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Reform der Juristenausbildung: Mal wieder Fehl­an­zeige?

von Prof. Dr. Georgios Gounalakis

14.08.2017

Auf der Justizministerkonferenz im kommenden Herbst werden Studium und Staatsprüfung überdacht. Georgios Gounalakis meint nicht, dass sich trotz Reformbedarfs viel ändern wird - dafür sei die Jurisprudenz zu eingefahren und stolz.

Die deutsche Juristenausbildung gilt landläufig als top. Auf einer Skala von 1 bis 10 verdiene sie eine glatte 10. Die Bestnote. Weil sie einzigartig auf der Welt sei. Weil sie lang, gründlich sowie qualitativ hochwertig sei und umfassend Theorie und Praxis des Rechts vermittle. Weil sie vom Leitbild des Einheitsjuristen geprägt werde, der als Allrounder alles könne und sich in jedem Berufsfeld heimisch fühlen dürfe, ob als Richter, Staatsanwalt, Anwalt oder Verwaltungsjurist, eben ein juristischer Alleskönner, allseits und überall im Dienste des Rechts einsatzbereit. Eine Ausbildung also, die den Zugang zu einer Fülle von Berufsfeldern eröffnet. Dass die meisten Absolventen kurz vor ihrem 30. Geburtstag stehen und sich dann doch -  bewusst oder mangels guter Note - oft nur für den Anwaltsberuf entscheiden und ihm treu bleiben, wen interessiert das schon?

Anders als bei den meisten Studiengängen nimmt nicht die Universität, diese stets argwöhnisch beäugte und unberechenbare Diva mit ihren noch launischeren Professoren, den theoretischen Teil der Prüfung ab, sondern der stets zuverlässige und unfehlbare Staat. Und wer, wenn nicht der Staat, dieser unzähmbare Leviathan, ist besser prädestiniert, mit seiner erfahrenen Justizverwaltung für ein objektives Prüfungsverfahren zu sorgen?

Den kleinen Wermutstropfen, dass im ersten Examen die Schwerpunkbereichsprüfung mittlerweile den Universitäten überlassen worden ist, kann das System verkraften. Ebenso verkraftet es, dass die Universitäten, weil es in der Natur der prüfenden Hochschullehrer halt so zu liegen scheint, für juristische Verhältnisse zu gute Noten haufenweise und nach Gutdünken verschenken. Wo bliebe bei einer reinen Universitätsprüfung da noch die Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit der Abschlüsse? Natürlich auf der Strecke. Der Kern, die Staatsprüfung, die mit 70 Prozent ins Gewicht schlägt, ist deshalb nach wie vor staatsgeprägt.

Nicht mehr als ein paar Reförmchen

Und später, bei der Jobsuche, zählt ohnehin nur das Ergebnis der Staatsprüfung, denn hieran orientiert sich der Arbeitsmarkt. Selbstverständlich vollständig vom Staat abgenommen wird nach einem zweijährigen Referendariat der praktische Teil in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung. Eine in jeder Hinsicht hervorragende zweistufige Ausbildung also, die weltweit ihresgleichen sucht. Wir Juristen können, nein, wir sollten stolz sein.

Indes wird die zweifache Staatsprüfung fast schon notorisch als reformbedürftig angesehen. Dabei ist die Diskussion um die Reformbedürftigkeit so alt wie die Ausbildung selbst. Der Staat aber, ein wahrer Fels in der Brandung, hat mit seinen bisherigen Reförmchen im Kern stets an der Staatsprüfung festgehalten. Eine rein universitäre Prüfung, wie sie europaweit und auch in der gesamten westlichen Welt üblich ist, wurde stets erfolgreich abgewehrt. Jetzt wird man landläufig sagen: Zum Glück und im Interesse einer qualitativ hochwertigen Ausbildung. Und seien wir ehrlich: Ausländische universitäre Juristenausbildungen taugen doch im Grunde nichts, sämtliche fremden Rechtssysteme versinken im Chaos.

Wer braucht schon Bologna?

Das Ziel des Volljuristen ist die Befähigung zum Richteramt. Damit können gleichzeitig auch alle anderen juristischen Berufe ausgeübt werden. Landläufig sagt man, das sei gut so. Welcher Jurist anderswo habe sonst eine so breite Auswahl? Man kann aber auch fragen: Geht die Ausbildung nicht am tatsächlichen Bedarf vorbei, wenn fast 80 Prozent der Volljuristen Anwalt werden? Und sollte nicht besser die bedarfsgerechte Anwaltsausbildung das Ziel sein, mit einer Richterausbildung für den Staat on top?

Sowohl Ausbildungsinhalt als auch das Verfahren sind bundesländerweit vereinheitlicht. Beides ist gesetzlich bis ins Detail fixiert. Das bedingt zwar ein auf Dauer angelegtes, starres und uniformes Ausbildungs- und Prüfungssystem, das nur sehr schwer verändert werden kann. Es schaffe aber Verlässlichkeit und sei deshalb ein Gütesiegel für Qualität. Und das sei gut so. Wer bitte braucht da schon Anpassungen an die Zeit oder den Bologna-Prozess?

Weil Unterricht und Prüfung voneinander getrennt sind, hat sich ein System der Einpauker und Repetitorien entwickelt, die Formalwissen und schematische Fertigkeiten vermitteln. Grundlagenwissen und methodische Fähigkeiten bleiben dabei auf der Strecke. Immerhin: Das schafft Arbeitsplätze und fördert ein lukratives und gut florierendes Gewerbe. Damit kurbelt der Staat den Arbeitsmarkt an. Eigentlich könnte man im gleichen Atemzug darüber nachdenken, ob man dann überhaupt noch so viele juristische Fakultäten braucht.

Zitiervorschlag

Prof. Dr. Georgios Gounalakis, Reform der Juristenausbildung: Mal wieder Fehlanzeige? . In: Legal Tribune Online, 14.08.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23937/ (abgerufen am: 15.07.2019 )

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Kommentare
  • 14.08.2017 15:55, M.D.

    Die "Staatsprüfung" hatte ursprünglich den Zweck, sicherzustellen, dass die Kandidaten für das Referendariat geeignet sind, was damals noch den Eintritt in den Justizdienst und zumindest bis noch vor wenigen Jahren den Beamtenstatus auf Zeit mit entsprechenden Bezügen bedeutete. Der Staat tut sich bekanntlich nicht leicht damit, wenn ihm Anspruchsteller aufgezwungen werden. Deshalb wird sich schon aus Kostengründen nichts ändern.

    Die andere Frage ist, ob man wirklich jeden Absolventen durch das Referendariat zwingen muss, um so den Nachwuchs für den Justizdienst sicherzustellen. In anderen Ländern ist die Ausbildung von Anwälten und Richtern getrennt und es klappt trotzdem. Dies gilt nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die "Befähigung zum Richteramt" für 85% der Absolventen keinerlei Aussagekraft besitzt.

    • 15.08.2017 10:53, Mike M.

      "In anderen Ländern ist die Ausbildung von Anwälten und Richtern getrennt und es klappt trotzdem."

      Klappt es besser, ist doch die Frage. Ich denke, dass ein guter Rechtsanwalt und ein guter Richter in etwa die gleichen Fähigkeiten haben sollten. Ich finde es auch gut, dass Rechtsanwälte Richter werden, aber auch Richter ab und an wieder Rechtsanwälte (sei es weil sie in der Probezeit rausfliegen, sei es weil ihnen der Laden Justiz nicht gefällt ... was auch verständlich sein kann). Die Durchlässigkeit der juristischen Berufe ist doch ein hohes Gut, was man nicht so leicht aufgeben sollte.

  • 14.08.2017 17:55, RA Nicolas

    Der Artikel ist reine Polemik. Sachliche Argumente für einen Änderungsbedarf bringt der Autor nicht. Ich bin als Rechtsanwalt sehr froh, zum Einheitsjuristen ausgebildet worden zu sein und benötige in der Tat dieselben Kompetenzen wie ein Richter. Diese Kompetenzen befähigen mich zur Einarbeitung in jede beliebige Rechtsfrage, selbstverständlich auch mit internationalem Bezug. Ich sehe daher keinen großen Änderungsbedarf. Das gilt insbesondere auch für das Alter der Absolventen, die in den letzten Jahren Dank G8, Abschaffung der Wehrpflicht usw. ohnehin immer jünger geworden sind, und nach meiner Erfahrung oft nur über unzureichende Lebenserfahrung verfügen, wenn sie schon mit 23 oder 24 das Referendariat beginnen. Der Autor polemisiert zudem gegen die Kritik an den unglaublich guten Noten im universitären Teil des ersten Examens, er vermag die Kritik daran aber nicht ansatzweise zu widerlegen. Es war vorher absehbar, dass dies zu einer Flut guter Noten führen wird, und genau dies ist eingetreten. Dieser Teil der Benotung ist daher nicht mehr ansatzweise vergleichbar und eine gute Note auch nichts mehr wert. Die Juristenausbildung tut im Interesse der guten Absolventen sehr gut daran, eine 1er-Flut wie in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern zu vermeiden. Als Arbeitgeber - ich bin Partner in einer großen deutschen Kanzlei - rechne ich daher den universitären Teil immer raus. Der Autor verkennt schließlich aber auch die Chancen der Absolventen. Die Zeiten, in denen man ohne zwei Prädikatsexamen nur als Feld- Wald- und Wiese-Anwalt arbeiten konnte, sind längst vorbei!

