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Mit Jura nach Managua: Where the streets have no name

von Claudia Kornmeier

14.02.2013

Zwingend ist ein Auslandsaufenthalt für das Jurastudium nicht. Trotzdem zieht es viele Studenten raus aus den deutschen Hörsälen. Möglichkeiten gibt es genug. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Praktikum bei der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Nicaraguas? Ein Erfahrungsbericht über den Behördenalltag in einer Stadt ohne Straßennamen zwischen Stromabschaltungen und Briefen der Trinidad Santisima.

An alle, die erst mal bei Google nachlesen müssen, was bzw. wo Managua ist: Es ist seit 1858 die Hauptstadt von Nicaragua, dem größten und zweitärmsten Land Zentralamerikas. Die Stadt hat um die zwei Millionen Einwohner, ist Erzbischofssitz, hat mehr Universitäten als Studenten, ist wichtigster Industriestandort des Landes am Panamerican Highway. Nach einem Erdbeben 1931 wurde die Altstadt wieder aufgebaut. Nach dem Erdbeben von 1972 nicht.

Die Straßen haben keine Namen, was nach Überlieferung der Hauptstadtbewohner die Band U2 zu ihrem Song "Where the streets have no name" inspiriert haben soll. Meine Adresse in Managua lautete: vom Restaurant La Plancha Nr. 2 zwei Blöcke Richtung See am Supermarkt Pali vorbei. "Richtung See" heißt "nach Norden", wenn man in den Westen will muss man "nach unten" sagen, weil dort die Sonne untergeht – "nach Osten" heißt entsprechend „nach oben“. "Nach Süden“ hieß – soweit ich mich erinnere – wirklich einfach „nach Süden".

Wie ich dort hingekommen bin: Wer will schon nach Managua

Ich wollte nach zehn Monaten Erasmus in Madrid noch ein paar Monate in Lateinamerika dranhängen. Irgendwie wollte ich das Ganze aber auch mit meinem Jurastudium rechtfertigen. Also bewarb ich mich online für ein Praktikum bei einer deutschen Botschaft. Man kann bei der Bewerbung neun Wunschorte angeben. Ich gab also so gut wie jedes spanischsprachige Land in Süd- und Zentralamerika an. Da wohl jeder Jurastudent nach Buenos Aires, aber keiner nach Managua will, bekam ich den Platz.

Behördenalltag I: Der Bericht – Daseinsberechtigung des deutschen Diplomaten

Die erste, wahrscheinlich von unterdrückter Sorge geprägte Reaktion meiner Mutter war: "Was willst du denn da? Kaffee pflücken?" Unberechtigt ist die Frage selbstverständlich nicht. Also, was tut man als Viertsemester in einer deutschen Botschaft in Managua?

Berichte verfassen und an die Heimatfront schicken – das ist wohl der Daseinszweck deutscher Diplomaten. Das Auswärtige Amt bleibt so über die Vorgänge im Ausland informiert. In Berichten, an denen ich mitgearbeitet habe, ging es um die Situation der Homosexuellen in Nicaragua, diverse Grenzkonflikte Nicaraguas mit seinen Nachbarn oder die Verwicklung eines Präsidentschaftskandidaten in einen Bankenskandal.

Da Nicaragua ein Schwerpunktland der deutschen Entwicklungshilfe ist, werden Land und Leute nicht nur in groß angelegten Projekten unterstützt, sondern auch mit so genannten Kleinstprojekten: der Aufbau einer Schule oder Bonbonfabrik, die Ausbesserung von Zäunen für eine Schafszucht. Diese Projekte muss die Botschaft mindestens einmal besuchen und überprüfen. Ich war bei der Einweihung von zwei Solarpanelen einer Bauernkooperative dabei. Nach diversen Ansprachen wurden die Panelen vom Priester mit Weihwasser bespritzt.

Daneben gab es natürlich auch klassische Behörden-Schreibtischarbeit, etwa die Bearbeitung von Anträgen auf Sozialhilfe oder konsularische Hilfe.

