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Vom Durchfaller zum Prädikatskandidaten: "Das Examen ist kein Hexen­werk"

von Marcel Schneider

18.02.2016

2/2: Lernen mit "kleinen" und "großen" Klausuren

Wie schon beim ersten Versuch gehörte zu Yilmaz' zweiter Vorbereitung auch der Besuch von Repetitorien. Er nennt es einen Vorteil, "alles zumindest schon einmal gehört zu haben". Gleichzeitig stellte er aber fest, dass verschiedene Anbieter qualitativ unterschiedliche Ansätze verfolgen: "Manche Angebote enthalten im Prinzip nur das Auswendiglernen von Schemata, bei anderen wird hingegen der Umgang mit dem Gesetz geschult. Letzteres ist für die Examenssituation, in der man auch fremde Rechtsgebiete handhaben muss, sehr viel besser." Ein gutes Repetitorium zeichne sich auch dadurch aus, dass Lösungen besprochen würden und gegebenenfalls Fragen gestellt werden könnten, so der zukünftige Referendar.

Um seine beiden Fehler vom ersten Mal nicht zu wiederholen, entwickelte er zusätzlich sein eigenes Lernsystem. "Im Nachhinein betrachtet kann ich nur bestätigen, was man schon in den ersten Semestern zu hören bekommt: Klausuren zu schreiben ist das A und O. Man muss aber auch realisieren, dass die gesamte Menge der 'Materie Recht' viel zu umfangreich ist, um sie gleichmäßig intensiv zu lernen."

Deshalb schrieb und löste Yilmaz "große" und "kleine" Probeklausuren. Die großen enthielten jede Menge Basics und bekannte Problemstellungen in den gängigen Rechtsgebieten, die er wie in einer echten Prüfung in einem festen Zeitrahmen vollständig ausformulierte. Seine kleinen Klausuren befassten sich mit Stoff, der eher zu den rechtlichen Randgebieten gehört. Diese löste er stichpunktartig, bereitete sie aber wie die großen bis ins letzte Detail nach.

Wie er auf die Idee gekommen ist? "Man muss herausfinden, an welchen Stellen die Kenntnisse zu dünn sind und diese dann auch angehen", beschreibt Yilmaz seine Erfahrung. Beim ersten Mal habe er das Lernen "ungeliebter Rechtsgebiete" vor sich hergeschoben oder bewusst auf die sprichwörtliche Lücke gelernt. Am Ende seiner zweiten Vorbereitungsphase kann er die geschriebenen Klausuren ordnerweise stapeln.

"Den Lücken und Gebieten stellen, zu denen man keine Affinität hat"

Ursprünglich hatte Yilmaz geplant, den zweiten Versuch nach einem Jahr Vorbereitung anzutreten, also im Frühjahr 2015. Zu diesem Zeitpunkt habe er sich aber noch etwas zu unsicher gefühlt und deshalb längere Zeit schlecht geschlafen. So zog er seine Anmeldung zurück und trat den Zweitversuch erst im Sommer 2015 an. "Drei Monate später habe ich mich sehr gut vorbereitet gefühlt und bin entsprechend selbstbewusst ins Examen gegangen. Dass ich bestehen würde, stand für mich außer Frage." Dass es dann sogar ein Vollbefriedigend geworden ist, zeigt, dass es die richtige Entscheidung war.

Rückblickend betrachtet, empfiehlt er allen Examenskandidaten, "sich den Wissenslücken und Rechtsgebieten, zu denen man keine Affinität hat, zu stellen. Dann ist das Examen auch kein Hexenwerk." Eine allgemein gültige Mustermethode, sich auf die Prüfungen vorzubereiten, existiere natürlich nicht. Sich kleine Ziele zu setzen und diese nach und nach anzugehen, sei aber sinnvoll, egal, für welche Herangehensweise man sich entscheide. Zusammen mit seiner Einstellung hat sich auch der Berufswunsch gewandelt: Angesichts des bevorstehenden Referendariats kann sich Yilmaz mittlerweile auch vorstellen, Rechtsanwalt anstatt Politiker zu werden.   

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Vom Durchfaller zum Prädikatskandidaten: "Das Examen ist kein Hexenwerk" . In: Legal Tribune Online, 18.02.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18508/ (abgerufen am: 01.06.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 18.02.2016 17:58, Max

    Respekt und Glückwunsch! Starke Leistung !

  • 18.02.2016 21:27, Freya

    Kann mich Max nur anschließen, vor so viel Durchhaltevermögen und Disziplin für seine Sache zu kämpfen kann man nur den Hut ziehen. Weiterhin viel Erfolg im Ref!