    • 14.08.2017 19:55, Noah

      Ich muss weitgehend zustimmen, obgleich der Artikel natürlich beabsichtigt eine reine Polemik ist. Jeder findet etwas an der Juristenausbildung zu kritisieren. Nur haben wir alle doch viel weiter auseinanderlaufende Kritikpunkte als allgemein behauptet wird. Ich meine bspw. auch, dass der Stoff zu umfangreich ist. Aber ob wir alle auf einen gemeinsamen Nenner kommen was zu kürzen wäre? Wohl kaum. Dafür gibt es sogar ein Beispiel in einem anderen Artikel hier auf lto über die Reform der Juristischen Ausbildung (hi@internationales Privatrecht). Und das ist einer von ca. 100 Kritikpunkten die immer wieder vorgetragen werden.

      Festzuhalten bleibt aber, dass die deutsche Juristenausbildung weitgehend gut funktioniert. Sie ist besser als ihr Ruf bei den Leuten die mit immer anderen, aber wenig überzeugenden Argumenten nach der permanenten Revolution verlangen. Und diese Scheinvergleiche ins Ausland sind wohl auch eher theoretisch gemeint. Oder will man hier wirklich sich für die amerikanische Juristenausbildung stark machen? Und den amerikanischen Anwaltsmarkt? Selten so gelacht.

      Die ganze Debatte ist verschwendete Zeit, wie auch bei jeder Debatte über das Bildungssystem. Die Auffassungen was gut und richtig und wünschenswert ist, divergierennso weit, dass ein gemeinsamer Nenner utopisch ist. Dann doch lieber an einem weitgehend bewährten, wenn auch selbstverständlich keinesfalls fehlerfreien System festhalten.

    • 15.08.2017 08:48, Herr Bert

      Lieber RA Nicolas,
      pauschal den Schwerpunktbereich herauszubrechen ist in meinen Augen schon mehr als unfair. Wissen Sie eigentlich, dass es tatsächlich manche Fakultäten gibt, da ist der Schwerpunkt nicht mal ebenso gemacht und die Noten werden nicht hinterhergeschmissen (wenn sie vielleicht auch besser ausfallen als in der Staatsprüfung)? Beispielsweise in Münster. Dort umfasst der Schwerpunkt 7 Klausuren + 1 Seminararbeit + Vortrag hierzu. Dort ist man 2 Semester ausschließlich mit dem Schwerpunkt beschäftigt. Man respektiert also nicht das Jahr, was der Kandidat an Blut und Schweiß in seine Ausbildung gesteckt hat. Bravo. Klar mag es komisch sein, wenn ein Absolvent im staatlichen Teil ein ausreichend hat und ein gut im Schwerpunkt. Aber vielleicht lohnt es sich ja für Sie mal genauer hinzuschauen. Nicht jede Schwerpunktnote ist geschenkt. Und übrigens bei mir reicht es sowohl im Schwerpunkt als auch im staatlichen Teil ;)

    • 17.08.2017 10:30, RA Nicolas

      Lieber Herr Bert,

      ich behaupte gar nicht, dass jede Schwerpunktnote geschenkt ist. Das Problem ist die nicht ansatzweise bestehende Vergleichbarkeit, und zwar nicht nur zwischen den Fakultäten, sondern auch innerhalb einer Fakultät. Studenten wissen natürlich, dass Prof. XY besonders gute Noten verteilt, was dessen Schwerpunktbereich attraktiv macht. Anderen Studenten ist die Note weniger wichtig, und belgen einen Schwerpunkt nach Interesse, bekommen dann eben auch ein schlechtere Note. Es hilft auch nichts, wenn ein Student für seinen Schwerpunkt sehr viel gearbeitet hat, am Ende aber doch mehr als die Hälfte ein gut oder sogar sehr gut bekommt. Es ist ja gerade der Vorteil des juristischen Notensystems, dass es den guten Studenten die Möglichkeit gibt, dies auch zu beweisen. Das ermöglicht z.B. Absolventen ohne akademisches Elternhaus eine erfolgreiche juristische Karriere. Wenn aber alle dieselben guten Noten haben, suchen Arbeitgeber andere Differenzierungskritierien.

    • 25.08.2017 09:27, Lemke

      "Wenn aber alle dieselben guten Noten haben, suchen Arbeitgeber andere Differenzierungskritierien."

      So wie es Unternehmen bei Unternehmensjuristen bereits heute schon vormachen: Da will man nämlich Praxistauglichkeit und -erfahrung sehen. Ob jemand einem das Gesetz vorlesen und den Finger in einen Kommentar stecken kann, ist egal. Das wird von jedem Abiturienten erwartet. Es geht aber um praxistaugliche Anwendung und wirtschaftliches Verständnis. Und da hapert es bei vielen meiner ex-Kommilitonen. Denn eine Praxistauglichkeit und wirtschaftliches Verständnis wird im staatlichen Pflichtteil überhaupt nicht gelehrt, gefragt oder verlangt.

  • 14.08.2017 18:38, @AB

    Wieso muss sich Deutschland selbst abschaffen, indem es mit aller Macht zu Staub machen will, was einst in der ganzen Welt hoch angesehen wird- wie eben die deutsche Juristenausbildung. Bachelor und Master für die Rechtswissenschaften? Na gute Nacht!

  • 14.08.2017 19:00, Heinrich V.

    Das sind fürchterliche Bestrebungen. Soll das Studium und die Benotung nun geändert werden, weil die ganzen Prekariatskinder in die deutschen Unis strömen? Jemand aus gutem Hause, mit entsprechender Vorbildung packt das Staatsexamen ohne weiteres. Müssen jetzt die Kinder aus guten Familien darunter leiden, dass jeder Hans und Franz die Uni besuchen kann? Ich habe mein doppeltes Prädikat problemlos geschafft. Wäre ich Sohn eines Klempners oder Maurers gewesen, wäre ein solches Unterfangen unmöglich gewesen. Gott sei dank, waren meine Eltern Akademiker und keine Proleten. Das Jurastudium ist nichts für diese Proletenbrut. Es sollte der geistigen und wirtschaftlichen Elite dieses Landes vorenthalten bleiben. Ändern sollte man lediglich die Zulassungskriterien zum Jurastudium. Alle weiteren Änderugsbestrebungen würden sich dann erübrigen.

    Mit freundlichen Grüßen

    RA Heinrich V

    • 14.08.2017 19:37, Künftiger Mandant

      Hört! Hört! Ein Mann mit klaren Prinzipien. Als ebenfalls vornehmer Gentlemen Ihresgleichen, würde ich Ihnen gern Rechtsprobleme bezüglich meiner GmbH anvertrauen, um zu meinem Recht zu kommen. Bitte nennen Sie doch ihren Kanzleinamen, werter Herr Heinrich V.
      Mit bourgeoisen Grüßen erfreue ich mich einer Antwort!

    • 14.08.2017 21:42, Michael

      Was für ein peinlicher hochnäsiger Kommentar. Ekelhaft.

    • 15.08.2017 08:36, Joe

      Ein klassischer Heinrich V.!
      Der ist hier Stammtroll. Wobei ich mich bei diesem Kommentar frage, ob das nicht schon Satire ist. Aber die Grenzen mögen fließend sein. ;-)

    • 15.08.2017 08:43, "Arbeiterkind"

      Meine Eltern sind keine Akademiker und konnten mir weder in der Schule, noch an der Uni inhaltlich helfen. Trotzdem habe ich ohne non-stop-lernen und trotz gelegentlicher Nebenjobs ein Doppel-Gut geschafft. Der Herr möge seine Vorurteile überdenken.
      Viele meiner ebenfalls hochqualifizierten Freunde kommen aus "Arbeiterfamilien". Demgegenüber kenne ich genug Anwaltskinder, die gerade so bestanden haben. Es hat nichts damit zu, wo man herkommt, ob man ein guter Jurist werden kann.

