Neue BWL-Ausbildung für Juristen: Betriebs­wirt­schaft maß­ge­schnei­dert für Wirt­schafts­ju­risten

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22.04.2016

Im Interview sprachen Markus Rudolf, Rektor der WHU, und Ulrich Hermann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Wolters Kluwer Deutschland, über das neuartige, berufsbegleitende Ausbildungsangebot "CFB WHU – Certified in Finance & Business".

LTO: Der neue "CFB WHU Certified  in Finance & Business" - Starttermin Herbst 2016 - wird in vier Modulen Kenntnisse aus den Bereichen Kapitalmarktanalyse, Portfoliomanagement, Buchführung und Unternehmensbewertung vermitteln. Um etwas keck zu fragen: Der klassische Banklehrling, der später ein Jurastudium draufsattelt, befriedigt den Markt für Wirtschaftsjuristen also nicht mehr hinreichend?

Prof. Dr. Rudolf: Ich weiß – offen gestanden – nicht, wie viele Bankkaufleute heute noch ein Jurastudium absolvieren. Bei uns an der Hochschule ist es jedenfalls ein zurückgehendes Phänomen, dass die Studierenden in ihrer Laufbahn auch eine Lehre absolviert haben. Das gibt es wohl nicht mehr so häufig.

Davon unabhängig ist natürlich zutreffend, dass es für viele Entscheidungen in der Wirtschaft sowohl juristischen als auch betriebswirtschaftlichen Sachverstand braucht. Das gemeinsame Ausbildungsprojekt geht auch über finanzwirtschaftliche Kenntnisse hinaus. Zugespitzt gesagt ist es so, dass viele Kaufleute Jura nicht verstehen, und viele Juristen in Betriebswirtschaft nicht besonders firm sind – "iudex non calculat", für die alten Lateiner. Wir versuchen, diese Schwächen auszugleichen.

Dr. Hermann: Das klassische Jurastudium, in der Konzeption, wie es heute immer noch stattfindet, zielt ja immer noch darauf ab, Richter auszubilden. Wenn man Richter werden will, muss man zur Crème de la Crème der Absolventen dieser Ausbildungskonzeption zählen, sprich: ein Prädikatsexamen erreicht haben.

Die Mehrheit der Juraabsolventen schlägt andere Berufswege ein, nicht nur in der Anwaltschaft, sondern auch in der Wirtschaft. Wir sprechen mit dem CFB WHU nun vor allem Anwältinnen und Anwälte an, die sich mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen müssen. Junge Juristen mögen mit ihrem Prädikatsexamen noch so sehr für das Richteramt qualifiziert sein, in der Durchführung von Projekten im Unternehmen sind sie nicht ausgebildet.

Dabei gilt es zum Beispiel bei Mergers & Acquisitions immer mehr, nicht nur die juristische Expertise einzubringen. In den komplexen Vorgängen, beispielsweise in aktienrechtlichen Vorgängen oder im Umwandlungsrecht – überall, wo es sehr weit angelegte Projekte gibt – wächst der Bedarf, sich ganzheitlich, nicht nur aus der juristischen Expertise einzubringen. Diese Themen gilt es zu verstehen.
Und dies lernen Juristen "on the job", in der Praxis. Hier fehlt teilweise das Grundlagenwissen, das in der Praxis kaum vermittelt wird.  Hierzu bietet der CFB WHU ein maßgeschneidertes Angebot, das sich vor allem an Anwälte richtet, die sich im unternehmerischen Umfeld bewegen und unternehmerische Fragen vor Augen haben – sie haben hier die Möglichkeit, das Grundgerüst eines Betriebswirts auf akademischem Niveau zu erwerben. Und dies geschieht in einer Form, in der man dieses Wissen realistisch erwerben kann.

Die Stufe 1, der CFB WHU, ist sowohl vom Zeitaufwand wie vom inhaltlichen Zuschnitt darauf ausgerichtet, dass er mit den beruflichen Anforderungen gut zu vereinbaren ist.

Fortbildung, auch vom Zeitaufwand maßgeschneidert

LTO: Wenn ich an diesem Punkt einhaken darf, welcher Zeitaufwand, welche Arbeitsbelastung wird auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am CFB WHU-Studium zukommen?