  • 18.02.2016 23:05, Keiler

    So viel und so ausdauernd gelernt, um dann in Hessen (!) nur ein vollbefriedigend zu erreichen?
    Ich frage mich, was man tun muss, um durchzufallen. Mehr als 2 Promille im Blut haben?

    • 19.02.2016 00:33, Anne

      Scheinbar hast Du es nötig hier so armselige Kommentare zu posten, Keiler! Du tust mir einfach nur leid.

      Meinen herzlichen Glückwunsch an den Kämpfer Yilmaz!
      Ja, Jura ist kein Hexenwerk. Aber es ist irre, wieviel Stoff man für das Examen drauf haben und mit diesem zugleich jonglieren können muss.

    • 19.02.2016 00:43, Jay

      zu arrogant in Prüfungen zu gehen soll auch schon manch schlechte Note verursacht haben.

    • 19.02.2016 11:51, Hesse

      Auch Gratulation von einem aus Hessen. :)

      Aber so geil ist ein VB auch nicht, zumal der dargestellte Lehrplan echt viel Freizeit und Lebenszeit gekostet hat. Man schafft ein VB auch mit einem Leben neben Jura, wenn man systematisch und am Gesetz orientiert lernt. Sogar in Bayern und erst Recht in Hessen. ;)

    • 19.02.2016 18:21, Heinz Müller

      Zum Glück gibt es Menschen wie Sie! An wen sollte man sonst die ganzen Bundesverdienstkreuze und Nobel-Preise verleihen? Ihre Leistungen werden wahrscheinlich noch in hunderten von Jahren durch die Welt getragen. D kann froh sein, eine solche Kapazität in ihren Reihen zu haben.

      Zudem weiß doch auch jeder, dass man nur ein guter Jurist werden kann, wenn man in Bayern sein Examen geschrieben hat. Die haben es aber auch schwer! Die müssen Fälle lösen, die man nur mit speziellen juristischen Techniken in gerade Bahnen bekommt. Und dann noch der Schwierigkeitsgrad! Geradezu astronomisch! Kann keiner außerhalb Bayerns lösen.

      Wenn ich groß bin, will ich auch mal so eine große Persönlichkeit sein wie Sie. Dann kann ich endlich auf alle Personen hinabblicken, die nicht so gut in einer Prüfung abgeschnitten haben, wie ich/Sie. Goil! Menschenmengen, die kreischen und neidisch auf mich sind, weil ich so tolle Noten habe. Zusätzlich wäre mein Abschluss auch noch mehr wert, weil ich natürlich nur dort Prüfungen ablegte, wo diese als besonders schwer gelten. Was gibt's schöneres im Leben? Hmmm, vielleicht ein bisschen Charakter, der nicht nur durch Verbalisierung meiner (vermeintlichen) Leistungen und/oder von Speichelleckern akzeptiert wird. Auch cool...

  • 18.02.2016 23:10, Glückwunsch aus Bayern!

    Man kann in Hessen durchfallen?! Spaß beiseite: Hut ab aus Bayern!

    • 19.02.2016 11:23, N

      Ich frage mich eher wie man es schafft, in Bayern durchzufallen, wo doch Markierungen und Verweisungen in den Gesetztestexten erlaubt sind...

  • 19.02.2016 12:16, Kons

    Glückwunsch vorweg.
    Dennoch möchte ich zu dem Artikel und weiteren Artikeln die sich mit dem Thema beschäftigen "ach Jura ist so schwer und man muss so viel lernen" äußern.

    Ich habe in Bayern studiert, auch ein vb geschafft und ja mit Gesetzeskommentierungen, aber darum geht es nicht.

    Ich finde Jura gerade schön, weil es im Vergleich zu anderen Studienfächern wie Medizin oder Pharmazie, gerade nicht so viel Lernaufwand benötigt, wenn man die Grundsätze verstanden hat.
    Ich glaube daher und merke das selbst als Korrektor, dass einigen Examenskandidaten elementare Grundkenntnisse und juristisches Verständnis fehlen. Da wird jedes Spezial-Problem auswendig gelernt, der gesetzliche Normalfall bspw. aber gar nicht verstanden.
    Wenn dann in Examen unbekannte Rechtsgebiete abgefragt werden, haben es diese Kandidaten wirklich schwer.

    Darum auch mein Tipp an alle, die sich zur Zeit auf das Examen vorbereiten: Lernt auf Verständnis und schreibt Klausuren! Kein Schwein und auch kein Korrektor, nicht einmal die Lösung der Examensklsusur, will bei Problemen 5 verschiedene, auswendig gelernte Meinungen hören, sondern einfach nur eine ordentliche Argumentation (am besten am Gesetz), die Verständnis zeigt. Gerade dafür regnet es Punkte!