      Das Problem ist eher, dass zu viele Leute ohne Talent oder echtes Interesse Jura studieren. Wer glaubt, mit Auswendiglernen allein könne man ein guter Jurist werden, wird niemals einer. Das mag die Fülle schlechter Anwälte auf dem Markt erklären. Manche lernen immerhin durch Berufserfahrung später noch die erforderlichen Dinge. Die Juristenausbildung darf aber keinesfalls zu einem Studiengang mit festen Inhalten herkommen, in denen häppchenweise auswendig gelernte Inhalte als klar richtig oder falsch angefragt werden, damit die Studenten sich der bequemen Illusion hingeben können, jetzt etwas zu können, das unumstößlich so sei. So funktioniert Jura nämlich nicht.
      Man muss kritisch werden, lernen, sich und anderen die richtigen Fragen zu stellen und vor allem damit umgehen lernen, dass es keine absolut richtigen Antworten gibt und wie man trotzdem zu vernünftigen Ergebnissen kommt. Um das zu erreichen, braucht man Systemverständnis. Das wiederum erreicht man nur, wenn man aus allen drei Rechtsgebieten übergreifend viel und dieselben Sachen immer wieder neu lernt. Das ist anstrengend und frustrierend, lohnt sich aber am Ende. Und nachher hat man dann nicht nur dauerhaft verwurzeltes sicheres Fachwissen, sondern zugleich auch noch viel über sich selbst und "soft Skills" wie Durchhaltevermögen gelernt.
      Wenn man es richtig macht, erwirbt man nebenher auch noch einiges an Lebenserfahrung, die man dringend braucht um Fälle aus allen möglichen Lebensbereichen einer nicht nur juristisch vertretbaren, sondern auch sonst vernünftigen Lösung zuführen zu können.

      Es gibt zwar durchaus verbesserungswürdige Dinge an der Juristenausbildung, z.B. sollte man Prüfervorgaben so vereinheitlichen, dass die Examina weniger zum Glücksspiel werden, von wem man geprüft wird. Auch kommt es nicht so genau darauf an, welche Rechtsmaterien im Einzelnen geprüft werden. Zu sehr eingedampft werden darf es allerdings nicht, da ansonsten die zuvor genannten Kompetenzen nicht mehr sicher erlernt werden können. An den Kernpunkten muss also unbedingt festgehalten werden.

      Repetitoren andererseits kann man sich weitestgehend sparen. Die Übersichten sind ganz nützlich, ansonsten bin ich mittlerweile der Meinung, dass da ziemlich oft ein falscher Eindruck vom Examen vermittelt wird und man besser dran ist, wenn man selbst lernt. So habe ich das jedenfalls nach dem weniger gelungenen Freischuss mit Repetitor gehalten. Um den Studenten die Angst zu nehmen und klarer die Anforderungen zu kommunizieren, sollte das Prüfungsamt vielmehr eine Auswahl an Originalexamensklausuren mit Lösungen unterschiedlich guter Prüflinge und Korrekturen zur Einsicht zur Verfügung stellen. Sicherlich wären einige Prüflinge dazu bereit, ihre Klausuren zu veröffentlichen. Dann könnten die Prüfungsämter halt ein paar Klausuren weniger recyceln. Wäre wohl kein Drama, vor allem wenn sich die Prüfungsämter aller Bundesländer absprächen.

      Zum Hintergrund: Ich bin nach 9 1/2 Jahren Studium inklusive Referendariat Mitte 20 und werde in Kürze als Anwältin anfangen, weil ich es mir so ausgesucht habe und nein, nicht in einer Großkanzlei. Zu glauben, Anwälte müssten weniger qualifiziert sein als Richter, halte ich im Übrigen für völlig verfehlt.

    • 16.08.2017 10:07, KARIN BÖTTINGER

      im Großen und Ganzen stimme ich mit Ihnen überein. Wenn aber der Bezug zum
      Handwerk total fehlt und man für die normalste Angelegenheit Sachverständige benötigt, die leider - in unserem Fall - nicht neutral, aber Unmenge an Geld verschlingen und der Prozess über 7 Jahre dauert, dann liegt unsere Rechtsprechung auch im Argen. Nicht jeder Kläger hat forenische Erfahrung und kennt einen "gerissenen Rechtsanwalt".

  • 14.08.2017 22:14, @michael

    @michael: Der Kommentar war doch offensichtlich eine polemische Erwiderung auf den polemischen Beitrag. Ich finde den Kommentar sogar recht gelungen.

  • 15.08.2017 00:07, H.Stevens

    Die universitäre Ausbildung halte ich grundsätzlich noch für in Ordnung, aber das Referendariat sollte dringend umfassend reformiert werden.

    Zum einen findet schlichtweg kaum Ausbildung statt. Trotzdem soll man nach dem Prüfungsamt bis zur Woche vor den Prüfungen in der Station arbeiten. Lernzeit ist nicht vorgesehen. Das sich Referendare diese regelmäßig durch "Tauchstationen" beschaffen ist zwar ein offenes Geheimnis, wird offiziell aber geleugnet.

    Zum anderen ist es unnötig und nicht förderlich, dass man nach einer an der Uni begonnenen und eventuell schon durch eine Dissertation vertieften Spezialisierung wieder alle Fächer beackern muss. Ich bin sehr für eine breite Grundlagenausbildung. Sich über eine großen Teil des Referendariats mit den Formalia von Anklagen, Urteilen oder Verwaltungsakten rumschlagen zu müssen, um dann doch Anwalt zu werden, ist aber verfehlt. Zudem sollte man die Möglichkeit haben, sich für ein Gebiet (Öff-, Zivil- oder Strafrecht) zu entscheiden. Die umfassende Ausbildung führt nämlich dazu, dass man alles ein bischen kann, nur leider nicht wirklich gut.

    • 15.08.2017 00:53, RA Stein

      stimme ich völlig zu

  • 15.08.2017 00:50, RA Stein

    Bin selbst ein RA und kann mich dem Artikel nur anschließen. Hätte man die universitäre Ausbildung so gemacht, dass kein Bedarf an privaten Repetitorien besteht, so wäre die universitäre Prüfung möglich und auch nachvollziehbar (wie in westlichen Ländern). Das 1.Staatsexamen hat mit der Wissensabfrage NICHTS zutun. Dabei spielt das Glück entscheidende Rolle, ob man die Rechtsprechung kennt, auf der der Fall basiert, ob man die gute Laune des Korrektors erwischt, ob man sein Scheinwissen gut aufs Papier bringt. Dies ist ja auch klar, denn man kann niemals das wissen, was von den Studenten verlangt wird ohne jegliche Abgrenzung. Man kann natürlich die Juristenausbildung loben, wie der RA Nicolas dies tut. Aber die Praxis zeigt ein völlig anderes Bild. z.B ist das Ziel des 1. Staatsexamens so viele wie möglich auszusieben, wobei man unter härtesten Stressbedingungen riesige Komplexe Sachverhalte innerhalb von 5 Stunden bearbeiten muss, die kein breites Wissen abfragen, sondern meist auf einer BGH/BVerfG/OVG Entscheidung basieren. Hat man das Glück, diese Entscheidung gelesen zu haben wird man die Klausur gut bestehen, auch ohne jegliches Wissen im jeweiligen Rechtsgebiet, dies war auch bei mir der Fall in zwei Klausuren (13 Pkt). Würde man das Grundwissen in Grundfächern mit ganzen Standartproblemen abfragen, so können dann sehr viele das 1. Staatsexamen bestehen, das wolle man aber nicht. Daher wird die stressbedingte Überraschungstaktik angewendet, die über das Wissen des Einzelnen nicht viel sagen kann.

  • 15.08.2017 01:17, Lol

    Ich finde die Kritik durchaus berechtigt und auch fundiert. Köstlich, dass die meisten Kommentare hier sich lesen wie ein juristischer Aufsatz. Festzuhalten bleibt meines Erachtens, dass die unsachliche Polemik der Kommentare nicht zu überzeugen vermag und dass die Kommentatoren verkennen, dass blablabla schnarch.

  • 15.08.2017 02:12, Wolfgang Höfft

    "Weil Unterricht und Prüfung voneinander getrennt sind, hat sich ein System der Einpauker und Repetitorien entwickelt, die Formalwissen und schematische Fertigkeiten vermitteln. Grundlagenwissen und methodische Fähigkeiten bleiben dabei auf der Strecke."

    Zwar wird damit, "dass Unterricht und Prüfung voneinander getrennt sind", ein grundlegendes Übel angedeutet, allerdings ohne die Folgen dieser Trennung hinreichend sorgfältig in den Blick zu nehmen.

