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Themenwoche Semesterbeginn: Fünfeinhalb Jahre, 20.000 Seiten, null Wohnheimplätze

von Jens Kahrmann

15.10.2013

Wie lange dauert ein typisches Jurastudium? Wo schmeckt das Mensaessen am besten? Was verdient ein Anwalt? Zu diesen und weiteren Fragen gibt es eine Reihe statistischer Erhebungen. Wir haben uns durch den Zahlensalat gewühlt und präsentieren die wichtigsten Werte rund ums Jurastudium.

Nicht alles, was am Jurastudium wissenswert ist, kann man in Zahlen ausdrücken - eine ganze Menge aber schon. Also fangen wir erstmal mit den Basics an:

Laut Bundesamt für Justiz beendeten im Jahre 2011 knapp 8.000 Studenten ihr Studium mit dem ersten Examen. Hielten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch namhafte Juristen wie Otto Palandt Frauen für ungeeignet für den Justizdienst, stellen sie inzwischen die Mehrheit der Absolventen. In Bremen lag die Frauenquote unter den Juraabsolventen 2011 sogar bei gut 63 Prozent. Ungefähr 15 Prozent der Studenten gelang es, ein so genanntes Prädikatsexamen zu erreichen, das gemeinhin als Türöffner für die Berufswelt gilt. Vorerst geschlossen bleiben die Karrieretüren dagegen für etwa doppelt so viele Studenten, die das erste Examen nicht bestanden.

Doch egal, ob man die Staatsprüfung mit Bestnoten oder überhaupt nicht besteht: Bis es so weit ist, muss kräftig gepaukt werden. Ein inzwischen emeritierter Jura-Professor hat einmal grob überschlagen, dass sich Studenten im Laufe Ihres Studiums im Minimum etwa 20.000 (in Worten: zwan-zig-tau-send!) Seiten an Literatur zu Gemüte führen müssen.

Persönliche Unterstützung von den Lehrenden kann der Nachwuchsjurist dabei nicht unbedingt erwarten: Laut einer Analyse des Wissenschaftsrats kamen im Jahr 2010 auf einen Juraprofessor rund 82 Studenten – im Fächerdurchschnitt kamen 52 Studierende auf eine Professur. Jura gilt also nicht umsonst als Massenstudienfach.

Nur ein Drittel der Studenten lebt in WGs

Mindestens genauso wichtig wie das Studium ist für den Nachwuchsjuristen das Leben rund um die Uni. Glaubt man den Klischees, so hausen die Jungakademiker überwiegend in mehr oder minder sauberen Studentenbuden gemeinsam mit ein oder zwei Artgenossen.

Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks kommt jedoch zu anderen Ergebnissen: Knapp ein Viertel der Studenten machte es sich 2012 noch bei den Eltern gemütlich und fast die Hälfte lebte allein, in einem Wohnheim oder mit dem Partner zusammen. Somit erfüllen nur rund 30 Prozent der Studentenschaft das Klischee. Für den Studienabschluss benötigten die Nachwuchsjuristen dabei im Schnitt elf Semester – wohl nicht immer zur Freude der Eltern, da laut der Sozialerhebung im Jahre 2012 rund 87 Prozent der Studenten ihren Lebensunterhalt mit Hilfe selbiger bestritten.

Auf Wohnheimplätze sollte der Student von heute laut Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahre 2009 nicht unbedingt spekulieren: In Stuttgart gab es beispielsweise nur für 15 Prozent der Studenten einen Wohnheimplatz – und die Stadt lag damit noch deutschlandweit an der Spitze.

Mensen: Oft verschmäht, aber gut besucht

Egal, in welche Stadt man schaut, eine Sache bewegt die Studenten im Alltag ganz besonders: die gemeinsame Nahrungsaufnahme. Doch wo füllt man die leeren Bäuche am besten? Obwohl vielen Mensen ein schlechter Ruf vorauseilt, verzichten nur ein Viertel der Studenten auf ihren Besuch. 37 Prozent der Studierenden hingegen nehmen wöchentlich mindestens drei Mittagsmahlzeiten in den Speisesälen der Bildungsinstitute ein, während ein genauso großer Teil immerhin ein bis zweimal wöchentlich dort einkehrt. Hauptargument ist, wenig überraschend, die räumliche Nähe zur Uni.