  • 23.02.2016 10:50, el bajo

    Kommt mir unrealistisch vor. Nicht, dass das VB oder die große Kurve, die er hinbekommen hat (Hut ab!). Aber ein kleines Detail lässt mich doch daran zweifeln, ob dieser Herr, der uns hier aufgetischt wird, nicht eine Erfindung der Redaktion ist. "Drei Monate später habe ich mich sehr gut vorbereitet gefühlt und bin entsprechend selbstbewusst ins Examen gegangen. " Ich kenn niemand, der so ins Examen gegangen ist. Ich bin weinend als kleines Würstchen da rein. Habe geschaut, dass nicht soviele Tränen auf die Klausur tropfen und bin wieder weinend rausgegangen. Und hinterher war ich immer noch nicht ganz sicher, ob ich überhaupt bestanden habe.

  • 26.02.2016 09:28, Ozelot

    Beim Lesen beschleicht einen schon das Gefühl, dass dieser Erfahrungsbericht auch eine Art Abrechnung mit den Erlebnissen aus der Examenszeit darstellt. Alle sollen bloß sehen, was er promotheisch geschaffen hat. Der Protagonist stellt sich doch sehr gereift und erstarkt dar, woran ich auch meine Zweifel habe, da es übertrieben wirkt.

    Und um das Ganze mal wieder in das rechte Licht zu rücken, weise ich mal auf folgendes hin: Der Autor versäumt es zu erläutern, wie er das eigentlich alles finanziert hat. Mindestens 2 Mal Repetitorium, insgesamt ungefähr 4 Jahre 1. StEx, das kostet schon eine Stange Geld, insbesondere Lebensunterhalt. Bei allem gebotenen Respekt für diese Leistung, scheint doch jedenfalls ein potenter Geldgeber dem Protagonisten den Rücken gestärkt zu haben. Diesen Rückhalt haben viele nicht. Anstatt sich also derart selbst in aller Herrlichkeit zu feiern, wären wohl vor allem Worte des Dankes an diejenigen angebracht, die das ermöglicht haben.

  • 10.03.2016 15:56, Renate Gregor

    Ich gratuliere Ihnen zu so viel Durchhaltevermögen! Als erster Akademiker in einer Familie dürfte man es oftmals schwer(er) haben. Umso mehr freue ich mich mit Ihnen und gönne Ihnen Ihren Erfolg von ganzem Herzen. Zudem wünsche ich Ihnen, dass Ihnen auch das 2. Staatsexamen so gut gelingt!

  • 16.04.2017 16:11, MD

    Die Geschichte untermauert die typische Survivorship-Bias, die im Examen um sich greift. Es schreiben nur die Leute, die unter ungünstigsten Voraussetzungen Erfolg hatten, weil sie an sich glaubten, es unbedingt wollten, etc.

    Die Leute, die sich unendlich viel Mühe gegeben haben und dennoch scheiterten, die schreiben in solchen Magazinen nie, vermutlich weil sie nichts Positives zu berichten haben und vor allem nicht namentlich bekannt werden wollen.

    Die Ergebnisstatistiken sprechen eine einfache Sprache: Auf jeden Prädikatsjuristen kommen ca. vier Prüflinge, die es nicht geschafft haben!

    Dass es einer aus fünf schafft, wird übrigens nirgendwo in Zweifel gezogen.

  • 20.09.2017 03:20, DD

    Zunächst einmal Glückwunsch!

    ...und an die Lieben Kollegen mit negativ Einträge: Genau IHR seid die hochnäsige-, arrogante Truppe weshalb Juristen immer kategorisiert werden,danke dafür!
    Es tut euch doch nicht weh anderen ihr Erfolg zu gönnen, ohne dass ihr ein Zacken aus euerer Krone verliert...einfach traurig.
    Mag sein, dass ihr es etwas härter hattet, aber scheinbar nicht hart genug, um eure Persönlichkeit mit an dem Erfolg wachsen zu lassen.
    Wenigstens können sich durch eure Existenz andere Persönlichkeiten besonders hervorheben.

    Weshalb ich eigentlich schreibe:
    Morgen ist es bei mir soweit. Das erste Examen und das erste Mal. Irgendwo bin ich nervös und irgendwo freue ich mich... meine Gefühlslage kann ich durch'ne Parabel visualisieren...

