LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Was macht gute Lehre aus?: "Teach or terminate"

Die Arbeit eines Professors lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Forschung und Lehre. Seine Reputation und Karrierechancen sogar in einem: Forschung. Weil die Lehrqualifikation im Wissenschaftsbetrieb praktisch keine Rolle spielt, landen oft Herren hinterm Rednerpult, die Studenten verlässlich in den Schlaf dozieren. Zeit für einen Paradigmenwechsel, meint Matthias Klatt.

LTO: Herr Professor Klatt, Sie haben eine Juniorprofessur für Öffentliches Recht und beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit juristischer Fachdidaktik. Was macht für Sie gute Lehre aus?

Klatt: Gute Lehre ist für mich eine solche, die die Studenten beim Lernen unterstützt. Es geht nicht darum, dass man als Dozent 90 Minuten lang vorne steht und rhetorisch brilliert oder mit seinem gewaltigen Wissen beeindruckt, sondern, dass man den gesamten studentischen Lernprozess organisiert und strukturiert, und die eigene Lehre darauf ausrichtet, diesen so gut wie möglich zu fördern.

LTO: Wie macht man das?

Klatt: Indem man die einzelnen Elemente der Lehre aufeinander abstimmt. Es bringt für sich genommen nicht viel, wenn man als Professor nebenher einen Twitter-Account betreibt oder Unterlagen auf einem E-Learning-Portal einstellt. Das sind zwar nette Maßnahmen, die irgendwie den Eindruck von Modernität vermitteln, aber sie fruchten erst dann, wenn sie in ein größeres Konzept integriert sind. Wie ein solches aussehen kann, haben wir in einem Lehrprojekt dargestellt, das vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft gefördert wurde.

Prof. Dr. Matthias KlattDazu gehörte zum Beispiel ein ganz anderes Ineinandergreifen von Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften (AG). Letztere werden ja oft als eine Art unbedeutendes Anhängsel behandelt, das irgendwie nebenher läuft. Dabei verzeichnen viele Studenten dort die größeren Lernerfolge, weil die Gruppen kleiner und die individuelle Partizipation höher ist. Wir haben deshalb für unser Konzept die AG als das Herzstück der Lehre aufgefasst. Innerhalb der AGs haben wir die Studenten noch einmal in Kleingruppen von fünf Personen aufgeteilt, und diese nach dem Prinzip des problembasierten Lernens arbeiten lassen – also der Idee, sie möglichst selbständig die Lösung für ein bestimmtes Problem finden zu lassen. So konnten wir auch unterschiedlichen Lern- und Leistungstypen besser gerecht werden. Die Vorlesung haben wir als eine weitere Lernressource verstanden, die die Studenten besuchen konnten, aber nicht mussten.

"In der Klausur nur okkultes Sonderwissen aus der Vorlesung prüfen? Das ist doch albern."

LTO: Ein solcher Bedeutungsverlust der eigenen Vorlesung würde vielen Kollegen sicher nicht schmecken.

Klatt: Zum einen muss es gar kein Bedeutungsverlust sein. Im Gegenteil: Viele Studenten kamen bei uns mit eigenen Impulsen und Fragen aus der AG und haben diese wiederum in die Vorlesung eingebracht. Und wenn jemand die Vorlesung tatsächlich nicht besuchen will, weil er mit dem Stil des Professors nicht zurechtkommt oder prinzipiell besser mit Lehrbüchern lernen kann, was ist dann so schlimm daran? Die eingeschnappte Reaktion besteht darin, die Klausur so zu stellen, dass man sie quasi nur bestehen kann, wenn man die Spezialprobleme in der Vorlesung gehört hat. Das ist doch albern. Als Professor sollte man den Studenten nicht den eigenen Frontalunterricht aufzwängen, sondern sich im Gegenteil dafür interessieren, welche alternativen Lernwege – Smartphone-Apps, MOOCs usw. – es noch gibt, und wie man vielleicht auch diese einsetzen kann, um den Stoff verständlich zu vermitteln.

"Gute Lehre zu machen, lohnt sich nicht"

LTO: So bewusst setzen sich nur wenige Professoren mit der Gestaltung der eigenen Lehre auseinander. Woran liegt das?

