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Abkürzungen zum Doktor: Promotionsvermittler und Photoshop

von Prof. Dr. Roland Schimmel

22.10.2013

2/2: Die Abkürzung der Abkürzung

Man könnte aber auch auf den Gedanken kommen, es sich noch ein wenig einfacher zu machen: Man schreibt erst gar keine Arbeit, sondern fertigt nur eine gefälschte Promotionsurkunde an, so dass die Bewerbungsunterlagen ein wenig zusätzlichen Glanz erhalten.

Der Vorteil: Man behält die volle Kontrolle über das Thema, die erzielte Note und den Namen des Doktorvaters – bei minimalen Kosten. Stellt sich später heraus, dass mit der angeblichen Promotion etwas nicht stimmt, etwa weil die Arbeit selbst nach zehn Jahren unveröffentlicht geblieben ist, erklärt man Folgendes:

Ich bin einem Betrüger aufgesessen. Mir ist genau das Gleiche passiert wie dem oben erwähnten Politiker, über den die Presse berichtet hatte. Identifizieren kann ich den Betrüger nicht mehr, da ich seinen Namen vergessen und die Bankbelege über die Überweisung vernichtet habe. Meine Doktorarbeit habe ich in genau einem Exemplar hergestellt; dieses habe ich über den Vermittler an der Universität eingereicht. Alte Datenträger habe ich nicht mehr, die Ordner mit den Fotokopien sind längst beim Altpapier. Dass ich die Arbeit hätte veröffentlichen sollen, wusste ich nicht. Überhaupt hatte ich keine Kenntnis von der Promotionsordnung. Ich habe nie selbst mit meinem Doktorvater korrespondiert und deshalb auch nicht bemerkt, dass er inhaltlich für mein Thema eigentlich nicht zuständig war. Vielleicht war ich ein wenig zu gutgläubig – aber ich habe nebenberuflich promoviert, war also anderweitig ausgelastet und habe einfach meinem Coach vertraut. Heute ist mir das alles schrecklich unangenehm, aber wenigstens habe ich in den letzten Jahren gezeigt, dass ich erfolgreich in meinem Beruf arbeite.

Strafrechtliche Risiken gering

Die strafrechtlichen Risiken sind dabei überschaubar. Die Vorschrift über das unbefugte Führen akademischer Grade ist nicht eben der Kern des Kernstrafrechts. Wer keine anderweitigen Vorstrafen aufweist, wird mit einer milden Verurteilung rechnen dürfen. Mit etwas Geschick dürfte sich das Geschehen so darstellen lassen, dass der "Doktorand" selbst Opfer eines cleveren Betrugs geworden ist und noch nicht einmal einen Vorsatz hinsichtlich einer eigenen Straftat hatte: "Herr Vorsitzender, all die Jahre habe ich selbst geglaubt, erfolgreich promoviert zu haben!"

Wer die Promotionsurkunde selbst anfertigt – ein Kinderspiel mit einer anständigen Vorlage, einem hochauflösenden Scanner und einer qualifizierten Bildbearbeitungssoftware –, riskiert natürlich eine Strafbarkeit wegen Urkundenfälschung (§ 267 Abs. 1 StGB). Mit etwas Glück ist die aber verjährt, wenn die Angelegenheit auffliegt. Allerdings beginnt die fünfjährige Frist mit jeder weiteren Vorlage der Urkunde etwa bei der Bewerbung neu.

Eine Verurteilung wegen eines Eingehungsbetrugs (§ 263 Abs. 1 StGB) ist nur in den Fällen zu erwarten, in denen der "promovierte" Bewerber die Stelle genau deshalb bekommen hat, weil er promoviert wirkte. Jenseits des Wissenschaftsbetriebs wird das die Ausnahme sein. Die Bundeskanzlerin etwa stellt keine wissenschaftlichen Assistenten ein, sondern Minister. Im Einzelfall mag der Kandidat in der Privatwirtschaft ein höheres Einstiegsgehalt erzielt haben. Das muss aber ebenso beweisbar sein wie der Umstand, dass er anderen Bewerbern promotionshalber vorgezogen wurde.

Steht also der zufriedene Arbeitgeber nach mehrjähriger Dauer des Beschäftigungsverhältnisses hinter dem scheinpromovierten Arbeitnehmer, ist strafrechtlich nicht viel zu befürchten. Andernfalls dürfte allerdings auch der Arbeitsvertrag nicht mehr allzu lange Bestand haben. Neben einer außerordentlichen Kündigung kommt auch eine arbeitgeberseitige Anfechtung des Vertrags in Betracht. Gelingt die Darlegung der arglistigen Täuschung, beträgt die Frist hierfür nach § 124 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) ein Jahr ab Kenntnis.

Und warum macht das dann nicht jeder?

Weil es verboten ist. Weil es sich nicht gehört. Weil Juristen eine Straftat auch dann noch missbilligen, wenn sie verjährt ist. Aber Juristen sind auch skrupulös und prinzipiell rechstreu.

Interessant wäre es zu fragen, ob derlei anderswo vorkommt, in Berufsfeldern, in denen ein bisschen Blenderei manchmal nötig ist, etwa in der Öffentlichkeitsarbeit. An der oben skizzierten Verteidigung versucht sich beispielsweise aktuell die PR-Leiterin der Deutschen Bahn.

Wer Spaß daran hat, kann es ausprobieren. Und wenn es aus irgendeinem Grund nicht klappen sollte: Sagen Sie nicht, dass ich das empfohlen hätte!

Der Autor Roland Schimmel ist Professor für Wirtschaftsprivatrecht an der FH Frankfurt am Main.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Abkürzungen zum Doktor: Promotionsvermittler und Photoshop . In: Legal Tribune Online, 22.10.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9857/ (abgerufen am: 29.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 07.11.2013 00:41, Ghosti

    Grundsätzlich ist es eine einfache Methode seine wissenschaftliche Arbeit durch einen Ghostwriter verfassen zu lassen. Oftmals liegt die Problematik auch an den Hochschulen und Universitäten, bei denen die Studenten beim Verfassen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen werden. Ich arbeite selbst als freiberuflicher Ghostwriter für die Agentur UniGhost.de und habe in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Nachfrage an Ghostwritern stetig steigt. Dies liegt meines Erachtens auch an der hohen Belastung im Studium beziehungsweise an dem "Verschulten" Bachelor und Master System.

  • 26.05.2015 18:40, imts

    Schreiben Sie selbst eine Dissertation, sei es für einen Dr./PhD oder PhDr. Schreiben Sie nach einschlägigen wiss, Regeln an einer anerkannten Universität. Dann können Sie auch stolz auf sich sein - und den Titel ohne Bedenken führen. Alles andere ist nicht zu empfehlen.
    www.IMTS.institute

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