    Zum einen wird dadurch, dass das Wissen nicht von denen geprüft wird, die es den Prüflingen vermittelt haben, wird die Prüfung zum Lotteriespiel. Es wird für den Prüfling zur reinen Glückssache, ob er sich mit dem erworbenen Wissen in der Prüfung beweisen kann, oder ob er Wissen unter Beweis stellen muss, das ihm zuvor nie vermittelt worden ist.

    Zum anderen aber tritt das, was die Hochschullehrer in der Schulung des methodischen Denkens vermitteln und was die eigentliche Qualität des Juristen ausmacht, als nicht prüfungsrelevant hinter dem methodisch anspruchslosen Auswendiglernen von Rechtsfällen aus der höchstrichterlichen Rechtsprechung zurück, das mit Repetitor-Hilfe und großem zeitlichem Aufwand betrieben wird zur Erlangung der Prüfungsfitness.

    Das Wertvollste, das die Universität zur Ausbildung des Juristen beitragen kann, bleibt aus Gründen einer Fehlorganisation des Prüfungswesens von dem prospektiven Juristen ungenutzt, weil er ja statt der Vorlesung den Repetitor besuchen muss. Der Jurastudierende wird durch die Organisation des Prüfungswesens gezwungen, so zu denken und zu fürchten, dass er, wenn er anders verfährt, seinen Examenserfolg aufs Spiel setzt.

    Auf diese Weise züchtet der Staat seit Generationen Juristen heran, die überwiegend zum Beruf nicht taugen, weil sie es versäumt/verschmäht haben, die wichtigste juristische Kompetenz, die Methodik der Rechtsexegese und der Rechtsanwendung, zu erwerben. Nur die wenigen, die nicht nur das Examen bestehen wollen, sondern hobbymäßig neben der unerlässlichen Examensvorbereitung dem folgen, was ihnen die Rechtslehre an methodischer Schulung bietet, werden taugliche Juristen.

    Nicht zuletzt aus diesem Grund kann Prof. Dr. Reinelt, Rechtsanwalt am BGH, berechtigt die Feststellung treffen: "Die Bindung des Richters an Recht und Gesetz nach Art. 20 GG ist von der Rechtsprechung unter der Ägide des Bundesverfassungsgerichts schon seit Jahrzehnten aufgegeben worden."
    (Irrationales Recht, Vl. Die Bindung an Recht und Gesetz http://www.bghanwalt.de/veroeffentlichungen/vo_r36_c.htm ).

    Der Aufsatz "Irrationales Recht" war ursprünglich veröffentlicht in einem
    ZAP-Sonderheft für Dr. Egon Schneider zum 75.Geburtstag, 2002, Seite 52

  • 15.08.2017 08:35, Lurker

    Seltsam.

    Ich habe selbst nie ein Repetitorium von innen gesehen, halte die Examensnoten im Prinzip für aussagekräftig und begegne in meiner Ausbildungspraxis - weit überwiegend außerhalb der Universitäten - immer wieder topqualifizierten Referendaren, die weit mehr können als "auswendig lernen".

    Dass die Motivation für eine gute Lehre sich im Wesentlichen aus Selbstausbeutung speist und sich wirtschaftlich und "karrieremäßig" für die Ausbilder nicht lohnt, kann und sollte man rügen; es führt sicherlich auch teilweise zu Einbrüchen in der Ausbildungsqualität... die Ergebnisse sind m.E. aber dennoch beachtlich.

  • 15.08.2017 10:56, Noch ein Jurist

    Schöne Polemik, die natürlich auch viel Widerspruch produziert. Das soll sie.

    Aber ehrlicherweise sind sich alle einig: Die Juristenausbildung in Deutschland ist Reformbedürftig. Das fängt bei falscher Schwerpunktsetzung im Stoff an, geht weiter zu dem Fehlen von für die Abschlussnote relevanten vorlesungsbegleitenden Prüfungen und endet noch lange nicht beim verkorksten Notensystem.

    Die Besitzstandswarer, die sich jahrelang für ihr Prädikat gequält haben, können oder wollen nicht abstrahieren und sich endlich von dem System lösen, dass Millionen von Juristen schriftlich mitteilt, sie seien nichts wert und nur der "Bodensatz" der Juristenschar - mit den entsprechenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt.

    Ich selbst - und da oute ich mich mal - habe meine Schwerpunkte im Studium schon immer weg vom bloßen Auswendiglernen gelegt; mit der Quittung der eher durchschnittlichen Noten. Dann mal an den Arbeitgeber geraten, der die Noten ignoriert und sieht, dass ich den Blödsinn - anders als tausende Prädikatsjuristen - wenigsten KAPIERT habe und nicht nur blöde auswendig aufsage, ist natürlich Glückssache.

    Da muss man schon psychisch stabil sein, das zu verkraften, dass Noten und tatsächliche Fähigkeiten weit auseinander liegen.

    Ach ja:

    Zu allem, was ich tagtäglich im Beruf brauche, hat mich die Juristenausbildung erst im Referendariat und da auch nur dank engagierten Ausbildern in der Verwaltungs- und Rechtsberatungsstation befähigt. Vorher: Null. Danke für nichts.

    • 15.08.2017 11:35, Bitte keine Verallgemeinerung

      "Aber ehrlicherweise sind sich alle einig: Die Juristenausbildung in Deutschland ist Reformbedürftig."

      Nein, sind sie nicht. Ich z.B. finde die Jurstenausbildung in Deutschland weiterhin vorbildlich. Man sollte sich davor hüten, grundlegende Reformen anzugehen. Das führt nur zu solchen furchtbaren Ergebnissen, wie sie aus dem Bolognasystem bekannt sind.

      "Das fängt bei falscher Schwerpunktsetzung im Stoff an ..."

      Sehe ich nicht. Beispiele?

      "..., geht weiter zu dem Fehlen von für die Abschlussnote relevanten vorlesungsbegleitenden Prüfungen ..."

      Wann waren Sie an der Universität? Kann ich nicht bestätigen.

      "... und endet noch lange nicht beim verkorksten Notensystem."

      Was ist daran verkorkst? Viele andere Disziplinen schauen mit Neid auf die Juristen, weil wir ein funktionierendes, aussagekräftiges und - vor allem - differenzierendes Notensystem haben. Schon mal Bewerbungsgespräche geführt, wenn alle, aber auch wirklich alle Bewerber im Studium im Notenbereich 1,0 bis 1,2 sind und die Noten überhaupt keine Aussagekraft haben?

    • 15.08.2017 20:12, "Arbeiterkind"

      Das System sagt den Leuten nicht, dass sie nichts wert sind. Nur, dass sie nicht alles können und denen, die durchfallen, dass sie (noch) nicht zu juristischen Berufen taugen. Ich kenne genug Leute mit befriedigenden und ausreichenden Examina, die gute Jobs in der freien Wirtschaft gefunden haben (nicht nur als Anwälte).
      Auch die guten Leute hatten meist mal schlechte Noten und wissen sehr wohl, wovon sie reden.
      Daran sieht man wieder eines der Probleme der modernen Leistungsgesellschaft. Man erwartet, immer genauso leicht genauso gut wie die anderen sein zu dürfen und glaubt andererseits, ohne Höchstleistung wertlos zu sein. Würden differenziertere Noten überall vergeben, müsste man es auch nicht persönlich nehmen, "nur" als "durchschnittlich" bewertet zu werden. Leute, die endgültig durchs Examen fallen, gibt es jedenfalls nicht so unglaublich viele und auch die machen meist irgendwie ihren Weg.
      Übrigens stimmt es nicht, dass Prädikatsjuristen nur auswendig gelernt haben. Das schaffen vielleicht ein paar mit viel Glück. Die meisten allerdings (zumal die, die in beiden Examina ähnliche Leistungen bringen) haben Systemverständnis UND ein gewisses Maß an Lernaufwand investiert. Es schadet durchaus daneben auch nicht, noch kommunikationstaktische Elemente in Form klausurtaktischer Darstellungsweise zu lernen. Derartige Techniken braucht man im Beruf schließlich auch.

  • 15.08.2017 13:36, Ich

    Das Hauptproblem des Examens ist doch abgesehen von der unzureichenden Ausbildung und der eingeschränkten Aussagekraft von 6 Prüfungen innerhalb einer Woche, dass der Staatsteil je nach Bundesland deutlich besser oder schlechter ausfällt. Oder wie ist zu erklären dass Hamburg 3x so viele Prädikatsjuristen hat wie MeckPomm. Bevor das Argument der Buccerius Law School kommt, NRW hat auch mehr als doppelt so viel Prädikate wie MeckPomm. Diese Ungleichheit wird zumindest für den Staatsdienst nur unzureichend berücksichtigt und auch in der Praxis geht es tendenziell eher um die Punktzahl. Dies führt zu gravierenden Nachteilen. Man kann nicht einerseits so viel auf die Note geben und andererseits himmelweite Unterschiede in der Schwierigkeit des Examens haben. Dass das Examen Ländersache ist ist der eigentliche Skandal.