Die Studentenzeitschrift Unicum lobt jährlich den Preis "Mensa des Jahres" aus. Im vergangenen Jahr ging eines der drei goldenen Tabletts an die Mensa Caballus in Hannover. Somit verfügt zumindest ein Studienort für Rechtswissenschaften über eine prämierte Einkehrmöglichkeit.

Das Jurastudium im Finanzcheck

Die mittäglichen Diskussionen in der Mensa drehen sich oft auch um die eigene Zukunft. Hartnäckig hält sich dabei das Gerücht, das Jurastudium sei so ziemlich die beste Wahl für einen guten Verdienst.

Das Einstiegsgehalt für Anwälte variiert jedoch sehr stark von Arbeitgeber zu Arbeitgeber. In kleineren Kanzleien winkt ein Jahresbruttogehalt von 38.000 bis 50.000 Euro, in mittelständischen Unternehmen ist es etwas mehr. In internationalen Wirtschaftskanzleien dagegen sind Einstiegsgehälter von 80.000 bis 120.000 Euro eher die Regel als die Ausnahme. Tatsächlich ist der Arbeitsmarkt für den Durchschnittsjuristen momentan eher gesättigt. So verwundert es nicht, dass laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Jahre 2011 15,2 Prozent der Arbeitslosen in der juristischen Branche mehr als ein Jahr auf der Suche nach einem Job waren. Dabei hat das lange Studium nicht nur viel Kraft und Nerven gekostet, sondern, legt man optimistisch den BAföG-Höchstsatz von derzeit 670 Euro bei elf Semester zugrunde, auch rund 45.000 Euro.

Doch so schön das Arbeiten mit Statistiken auch ist – das Jurastudium hat zahlreiche Seiten und Facetten, von denen sich viele besser mit Worten als mit Zahlen beschreiben lassen.

Zitiervorschlag

Jens Kahrmann, Themenwoche Semesterbeginn: Fünfeinhalb Jahre, 20.000 Seiten, null Wohnheimplätze . In: Legal Tribune Online, 15.10.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9797/ (abgerufen am: 22.07.2019 )

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Kommentare
  • 15.10.2013 15:35, M Comb

    Herr Kahrmann,

    mit Ihrem Artikel gelingt es Ihnen mE vorbildlich, ein Zerrbild des Studiums - genauer: seiner Inhalte und des daraus erwachsenden Mehrwerts für das weitere Leben - zu zeichnen.
    Worte der Ermunterung für die angehende Kollegen werden bei der LTO scheinbar systematisch nicht gesprochen (Rekordhalter ist gleichwohl, das möchten Sie mir nachsehen, für mich nach wie vor der Kollege Baron van Lijnden - http://www.lto.de/recht/studium-referendariat/s/juristenausbildung-vier-gewinnt-nicht/), aber zumindest auf die scheinbar wahllose Zusammenstellung belangloser Informationen in einer für einen ausgebildeten Juristen unbotmäßigen Weise hätte man verzichten können.


    "in Worten: zwan-zig-tau-send!" - Ja freilich, auch Silben sind Wörter und insofern stimmt die Aussage. Aber auch nur dann, und wenn man bereit ist sprachliche Klarheit dem Geist der Effekthascherei zu opfern.

