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Prädikatsjurist macht Karriere als Reise-Influencer: "Jura ist nicht so cool wie bei Suits"

Interview von Marcel Schneider

16.01.2020

Er hatte den Einstieg in die Großkanzleiwelt schon gefunden, doch dann warf Johannes Richter sein Leben über den Haufen. Mit LTO sprach er über Geld, Influencer und die Gründe, warum er jetzt glücklich ist, obwohl er noch mehr arbeitet.

LTO: Herr Richter, dieser Nachname, ein Prädikat im ersten Examen und für Großkanzleien haben Sie auch schon gearbeitet – wie kann man sich da noch gegen eine juristische Berufslaufbahn entscheiden?

Ich hatte eine zu romantische Vorstellung vom Job als Großkanzleianwalt. Wer die Fernsehserie "Suits" kennt, weiß, was ich meine. So cool ist Jura im beruflichen Alltag dann aber eben nicht.

Ich hatte neben dem Studium schon Erfahrung in diversen Rechtsgebieten gesammelt, die für Großkanzleien mit ihren teils sehr hochkarätigen Mandaten typisch sind. Doch als ich nach meinem ersten Examen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Großkanzlei im Bereich M&A anfing, wusste ich kurz darauf recht schnell, dass ich das nicht dauerhaft machen wollte: Man sichtet und bewertet hauptsächlich Dokumente, die Arbeit ist für meinen Geschmak zu wenig kreativ und man verbringt zu viel Zeit am Rechner.

Ursprünglich war der Plan, erst einmal zu arbeiten, dann einen Master nachzulegen und nach dem zweiten Examen gegebenenfalls richtig als Associate durchzustarten.

"Was, wenn es nicht nur ums Geld ginge?"

Den haben Sie aber nicht weiter verfolgt. Stattdessen betreiben Sie zusammen mit Ihrer Partnerin Vivian Velle nun den Instagram-Account JoVI_Travel mit über 288.000 Followern. Wie ist es dazu gekommen?

Vivian hatte einen aussichtsreichen Job im Bankensektor, war damit aber ebenso wenig zufrieden wie ich mit meiner Arbeit in der Großkanzlei. Also haben wir uns ausgesprochen und uns gefragt, was wäre, wenn es nicht nur ums Geld ginge, sondern primär darum etwas zu tun, was uns glücklich macht. Die Antwort lautete: Reisen.

Also beschlossen wir, die Arbeit bis Ende des Jahres noch durchzuziehen, so viel Geld wie möglich beiseite zu legen und danach ein Jahr auf Reisen zu gehen.

Wussten Sie da schon, dass Sie Influencer werden wollen?

Ja. Dass das auch wirklich klappt, kann man natürlich nicht planen, aber wir haben uns das gut überlegt und uns entsprechend schlau gemacht. Fotografie, Bild- und Videobearbeitung, Social-Media-Ansprache und die Verwaltung unserer Accounts: Wir haben das schon ernst genommen und uns auf dieses Ziel fokussiert. Aber wenn das nicht funktioniert hätte, wären wir eben ein Jahr auf Reisen gewesen, ohne dass unsere bisherigen Berufslaufbahnen einen zu großen Knick bekommen hätten.

Ihre Arbeit hat sich aber bezahlt gemacht, inzwischen können Sie beide gut davon leben. Womit genau verdienen Sie Ihr Geld?

Unser wirtschaftliches Hauptstandbein ist unsere Social-Media-Agentur. Wir beraten Unternehmen im Umgang mit den sozialen Netzwerken, zum Beispiel, wenn sie eine Werbekampagne abseits von TV und Radio starten wollen. Der Markt wächst stetig, entsprechend steigt der Bedarf.

Daneben verkaufen wir auch sogenannte sponsored posts auf unseren Social-Media-Kanälen, in denen wir neben den Bildbeiträgen Werbung für Produkte machen. Oder wir nehmen Produkte mit auf unsere Reisen, um sie vor besonderer Kulisse abzulichten. Das ist für die Firmen günstiger als ein ganzes Team hinzuschicken. Und wir verkaufen unsere Fotos an Interessenten.

Dann gibt es noch Austauschgeschäfte, zum Beispiel mit Hotels. Wir dürfen dann zwei oder drei Nächte dort verbringen, wenn wir im Gegenzug beim Veröffentlichen der Bilder auf sie aufmerksam machen. Das bringt zwar nicht direkt Einnahmen, liefert aber besondere Kulissen für unsere Fotos: Wir wählen natürlich Unterkünfte aus, die in dieser Hinsicht etwas zu bieten haben.

"Zusammen verdienen wir so viel wie ein Associate im ersten Jahr"

Und was verdienen Sie damit? Als Associate in einer Großkanzlei hätten Ihnen gleich zum Berufseinstieg sechsstellige Gehälter in Höhe von bis zu 140.000 Euro Jahresbruttogehalt – ohne Prämien oder Boni – gewunken.

In etwa dieser Größenordnung haben Vivian und ich vergangenes Jahr gemeinsam verdient. Da wir wegen der vielen Reisen unseren ständigen Wohnsitz nicht mehr in Deutschland haben, konnten wir unsere Firma nach Hongkong verlegen. Das wirkt sich dann steuerlich positiv aus.