    • 15.08.2017 13:52, Weit und breit kein Skandal

      Nein, da ist weit und breit kein Skandal zu sehen. Sie sagen es ja selbst: In HH gibt es die BLS, die zum Studienbeginn wahnsinnig siebt und u.a. deshalb (und aufgrund der guten Dozenten) extrem gute Ergebnisse aufweist.

      In NRW gibt es eben drei Spitzenuniversitäten: Bonn, Köln und allen voran Münster. Die anderen Durchschnittsfakultäten fallen deshalb nicht so ins Gewicht.

      Und MeckPomm? Tja, Rostock und Greifswald, mehr muss man dazu nicht sagen... Der "Skandal" erledigt sich daher von selbst.

    • 17.08.2017 15:39, alberne Vorurteile gegen Rostock und Greifswald

      Können Sie bitte begründen, warum das Studium an der Uni Rostock schlecht ist? (bzw. war, da es den Studiengang dort nicht mehr gibt)

      Die Uni Greifswald scheint bei Jura ebenfalls eine völlig solide "Performance" zu liefern, wenn man folgendem Ranking Glauben schenken darf: http://www.lto.de/jura/uni-ranking/

    • 19.08.2017 19:50, OK

      Es geht nicht nur um die Fakultäten und die Lehrleistung, sondern auch immer um die Frage, welchen Studententypus die jeweilige Uni anzieht. Und das ist in Münster und Bonn halt ein anderer als in Bochum und wohl auch als in Greifswald und Rostock.

  • 15.08.2017 14:01, Ich

    Bayern hat auch Sitzenuniversitäten allen voran die LMU aber nur halb so viele Prädikate wie NRW. Ah sie haben sicher auch dafür eine tolle Erklärung? Bei allem Respekt das Bildung Ländersache ist ist Schwachsinn. Weshalb ist das Examen nicht bundeseinheitlich mit landesspezifischen Lösungen im öffentlichen Recht. Wenn sich ihre - nicht bewiesene These - der Spitzenunis NRW und HH bewahrten sollte würden diese Absolventen immernoch am besten abschneiden. Und wenn nicht eben nicht so oder so wäre das System transparent und fair. Abgesehen davon entscheidet über die Aufnahme zur BLS vor allem Geld und ein absolut machbarer Aufnahmetest. Dort ist wer sichs leisten kann. Und in HH reichen weniger Leute Examensklausuren ein wie in Flächenbundesländern, da ist eine gezielte Vorbereitung etwas einfacher. Außerdem sind NRW und HH auch im zweiten Examen in der Spitze womit die Universitäten nichts zu tun haben, wie erklären sie das? Vielleicht sind dort einfach die Anforderungen niedriger aber nein das kann nicht sein, kennt man vom Abitur ja auch nicht sowas.

    • 15.08.2017 22:36, RA Stein

      stimme ich völlig zu

    • 16.08.2017 16:07, pe

      Schon mal was vom Ringtausch gehört?

    • 17.08.2017 10:21, RA Nicolas

      Was Sie da schreiben, ist sachlich schlicht falsch. Der prozentuale Anteil von Prädikatsexamen unterscheidet sich zwischen Bayern und NRW kaum. Nach den hier auf LTO veröffentlichten Daten haben in Bayern 2014 ca. 16 % ein Prädikat im ersten Examen gemacht und in NRW 17 %. 2013 betrug der Abstand weniger als 1 %, nur 2015 war er etwas größer. Im großen und ganzen sind Examensnoten durchaus vergleichbar, wenn man den sehr subjektiven universiäteren Teil rausrechnet.

  • 15.08.2017 19:44, IudexNon

    Das Problem ist nicht das Konzept des Staatsexamens an sich, das Problem ist die Umsetzung. Man schreibt ein umfängliches Examen um dann, bei über weite Strecken nicht vorhandener Praxisausbildung, ein zweites Theorie-Examen, das nur der äußeren Einkleidung nach Praxis heuchelt, abzulegen. Spezialisierung? Vorbereitung auf den Anwaltsberuf oder sonstiges? Nada. Jedenfalls in Bayern gehört das Tauchen + Wochenendreps zur Standardvorbereitung und die staatliche Ref Ausbildung ist Glücksache (ja man kann gute Ausbilder bekommen - oder eben nicht ), Prüfungsgerechtigkeit, naja maximal dem Wortlaut der JAPO nach. Sowohl im 1. als auch im 2. wird zudem eines vergessen: Die Benotung ist tatsächlich aussagekräftig. Wer 14 hat ist exzellent, wer 5 hat (jedenfalls in diesen Klausuren) nicht. Ob nun aber 7,8 oder 8,3 ist reines Glück, hier spielt aber karrieretechnisch die Musik. Eine Reform wäre dringend notwendig, kein Bologna aber ein eigener Weg der sich der Schwächen annimmt (warum gibt es kein Anwaltaref?) wäre schon möglich.

  • 17.08.2017 12:39, EmmaEmma

    Das Prüfungssystem an sich halte ich nicht für reformbedürftig. Jedoch die Lehre und die Ausbildung.
    Ich selbst habe gerade das 2. StEx hinter mich gebracht und bin damit noch sehr nah an Studium/Ausbildung dran. Die universitäre Lehre geht meines Erachtens zwischen den verschiedenen Fakultäten sehr weit auseinander. Ich habe in Bonn und Münster studiert und muss sagen, dass die Lehre einschließlich des Angebots für die Vorbereitung auf das 1. StEx an der Uni Münster hervorragend ist. Für das 1. StEx habe ich kein privates Rep braucht, jedoch Crash-Kurse. Das Uni-Rep war super und der universitäre Klausurenkurs top. Die Bewertungen und Korrekturen haben einem realistisch aufgezeigt, was in Examen zu erwarten ist. Dazu muss man sagen, dass ich das Glück hatte das Kind eines Anwalts zu sein, der erstens selbst nicht vergessen hat wie "schrecklich" die Examenszeiten sind und der mir zweitens von Beginn meines Studiums an mit Rat und Tat zur Seite stand und mir vor allem immer beigebracht hat, dass es bei Jura nicht nur auf auswendig lernen ankommt, sondern auf Systemverständnis. Ich weiß das zu schätzen und bin dafür sehr, sehr dankbar.

    Was aber definitiv reformbedürftig ist bzw. Überdacht werden sollte ist die Ausbildung im Referendariat. Ich hatte in der gesamten Zeit nur einen (!) AG-Leiter, der sich ernsthaft für unsere Ausbildung und unsere Vorbereitung auf das Examen interessiert hat und nicht bloß vor uns stand, weil er musste. Die restlichen AG-Leiter hatten keine Lust und haben entweder mit völlig unrealistischen Kuschelnoten um sich geworfen oder ihren Frust an uns ausgelassen und uns gesagt, wie unfähig wir alle sind. Ich bin froh, dass ich mich dazu entschieden hatte zum 2. Examen ein privates Rep zu besuchen, denn ansonsten hätten mich die Klausuren wohl ziemlich böse erwischt. Auch in der Praxisausbildung bestehen zu große Unterschiede. Teilweise hat man das Glück an Ausbilder zu geraten, die sehr engagiert sind und ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne an ihre Referendare weitergeben. Teilweise gerät man an Ausbilder, die jede Woche aufs neue nicht wissen wer ihr Referendar ist und einem lapidare Korrekturen hinwerfen und permanent ausstrahlen, welche last man darstellt. Auch erscheinen mir die Noten, die man in seinen Praxisstationen erhält nicht aussagekräftig, da die Anforderungen der Tätigkeiten mitunter nicht vergleichbar sind und es auch hier völlig vom Zufall abhängt an was für einen Charakter man gerät. Ich persönlich fände es sinnvoller, wenn hier ausschließlich Beurteilungen ohne Noten geschrieben würden.

    Mein Fazit ist, dass das Prüfungssytem keiner Reform bedarf, jedoch die Ausbildung!

    • 17.08.2017 19:05, Noah

      Das spiegelt im Wesentlichen auch meine Erfahrungen aus dem Referendariat wieder und das Referendariat wäre auch der Bereich wo ich am ehesten Reformbedarf sehen würde. Es kann aber durchaus sein, dass dies ein Zerrbild ist, weil ich jedenfalls schon von anderen gehört und gelesen habe, dass sie die Ausbildung im Referendariat wesentlich besser fanden als ich.

  • 23.08.2017 08:41, Eric

    Die meisten Kommentare kann man, mit Verlaub, zusammenfassen mit:

    "das haben wir schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen".

