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Eltern in Ausbildung - fünf Protokolle: "Gelernt habe ich erst ein, zwei Monate vor dem Examen"

In der vergangenen Woche haben wir beschrieben, wie das bürokratische Drumherum für junge Juristen aussieht, die während ihres Studiums oder Referendariats Eltern werden: ganz schön kompliziert nämlich. Heute erklären vier junge Mütter und ein Vater, warum die juristische Ausbildung trotzdem ein guter Zeitpunkt für die Familiengründung ist, und wie man Examensstress und Babygeschrei gleichzeitig wegsteckt.

Anna Bosch (28) ist zur Zeit in der Zivilstation ihres Referendariats und Mutter zweier Kinder.

Einer der ersten Punkte, den ich nach der Geburt meines zweiten Kindes abgehakt habe: Eine Kopie der Geburtsurkunde ans Prüfungsamt schicken. Wäre der Nachweis dort nicht rechtzeitig eingegangen, hätte ich entweder meinen "Freischuss" verloren, – oder kaum zwei Monate nach der Geburt zu den restlichen fünf Examensklausuren antreten müssen. Das hätte ich körperlich zwar kaum geschafft, aber die VerwFoto: Anna Boschaltungspraxis in Nordrhein-Westfalen ist in der Hinsicht ziemlich streng. Schließlich habe ich doch dann eine Verlängerung bekommen, um ein halbes Jahr.

Wirklich gelernt habe ich trotzdem erst ein, zwei Monate vor dem Examen. Ich hatte ja immer nur dann Zeit, wenn meine große Tochter in der Schule war und die Kleine geschlafen hat – was nicht allzu oft vorkam. Drei Wochen vor den Klausuren hat mein Freund seine Diplomarbeit abgegeben und konnte sich ganz um die Kinder kümmern. Damals habe ich versucht, noch schnell irgendetwas zu lernen und Schwerpunkte zu setzen. Im Öffentlichen Recht hat das ganz gut geklappt und die mündliche Prüfung einige Zeit später war mit einem einjährigen Kind schon wesentlich leichter zu bewältigen.

Momentan absolviere ich mein Referendariat. Ausnahmen für Eltern gibt es da ebenfalls keine – und das finde ich grundsätzlich auch richtig so. Schließlich tragen fertige Juristen viel Verantwortung, auf die sie gut vorbereitet werden sollen. Trotzdem habe ich als Mutter vielleicht Vorteile gegenüber anderen Referendaren, zum Beispiel in der Verwaltungsstation: Wenn ich einen Bescheid lese, erinnere ich mich an die vielen ähnlichen Schriftstücke, die ich wegen meiner Kinder schon bekommen habe, vom Kindergeld bis zur Schuluntersuchung. Manche Aufgaben fallen mir deshalb leichter, obwohl ich das Handwerkszeug dafür noch nicht gelernt habe – einfach weil ich die durch meine Kinder entsprechende Lebenserfahrung mitbringe. Auch deshalb würde ich sie immer wieder so früh bekommen.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Eltern in Ausbildung - fünf Protokolle: "Gelernt habe ich erst ein, zwei Monate vor dem Examen" . In: Legal Tribune Online, 09.12.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14058/ (abgerufen am: 16.10.2019 )

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