LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Urteilsbesprechung mit Kommilitonen: Der Club der toten Richter

von Marcel Schneider

10.08.2016

Ein Mix aus Lerngruppe und Debattierklub, so beschreibt Eray Gündüz die Treffen mit seinen Kommilitonen. Dabei lernten sie nicht nur Rechtsprechung und Diskussionskultur, sondern auch, zu viel Respekt vor großen Namen abzulegen.

Eray Gündüz studiert Jura im achten Semester an der Uni Tübingen und parallel dazu Philosophie. Wegen der Doppelbelastung fiel es ihm schwer, sich zusätzlich in den Abendstunden zum Alleinlernen zu motivieren, außerdem sei er schon immer interessiert gewesen an abwechslungsreichen Lernmethoden. So fragte der 23-Jährige im Gruppenchat seine Jurakommilitonen, was sie von einer Art Lernkreis hielten, in dem wichtige Urteile besprochen werden sollten.

"Ich hatte sowieso eine Sammlung mit Leitentscheidungen zum Bürgerlichen Recht durcharbeiten wollen", sagt Gündüz. Neben der zusätzlichen Motivation habe er sich auch gegenseitige Hilfestellung beim Verstehen der anspruchsvollen Urteilssprache versprochen. "Definitionen kann ich auch allein pauken. Relevante Rechtsprechung ist da schon eine komplexere Materie, bei der Input von anderen hilfreich sein kann."

Gündüz' Vorschlag kam gut an. Und so trafen sich vor etwa eineinhalb Jahren zum ersten Mal sechs ambitionierte Tübinger Jurastudenten, um sich den Errungenschaften höchstrichterlicher Rechtsprechung zu widmen – und gemeinsam einen ordentlichen Reinfall zu erleben, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte.

Schüchternheit schadet nicht nur beim Flirten

Schon das Thema – ein BGH-Urteil zu Willenserklärungen ohne Erklärungsbewusstsein – war nicht gerade ein Garant für besondere Vorfreude. Vielmehr noch schadete dem ersten Treffen aber die mangelnde Organisation, wie Gündüz resümiert: "Die Idee fanden alle super – aber einen Plan, wie man das Ganze sinnvoll angeht, hatte zu diesem Zeitpunkt niemand."

Zum einen haperte es an der Vorbereitung. Gündüz musste den Ausdruck seines Urteils erst einmal für alle in der Uni-Bibliothek kopieren. Dann folgte der zeitaufwändigste Teil: das gemeinsame Lesen. Dabei konnte er gleich mehrere Probleme ausmachen: "Es dauert nicht nur sehr lang, die Leute lesen auch unterschiedlich schnell. Und wenn alle fertig sind, gibt es erst einmal so manche Verständnisfrage zu klären. So verging beim ersten Mal sehr viel Zeit, bevor wir endlich dazu kamen, das Urteil zu besprechen."

Die darauf folgende Diskussion – nach Gündüz' Idee der eigentliche Sinn der Zusammenkunft - begann eher zäh und kam nicht wirklich ins Rollen. Weniger, weil manche Aspekte der Urteilsbegründung noch unklar waren, sondern eher, weil niemand das Gespräch führte und "alle Hemmungen hatten, den jeweils anderen auf fachlicher Ebene gegenüber aufzutreten. Wir kannten uns zwar mehr oder weniger auch privat recht gut, diese Situation war aber für alle neu und keiner wusste so recht mit dieser Art von Schüchternheit umzugehen", so Gündüz.

Zu viel Respekt vorm BGH?

Zum anderen falle es Jurastudenten häufig schwer,  fundierte Kritik am Urteil von Bundesrichtern zu üben. Nach Gündüz‘ Beobachtung lasse man sich als Student gern von der Position oder dem Titel von Top-Juristen, die zudem auf bestimmte Rechtsgebiete spezialisiert sind, beeindrucken. Und neige so dazu, die zuletzt gelesene Instanz beziehungsweise Meinung als sehr überzeugend wahrzunehmen und sich selbst zu eigen zu machen.

Gündüz bezeichnet dieses Phänomen als Meinungshopping. "Als wir in den weiteren Sitzungen beispielsweise nach dem Urteil kritische Anmerkungen mit einbezogen, erschienen uns die Ansichten der Kritikverfasser – ebenfalls meist Professoren oder andere versierte und meist mindestens promovierte Experten – häufig noch viel einleuchtender als die Entscheidung des Gerichts, die man zuvor gelassen hatte."

Eine eigene Kritik brachten die Teilnehmer beim ersten Treffen dagegen noch nicht zustande. Nach gut drei Stunden löste die Gruppe die erste Zusammenkunft mit einer gewissen Enttäuschung auf. "Für den Zeitaufwand war der erste Termin wirklich wenig ergiebig. Hätte man es dabei belassen, wäre der 'Club der toten Richter', wie wir unsere Lerngruppe später nannten, schon zu diesem Zeitpunkt gestorben", sagt Gündüz.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Urteilsbesprechung mit Kommilitonen: Der Club der toten Richter . In: Legal Tribune Online, 10.08.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20255/ (abgerufen am: 27.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 05.09.2016 06:06, eono

    Was ist das für ein Titel?
    Sie sind vielleicht ein Club. Aber weder Richter noch Tote.
    Sie besprechen Urteile - (u.a.) von lebenden Richtern.
    Sollten Sie sich wie Tote fühlen - wechseln Sie den Studiengang
    oder gehen Sie auf Weltreise - das soll auch zu Fuß und ohne Geld möglich sein.
    (Wird aber zunehmend schwieriger... )

    • 10.09.2016 23:51, Paul

      Sie haben wohl eindeutig die Anspielung auf den "Klub der toten Dichter" nicht verstanden. "Der Klub der toten Dichter" ist ein cineastisches Meisterwerk in dem ein Englisch-Literatur Lehrer, gespielt von dem genialen Robin Williams, mit unkonventionellen Methoden seine Schülern klassische Dichtung und Poesie nahebringt. "Cape Diem" und "Oh Captain, mein Captain" wird am meisten zitiert, vielleicht haben Sie ja doch schon mal von dem Film gehört. Darauf soll der Name der Lerngruppe wahrscheinlich anspielen, die Vermittlung von harter Materie mit Spaß und neuen Methoden. Als kleiner Vorschlag, bevor Sie sich über einen Namen lustig machen, denken sie darüber nach was gemeint sein kann.

Stellenangebote für Berufseinsteiger