    Der Autor trifft mit seiner Polemik in's Schwarze.

  • 23.08.2017 13:16, Philomena

    Fakt ist doch, dass die Damen und Herren, die entsprechende Reformvorhaben in die Wege leiten bzw. hierbei "beratend" (vorlegend) agieren, kein Interesse an großartigen Reformen haben, da sie sich selbst ihre Pfründe beschneiden würden.

    Oh- und wenn man selbst zu denjenigen zählt, die in der juristischen Welt den Ton angeben, hat man ohnehin überdurchschnittliche Examensergebnisse und würde den Aussagewert von 2 Examensphasen nicht zum eigenen Nachteil schmälern wollen.

    • 23.08.2017 15:46, LaForge

      "wenn man selbst zu denjenigen zählt, die in der juristischen Welt den Ton angeben, hat man ohnehin überdurchschnittliche Examensergebnisse und würde den Aussagewert von 2 Examensphasen nicht zum eigenen Nachteil schmälern wollen."

      Das scheint mir der vielleicht größte Knackpunkt zu sein.

      Bei einer Neubewertung des ach so objektiven Staatsexamens könnte sich für Juristen im Beruf auch die Folge einstellen, dass deren Examensnote neu bewertet wird. Vielleicht nicht sofort, aber wer z. B. jetzt Ende 40 ist und entsprechend im Beruf etabliert ist, der hat noch ungefähr zwei Jahrzehnte im Arbeitsleben vor sich und eine fundamentale Neuerung in der Juristenausbildung wird sich auch früher oder später im Arbeitsmarkt auswirken und damit mittelbar auch die ganzen "Altfälle" der alten Abschlüsse tangieren.

      Gerade für jene, die dachten mit ihrem Prädikatsexamen in der Tasche schon einen vorgezeichneten Weg in Aussicht zu haben (solange sie sich damit dann auch halbwegs geschickt anstellen im Beruf), mag eine tiefgreifende Reform als potentielle Bedrohung erscheinen.

      Wie man dieses Dilemma löst vermag ich aus dem Stegreif heraus auch nicht zu sagen. Schon der allererste Schritt, anzuerkennen, dass die bisherige Ausbildung durch und durch reformbedürftig ist, könnte das Ego manchen etablierten Jurists empfindlich treffen. Denn genau dieses Ausbildungswesen hat ihm ja mit seinem Prädikatsexamen attestiert "ein ganz gscheiter" zu sein, wie man hier in Bayern sagt. Wenn nun aber die Aussagekraft dieses Abschlusses in Frage gestellt wird, dann wird mittelbar auch diese bereits getroffene Bewertung in Frage gestellt. Das grenzt sozusagen an Ketzerei.

      Normalerweise könnte man sagen, dass daher der Impuls aus der Politik heraus kommen muss, vom Gesetzgeber. Aber wer "macht" die Gesetze, in den Ministerien, in den Ausschüssen der Parlamente in Bund und den Ländern? Juristen...

      Möglicherweise bringt die Europäisierung da mal eine Änderung. Es kann ja nicht ewig so bleiben, dass wir dutzende komplett getrennte Rechtsordnungen in Europa nebenher weiterpflegen. Und mit einer weitergehenden rechtlichen Integration wird sich zwangsläufig die Frage der Juristenausbildung stellen.

    • 23.08.2017 16:11, "Arbeiterkind"

      Wieso glauben eigentlich so viele, nur die Guten seien mit dem System zufrieden und auch nur deshalb, weil sie sich bedroht fühlten? Die teilweise Zufriedenheit könnte natürlich gar nicht daran liegen, dass es gute Argumente für viele Aspekte des aktuellen Ausbildungssystems gibt.

      Im Ernst. Sobald jemand eine Alternative vorschlägt, die wirklich die Chance zu einer Verbesserung hat, nur zu. Es darf aber nicht allein so sein, dass einfach im Ergebnis alle gute Noten haben, damit sie sich besser fühlen. Das wäre kurzsichtig.

      Auch halte ich es für sinnlos, die guten Leute (ja, zumindest ein gewisses Maß an Kompetenz wird durch gute Examina belegt) aus den relevanten Posten zu entfernen, weil ja angeblich nur die Schlechten die Probleme kennen und deshalb bessere Lösungen vorschlagen können sollen(?!) Diese Logik hat in den Brexit geführt, Trumps Wahl veranlasst und gibt der AfD Auftrieb. Hauptsache, man traut formal Besserqualifizierten nicht. Klar. Es bringt die Gesellschaft total weiter, wenn die unten den oben Machterhaltung und Arroganz vorwerfen und die oben den unten Neid unterstellen. Es mag ja jeweils ein Körnchen Wahrheit dran sein, aber ich möchte nicht glauben, dass das für die meisten das Leitmotiv ist. Wie wär's stattdessen mal mit Sachargumenten?

      Ich glaube ja, dass das größte Problem darin besteht, dass es sehr wenige Juristen gibt, die den Stoff wirklich vollständig gut verstanden haben und darunter noch weniger, die ihn anderen verständlich vermitteln können. Wir haben also, verglichen mit der eigentlich wünschenswerten Qualität mit einem "Inkompetenzproblem" auf Seiten der Ausbilder und Prüfer zu tun, da niemand durchweg gute davon hat. In der Praxis wiederum hat man auch mit unterschiedlich kompetenten Leuten zu tun und hat selbst seine Stärken und Schwächen. Lässt sich das Problem lösen oder ist es besser damit schon in der Ausbildung umzugehen zu lernen?

    • 23.08.2017 19:27, Florena

      @"Arbeiterkind"
      Welcher "Stoff" denn?
      Die beiden Staatsprüfungen sind weder Faktenklausuren (Frage/Antwort oder Multiple Choice), noch hilft einem das materielle Wissen, das man an der Hochschule erwerben kann, da zwingend weiter. Gerade daher hat sich ja die Rep-Industrie rund um Jura entwickelt, wie um keinen anderen Studiengang.

      Die Lücke zwischen dem Studium - oder auch allgemein einer akademischen Ausbildung - sowie den Staatsprüfungen ist mitunter einfach grotesk groß. Auch die Kaffeesatzleserei muss ich nicht groß erklären, die da stets heißt, was denn "examensrelevant" sein könnte, bis hin zu einzelnen Urteilen, die zur besonderen Lektüre empfohlen werden.

      Sprich, die Studenten lernen nicht daraufhin, möglichst kompetente Juristen zu werden, sondern daraufhin, die Prüfungsart der Staatsprüfungen so wie deren Riten (die Vorliebe Klausuren an jüngeren Gerichtsentscheidungen aufzuhängen, der ganze "Tanz" der mündlichen Prüfung) vorzubereiten. Das führt umgekehrt natürlich auch dazu, dass derjenige, der diese Staatsprüfungen bestens besteht, nicht auch unbedingt der beste Jurist sein muss, der dann auf die Rechtspflege, also den juristischen Laien, losgelassen wird.

      Das ist der Knackpunkt. Die Staatsprüfungen sind einfach sehr schlecht darin juristische Kompetenz zu beurteilen und darüber Zeugnis abzulegen. Dass sie trotzdem "schwer" sind ändert daran ja nichts! Man kann ja auch die falschen Schwerpunkte setzen und diese trotzdem schwierig gestalten, das ist ja kein Widerspruch.

      Die einzige sinnvolle Lösung, die mir hierzu einfällt ist, das was in allen anderen Fächern (ALLEN!) üblich ist und auch weltweit bei Juristen der Standard ist - diejenigen, die lehren sind auch diejenigen, die prüfen. Die Schwerpunktbereichsnoten sind ja v. a. auch deswegen so "durchwachsen" im Anspruch weil es auf die eh nicht ankommt. Und keiner sagt, dass einfach die Staatsprüfungen weggestrichen werden sollten und der bisherige universitäre Teil dann die einzige Abschlussprüfung sein sollte.

      Ganz im Gegenteil, eine im Zuge dessen auch neu aufgestellte universitäre Ausbildung inkl. Abschlussarbeiten kann durchaus im Anspruch sogar noch schwieriger werden. Aber dann eben auf die akademische Ausbildung bezogen - da dürften dann auch durchaus andere "Charaktere" mit einem Prädikatsabschluss die Uni verlassen, als bisher einen Prädikatszeugnis von den Landesjustizprüfungsämtern erhalten.

    • 24.08.2017 09:38, "Arbeiterkind"

      @ Florena
      Sie scheinen die Examensvorbereitung nicht besonders gemocht zu haben. Ihr Kommentar klingt sehr nach der typischen Frustration, die man empfindet, wenn man einerseits vor einem gefühlt unüberwindbaren Berg von Stoff steht und nicht weiß, was man eigentlich damit anfangen soll und der Lerndrillmaschine Rep andererseits. So ging es mir damals auch und das war zugegebenermaßen scheiße.