Wieviel arbeiten Sie dafür?

Definitiv mehr als die 45 bis 50 Stunden als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Großkanzlei. Ich würde sagen im Schnitt zwölf Stunden am Tag, Wochenenden haben wir keine.

Neun bis zehn Monate im Jahr reisen Sie, machen Bilder für die sozialen Netzwerke und arbeiten in ihrer Agentur. Wie sieht so ein Tag bei Ihnen aus? Begleitet Sie jemand, zum Beispiel ein Fotograf?

Meist sind wir nur zu zweit unterwegs, die Fotos schießen wir selbst per Zeitauslöser. Dazu geht es früh morgens los, denn erstens ist das Licht dann am besten und zweitens sind dann weniger Touristen unterwegs.

Wenn wir zurück im Hotel sind, bearbeiten wir zum Beispiel Bilder, beantworten Geschäftsanfragen und managen unsere Social-Media-Kanäle. Schon das Moderieren der Kommentare nimmt viel Zeit in Anspruch. Wir sind nicht lange an einem Ort, nicht selten geht es dann abends gleich weiter zur nächsten Station.

Die Arbeit für unsere Agentur planen wir dabei natürlich entsprechend: Wenn wir beispielsweise wissen, dass wir für Fotoshootings die nächsten zwei Tage in der Wüste verbringen und entsprechend kaum bis gar kein Internet haben, wissen Kunden Bescheid oder wir haben eine Vertretung organisiert.

"Natürlich können Influencer-Fotos Druck erzeugen"

Ihre Social-Media-Präsenz lebt von ihren Fotos und die gestalten Sie entsprechend hochwertig: Exotische Orte, romantisches Paar, professionelle Bearbeitung. Dabei sind Sie beide auch Vorbilder für Ihre Follower– und zwar nicht gerade lebensnahe, wie an der Influencer-Branche häufig kritisiert wird. Wie sehen Sie das?

Natürlich können Influencer-Fotos auch Druck erzeugen: Luxusleben, Weltreise, eine glückliche Beziehung – da geht es um Perfektionismus. Das erwarten die Follower allerdings auch, gerade auf Instagram muss die Bildqualität stimmen. Wer dort erfolgreich sein will, muss regelmäßig Top-Inhalte abliefern.

Wir machen als Ausgleich dazu auf unseren Kanälen unseren Alltag transparent, zum Beispiel in den Instagram-Stories. Da sehen die User, dass die holprige Roller-Fahrt für das nächste Foto vor einem idyllischen Bergsee ganz schön stresst, wir nicht permanent top gestylt von einem zum anderen Abenteuer jagen und lange nicht den Großteil der Nächte in Luxushotels verbringen.

Im Gegenteil: Wir achten zum Beispiel darauf, regelmäßig für nicht mehr als 20 Euro pro Nacht eine Bleibe zu finden. Vor allem aber: Unser Leben ist kein einziger großer Urlaub, wie einige den Bildern nach zu urteilen sicher glauben. An einem der besuchten Orte in Ruhe ein Buch am Strand lesen? Das kommt selten vor.

"Sich einfach durchbeißen – das haben Juristen drauf"

Was glauben Sie: Wie lange werden Sie diesen Job noch so machen?

Ich bin 29, Vivian 25, wir sind also beide recht jung, die Familienplanung hat noch Zeit. Ich schätze schon, dass wir das noch drei bis fünf Jahre durchhalten, es ist ja auch unsere Leidenschaft und letztlich unser Traum, den wir uns erfüllen.

Irgendwann werden wir aber bestimmt sesshaft. Ob das in Deutschland sein wird, wissen wir nicht. Dann werden wir uns wohl verstärkt auf die Agenturarbeit konzentrieren, aber sicherlich auch weiterhin reisen.

Glauben Sie, dass es für Sie irgendwann zurück in die juristische Branche gehen könnte?

Nein, das glaube ich nicht. Ich könnte natürlich das zweite Examen nachlegen und dann in meinen Mittdreißigern noch in einen juristischen Beruf einsteigen, aber da sehe ich mich aktuell nicht.

Mir hat das juristische Studium aber trotzdem schon viel geholfen: Man lernt zum Beispiel – gerade in der Examensvorbereitung – sich lange Zeit auf ein Ziel zu konzentrieren, ohne zu wissen, ob man es auch erreichen wird. Sich einfach durchbeißen – das haben Juristen drauf.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Gesprächspartner Johannes Richter studierte Jura in Bayreuth und Frankfurt. Heute betreibt er zusammen mit seiner Partnerin Vivian Velle eine Social-Media-Agentur und teilt seine Eindrücke während dem Reisen auf dem gemeinsamen Instagram-Account (@JoVi_Travel).

Die Fragen stellte Marcel Schneider.

Zitiervorschlag

Prädikatsjurist macht Karriere als Reise-Influencer: "Jura ist nicht so cool wie bei Suits" . In: Legal Tribune Online, 16.01.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/39703/ (abgerufen am: 25.02.2020 )

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