Klatt: Das ist natürlich eine vieldiskutierte Frage auf Konferenzen und Tagungen zu (juristischer) Fachdidaktik, von denen ich über die letzten Jahre zahllose besucht habe. Dort wird oft behauptet, dass es wichtig sei, noch mehr Angebote bereitzustellen, um die Lehre zu verbessern. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass das nicht stimmt. Niemand braucht noch mehr Kurse oder Hochschuldidaktikzentren. Wenn Sie zwei Stunden googlen, können Sie mehr gelungene Lehrkonzepte zusammentragen, als Sie in ihrem ganzen Leben umsetzen können. Das Problem ist nicht, dass die Ideen nicht da wären, sondern, dass sie nicht angewendet werden.

LTO: Und warum nicht?

Klatt: Weil viele Professoren keine Motivation dazu haben oder ihrem Idealismus nicht folgen können. Der Wissenschaftsbetrieb honoriert gelungene Lehre in keiner Weise, nimmt sie meist nicht mal zur Kenntnis – und wenn doch, dann oft zum Nachteil des Bewerbers. Früher galt als besonders guter Wissenschaftler, wer besonders miserable Vorlesungen hielt. Heute überwiegt die Sorge, dass die Studenten anspruchsvoll werden und die gelungene Vorlesung, die der eine Professor ihnen bietet, auch von den anderen einfordern könnten. So jemand holt man sich also lieber gar nicht erst ins Haus.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Was macht gute Lehre aus?: "Teach or terminate" . In: Legal Tribune Online, 31.07.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/12739/ (abgerufen am: 15.09.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.07.2014 16:34, LTO-Leser

    Da schwankt man ja zwischen Faszination (angesichts des Mutes des Interviewten, seine ganze Zunft als kleingeistige Versager zu schmähen) und Entsetzen (über soviel unverhohlene Selbstüberhebung).

    Und wenn er jetzt nicht dallidalli einen Job kriegt, liegt es natürlich an der "Sorge, dass die Studenten anspruchsvoll werden und die gelungene Vorlesung, die der eine Professor ihnen bietet, auch von den anderen einfordern könnten". Deshalb müssen die Universitätspräsidenten bitte ganz fix von ihrem Recht Gebrauch machen, "einen Berufungsbeauftragten – zum Beispiel einen Hochschuldidaktiker – in die Berufungskommission zu entsenden", damit Leute wie er endlich auch eine Chance haben.

    Ganz großes Kino!

    • 31.07.2014 17:25, LTO-Leser2

      Das ist das einzige, was Sie aus dem Interview mitnehmen? Der Interviewte macht sich für eine gute Lehre stark und Sie kommentieren das mit "damit Leute wie er endlich auch eine Chance haben." Herzlichen Glückwunsch!

    • 31.07.2014 17:41, Alexander

      Mal davon abgesehen: Was wäre schlimm daran, wenn "Leute wie er" eine Chance hätten?! Wäre mir sehr viel lieber als einige von den Graupen, die ich in meinem Studium habe ertragen müssen.

    • 31.07.2014 18:04, Gast

      Soso, "der Interviewte macht sich für eine gute Lehre stark". Na toll. An jugendlichen Maulhelden, die sich für die ersten halten, die die Bedeutung guter Lehre erkannt haben, und sich auf dieser Basis für allergründlichste Veränderungen "stark machen", fehlt es in der juristischen Fachdidaktik in der Tat nicht. Sie bevölkern die einschlägigen Tagungen und rühmen sich den Rest der Zeit ihrer Teilnahme daran (wie die Website von jemandem aussieht, der sich selber richtig toll findet, kann man bei dem Interviewten besichtigen).

      Woran es leider fehlt, sind Leute, die ihre Konzepte still und leise zehn Jahre lang in der Alltagsrealität juristischer Hochschullehre erproben und dann der Fachöffentlichkeit von ihren Erfahrungen, Erfolgen und Misserfolgen berichten. Denen würde sicher auch ausreichend Gehör zuteil. Den Maulhelden nicht.

    • 01.08.2014 00:30, LTO-Laser

      Ich habe eine Vorlesung bei Prof. Klatt angehört. Sie war besser als sämtliche andere, die ich bisher an der HU Berlin hören durfte/musste, auch wenn er dort sein gesamtheitliche Konzept aus organisatorischen Gründen nicht umsetzen konnte.

