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Latein für Juristen: Parkettsicher durch Pandektenlektüre

2/2: Wer freiwillig Latein lernt, wird von vielen Fakultäten belohnt

"Latein ist politisch in der Defensive", so fasst auch Martin Avenarius die öffentliche Diskussion zusammen. An vielen juristischen Fakultäten baut man statt auf die Altsprache lieber auf Englischkurse, Verhandlungsmanagement und andere Kompetenzen, die modernen Juristen zugeschrieben werden. Lateinkurse muss man in den Vorlesungsverzeichnissen mit der Lupe suchen: Wer kein Auslandssemester in Wien machen möchte, kann sich zum Beispiel in Würzburg zwei Stunden pro Woche die Grundlagen der lateinischen Grammatik beibringen lassen. "Historische und kulturelle Inhalte" rundeten die Lektionen ab, verspricht die Kursbeschreibung. Auch an der Freien Universität Berlin wird ein wöchentlicher Lektürekurs in Latein angeboten, in dem anhand von juristischen Redewendungen ein Einblick in die Sprache gegeben wird.

Die Fakultäten lassen sich einiges einfallen, um Studenten zu belohnen, die freiwillig Latein lernen: Mit dem Kurs "Latein für Juristen", den der Lehrstuhl von Martin Avenarius in Köln anbietet, können Studenten ihre fachspezifische Fremdsprachenkompetenz nachweisen. Der dazugehörige Schein ist in Nordrhein-Westfalen Zulassungsvoraussetzung für die staatliche Pflichtfachprüfung im ersten Staatsexamen. Auch mit dem gleichnamigen Kurs von Christian Schnabel an der Universität Tübingen machen Studenten einen Schritt in Richtung Examen: Er zählt als Schlüsselqualifikation, die laut baden-württembergischer Prüfungsordnung für die Zulassung zur Pflichtfachprüfung nachgewiesen werden muss.

"Im persönlichen Gespräch mit Lateinkenntnissen auftrumpfen"

Bis zu dreißig Teilnehmer lassen sich pro Semester so in Schnabels Kurs locken. Immerhin rund 15 Studenten schreiben in Köln die Abschlussklausur, mehr noch hören sich die Vorlesung an. Und auch der Heidelberger Lateinkurs, eigentlich mit Blick auf die Promotionsordnung eher für Doktoranden gedacht, ist gerade bei Erstsemestern beliebt. Verständlich, sagen Fans der Altsprache: Latein schule das logische Denken, das für Juristen so wichtig sei, und lehre den präzisen Umgang mit der eigenen Sprache. Davon könnten Juristen schon im Studium profitieren, so Christian Schnabel: "Wer Latein kann, schreibt in der nächsten Klausur Rechtsbegriffe wie 'diligentia quam in suis' richtig." Korrekt eingesetzt könne Latein eine Art rhetorisches Mittel sein, falsch verwendet jedoch sehr peinlich.

Wer die lateinische Fachsprache beherrscht, bringt "Parkettsicherheit" mit, findet auch Martin Avenarius. Dass das sogar Studenten reizt, die sich nicht zum Besuch eines ganzen Lateinkurses motivieren können, hat das Karriereportal Clavisto erkannt: Wie auch LTO landete es mit einer Fotoserie, in der lateinische Rechtssprichwörter übersetzt und erklärt wurden, einen kleinen Facebook-Hit. Latein auf dem Lebenslauf bringe bei der Einstellung in der Großkanzlei zwar weder Vor- noch Nachteile, glaubt dessen Geschäftsführer Jens Wortmann. "Allerdings kann der Lateiner unter den Juristen im persönlichen Gespräch durchaus mit seinen Kenntnissen auftrumpfen. Wer zum Beispiel das lateinische Sprichwort versteht, das der Partner gerade zitiert hat, oder selbst ein Sprüchlein parat hat, macht in diesem Umfeld einen guten Eindruck."

