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Juristisches Staatsexamen: Zu viel Stoff für zu wenig Hirn?

von Sabine Olschner

06.08.2019

Diskutiert man eine Reform des Staatsexamens, steht auch immer die Verringerung des Pflichtfachstoffs zur Debatte. Ob der zu umfangreich ist, hat Sabine Olschner Rechts- und Neurowissenschaftler gefragt. 

Je nach Bundesland zwischen fünf und acht Klausuren zu je fünf Stunden im staatlichen Examensteil, das Ganze in zwei Wochen, danach die mündliche Prüfung, für viele geht es wiederum danach noch weiter mit den Prüfungen im Schwerpunktbereichsstudium – das ist eine Menge Stoff, die es zu lernen gilt. Die meisten Jurastudenten nehmen sich deshalb mindestens ein Jahr für die Examensvorbereitung Zeit – nicht selten auch länger. Muss das eigentlich sein? 

"Wir prüfen zu viel – und dann auch noch das Falsche", sagte kürzlich die Leipziger Strafrechtsprofessorin Dr. Elisa Hoven im LTO-Interview – betonte aber auch, dass das Examen an sich ein weltweit geachteter Abschluss sei. Dr. Johann Kindl, Professor für Zivilrecht an der Universität Münster, sieht das Ganze pragmatisch: "Wenn Absolventen später in den klassischen Juristenberufen arbeiten wollen, müssen sie eben ein umfangreiches Wissen mitbringen", ist er überzeugt. "Der Besuch von Vorlesungen reicht da nicht aus. Sie müssen auch bewiesen haben, dass sie ihr Wissen anwenden können." 

Christian Sommer, Gesellschafter des juristischen Repetitoriums Alpmann Schmidt, stimmt dieser Aussage zu: "Das Grundverständnis für die Rechtsbereiche muss vorhanden sein, um später beruflich erfolgreich zu sein. Problematisch sehe ich allerdings den immer höheren Detaillierungsgrad – das ist für die Examenskandidaten in der Tat schwer zu stemmen." Nicht umsonst hätten sich die Repetitoren seines Unternehmens auf jeweils einen juristischen Bereich, also entweder Öffentliches Recht, Strafrecht oder Zivilrecht, spezialisiert. "Wenn man überlegt, dass ein Student das Ganze, worauf sich ein Dozent jeweils konzentriert, sozusagen in dreifacher Ausführung lernen muss, ist klar, dass er nicht jeden Bereich in seiner vollen Tiefe durchdringen kann."

"Zu viel" lernen als Regelfall?

Der Professor und der Repetitor sind sich einig: Es reicht nicht aus, Fälle auswendig zu lernen. Man muss auch die Methodik verstehen und sie auf andere Fälle übertragen können. Das sieht auch Jenna Pütz so. Die Jurastudentin von der Universität Bonn hat den staatlichen Teil kürzlich hinter sich gebracht. Im Nachhinein glaubt sie: "Es wäre sinnvoller gewesen, wenn ich weniger anhand der Vorlesungsunterlagen gelernt und stattdessen früher mit dem Lösen von Fällen angefangen hätte." 

Denn: Zwei Jahre hat sie sich für die Examensvorbereitung genommen, ein Jahr im Repetitorium, ein Jahr allein beziehungsweise mit einer Lerngruppe. "Egal, wie viel man lernt: Eigentlich fühlt man sich nie so richtig bereit für das Examen", so ihr Eindruck. "Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich für die Prüfungen weit weniger Stoff brauchte, als ich gelernt hatte – aber ich wollte ja gut vorbereitet sein." 

Sie findet den Umfang der juristischen Prüfungen trotz aller Arbeit, die das für sie bedeutet hat, angemessen. "Um später Volljurist zu werden, ist ein Gesamtüberblick über die juristische Materie sowie ein Verständnis für die Zusammenhänge wichtig." Über die zwei Jahre der Lernphase hinweg hat sie den Stoff deshalb immer wieder erneut durchgekaut. Sie schwört auf Lernen durch Wiederholung und will auch das zweite Examen so angehen.

Hirnforscher: "Lernzeit und –ort immer wieder wechseln"

Passt so viel Stoff, wie ihn die Examenskandidaten beherrschen müssen, überhaupt in einen Kopf? Nach Ansicht von Dr. Martin Korte, Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig, hat Jurastudentin Pütz jedenfalls alles richtig gemacht. Korte untersucht die zellulären Grundlagen des Lernens und Vergessens und weiß: "Mit jedem Lerngang behält das Gehirn rund zehn Prozent des Gelernten. Wenn man etwas zu 100 Prozent in Erinnerung behalten will, muss man es also etwa zehnmal wiederholen" - so jedenfalls die Faustformel, die aber nicht pauschal auf jeden anzueignenden Stoff anwendbar sei. 

Wovon Korte indes hundertprozentig überzeugt ist: Wenn man sein Wissen in kürzeren Intervallen immer wieder abruft, festigen sich die Strukturen. "Das bedeutet für Jurastudenten: Sie sollten am besten schon früh im Studium anfangen zu lernen – und es nicht darauf ankommen lassen, erst am Studienende alles Wissen auf einmal aufzunehmen. Dann neigt man nämlich dazu, alles ins Kurzzeitgedächtnis zu packen – und hat entsprechend wenig davon." 

Im Gegensatz zu juristischen Bachelor- und Masterstudiengängen kommt es beim Studium der klassischen Rechtswissenschaft nur auf die Leistungen in der Examenszeit an. Um für diese fit zu werden, hilft es dem Gedächtnis sehr, das Erlernte in Probeklausuren so oft wie möglich praktisch anzuwenden, so Korte: "Beim Formulieren – mündlich oder schriftlich – festigen sich die Gedanken. Daher finde ich auch Lerngruppen, in denen Jurastudenten aktiv gemeinsam Fälle lösen, sehr sinnvoll." Zudem helfe es, harte Fakten, die man wissen muss, so nah wie möglich am Examen zu lernen, während Strukturen wie etwa Schemata bestimmter Tatbestände besser langfristig zu festigen seien. 

Weitere Tipps des Lernexperten: Ausreichend schlafen, denn im Schlaf festige sich das Wissen. Ausreichend trinken, um die Gehirnzellen wach zu halten. Und vor allem: den Lernort, die Lernzeit und die Reihenfolge der Inhalte wechseln, damit man lernt, sein Wissen auch kontextunabhängig abzurufen. Denn nicht selten könnten sich Prüflinge an das Wissen, das sie am heimischen Schreibtisch noch aus dem Effeff nennen konnten, im Prüfungsraum plötzlich nicht mehr erinnern, so Korte. 

Zitiervorschlag

Juristisches Staatsexamen: Zu viel Stoff für zu wenig Hirn? . In: Legal Tribune Online, 06.08.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/36891/ (abgerufen am: 07.12.2019 )

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