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Juristische Informationsbeschaffung: Bit versus Paper

von Prof. Dr. Roland Schimmel

21.04.2016

Rechtswissenschaftliches Fachwissen gibt es sowohl in gedruckter als auch in digitaler Form. Roland Schimmel hat das Experiment gewagt, Information aus Print- und Onlineangeboten anhand einer wichtigen BVerfG-Entscheidung zu vergleichen.

Dass die Digitalisierung im Allgemeinen und das Internet im Besonderen Geschwindigkeit und Komfort des Zugriffs auf juristische Fachinformationen deutlich erhöht haben, ist ein Allgemeinplatz unter den älteren Juristen. Für die jüngeren und insbesondere die heutigen Studenten ist das kein Thema mehr, weil sie sich an eine Zeit ohne Internet gar nicht erinnern.

Indes weigert sich das Gutenberg-Universum bislang beharrlich aus der Rechtswissenschaft zu verschwinden. Gerade bei den auch in dieser Hinsicht eher konservativen Juristen genießt das gedruckte Medium weiter große Wertschätzung. Als Lehrender ist es gar nicht so einfach, den elektronisch sozialisierten Studienanfängern Bücher und Fachzeitschriften ans Herz zu legen.

Die Argumente dafür werden auch spärlicher: Gedruckte Medien bieten keine verlässliche Qualitätskontrolle mehr, weil die Verlage diese Funktion immer weiter an die Leser auslagern. Umgekehrt erhebt der eine oder andere Jura-Blog im Internet mit aufwendigen Peer-Review-Verfahren durchaus wissenschaftlichen Anspruch. Die Übergänge werden also flüssiger und die Informationsquellen der Studenten bei der Prüfungsvorbereitung und dem Verfassen von Haus- und Seminararbeiten vielfältiger. 

Experiment: Treaty-Override-Entscheidung als Ausgangspunkt

Warum also nicht einmal ein kleines Experiment unternehmen und anhand eines juristischen Ereignisses betrachten, wie gut und wie schnell man sich im Internet einerseits und mit gedruckten Texten andererseits informieren kann?

Als Beispiel dient die bedeutende Treaty-Override-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 15.12.2015, im Volltext nebst Pressemitteilung veröffentlicht am 12.2.2016. Das Urteil ist nicht nur für Experten für exotische Detailfragen von Doppelbesteuerungsabkommen interessant, sondern auch für Studenten des Rechts wegen der darin getroffenen Aussagen zum Verhältnis des Bundesrechts zum Völkerrecht. Dadurch verdient es neben dem steuerrechtlichen Ausgangspunkt auch staatsrechtliches und rechtstheoretisches Interesse.

Im Folgenden sind die Beiträge zusammengestellt, die innerhalb der ersten acht Wochen nach Verfügbarkeit des Urteilstexts erschienen sind. Vollständigkeit wurde angestrebt, aber sicher nicht erreicht.

Das Internet ist überpünktlich

Das Verfahren war bereits vor Veröffentlichung des Urteils Thema in Blogs. Bereits Stunden nach Veröffentlichung der Pressemitteilung gab es mit dieser fast identische Einträge bei Beck und eine Mitteilung beim Otto Schmidt Verlag. Auch erste um zusätzliche Information ergänzte Nachrichten waren noch am selben Tag in der elektronischen Fachpresse verfügbar. Ebenso berichtete die allgemeine Presse, so zum Beispiel TAZ, FAZ und Focus.

Ebenfalls noch am 12. Februar erschien ein Eintrag im Verfassungsblog, tags darauf einer im NWB-Expertenblog, zwei Tage später ein ausführlicher Beitrag in der LTO sowie eine kurz anmoderierte Wiedergabe des Entscheidungstexts. Auch Anwälte meldeten sich zu Wort, verstärkt erschienen auch wissenschaftlich angelegte Blogposts, teilweise gar umfassende Paper von wissenschaftlichem Zuschnitt.

Aufgegriffen und kommentiert haben das Urteil überwiegend Rechtswissenschaftler und Rechtsanwälte, aber auch Steuerberater. Das steuerrechtliche Ausgangsproblem tritt aber in fast allen Kommentierungen hinter die verfassungsrechtlichen Fragen deutlich zurück.

Was geschieht derweil im Printbereich?