Prof. Dr. Rudolf: Die vier Module des CFB WHU bestehen aus jeweils zwei Tagen Präsenzstudium. Darüber hinaus wird ein gewisses Selbststudium vorausgesetzt. Erfahrungsgemäß kann man sagen, dass der Zeitaufwand für das Selbststudium ungefähr dem Doppelten des Präsenzstudiums entspricht. Wenn man also beispielsweise zwei Tage pro Modul investiert, um sich im Präsenzstudium "Märkte und Akteure" anzuhören, muss man mit weiteren vier Tagen rechnen, um sich die Inhalte in sein Gedächtnis hineinzulernen, die erste Transformation auf die Praxis zu leisten und sich auf die Prüfung vorzubereiten.

Pro Modul also sechs Tage, für die gesamte CFB-Stufe 24 Tage, die man über die gesamte Laufzeit aufwendet. Das bekommt man unter, aber natürlich muss man sich das auch von seinem eigenen Zeitplan absparen.

LTO: In welcher Form wird das Lernen organisiert? Blended learning? Klassisches "Lehrbrief"-Lernen, was darf man sich hier vorstellen?

Prof. Dr. Rudolf: Wir an der WHU unterrichten einen guten Teil traditionell, in Form von Fallstudien. Das heißt, es wird im Präsenzstudium ein sehr kooperatives und kommunikatives Lernen sein. Natürlich gibt es auch Elemente von Frontalunterricht, aber das ist deutlich der kleinere Teil. Und wir gehen selbstverständlich, unterstützend, mit digitalen Inhalten vor – unsere Philosophie besteht allerdings darin, dass Digitalisierung nicht zur Effizienzsteigerung in der Lehre eingesetzt wird, sondern zur Qualitätssteigerung.

Digitalisierung der Lehre dient der Qualitätssteigerung, Präsenz vor Ort dem Networking

Das heißt, wir werden Online-Plattformen zur Verfügung stellen, auf denen die Inhalte zu finden sind, auf denen man diskutieren und Arbeitsgruppen bilden kann, aber wir werden das nicht zulasten eines physischen Studiums machen – die zwei Präsenztage sind wichtig und dienen auch der Möglichkeit, Netzwerke unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu bilden.

LTO: Das CFB WHU-Angebot ist Bologna-zertifiziert und kann als Teilleistung einer MBA-Ausbildung absolviert werden. Nun werden seit Beginn der Bologna-Reformen alle erdenklichen Bildungsleistungen modularisiert – hat das in diesem Fall zur Folge, dass einzelne Module auch losgelöst z.B. vom Ziel eines  „MBA-Gesamtabschlusses“ belegt werden können?

Prof. Dr. Rudolf: Wir haben diese verschiedenen Stufen eingeführt, wie Herr Dr. Hermann schon sagte, die sich im Zuschnitt gut mit den Zeitansprüchen des Berufsalltags vereinbaren lassen. Die Modularisierung ist, wie man es sehen möchte, ein Vorteil oder ein Nachteil des Bologna-Prozesses.
Natürlich könnte man sich in einem einzelnen Modul firm machen. Das Programm ist hier aber klar darauf angelegt, dass man die vier Module absolviert, weil man nur dann ganzheitlich eine Ausbildung im Bereich "Finance & Business" erwirbt.

Interessant ist es darüber hinaus, dass man die Module "portieren", also in ein MBA-Studium einbringen kann, entweder an der WHU oder an einer anderen Hochschule – diese Komptabilität ist ja ein Vorteil der Bologna-Strukturen.

Sie müssen aber keinen MBA anstreben, um einen Vorteil vom Erwerb des CFB zu haben. Ob Sie ein einzelnes Modul aus einer Stufe herauslösen sollten? – Man kann es tun, wir empfehlen es nicht, sondern wir raten dazu, die Stufe als Ganzes zu nehmen und die vier Module zusammen zu buchen.

Zeit im Wandel: Mehr Erfolg für Juristen durch spezielles BWL-Know how

LTO: Eine Frage, die noch einmal etwas ins Grundsätzliche geht und an den Gesichtspunkt der Fremdheit beider "Kulturen", der Betriebswirte und der Juristen, anknüpft. Als in den 1980er Jahren die Frage aufkam, ob die US-amerikanische "Ökonomische Analyse des Rechts" in der deutschen Rechtswissenschaft – breit – aufgegriffen werden sollte, wurde sie teilweise als "Methodenimperialismus" abgelehnt. Gibt es unter Juristen heute noch eine ähnlich ablehnende Haltung, was Wirtschaftswissenschaften betrifft?

Dr. Hermann: Hier hat sich inzwischen ein ganz grundlegender Wandel vollzogen, bedingt sicher vor allem durch die neuen beruflichen Aufgaben, die von den jungen Juristinnen und Juristen übernommen werden und die entsprechenden Berufsbilder, die sich für Anwälte erschließen. Der Anspruch der reinen juristischen Lehre, wie er damals vielleicht noch vertreten wurde, ließe sich heute – wenn er denn noch vertreten wird – in der Praxis überhaupt nicht mehr durchhalten.