      Wenn man erst dann Kritik üben dürfte, wenn man sich dem Zirkus der Professorenstellenvergabe 'erfolgreich' unterworfen hat, liefe diese ins Leere. Nur wer seine Lehre der Forschung unterordnet, darf das Unterordnen der Lehre kritisieren?

      Die Reduzierung dieses Interviews auf die Behauptung der Selbstüberhöhung ist kleingeistig.

  • 02.08.2014 09:47, Prof. Dr. Christoph Herrmann

    Schade, dass hier niemand gewillt zu sein scheint, das Interview mit seinem Klarnamen zu kommentieren...

    Aber zur Sache: grundsätzlich ist jede Diskussion über die Qualität der Lehre (auch, aber nicht unbedingt mehr als in anderen Fächern) sinnvoll und Verbesserungen sollten soweit möglich nicht nur angestrebt sondern auch umgesetzt werden. Einige der Thesen des Kollegen Klatt verdienen aber doch, hinterfragt zu werden. Das fängt bei der Grundannahme an, dass die Lehre "den gesamten studentischen Lernprozess zu organisieren und zu strukturieren habe". Da habe ich meine Zweifel, ob das an einer Universität ein angemessenes Paradigma ist, oder ob es nicht vielmehr Aufgabe der Lehre ist, bei den Studierenden die Neugier auf und die Begeisterung für das Wissen bzw. das Fragen zu wecken und Handreichungen bei der Erlangung zu geben. Nähme man den Begriff der "Hochschulreife" ernst, dann wäre das aus meiner Sicht durchaus angemessen. Dass die Studierenden hierbei unterschiedliche Wege einschlagen, unterschiedlich schnell erlernen bzw. erfahren usw. ist der Sache immanent.

    Was den Vergleich mit den USA angeht, so darf man wohl nicht übersehen, dass die Lehrverpflichtung dort üblicherweise erheblich geringer und fachlich sehr viel enger ist, d.h. dass die Kollegen dort wirklich nur in ihren Spezialgebieten unterrichten, und das häufig auch nur 2-4 Stunden pro Woche. Hinzu kommt, dass die sokratische Lehrmethode, also das Gespräch über einen von den Studierenden bereits angelesenen Stoff in kleinen Gruppen von Voraussetzungen lebt, die in Deutschland weder institutionell noch seitens der Studierenden gegeben sind.

    Schlussendlich trifft auch der Befund nicht zu, dass die Lehrqualität bei Berufungsverfahren keine Rolle spielen würde. Jedenfalls die Berufungskommissionen, an denen ich bislang mitgewirkt habe, haben diese immer wieder - auch intensiv - mit den Studierendenvertretern in den Kommissionen diskutiert, Evaluierungen gesichtet usw. ... für die universitäre Lehre kann die Lehrqualität aber auch nicht das allein ausschlaggebende Kriterium sein, wenn sie sich (jedenfalls auch) auch eigener Forschung speisen soll. Das Niveau der Erkenntnis sollte im Regelfall doch mindestens das Niveau des Erklärens erreichen. Gerade bei der Berufung junger Kollegen muss man überdies in Rechnung stellen, dass sich die Hörsaalkompetenz durchaus noch entwickeln kann, wenn man erst einmal 9 SWS Lehrverpflichtung zu erfüllen hat (was man umgekehrt von der Forschungsqualität nicht zwingend erwarten darf, wenn das für diese zur Verfügung stehende Zeitvolumen auf einmal deutlich reduziert wird). So gesehen ist die Hoffnung, dass ein guter Forscher noch zu einem (noch) besseren Lehrer wird begründeter als die umgekehrte Hoffnung. Im Übrigen werden immer wieder auch nicht-habilierte Wissenschaftler auf Lehrstühle ernannt oder (noch während ihrer Habilitation) auf Berufungslisten platziert....

    Bitte nicht missverstehen: ich will die Thesen des Kollegen Klatt hier keineswegs in Bausch und Bogen kritisieren. Sie sind bedenkenswert und diskussionswürdig - genau dass sollten wir also tun: sie bedenken und diskutieren - und zwar sachlich und ohne "virtuelle Burka"...