      Im Nachhinein zeigte sich jedoch, dass nicht alles so schwarz war, wie es aussah. So unglaublich groß ist die Lücke zwischen Uni und Examen zum einen nicht. Mir jedenfalls hat das in der Zwischenprüfung erworbene Einzelwissen durchaus viel gebracht. Irgendwo muss man schließlich anfangen. Im Examen geht es dann darum, Systemverständnis zu entwickeln, allgemeine Rechtsgebietsüberspannende Regeln zu entdecken und Zusammenhänge herzustellen. Das geht natürlich zum einen nur auf einer umfangreichen und dauerhaft im Gehirn verwurzelten Wissensgrundlage (wobei man aber, anders als von Repetitoren suggeriert, keineswegs jedes Problem schon mal gesehen haben muss), viel mehr jedoch, indem man immer wieder fragt "warum". Nach einiger Zeit hat sich bei mir die Erkenntnis eingestellt, dass private Repetitoren wenig Interesse und auch nicht die Möglichkeiten haben, Tiefenverständnis zu förden, man das also selbst machen muss. Indem man sich mit verschiedenen Informationsquellen beschäftigt und sein Wissen immer wieder anwendet (Fälle. Wobei Lösungsskizzen oft der Examensrealität widersprachen). Dann ging es mir jedenfalls so, dass ich immer wieder verstanden geglaubte Sachen verlernen und neu lernen "musste", wodurch sich immer neue Verständnisebenen erschlossen haben. All das sind Dinge, die man nicht unmittelbar beigebracht bekommen kann. Diese Fähigkeiten braucht man aber sowohl im Examen, als auch im Job, damit man in der Lage ist, mit akzeptablem Zeitaufwand auch in unbekannten Rechtsgebieten qualitativ hochwertige Lösungen zu finden. Die Frage "welcher Stoff" führt also nicht wirklich weiter. Letztlich ist die Schwierigkeit ja, zu lernen mit allem möglichen umzugehen.

      Was zu verbessern wäre, ist neben meinem weiter oben gemachten Vorschlag, Studenten von Anfang an transparent die Examensanforderungen zu kommunizieren, damit sie eine Entscheidungsgrundlage haben, wie sie sich richtig darauf vorbereiten wollen und können (und dann nicht mehr aus bloßer Angst zu den kommerziellen gehen), der schon häufig gemachte Vorschlag, Klausuren weniger auf Einzelrechtsprechung auszubauen, die zum Teil dogmatisch schwer vertretbar ist. Wobei auch dieses Problem erfahrungsgemäß weniger groß ist, als oft behauptet, da man auch ohne Kenntnis der Rechtsprechung mit einem anderen Ergebnis gute Ergebnisse erzielen kann (vielleicht 10 statt 14 Punkten). Bei mir war es immer eher umgekehrt. Wenn ich vermeintlich das Ergebnis kannte, habe ich die Klausur viel zu geradlinig durchgelöst, anstatt Probleme aufzuwerfen (die das Gericht nicht aufgeworfen hat, die sich im Gutachten aber stellen) und mit methodischen Mitteln ein fundiertes Ergebnis zu finden.

      Ich bin jedenfalls nach wie vor überzeugt, dass wir durch das Abprüfen großer, nicht klar eingrenzbarer Stoffmengen bestmöglich dauerhaftes Wissen und Systemverständnis für den späteren Beruf erlernen.

      Andererseits gibt es natürlich das Ausbildungsproblem. Obwohl man sich manche Kompetenzen selbst aneignen muss, s.o., gibt es noch immer viel fachliches und methodisches Wissen, das gut beigebracht werden könnte. Hier setzen die Unis durch Unirep-Angebote bereits an, das sollte aber noch erweitert und verbessert werden.

      Wieder eine Examenshausarbeit einzuführen halte ich nicht für sinnvoll, weil die auch damals schon nicht unbedingt von dem jeweiligen Prüfling stammte und man dann, wenn man einmal falsch abgebogen ist, einen noch größeren Teil seines Examens auf einmal in den Sand setzt als bei einer Klausur. Das wäre nicht repräsentativ. Genauso wenig wäre es das, wenn nur die Profs oder sonstigen Dozenten die Prüfungen stellen würden. Hierunter würde zum einen die Vergleichbarkeit leiden. Zum anderen würde man hierdurch wahrscheinlich kaum mit unbekannten Themen und Konstellationen konfrontiert und würde die so wichtige Fähigkeit, damit umzugehen, weniger erlernen. Dann kommt natürlich auch noch der organisatorische Aufwand hinzu, wie ein Dozent für alle, die er unterrichtet hat, die Examensklausuren korrigiert bekommen soll. Lediglich Einzelklausuren zu schreiben halte ich für falsch, weil man dann, wie in anderen Fächern auch, Sachen aus den vorherigen Semestern wieder vergisst und nie vernetztes Verständnis erwirbt.

      Was man machen könnte, wäre den "Pflichtstoff" etwas einzudampfen, wobei es wirklich schwierig ist, zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht, da manche Gebiete (z.B. IPR) zumindest mal angeschnitten worden sein sollten, weil es für ein übergreifendes Systemverständnis durchaus hilfreich ist. Hier hätte man weniger Probleme, wenn weniger Studenten dazu neigten, sich nur mit den "examensrelevanten" Inhalten auseinandersetzen zu wollen, weil es dann nämlich nicht erforderliche wäre, alles, das man wissen sollte, zum Prüfungsstoff zu erklären. Durch Pflichtfächer im Grundstudium könnte man Abhilfe schaffen. Hierdurch würde sich allerdings das Grundstudium auf die doppelte Länge aufblähen und man würde an der Uni einiges an Flexibilität einbüßen.

      Die Trennung zwischen wissenschaftlicher Ausbildung und Examen halte ich noch aus einem anderen Grund für berechtigt: Es wäre natürlich einerseits sehr schön einfach, wenn man von Anfang an nur Dozenten hätte, die einen aufs Examen vorbereiten. Andererseits wäre es total interessant, wenn man von Anfang bis Ende sich wissenschaftlich frei Gedanken machen und dafür auch noch mit guten Noten belohnt werden könnte. Ich sage, wir brauchen beides. Die Ausbildung muss gut auf den Beruf vorbereiten bzw. ein solides, universell einsetzbares juristisches Grundlagenwissen beibringen, gleichzeitig aber auch durch Vermittlung abweichender Ansichten ein kritisches Bewusstsein vermitteln. Nur gradlinige Berufsausbildung schadet ebenso sehr wie nur Wissenschaft. Wer im wissenschaftlichen Bereich gut ist und dort weiter machen will, kann promovieren. Da gibt es auch ohne Prädikat Möglichkeiten.

  • 24.08.2017 01:17, Wolfgang Höfft

    @Florena, treffender und richtiger als Sie die Situation und das Problem beschrieben haben, hätte sich die Situation und das Problem nicht beschreiben lassen.


    Zu kurz gekommen ist in den Kommentaren allerdings der Blick auf den historischen Grund dafür, warum es die ungute Trennung von akademischer Ausbildung und staatlicher Prüfung gibt:

    Die Universität mit ihrer Freiheit von Forschung und Lehre bereitete den Kaisern und Königen von alters her Unbehagen, weil Gegenstand der Forschung auch das Herrschaftsgebaren werden und Kritik an der Obrigkeit bis hin zu umstürzlerischem Denken salonfähig werden konnte.

    Von dieser Vorstellung haben sich monarchische Herrscher bis in jüngste Vergangenheit nicht freimachen können, wie z. B. die Lage in Preußen bis zur Abdankung seines letzten Königs, des Kaisers Wilhelms des zweiten, in Bezug gerade auch auf das juristische Ausbildungs- und Prüfungswesen beweist.

    Gleichem obrigkeitlichem Unbehagen wie dem gegenüber der Freiheit der Wissenschaft begegnete die Forderung des modernen demokratischen Staates nach Gewaltenteilung, die in Bezug auf das Rechtswesen verlangte, dass Richter unabhängig zu sein haben und Weisungen der Obrigkeit nicht unterworfen sein dürfen.

    Dies war in den konstitutionellen Monarchien den Monarchen nur erträglich nach der Monarchendevise: Der Richter soll ruhig unabhängig sein, solange ich, der Monarch, das letzte Wort darüber habe, wer Richter wird.

    Mit anderen Worten: die Entscheidung darüber, wem die Befähigung zum Richteramt attestiert wird, durfte keinesfalls den in Forschung und Lehre gegenüber dem Staat freien juristischen Fakultäten überlassen werden, sondern musste in der Hand und unter der unmittelbaren Kontrolle der Staatsmacht bleiben.