"Einen Habitus vor sich hertragen", nennt Moritz Fastabend das. Der AStA-Referent sagt: "Ein guter Anwalt ist für mich nicht jemand, der mir lateinische Begriffe an den Kopf werfen kann, sondern jemand, der mich fachlich gut berät." Ob er dafür lieber die Pandekten oder das Polizeirecht studiert, muss wohl jeder Jurastudent selbst entscheiden.

Fest steht: Zwingend nötig sind Lateinkenntnisse für Studium und Promotion nicht mehr. Doch viele Professoren und Partner, die selbst in der Schule Ovids Metamorphosen übersetzt haben, belohnen den Einsatz weiterhin – ob mit einem Sprachschein oder einem anerkennenden Nicken im Vorstellungsgespräch.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Latein für Juristen: Parkettsicher durch Pandektenlektüre . In: Legal Tribune Online, 09.09.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13121/ (abgerufen am: 13.07.2020 )

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Kommentare
  • 09.09.2014 20:34, Michael Wirriger

    So manches juristische Urteil, so manchen juristischen Aufsatz möchte man wie folgt kommentieren: "Sita usui lateins abacens".*




    (*Sieht aus wie Latein, is' aber keens...)

  • 10.09.2014 09:25, mb450sel

    Der Aussage "Es tut der Wissenschaft langfristig weh, kluge Köpfe von der Promotion abzuhalten." kann man nur kopfschüttelnd entgegnen: Wer ein kluger Kopf ist, wird auch Latein lernen können. Und wer eine Promotion anstrebt, erst recht.

    Als letzte Frage: Wenn Latein denn nicht mehr nötig sein sollte, wie nennt man denn dann die Promotion? Den Doktor machen? Klingt wirklich eloquent.

  • 11.09.2014 15:45, edlub

    Mir sind noch Fälle von Urkundenfälschung und Hochstapelei in der österr. Richterschaft (sic!) in Erinnerung, die letzlich nur auf Grund schlechter Lateinkenntnisse aufflogen. Dabei handelte es sich vornehmlich um typische "abgebrannte Königsberger Absolventen", die ihre akademischen Meriten einem Meineid verdankten. In Deutschland war man nicht so penibel, und heute kann man sogar auch mit einem Metzger-Meisterbrief und Hauptschule als Grundlage in Bayern Jura studieren und Tüchtigen den Platz streitig machen...

  • 12.09.2014 01:44, Kurt Engel

    Die Diskussion ist akademisch und gleichwohl deshalb interessant, weil vom dem asta Mann verkannt wird,r auf welchen Grundlagen unser Rechtssystem aufbaut.Zum grundlegenden Verständnis gehört auch die Kenntnis des römischen Rechts.Wer Jura studiert, sollte das wissen und verstehen. Nur im mainstream zu schwimmen ist dem nicht förderlich. Einem guten Anwalt oder Richter ist nicht nur das Eingehen auf die soziale Wirklichkeit zu wünschen -oder zu fordern- sondern auch die Grundlagen seines "Handwerkzeugs "nämlich der Gesetze und deren Enstehung ,auch in geschichtlicher Hinsicht, zu kennen. Das ist derGrund ,warum man sich auch mit den Pandekten beschäftigen sollte und muss. Nicht Angeberei mit lateinischen Ausdrücken oder Sentenzen. Wer das verneint ,versteht den Berud des Juristen falsch. Wer allerdings " mainstream" nicht auf lateinisch übersetzen kann, der hat es schwer.

  • 12.09.2014 09:51, Jens

    Alles sehr aufgebauscht. Latein kommt in der heutigen Rechtssprache und folgfeweise in der Juristenausbildung nur in Form einiger weniger Fachausdrücke vor. Um "culpa in contrahendo" zu lernen, muss man kein Latein können, und wesentlich schwerer zu lernen als "Erlaubnistatbestandsirrtum" ist es auch nicht.