Jurastudent setzt mit Start-Up Fluggastrechte durch: Nicht neu, aber noch bequemer

von Marcel Schneider

17.03.2016

Geld verdient man mit guten Ideen oder damit, vorhandene weiterzuentwickeln. Jurastudent Bernhard Schulz entschied sich für letztere Variante und hat sein eigenes Start-Up für geschädigte Fluggäste gegründet.

Nicht jedem Jurastudenten ist klar, was er mit dem Fach später einmal machen will. Bernhard Schulz, derzeit im fünften Trimester an der Hamburger Bucerius Law School, kann schon heute eine Antwort geben: "Juristische Kenntnisse sind für Legal-Tech-Startups unerlässlich."

Der 21-Jährige arbeitet bereits seit einigen Jahren als Freiberufler, unter anderem als Projektmanager und Entwickler für eine Berliner Agentur oder als Berater für ein russisches Softwareunternehmen, das ihr Produkt in die deutschen Märkte einführen möchte. Seit Anfang 2016 ist er als Gründer von compensation2go.de Chef im eigenen Unternehmen. Im Januar entwickelte er Webseite und System, im Februar ging er mit dem Angebot an den Markt. Ziel ist es, enttäuschten Fluggästen die Durchsetzung ihrer Entschädigungsansprüche nach Art. 7 der Fluggastrechte-Verordnung (VO EG Nr. 261/2004) abzunehmen. Zwischen 250 und 600 Euro stehen den Betroffenen bei Nichtbeförderung, Annullierung oder großen Verspätungen zu – vielen ist das zu wenig, um das Risiko der Anwalts- und Prozesskosten auf sich zu nehmen. Denn bis man sie vor Gericht zerrt, reagieren die meisten Fluggesellschaften nicht.

Neu ist die Idee nicht, der Platzhirsch auf diesem Feld ist die 2010 gegründete Plattform flightright.de. Geschädigte Airline-Kunden überlassen Flightright die Durchsetzung ihrer Ansprüche, und geben im Erfolgsfall ein Viertel der erstrittenen Entschädigung als Provision ab. Schulz' Angebot behält mehr von dem Geld ein, je nach Anspruchshöhe 33 bis rund 44 Prozent. Dafür bietet sein Modell einen besonderen Bequemlichkeitsfaktor, indem es den Kunden seinen Anspruch komplett abtreten lässt und  die Entschädigungssumme abzüglich des Anteils von compensation2go sofort auszahlt – unabhängig davon, ob die Durchsetzung gegenüber der Airline später gelingt. Sein Angebot sei "ein Convenience-Produkt", das gut ankomme, sagt Schulz. Genaue Zahlen will er nicht nennen, doch nach eigenen Angaben hat compensation2go in den ersten sechs Wochen nach Aufnahme der Tätigkeit eine dreistellige Zahl von Ansprüchen bearbeitet.

In 97 von 100 Fällen erfolgreich

Schulz' Kunden machen auf der Webseite Angaben zum Flug und füllen eine Abtretungserklärung aus. Das System prüft die Angaben grob auf Erfolgsaussicht, indem es sie beispielsweise mit Wetterdaten und Presseartikeln abgleicht, denn: "Bei Unwetter oder Streik geht die Rechtsprechung von einem 'außergewöhnlichen Umstand' aus. In solchen Fällen besteht kein Anspruch auf Entschädigung nach der Fluggastrechte-Verordnung", erklärt der Jurastudent. Entsprechende Anfragen würden daher abgelehnt. Passiert die Eingabe die automatische Prüfung, landet sie zur händischen Bearbeitung auf dem Schreibtisch, wo etwa eingescannte Flugtickets oder Buchungsbestätigungen untersucht werden.

Dann erhält der Kunde ein Angebot. Nimmt er an, bekommt er den Betrag ausgezahlt und hat mit dem Rest des Prozesses nichts mehr zu tun. Die entsprechende Airline wird anschließend in Verzug gesetzt und bei ausbleibender Reaktion nach einigen Wochen wiederum automatisch gemahnt. "Meistens passiert auch nach diesem Schritt nichts, bis hierhin ignorieren die Airlines berechtigte Forderungen in der Regel. In diesen Fällen geht die gesamte Akte an eine spezialisierte Kanzlei in Berlin, die die außergerichtliche und gerichtliche Durchsetzung der Ansprüche für uns übernimmt", so Schulz. Die Prozesskosten dafür müsse sein Unternehmen vorfinanzieren. Mit dem Geld, das für den Aufkauf der Entschädigungsansprüche benötigt wird, kommt damit eine ordentliche Summe zusammen.

