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Deutsch-türkischer Jura-Bachelor: Erst Rhein, dann Bosporus

Nach Frankreich und England schickt die Universität Köln ihre Jurastudenten bereits. Nun kommt ein weiteres Land hinzu: Mit dem deutsch-türkischen Bachelorstudiengang erweitert die juristische Fakultät ihr Studienangebot um einen dritten Doppelabschluss. Für wen der geeignet ist, was die Studenten in Köln und Istanbul erwartet und wo die Reise beruflich enden kann, berichtet Anna K. Bernzen.

Was haben Paris, London und Istanbul gemeinsam? Alle drei sind Weltmetropolen. Alle drei werden von einem großen Fluss durchzogen. Alle drei sind ein beliebtes Reiseziel für Touristen. Und: In allen drei Städten können Studenten der Universität Köln ab diesem Sommer einen juristischen Doppelabschluss erlangen.

Vor mittlerweile 23 Jahren starteten die ersten deutschen Studenten an der renommierten Pariser Universität I-Panthéon-Sorbonne mit einem Jurastudium, in dessen Rahmen sie sowohl den deutschen Magister als auch die französische Maîtrise en Droit erlangen konnten. In diesem Sommer werden 40 angehende Juristen erstmals die Möglichkeit haben, in Köln und an der Istanbul Kemerburgaz Üniversitesi in vier Jahren das deutsche wie das türkische Recht zu erlernen. Am Ende stehen auch hier zwei Abschlüsse, der deutsche Bachelor of Laws (LL.B.) und der türkische Lisans.

Abschlussprüfungen in Istanbul bald nach der Ankunft

"Unsere Idee ist es, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Doppelstudiengänge wie der deutsch-türkische Bachelor sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung", erklärt Jan Kruse, Geschäftsführer des Zentrums für Internationale Beziehungen an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. Das Programm ist nach besagtem deutsch-französischen Studiengang und einem deutsch-englischen juristischen Doppelstudium in Zusammenarbeit mit dem University College London bereits die dritte Kooperation dieser Art. Die Leitung haben die Jura-Professoren Heinz-Peter Mansel aus Deutschland und Sükran Sipka aus der Türkei übernommen.

Wie in den beiden älteren Doppelstudiengängen verbringen die Studenten zunächst zwei Jahre in Köln, anschließend zwei Jahre in Istanbul. In den ersten vier Semestern besuchen sie in Köln Vorlesungen zum Zivil-, Straf- und öffentlichen Recht. Danach kennen sie sich im deutschen Recht etwa so gut aus wie ein regulärer Student nach der Zwischenprüfung.

Nebenher erhalten sie bereits in verschiedenen Einführungsveranstaltungen erste Einblicke in das türkische Recht. Die zwei deutschen Studienjahre werden ihnen in der Türkei auf das dortige Jurastudium angerechnet. Im dritten und vierten Jahr müssen sie sich in Istanbul jedoch rasch in das noch fremde Rechtssystem einarbeiten. Schließlich stehen schon bald nach der Ankunft die ersten Prüfungen zum Lisans an, der dem ersten deutschen Staatsexamen entspricht.

Zweisprachig aufgewachsene Studenten erwartet

Auch wenn sicher Zeit für einen Stadtbummel durch Istanbul bleibt: Gerade in den beiden türkischen Studienjahren erwartet die Studenten durch die Abschlussprüfungen ein straffes Studienprogramm. Hinzu kommen eine rechtsvergleichende Bachelorarbeit und ein sechswöchiges Pflichtpraktikum. Wer möchte, kann sich an der Universität Köln zusätzlich durch ein Zertifikat im US-amerikanischen Recht in einer dritten Fremdsprache weiterqualifizieren. Jan Kruse glaubt jedoch, dass das umfangreiche Programm auch einen Vorteil hat: "Die Studenten werden durch den Bachelor besonders geformt. Schließlich müssen sie in zwei Rechtsordnungen fit sein und sich in diesen sicher bewegen können."

Nach dem Abschluss können die Studenten zwischen zahlreichen Berufen in beiden Ländern wählen: Nach einem einjährigen Referendariat können sie mit dem Lisans in der Türkei beispielsweise Anwalt oder Richter werden. In Deutschland stehen ihnen nach dem Bachelor insbesondere die Türen in den öffentlichen Dienst offen, schätzt Kruse. So habe das deutsche Konsulat in Istanbul bereits Interesse an den Absolventen gezeigt. Alternativ können die Studenten den Rest des deutschen Jurastudiums absolvieren und dieses mit dem klassischen Staatsexamen abschließen. Den universitären Schwerpunkt, also 30 Prozent des Examens, haben sie mit dem Bachelor bereits in der Tasche.

Wenn demnächst die Onlinebewerbung freigeschaltet wird, hoffen die Programmverantwortlichen auf Bewerbungen aus ganz Deutschland. An der Istanbuler Partneruniversität war der Ansturm auf die 20 von türkischer Seite vergebenen Plätze im vergangenen Jahr bereits groß. Einige der Studenten, die in das Programm aufgenommen wurden, leben schon seit Dezember in Köln. In einem einjährigen Vorbereitungskurs sollen sie dort die deutsche Sprache lernen. Kruse glaubt jedoch, dass die Mehrheit der Bewerber auf deutscher Seite dank türkischer Wurzeln bereits fließend in beiden Sprachen sein wird: "Die zweisprachig, deutsch und türkisch aufgewachsenen Studenten stellen eine Gruppe mit großem Potential dar. Das Potential wollen wir im Bachelor nutzen."