    "Mindestens genauso wichtig wie das Studium ist für den Nachwuchsjuristen das Leben rund um die Uni. [...] Knapp ein Viertel der Studenten machte es sich 2012 noch bei den Eltern gemütlich und fast die Hälfte lebte allein, in einem Wohnheim oder mit dem Partner zusammen." - Heureka! Ca. 3/4 (75%, in Worten: drei viertel, 75 vom Hundert) der Studenten ändern entweder erst gar nichts (1/3 dieser Gruppe) oder treffen eine aus Praktikabilitätsgründen naheliegende Entscheidung (2/3 der Referenzgruppe).
    Da springt einem die Bedeutung "des Lebens" ja geradezu ins Gesicht. Dass Sie dabei nolens volens die Zahlen aller Studenten heranziehen, jedoch dezidiert nur von "den Nachwuchsjuristen" sprechen würde Sir Spencer-Churchill stolz machen. Richtig wird die Aussage erst, wenn man sie so liest, dass "die Nachwuchsjuristen Wert auf eine gewisse (sich hier im Wohnen niederschlagenden) Lebensqualität legen"... darüber will sicher niemand streiten. Auch nicht die Studenten aller anderen Studiengänge, denen das (Luxus-)Problem der Suche nach einem Mindesmaß an Komfort, zB zumindest eines überteuerten aber trockenen 10qm Zimmers, nach Lesart Ihres Artikels gänzlich unbekannt sein dürfte.

    "Obwohl vielen Mensen ein schlechter Ruf vorauseilt, [...]. 37 Prozent der Studierenden hingegen nehmen wöchentlich mindestens drei Mittagsmahlzeiten in den Speisesälen der Bildungsinstitute ein, [...]. Hauptargument ist, wenig überraschend, die räumliche Nähe zur Uni." - 'Seht hier auf dies Gemälde und auf dies, das nachgeahmte Gleichnis zweier Brüder.' mag dem Leser in den Sinn kommen, wenn Mensen zu "Bildungseinrichtungen" erklärt werden.
    Natürlich werden Mensen überwiegend von Angehörigen der Universitäten besucht. Aber wäre es zu viel erbeten auf solche Stilmittelversuch gewordene Satzbauten zu verzichten, sobald und soweit sie die Grenze des Tatsächlichen verwischen? Die meisten Mensen dürften eben gerade nicht "Speisesäle der Bildungseinrichtungen" sein, sondern von den Studentenwerken als eigenständigen Körperschaften getragen werden. Eine Unterscheidung die sich in der Finanzierung (über die Sozialbeiträge, die anders als die Studiengebühren nämlich gerade nicht nur an die Universitäten fließen) bemerkbar macht. Und wenn man mit Zahlen jongliert* dann sollte man mE auch den Rechtsrahmen in dem man das tut sauber abstecken.

    [* Was natürlich in dem Moment ins Absurde abdriftet, in dem man Ihrer Rechnung den Bedarf eines unterhaltsberechtigten Kindes mit eigenem Hausstand nach der Düsseldorfer Tabelle im selben Bezugsraum gegenüber stellt. Da wäre das Studium auf einmal ein richtiges Schnäppchen...

  • 15.10.2013 22:29, Da He

    Herr Kahrmann,

    die Lektüre ihres Artikels offenbart einen der größten Schwachpunkte der Juristenausbildung: die mangelhafte Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Rechtswissenschaft wozu auch die (jüngere) Rechtsgeschichte zählt.
    Nur so kann ich mir erklären, dass sie als einzigen Juristen Otto Palandt namentlich erwähnen. Jener Otto Palandt ist durchaus ein "namhafter" Jurist, denn er hat mit seinen nationalsozialistischen Überzeugungen die Vorworte jenes Kommentars geliefert, der in der NS-Zeit sicherstellen sollte, dass die Rechtsprechung unter anderem die Rassegedanken ausreichend bei der Rechts- "auslegung" berücksichtigt.

    Warum er Frauen diese Fähigkeit absprach, mag dahinstehen...

    • 18.10.2013 22:46, Jens Kahrmann

      Sehr geehrte/r Da He,

      ich besitze die dritte Auflage des Palandt aus dem Jahre 1939 und bin mit dem zwielichtigen Wirken der Herrschaften Palandt, Larenz und Maunz vertraut. Dass ich Herrn Palandt erwähnt habe, liegt schlicht daran, dass er so ziemlich jedem Jurastudenten ein Begriff sein wird.