Geldgeber seien wegen der derzeit günstigen Zinsen vergleichsweise einfach zu finden, sagt Schulz. Sein Hauptargument ist aber das überschaubare Risiko: "Es ist sehr genau nachvollziehbar, wie hoch die Ausfallquote und der daraus resultierende Transaktionsgewinn ist. In 97 von 100 Fällen setzen wir die Ansprüche erfolgreich durch, das lockt selbst eher konservative Geldgeber". Nur in ganz unberechenbaren Einzelfällen klappe es nicht. Zum Beispiel, als sich eine Biene in die Tiefen eines Cockpit-Messgeräts verirrte und damit den Start verhinderte.

Vereinbarkeit von Studium und Unternehmertum

Während Geld also vorhanden ist, mangelt es eher an der Zeit. Es gebe schon potentielle Investoren, die von ihm verlangten, das Studieren einzustellen und sich ganztags dem Job als Geschäftsführer zu widmen, sagt Schulz. Doch sei es "keineswegs so, dass sich Jurastudium und Unternehmensgründung gegenseitig ausschließen. Vielmehr ergänzen sich die beiden Tätigkeiten: Das Studium vermittelt hilfreiches Grundwissen, die Anforderungen der Praxis geben hingegen Anlass, sich mit speziellen Rechtsgebieten zu beschäftigen."

Für die Zukunft von compensation2go hat er schon weitere Pläne: "Im Moment läuft es gut, allerdings ist der deutsche Markt für solche Angebote sehr angespannt. Deshalb würde ich den Service gerne auf andere Länder ausweiten."

Neben dem Studium unternehmerisch tätig zu werden, sei eigentlich gar nicht so schwierig, meint Schulz – die meisten täten es bloß einfach nicht. "Ich kenne viele Kommilitonen und junge Leute, die gute Ideen und tolle Konzepte haben, sie packen die Dinge nur nicht an. Was man in vier Wochen in die Wege leiten kann, eignet sich für ein Start-Up-Experiment."

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Jurastudent setzt mit Start-Up Fluggastrechte durch: Nicht neu, aber noch bequemer . In: Legal Tribune Online, 17.03.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18805/ (abgerufen am: 23.10.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 17.03.2016 13:17, egal

    Ohne es genau geprüft zu haben, dürfte wohl ein Verstoß gegen das RDG vorliegen, wenn dieser Durchsetzung letztlich eine Entgeltlichkeit zugrundeliegt. Ob das Abtreten hier wirklich davor bewahrt?

    Unabhängig davon halte ich das Modell für wirtschaftlich nicht tragbar auf Grund des großen Kapitaleinsatzes und der Fremdfinanzierung (keinen Zinssatz genannt? warum?). Ob die 97 % wirklich stimmen oder zumindest dauerhaft stimmen? Da hab ich so meine Zweifel. Aber ist ja letztlich egal, Investoren sind ja andere Leute :D Und wenns nicht läuft, ist deren Geld weg.

    Auch stellt sich die Frage, warum die Kunden nicht gleich zum Anwalt gehen? Dann bekommen Sie in vergleichbaren Fällen die ganze Summe und haben letztlich genauso wenig Scherereien.

    Was heutzutage alles als Businessidee so durchgeht...

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    • 19.03.2016 10:20, .

      Wenn der Forderungsverkäufer an dem wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg der Einziehung nach Abtretung nicht teilnimmt, sondern nur einen festen erfolgsunabhängigen Kaufpreis für seine Forderung erhält, liegt keine Inkassodienstleistung/Rechtsdienstleistung seitens des Forderungskäufers vor. Dass unter diesen Umständen keine Erlaubnis nach RDG erforderlich ist, könnte der Grund dafür sein, dass aus der Kopie eines Geschäftsmodells hier eben ein leicht abgewandeltes Geschäftsmodell wurde (Übernahme des Ausfallrisikos, quasi Vorfinanzierung für den Forderungsverkäufer).

  • 17.03.2016 14:12, Ah so

    "Auch stellt sich die Frage, warum die Kunden nicht gleich zum Anwalt gehen? Dann bekommen Sie in vergleichbaren Fällen die ganze Summe und haben letztlich genauso wenig Scherereien."

    Schon mal darüber nachgedacht, dass nicht jeder eine Rechtsschutzversicherung besitzt? Selbst wenn, decken ein Großteil der abgeschlossenen Versicherungen solche Fälle gar nicht ab, da auf Familie/Beruf/Straßenverkehr beschränkt. Mal ganz von Selbstbeteiligungen abgesehen, die gerne mal die Höhe von 250€ weit überschreiten. Wenn man selbst Anwalt ist, bzw. Student, dessen Rechtsschutz vom Papa bezahlt wird, stellt man sich vielleicht die Frage, warum nicht jeder gleich zum Anwalt geht.