    Bin ebenso die erste Akademikerin der Familie, sodass abgesehen vom Druck und Erwartungen der Außenstehenden auch eine innere Erwartungshaltung aufgebaut wird.

    Ich hoffe, ich kann nach meiner Prüfungsphase erleichtert und zufrieden mit meiner Leistung zum Oktoberfest gehen...Prost!

  • 10.03.2018 10:49, Christian

    Glückwunsch, Disziplin und Kraft sind entscheidend. Ein Lernplan hilft sicherlich, aber am Ende kommt es auch auf den Willen an. Ich meinerseits habe mit www.juralernplan.de gelernt und es hat viel gebracht. Eins kann ich jedenfalls. Herrn Yilmaz mitgeben: Auf soziale Kontakte zu verzichten ist es einfach nicht wert. Man sollte sich echt fragen, wie viel "Wert" dann so ein Juraexamen hat, wenn man dafür auf alles, was einem lieb und wichtig ist, verzichtet.


    vor so viel Durchhaltevermögen und Disziplin für seine Sache zu kämpfen kann man nur den Hut ziehen. Weiterhin viel Erfolg im Ref!

  • 14.06.2018 21:36, FK

    Ich habe in diesem Studium keine einzige Klausur nicht bestanden. Schrieb relativ konstant auf einem Niveau. Meine Examina entsprachen dem Notenniveau des Studiums. Nach Semester 2 habe ich praktisch keine Lesung mehr besucht und zu jedem Rechtsgebiet schlichte Fälle gelöst. Zeit hatte ich, um die Dogmatik zu verstehen. Später habe ich die “wichtigsten” Urteile zu jedem RG gelesen und auch aktiv versucht nachzuvollziehen. Auch im ersten Staatsexamen, war es mir möglich Probleme zu erkennen, ohne vorher je eine einzige Meinung gekannt zu haben. Im Ergebnis war es oft - fast immer - vertretbar. Es hagelte für diese Versuche Punkte. Fazit:
    Die Lehre versäumt tatsächlich Grunddogmatik. Man erklärt einem Fahranfänger auch nicht, wie man denn ein Formel-1-Auto fährt. Deswegen wachen viele von Uns im Rep auf und fangen erstmalig an, aktiv zu denken. Würde man das Studium didaktisch anders konzipieren, hätte das zur Folge, dass deutlich weniger durch die Examina brettern. Hätte ich mich nicht dazu entschieden, vermehrt mit Fällen zu arbeiten, hätte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit abgebrochen. Jura ist nicht so schwierig, wenn man das Pferd nicht versucht von hinten aufzuzäumen.
    Ich rate daher jedem, der die Juristerei in Angriff nehmen möchte, zum Verstehen und Schreiben. Klingt banal, ist aber so.
    Die Bucerius Law School bringt den Kindern, die nicht ganz auf den Kopf gefallen sind, Jura von der Grundschule an bei. Ergebnis ist ein Haufen von Menschen, die erstklassige Examina machen. Ihnen wurde gezeigt, wie man das 1*1 benutzt. Man braucht sich in diesem System nicht wundern, wenn es nur die ausspuckt, die entweder extrem fleißig oder begabt sind.
    Die Leute, die so unmenschlich viel lernen für dieses Fach, sind die, die es mit der Brechstange versuchen. Irgendwann muss man es dann auch verstehen. Wer frühzeitig anfängt selbst zu denken, wird merken, dass es durchaus weniger Zeit benötigt, als manch andere Fächer. Vermutlich wäre ich für vieles nicht geeignet, da ich mithin einer Auswendiglernerei versperre.
    Die Examina sollen bleiben, die Lehre muss sich verändern!

    • 01.09.2018 16:28, Knövenagel

      Absolut richtig. Jura ist gerade nicht schwerpunktmäßig Auswendiglernen (von Standarddefinitionen abgesehen). Es geht um grundlegendes (Rechts-)Verständnis. Das verstehen viele Studenten/Referendare aber nicht und präsentieren „Theorienstreite“, können aber keinen Fall gerade lösen. Ich weiß wovon ich spreche, ich bin seit 2002 Prüfer in 1./2. Prüfung.

  • 18.07.2018 17:28, Jurakoffer

    "Drei Monate später habe ich mich sehr gut vorbereitet gefühlt und bin entsprechend selbstbewusst ins Examen gegangen. Dass ich bestehen würde, stand für mich außer Frage."

    Das ist doch erfunden. Total unglaubwürdig. Fast niemand geht nach einem Durchfallen so ins Examen. Kenne nur einen und der hat regelmäßig zwischen 14-18 Punkte im Studium geschrieben. Story erfunden?? :(