Behördenalltag II: Im Namen der Trinidad Santisima

All das war "interessant". Viel mehr Spaß macht es aber von Geschichten zu erzählen wie der des alten Mannes, der einmal die Woche vorbeikam und im Namen der Trinidad Santisima einen eng beschriebenen, kaum lesbaren Brief abgab, der in einem selbstgebastelten Umschlag steckte und mit detaillreichen Raketenzeichnungen und Beschussszenarien verziert war.

Der letzte Deutsche, der in Nicaragua im Gefängnis saß, hat es dorthin geschafft, indem er sich zum Honorarkonsular von Aipotu (Anm.: das ist Utopia rückwärts) mit Stempeln und Marken im Pass gemacht hatte, um in Zentralamerika "Revo-Cola" (die Brause für den Alt-Revoluzzer) zu vermarkten. Gespräche mit Evo Morales und Fidel Castro hatte er schon aufgenommen.

Was ich nicht vergessen werde I: La Carreterra vieja

An den Wochenenden ging es auf Ausflüge quer durchs Land. Einer führte mich in die Stadt León. Die Hinreise ist angenehm, Managua und León sind durch den eingangs erwähnten, gut ausgebauten Panamerican Highway verbunden.

Auf dem Rückweg lasse ich mich nach zehn Minuten Fahrt auf dem leoneser Kopfstein- und Schlaglochpflaster zu der Bemerkung hinreißen: "Zum Glück fahren wir nicht die ganze Zeit auf so einer Straße!" Ich versuche, zu schlafen, schlage aber ständig mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe oder das Koffergitter über mir. Was ist hier eigentlich mit der Straße los?

Das Problem: Es gibt zwei Buslinien von León nach Managua. Den Express-Bus und den Bus "carretera vieja". Der Express-Bus fährt über den Highway; der Bus "carretera vieja" – wie der Name sagt – über die alte Straße. Der Busfahrer muss Serpentinen fahren, um den Schlaglöchern auszuweichen. Mehr als 20 Kilometer die Stunde sind da nicht drin.  Im Straßengraben grasen Pferde und Kühe. Eine Geier-Gang wartet auf ihre Gelegenheit. Und plötzlich bimmelt es im Bus. Es gibt im ganzen Land, in jeder Stadt, den gleichen Eisverkäufer. Er fährt einen Handwagen der Marke "Eskimo" mit sechs kleinen Glocken die Straßen auf und ab. Irgendwer muss den hinteren Notausgang des Busses geöffnet haben und schon fährt auch der Eisverkäufer Bus.

Was ich nicht vergessen werde II: Offizielle Stromabschaltungen

Ralf, der deutsche Konsul, kreuzt den Gang der Botschaft mit einer wadengroßen Campinglampe, so ein Ding, mit dem der Leuchtturmwärter bei "Elliot das Schmunzelmonster" seinen Turm erleuchtet. Die Laterne ist nicht für den nächsten Ausflug ins nicaraguanische Hinterland gedacht, sondern für zu Hause. Der Strom wird in Managua regelmäßig abgeschaltet, was zwar angekündigt wird, aber dann meist länger dauert als geplant. Nicht zu vergessen: In Nicaragua wird es bereits um halb acht dunkel und erst ab halb sieben so langsam wieder hell.

Ein Tag fängt dann ungefähr so an: Schweißgebadet aufwachen, weil der Ventilator ausgegangen ist, bei Kerzenschein duschen, in der Wasserlache vor dem Kühlschrank ausrutschen und mit dem zweiten Fuß in die Ameisenarmee treten, die schon auf dem Weg zum Kühlschrank ist, am Ende aber froh sein, dass diesmal nur die Strom- und nicht auch die Wasserversorgung ausgefallen ist.

Zitiervorschlag

Claudia Kornmeier, Mit Jura nach Managua: Where the streets have no name . In: Legal Tribune Online, 14.02.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8149/ (abgerufen am: 13.08.2020 )

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