    • 04.08.2014 16:57, Referendar

      Sehr geehrter Herr Prof. Hermann,

      ich muss Ihnen leider widersprechen. Aus meiner Sicht führt die Lehre zur Zeit nicht dazu, bei den Studierenden die Neugier auf und die Begeisterung für das Wissen zu wecken sondern eher dazu, die Studierenden durch die kaum mehr überschaubare Stoffmenge zu verunsichern und in die Arme der Repetitoren zu treiben. Denn erst diese organisieren und strukturieren den Lernprozess so, dass man überhaupt in der Lage ist, das Examen zu meistern.

    • 06.08.2014 23:55, Student

      Sehr geehrter Herr Prof. Herrmann.

      Sicherlich kann man die Thesen von Herrn Prof. Klatt in einzelnen Punkten kritisieren, im Grundsatz falsch sind seine Ansätze jedoch nicht.

      Wie mein Vorredner (Referendar) schon schrieb, führt die Lehre (gerade die juristische) leider bei den Studierenden (freundlich ausgedrückt) zu einer gewissen Frustration. Wenn Herr Prof. Klatt hier die Vorlesungen und die zugehörigen AGs als gemeinsame Veranstaltungen zur Erreichung des jeweiligen Lernziels nutzen möchte und so den Studierenden gerade die Begeisterung für das Wissen wecken möchte, kann ich hieran nichts falsches entdecken. Für einen Professor gehört es in meinen Augen zwingend dazu, immer das jeweilige Lernziel seiner Veranstaltung im Auge zu behalten. Die Veranstaltung ist aber nicht nur "seine" Vorlesung, sondern auch die zugehörigen "Neben"-veranstaltungen (AGs, Methodenkurse, usw.). Nur wenn die einzelnen Kurse kombiniert und aufeinander abgestimmt sind, ist mMn bei den Studierenden ein Lernerfolg wirklich umzusetzen.

      @Berufungsverfahren: Leider decken sich meine Erfahrungen der Berufungsverfahren kaum mit ihren. Zwar fanden an meiner Universität standartmäßig Probelehrveranstaltungen zu einem Thema statt, welches alle Kandidaten zu halten hatten, jedoch fanden die Erfahrungen der Studierenden zu den Probelehrveranstaltungen so gut wie keinen Wiederhall in der späteren Auswahl der Berufungsliste. Die letztendliche Diskussion drehte sich eigentlich immer darum, welcher Kandidat die Einwerbung der meisten Drittmittel verspricht, wem man die größte Reputation innerhalb der wissenschaftlichen Society zutraut und wer am wenigsten mit den Forschungsfeldern der bereits vorhandenen Professoren kollidiert. Die Lehre wurde demgegenüber überhaupt nicht gewürdigt. Dementsprechend werden sie nachvollziehen können, wenn ich in dieser Frage den Thesen von Prof. Klatt zuneige und ebenfalls das Berufungsverfahren für dringend verbesserungsbedürftig erachte.

      @Lehre in den USA: Sicherlich ist die Lehre hinsichtlich ihrem Umfang in den USA nicht mit der in Deutschland zu vergleichen. Gleichwohl wäre es schön, wenn es in Deutschland überhaupt mal derartige (Diskussions-)Veranstaltungen geben würde. Die angebotenen Seminare werden regelmäßig auf die Anfertigung der schriftlichen Ausarbeitung mit anschließender Präsentation reduziert, Kolloquien existieren quasi nicht und die AGs werden regelmäßig durch wissenschaftliche Hilfskräfte gehalten, während in den Vorlesungen die natürliche Scheu der Studierenden (wer stellt schon gerne eine Frage vor 300 Kommilitonen) regelmäßig dazu führt, dass keine Fragen gestellt werden (mal davon abgesehen, dass manche Professoren Fragen in den Vorlesungen auch nicht wünschen)...

      Quintessenz: Die juristische Lehre ist im Allgemeinen stark reformbedürftig und meilenweit davon entfernt, unter den Studierenden eine Begeisterung für juristisches Wissen zu wecken. Vor diesem Hintergrund finde ich die Ansätze von Prof. Klatt (aus anderer Blickrichtung und anderen Gründen als sie) als bedenkenswert und diskussionswürdig.

      Student