeutsche- dass jedes Wort sofort anmacht?
    Selbst wenn es nur geschrieben wird?

  • 16.08.2017 19:05, eono

    Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, wenn sich Bayern
    und die Ex-DDR zusammen getan hätten, die zu nichts anderem fähig sind,
    als Fremde nicht zuzulassen und aus dem Leben zu werfen - ohne ein deutsches Wort versteht sich. - Da hätten sie gemeinsam gegen "den Westen" und gegen die
    "verfluchten Sauereien" wettern können - und wir in der verhassten "BRD" hätten
    unsere Ruhe gehabt.

    • 16.08.2017 19:07, eono

      "Verfluchte SAUPREISSN!" Mein Computer weigert sich schier das Wort zu schreiben.

  • 16.08.2017 19:20, eono

    @Lustikk
    Die Kommentarfunktion direkt unter dem Ihren anzuklicken ist direkt peinlich.

    ihre UHREN GEHEN ANDERS
    Sie hängen 1960 maximal 1970 Anfang der 70er "gehen" Andere - damals -
    vermischt mit Heute denken Sie ganz ganz Andere.
    Also das übliche: Irgendwie, Irgendwen, Irgendwas.
    Dass von Ostdeutschen überhaupt kein Gedanke kommt - ist auf absehbare Zeit
    nicht zu erwarten.

    • 16.08.2017 19:28, eono

      (Ich muss meine vielen offenen Fenster schliessen. Es kommt zu Fehlern.)
      Es sollte natürlich "überhaupt ein Gedanke kommt...." heissen. Was klar ist,
      bei der Vermeidung von hören, sehen usw.
      Wenn die Köpfe voll sind, mit DDR-Polemik - oder sonstigen Vorurteilen,
      Frechheiten - oder sonstiges was aufgenommen oder angenommen werden kann ...
      muss man ja nichts "wissen".
      Was besonders Richtern zu Gute kommt: "Richter müssen nichts wissen!" Kohl 96.

    • 16.08.2017 20:43, eono

      @ LUSTIKK
      Früher nannte man das Privatleben oder Rufmord.
      Wurde vermutlich stillschweigend beides abgeschafft.
      Immer unter die Gürtellinie

  • 16.08.2017 19:38, eono

    Was ist mit Häftlingen, die eine "Panikattacke" kriegen?

    Werden die raus geholt? Erhalten die eine Tasse Kaffe im Dienstzimmer?
    Dürfen sie ein Stück im Hof spazieren gehen? Eine Zigarette rauchen?

    Oder erhalten sie Neuroleptika/Schlaftabletten?