    Danach durften die freien Universitäten zwar die prospektiven Richter ausbilden, aber es musste universitätsunabhängig der Staat derjenige sein, der darüber wacht, ob denn das Lernergebnis der akademisch ausgebildeten Richteranwärter in jedem Einzelfall den persönlichen und politischen Vorstellungen des Monarchen bzw. der Regierung konveniert. Es ist nicht übertrieben, festzustellen, dass das Ziel der Staatsprüfungen der prospektiven Richter primär war, sich der Königstreue der angehenden Richter zu versichern. Fachliche richterliche Kompetenz sicherzustellen, war von sekundärem Belang.

    Die in preußischer Vergangenheit für die Ausbildung des richterlichen Nachwuchses entwickelte Kompetenz-Trennung zwischen denen, die an den Fakultäten lehren, und denen die staatsseitig, nämlich in staatlichen Justizprüfungsämtern, prüfen, geht auf die Vorstellung von Friedrich dem Großen und anderen "aufgeklärten" Herrschern seiner Zeit von dem Richter zurück, dessen Staatstreue wichtiger zu sein hatte als die Weisungsunabhängigkeit, die den Richter in die Lage versetzen soll, in Ausübung seines Amtes stets nur das zu tun, was er nach Maßgabe seines rechtlichen Wissens und seines Gewissens für richtig hält.

    Obwohl keiner der heute im Staatsdienst Tätigen mehr persönlich unter einem preußischen König und Kaiser von Gottes Gnaden mehr gedient hat, leben die zeitgenössischen, im Sold der Bundesrepublik Deutschland oder eines seiner Länder Juristen noch immer fern der demokratischen Gewaltenteilung in der Vorstellung, dass die Ausbildung der prospektiven Richter durch Universitäten, die in Forschung und Lehre staatsfrei sind, nicht die Gewähr dafür bieten kann, dass die akademisch ausgebildeten Richter die vom König geforderte königstreue Befähigung zum Richteramt haben. Man kann inzwischen sogar von einer aus Sicht des demokratischen Rechtsstaats negative Juristenauslese sprechen. Denn alle Juristen, die der Staat zu Erledigung Justizverwaltungsaufgaben einstellt, zeigen seit Generationen immer wieder dieselbe Bereitschaft, entgegen der verfassungsmäßig vorgegebenen Gewaltenteilung den Richter nicht primär als unabhängiges Rechtspflegeorgan sondern in erster Linie als Sekundanten der Exekutive zu sehen, der seine Befähigung zum Richteramt nicht durch Gesetzestreue sondern durch Herrscherloyalität erweist. Und der auch deshalb nur vom Staat daraufhin geprüft werden könne, ob er diese von der Obrigkeit in ihn gesetzte Erwartung erfüllt.

    • 24.08.2017 11:03, M.C.

      Es ist natürlich nicht in Abrede zu stellen, dass die Art und Weise der Prüfung durch die Landesjustizprüfungsämtern mittelbar, auch über den Pflichtstoff hinaus, sehr detailliert vorbestimmt, wie die Universitäten auszubilden haben, möchten diese ihre Studenten erfolgreich darauf vorbereiten. Die Unis bilden de facto nicht mit dem Ziel aus, bestmöglichen juristischen Nachwuchs heranzubilden, der möglichst eigenständig denkt und vielseitig befähigt ist, sondern diese bilden mit dem Ziel aus, dass die Prüflinge der eigenen Universität in der zentralen Staatsprüfung des Bundeslandes bestmöglich abschneiden, natürlich auch besser als die der anderen Universitäten.

      Dadurch, dass man Lehre und Prüfung auseinander gerissen hat, setzt man somit ein ganz absurdes Ziel für die universitäre Ausbildung. Und ganz nebenbei hat man, ohne formal die Freiheit von Forschung und Lehre zu beschneiden, die Ausbildung und Ausformung des juristischen Nachwuchs fest in Händen der Obrigkeit. Entsprechend waren die Juristen in Deutschland auch immer die willfährigsten Systemdiener und Mitläufer, siehe 3. Reich und DDR.

      Um einmal nur kurz über die Grenze zu schauen, nach Österreich, dort ist der Einstieg in den geschützten Rechtsberuf einzig mit dem entsprechenden Hochschulabschluss möglich. Man betrachet es dort als Teil der unabhängigen Judikative, dass bereits der juristische Nachwuchs unabhängig von der Exekutive ausgebildet wird!

      Es ist nicht bekannt, dass die Rechtspflege in Österreich schlechter funktionieren würde als hierzulande,im Rechtsstaatlichkeitsindex des "World Justice Project" rangiert Österreich (Platz 7) immerhin knapp vor der Bundesrepublik (Platz 8), der Sieger des Rankings, Dänemark, hat übrigens schon in den 90ern eine rein universitäre Ausbildung der Jungjuristen eingeführt.

      Ohne nun auf dieses Ranking näher eingehen zu wollen erscheint es also offensichtlich zu sein, dass die rein universitäre Ausbildung des Nachwuchs der österreichischen Rechtspflege nicht geschadet hat, wie immer schnell - und ohne echten Beleg - angedeutet wird, wenn dieser Vorschlag hierzulande vorgebracht wird. Da mag auch die Angst vor dem Neuen eine Rolle spielen. Mit allen Nachteilen weiss man ja zumindest was man vom "Stex" zu erwarten hat.

      Achja, wissen Sie, womit im 1. und 2. Semester in Österreich das "Jus"-Studium startet?

      -Römisches Sachenrecht
      -Römisches Schuldrecht
      -Exegese aus Sachen- oder Schuldrecht
      -Rechtsvergleichende Fragen (System und Methodik)
      -Historische Fragen
      -Einführung in das Europarecht
      -Einführung in das Völkerrecht
      -Pflichtübung aus Rechts- und Verfassungsgeschichte

      Das geht sich doch schon ganz anders an, so stellt man sich einen fundierten Einstieg in die Rechtswissenschaften vor.
      Erst ab dem 3. Semester beginnt dort das materielle "Alltagsrecht" - und wer die o. g. Inhalte, die hierzulande zum lästigen "Grundlagenschein", mit zumeist läppischen Prüfungen, reduziert sind, nicht besteht, der kommt gar nicht erst dorthin.

      Mithin wird ein ganz anderer "Typ Mensch" in Österreich zum "Magister Iuris" ausgebildet. Mir ist das äußerst sympathisch.

  • 24.08.2017 15:21, Wolfgang Höfft

    M.C., Sie beschreiben uneingeschränkt richtig, „dass die Art und Weise der Prüfung durch die Landesjustizprüfungsämtern mittelbar, auch über den Pflichtstoff hinaus, sehr detailliert vorbestimmt, wie die Universitäten auszubilden haben, möchten diese ihre Studenten erfolgreich darauf vorbereiten. Die Unis bilden de facto nicht mit dem Ziel aus, bestmöglichen juristischen Nachwuchs heranzubilden, der möglichst eigenständig denkt und vielseitig befähigt ist, sondern diese bilden mit dem Ziel aus, dass die Prüflinge der eigenen Universität in der zentralen Staatsprüfung des Bundeslandes bestmöglich abschneiden, natürlich auch besser als die der anderen Universitäten.“

    Der Staatseinfluss auf die juristische ist in Deutschland in allen Ländern bis in die 1990er Jahre hinein ergänzt worden durch die Regeln über die Berufung des akademischen Lehrpersonals. Die juristischen Fakultäten durften, wenn ein Lehrstuhl zu besetzen war, nicht in eigener Kompetenz die Stelle besetzen, denn diese Besetzung war in allen Bundesländern dem für die Universitäten zuständigen Kultusminister vorbehalten. Die Fakultäten hatten lediglich ein Vorschlagsrecht. Sie hatten dem Minister für die Berufung auf den vakanten Lehrstuhl einen Dreiervorschlag zu unterbreiten, aus dem der Minister den politisch genehmen Kandidaten auswählte und als ordentlichen Professor an die Fakultät berief.

    Mehr als die Hälfte aller aktuell an deutschen juristischen Fakultäten Lehrenden haben dies staatliche Ausleseverfahren durchlaufen und erweisen sich dem Staat durch ideologisch entsprechend angepasste Lehrinhalte dankbar.

    Es ist dringend wünschenswert, den in Art. 5 GG beschriebenen Zustand der Freiheit von Lehre und Forschung anzustreben und zu verwirklichen.

    Die Österreicher setzen das dort gar nicht geltende deutsche Grundrecht des Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in der Praxis besser um als die Deutschen selbst.