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Eltern in Ausbildung - fünf Protokolle: "Gelernt habe ich erst ein, zwei Monate vor dem Examen"

Anke Kindscher (30) studiert im 13. Semester Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat zwei Kinder.

"Solange Sie sich nicht stillend in die erste Reihe setzen, ist alles in Ordnung", so antwortete einer meiner Professoren mal auf meine Frage, ob ich meine Kinder mit an die Uni bringen darf. Für meine Dozenten an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist es kein Problem, wenn die beiden zum Beispiel mit in einer Klausurbesprechung sitzen. Meine achtjährige Tochter habe ich sogar ab und an mit in die Bibliothek genommen. Während ich Baurecht lerne, malt sie am Nachbartisch ein Bild.

Foto: Anke KindscherDie Prüfungsordnung ist allerdings deutlich weniger kinderfreundlich: Es fehlt an wichtigen Stellen an Sonderregelungen für Eltern, finde ich. In Bayern muss man das erste Staatsexamen zum Beispiel spätestens nach zwölf Semestern schreiben. Weil sich mein Studium durch die Geburt meines Sohnes vor zwei Jahren verzögert hat, bin ich aber bereits im dreizehnten Semester. Jetzt muss ich beim Landesjustizprüfungsamt eine Ausnahme beantragen. Ob ich die bekomme, konnte mir dort bisher noch niemand verbindlich sagen – ein ziemliches Pokerspiel, das an meinen Nerven zerrt.

Auch die juristische Fakultät ist nicht wirklich auf Eltern eingestellt: Eine Verlängerung der Bearbeitungszeit für Hausarbeiten gibt es zum Beispiel nur in absoluten Ausnahmefällen. "Nur" zwei kleine Kinder sind allerdings in der Regel kein ausreichender Grund. Früher wurden außerdem viele wichtige Klausuren erst abends geschrieben, teilweise erst um 19 Uhr. Weil unsere Tochter nur bis spätestens 17 Uhr im Kindergarten war und mein Mann im Schichtdienst arbeitet, stellte mich das oft vor große Probleme.

Gerade um die Zeit der Zwischenprüfung habe ich mich deshalb schon manchmal gefragt, ob das Jurastudium eine gute Idee war. Auch in der Examensvorbereitung, in der ich im Moment stecke, denke ich manchmal: "Du bist doch größenwahnsinnig." Lernen kann ich nur morgens oder abends, wenn die Kinder im Bett sind. Lernpläne schreibe ich für maximal eine Woche im Voraus – länger kann man mit kleinen Kindern nicht planen. Mal eine fünfstündige Übungsklausur am Stück schreiben: Das klappt höchstens am Wochenende, wenn mein Mann zuhause ist und sich um die beiden kümmert. Aber mit viel Kaffee und wenig Schlaf habe ich bisher noch jede Prüfung gemeistert.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Eltern in Ausbildung - fünf Protokolle: "Gelernt habe ich erst ein, zwei Monate vor dem Examen" . In: Legal Tribune Online, 09.12.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14058/ (abgerufen am: 12.07.2020 )

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