Wie stünde es nun um die Verfügbarkeit der nötigen Informationen bei unterbrochenem Netzzugang oder im Falle freiwilliger digitaler Abstinenz? Gar nicht so schlecht, denn auch in den Printversionen der allgemeinen Presse taucht das Thema immerhin vereinzelt auf.

Die ersten Volltextabdrucke des Urteils findet man in den Beck'schen Fachzeitschriften DStR (2016, 359 ff.); IStR (2016, 191 ff.) und WM (2016, 568 ff.). Die ersten Urteilsanmerkungen erschienen am 19.2.2016 (Mitschke, DStR 2016, 376 f.), am 26.2.2016 (Henningfeld, DB 2016, 443 f.) und am 17.3.2016 (Lehner, IStR 2016, 217 ff.). Darüber hinaus ist die Entscheidung eingearbeitet in den Informationsdienst Steuerrecht kurzgefasst vom 23.03.2016 (Möller, SteuK 2016, 119 ff.).

Wer allerdings das Urteil nach dem Abdruck in der Entscheidungssammlung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfGE) oder auch nur in der am weitesten verbreiteten Fachzeitschrift (NJW) zitieren möchte, wird sich wohl noch eine Weile gedulden müssen.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Juristische Informationsbeschaffung: Bit versus Paper . In: Legal Tribune Online, 21.04.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19149/ (abgerufen am: 23.09.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 21.04.2016 10:42, LTO-Leser

    Erster :)

    • 26.04.2016 00:24, Laser

      "Erster" sein reicht nicht - man muss auch sehen können: diese analytische Power, diese visionäre Kraft! Als wohl erster Jurist weltweit erkennt der Autor, dass dieses neumodische Internet-Dings das Potential hat, mehr zu sein als bloß ein neues Spielzeug für den Pöbel, ja dass es unseren Alltag, unser Denken, unser Fühlen revolutionieren und auch für Juristen ein in jeder Hinsicht nützliches, gar unentbehrliches Hilfsmittel darstellen wird.

      Und so ein Genie lassen wir als FH-Professor versauern?? In was für einem Land leben wir, was für eine Zeit, was für Sitten ...

    • 26.04.2016 12:34, stimmt schon

      @Laser: Wenn es wider Erwarten doch zur Verleihung des Nobelpreises kommen sollte, würden Sie die Laudatio ...?

    • 27.04.2016 11:59, Laser

      Dann hätten es ja die anderen auch gemerkt. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, für den Schimmel zu werben, solange ich der einzige bin, der seine überragende Begabung erkannt hat.

    • 28.04.2016 12:16, soisses

      @Laser: Glücklich ist, wer wenigstens einen Laser findet. Zumal wenn der auch noch bereit ist, alles zu lesen, dessen er habhaft wird, und dann kostenlose Werbung zu veranstalten. Der Verfasser kann stolz sein. Bestimmt revanchiert er sich eines Tages, wenn Sie über die Kommentarspalte hinausgewachsen sein werden.

  • 22.04.2016 12:13, Digital wo denn??

    Leider sind die großen Verlage - die sich aber nicht zu schade sind die Leser gründlich auszubeuten - was das Angebot an eBooks angeht totale Wüste. Wo bitte ist der Palandt den ich komfortabel und ohne diese lächerlichen Abkürzungen auf meinem IPAD mitnehmen könnte?? Oder die Sammlung Schönfelder und und und ... lächerlich, vom Kunden zu erwarten, daß er noch Blätter einsortiert! Und zig kg schwere unhandliche Wälzer durch Gegend wuchtet! Herr Beck - sie sind reich genug. Legen sie mal Ihre paranoide Angst vor Piraterie ab und geben sie alle Bücher und Zeitschriften als eBook heraus. Der Onlinezugriff ist zu eingeschränkt, teuer und unpraktisch!

    • 22.04.2016 15:16, Jemand_NRW

      Bzgl. Gesetzeskommentaren haben Sie wohl recht, was aber bloße Gesetzestexte angeht, gibt es schon gute Lösungen - bspw. eine App von Gesetze-im-Internet.

    • 22.04.2016 15:43, Jemand_NRW

      ...ich muss meinen vorherigen Kommentar etwas korrigieren:

      Die von mir angesprochene App stammt nicht von Gesetze-im-Internet, sondern greift lediglich auf die dort hinterlegten Gesetzestexte zu. Die App selbst heißt schlicht "Gesetze" (im Android Play Store) und wurde nicht von einem Unternehmen oder einer Behörde entwickelt.