Einen deutsch-türkischen Master gibt es bereits seit 2011 an der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit mit der Kültür Universität Istanbul. Dieser Studiengang richtet sich vor allem an Anwälte, die sich im Wirtschaftsrecht der beiden Länder fortbilden wollen.

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Deutsch-türkischer Jura-Bachelor: Erst Rhein, dann Bosporus . In: Legal Tribune Online, 08.05.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8695/ (abgerufen am: 26.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.05.2013 00:12, Mike M.

    "In Deutschland stehen ihnen nach dem Bachelor insbesondere die Türen in den öffentlichen Dienst offen, schätzt Kruse."

    Man sollte den Leuten nicht etwas vormachen. Der Öffentliche Dienst hat seine eigenen Fachhochschulen, in denen Leute für den gehobenen Dienst ausgebildet werden (auch das Auswärtige Amt). Die Chancen als Externer dort eine Stelle zu bekommen dürfte bei Null liegen.

    Deutsche Studenten sollten den Rest des deutschen Jurastudiums absolvieren und dieses mit dem klassischen Staatsexamen abschließen. Dann können solche Programme eine sinnvolle Ergänzung sein.

    • 09.05.2013 14:26, Referendarin

      Dem stimme ich absolut zu.
      Klingt schön, geht aber an der Realität vorbei. In Deutschland führt, um als Anwalt zu arbeiten, kein Weg am Staatsexamen vorbei. Ausländische Anwälte haben es schwer, sich ihre Abschlüsse anerkennen zu lassen. Sollte nicht so sein, aber ich habe schon sehr viel negatives gehört und gelesen.
      Als Bachelor ist man in Deutschland auch nur ein Sachbearbeiter, den den anderen zuarbeitet und mehr nicht.
      Und ein Absolvent einer Hochschule für Verwaltungswissenschaften wird immer erste Wahl sein.
      Wer sich also noch nicht sicher ist, was er später machen möchte und sich alle Möglichkeiten offenhalten will, sollte immer den Weg des klassischen Staatsexamens wählen.

  • 16.05.2013 17:06, Mike M.

    Hier steht es sogar schwar auf weiß ...

    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/AusbildungKarriere/AA-Taetigkeit/GehobenerDienst/FragenUndAntworten_node.html#doc375356bodyText14

    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/AusbildungKarriere/AA-Taetigkeit/GehobenerDienst/FragenUndAntworten_node.html#doc375356bodyText12

  • 20.12.2013 17:07, Kruse

    Leider ist in dem Artikel nicht deutlich geworden, dass wir mit diesem Doppelabschlussprogramm nicht beim deutschen Bachelor-Abschluss stehen bleiben, sondern als Zwischenschritt den deutschen Bachelor vergeben, bevor es dann in die 1. juristische Staatsexamensprüfung gehen soll, die heute "erste Prüfung" heißt.

    Der Bachelor, so das Generalkonsulat in Istanbul, teilte uns aber ganz konkret für unseren Studiengang mit, dass "das Auswärtige Amt für den gehobenenAuswärtigen Dienst qualifizierte Bachelor-Absolventen deutscherStaatsangehörigkeit sucht." Nur darauf habe ich in dem Interview hingewiesen. Auch wir empfehlen unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmer, anschließend das juristische Staatsexamen abzulegen.

    Ziel des neuen Deutsch-Türkischen Studiengangs ist nämlich nicht nur der Erwerb des berufsbefähigenden Juraabschlusses in der Türkei – die „hukuk lisansı“ und des „Bachelor of Law“ (LL.B. Köln/Istanbul/Kemerburgaz), sondern auch der juristische Staatsexamensabschluss "erste Prüfung“ in Deutschland , die den Weg in die reglementierten Juristenberufe eröffnet. Dieses Modell wird bereits seit Jahren in den deutsch-französischen und deutsch-englischen Bachelor-Studiengängen erfolgreich praktiziert und 90 % alle Bachelor-Absolventen, die dann in Deutschland arbeiten möchten, legen noch die Staatsexamensprüfung in Jura mit regelmäßig sehr guten Ergebnissen ab.

    Den die Inhalte des Studiengangs „Deutsch-Türkischer Bachelorstudiengang Rechtswissen-schaften“ decken sich in den Kölner LL.B.-Semestern vollständig mit den Inhalten des Staatsexamensstudiengangs „Rechtswissenschaften Erste Prüfung“. Die Studienleistungen des Studiengangs „Deutsch-Türkischer Ba-helorstudiengang Rechtswissenschaften“ zum deutschen Recht in Köln können auf den Studiengang Rechtswissenschaften„Erste Prüfung“ angerechnet werden, so dass auch der reguläre deutsche rechtswissenschaftliche Studienabschluss erreicht werden kann. Nach Rückkehr der zweijährigen Studienphase in Istanbul müssen die Studierenden lediglich noch die „große Übung“ und die Schwerpunktbereichsprüfung absolvieren. Hierbei ersetzt der Abschluss „Bachelor of Laws“ (LL.B. Köln/İstanbul Kemerburgaz) auf Antrag die Schwerpunktbereichsprüfung des deutschen Studiengangs„Erste Prüfung“, der 30 % des Examens ausmacht.
    Nach einer individuellen Vorbereitungs- und Lernphase von ca. einem Jahr können die Studierenden sich dann für das Staatsexamen anmelden und den Abschluss „Erste Prüfung“ erreichen.

    Im Anschluss kann dann der Referendariatsdienst aufgenommen und schließlich die zweite juristische Prüfung absolviert werden. Einer Tätigkeit als Volljurist in Deutschland steht dann nichts mehr im Wege.

    Weitere Informationen hierzu finden Sie unter: http://www.jura.uni-koeln.de/dtb.html?&L=qmpbrrruritoas

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