    Ein Otto Normalverbraucher, ohne alles abdeckende Rechtsschutz, wird das Risiko aber in den meisten Fällen nicht eingehen um eventuell 250 € zu erhalten.

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    • 14.10.2016 09:53, Buerger

      Das Kostenrisiko bei einer Rechtsschutzversicherung ist leider auch nicht beschränkt auf die Selbstbeteiligung, sondern es gibt auch Anwälte, denen das von der Versicherung gezahlte Geld nicht reicht, und Die in verklausilierten Verträgen noch ein nicht unerhebliches Zusatzgeld von ihrem Mandanten verlangen.
      Ob der Anwalt wirklich dieses Geld wert war habe ich bei meiner Klage gegen Lufthansa nicht ausprobiert, aber der Anwalt der mich auf Grundlage der Versicherungszahlung vertreten hat, war nicht sehr erfolgreich!

  • 17.03.2016 14:54, Kostenlos besser

    Warum nicht einfach an die für Reisende kostenlose Schlichtungsstelle wenden? Da gibt es den ganzen Anspruch auch ohne die üppige Provisionspflicht...

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    • 25.03.2016 20:55, Buerger

      Die Schlichtungsstelle ist nur ein Feigenblatt, wie ich schon in mehreren Fällen (Einfamilienhausbau, Finanzamt und Lufthansa) erleben durfte und kostet nur Zeit und Nerven.

  • 17.03.2016 15:09, Matthias Krause

    Smarter Kerl, beachtlich was er mit seinen 21 Jahren schon geleistet hat (Eliteuni, Startup neben dem Studium, Berufserfahrung...). Die Kanzleien werden sich sicher um ihn reißen.

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  • 17.03.2016 17:43, Bernhard

    Ob sich Kanzleien um ihn reißen, hängt hierzulande noch immer und entscheiden von seinen Examensnoten ab, da mag er noch so smart sein.

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  • 17.03.2016 17:43, Bernhard

    entscheidend

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  • 17.03.2016 18:53, der ober

    wahre worte. obwohl ich ewig lange studiert & gegammelt habe, hatte ich dank dem (1x) VB nie probleme auf dem markt. stex ist fluch & segen zugleich ...

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  • 21.03.2016 17:59, GrafLukas

    Ist das eigentlich wieder ein Sponsored Article der Bucerius?

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    • 25.03.2016 21:58, HeinzMüller

      Der Verdacht, dass es sich hier um bezahlte PR handelt, drängt sich schon extrem auf....

  • 21.04.2016 10:32, Vorsicht!

    "Dafür bietet sein Modell einen besonderen Bequemlichkeitsfaktor, indem es den Kunden seinen Anspruch komplett abtreten lässt und die Entschädigungssumme abzüglich des Anteils von compensation2go sofort auszahlt"

    NEIN! Ich wurde vor vier Wochen informiert, dass die Summe ausgezahlt werden würde, was - trotz Erinnerungen - nicht passiert ist. Einen Support per E-Mail/Telefon gibt es nicht. Von diesem Start-Up sollte man also die Finger lassen!

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    • 11.10.2016 14:32, Georg L.

      Hier drängt sich doch sehr der Verdacht auf, dass das Modell "mies" gemacht werden soll. Ich kann nur sagen: Gestern mittag Antrag gestellt, gestern nachmittag Vereinbarung unterschrieben und heute morgen das Geld auf dem Konto vorgefunden. NOCH FRAGEN ?

  • 04.08.2016 10:38, S. N.

    Das Unternehmen ist seit 2 Wochen unerreichbar, auf meinen Antrag und mehrere Emails wurde nicht reagiert.
    Eine telefonische Rücksprache mit dem laut Homepage von Mo. bis Fr. in der Zeit von 9 - 18 Uhr zur Verfügung stehenden Support-Team war zu keinem Zeitpunkt möglich, hier läuft lediglich ein AB.

    Ich schließe mich dem Vorschreiber an, Finger weg!

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 11.10.2016 14:34, Georg L.

      Hier drängt sich doch sehr der Verdacht auf, dass das Modell "mies" gemacht werden soll. Ich kann nur sagen: Gestern mittag Antrag gestellt, gestern nachmittag Vereinbarung unterschrieben und heute morgen das Geld auf dem Konto vorgefunden. NOCH FRAGEN ?

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