Wir erkennen auch in der juristischen Lehre eine gewisse Tendenz zur Liberalisierung. Es zeigen sich darüber hinaus sehr erfolgreiche neue Ausbildungsformen, mustergültig ist der Wirtschaftsingenieur als Beispiel eines kombinierten Studiums. Aber die Strukturen und Rahmenbedingungen des Jurastudiums zielen eben doch noch sehr auf das Richteramt.

Die WHU hat zusammen mit der Bucerius Law School mit immerhin 600 Absolventen einen kombinierten Studiengang zu Wirtschaft und Recht erfolgreich durchgeführt. Am Markt gibt es aber immer auch den Vorbehalt, dass in der Vermischung beider Disziplinen die eine oder die andere – oder beide – nicht hinreichend fundiert sind. Damit gilt es, das juristische Fach, das man gut fundiert beherrscht, nach der einen oder anderen Richtung klug zu erweitern und zu ergänzen.

Wir sehen es so, dass die betriebswirtschaftliche Qualifikation auf akademischem Niveau, in Ergänzung zur juristischen Expertise heute in der Praxis heute sicher mehr nachgefragt wird als wenn man beides zusammenführen wollte. Das ist also sehr von den praktischen Bedürfnissen her gedacht.

Prof. Dr. Rudolf: Dem möchte ich gerne beipflichten. Wenn man beobachtet, wie Projekte in der Praxis bearbeitet werden, wie Deals zum Beispiel in der Finanzwirtschaft vonstattengehen, dann ist es immer so, dass Juristen und Kaufleute beziehungsweise Juristen und Betriebswirte zusammenarbeiten müssen. Bei einer Mergers-Transaktion müssen beispielsweise eine Investmentbank und eine Law Firm kooperieren – und wenn sie sich beide sozusagen "sprachlich" besser verstehen, weil sie das Geschäft des anderen jeweils gut begreifen, dann werden dabei bessere Ergebnisse herauskommen.

LTO: Damit haben wir bisher vor allem von einer Professionalisierung der anwaltlichen Dienstleistungen gesprochen, zu denen auch der CFB WHU-Abschluss seinen Beitrag leisten soll. Nach meiner Wahrnehmung wird – parallel zur Professionalisierung der Anwaltschaft – in der Öffentlichkeit beklagt, dass Richter, Staatsanwaltschaften oder Verwaltungsjuristen nicht mehr ganz hinterherkommen, z. B. in der Bewertung einer komplexen M&A-Geschichte. Sollten die staatsbediensteten Juristen auch den neuen Bildungsweg beschreiten?

Dr. Hermann: Es wäre toll, wenn sie das auch wahrnähmen. Unsere Konzeption ist aber zunächst vor allem auf Anwältinnen und Anwälte, auf Juristen im Unternehmensbereich zugeschnitten.
Aber es ist richtig, über entsprechende Ausbildungsleistungen für Juristen in den staatlichen Stellen auch nachzudenken. Wir bieten derzeit ein neues Angebot an, bei dem wir sehen möchten, aus welchen Bereichen die Nachfrage im Detail kommt und können es gegebenenfalls nachjustieren.

Anwaltlicher Weiterbildungsbedarf steht im Zentrum

Prof. Dr. Rudolf: Denken wir an das Gutachterwesen, das bei großen Wirtschaftsprozessen aufkommt, um den Gerichten oder den Staatsanwälten die ökonomischen Sachverhalte zu verdeutlichen. Ich glaube, es hat eine deutlich höhere Qualität, wenn bei den Richtern oder Staatsanwälten zumindest ein Basisverständnis der wirtschaftswissenschaftlichen Zusammenhänge vorhanden ist. Wir zielen aktuell vor allem auf die Großkanzleien, aber das zu erweitern, ist eigentlich gar keine schlechte Idee.

LTO: Sie beide sind studierte Betriebswirte. Sie Herr Dr. Rudolf, wurden über ein finanzmathematisches Thema promoviert, Sie Herr Dr. Hermann, über Ressourcenmanagement und Kostenrechnung. Betriebswirten und Juristen ist das Denken in Fällen und Prozessen gemeinsam. Gibt es hier Beispiele von Fällen oder Prozessen aus dem juristischen Bereich, die Sie als Betriebswirt besonders interessant finden?

Prof. Dr. Rudolf: Wenn ich etwas weiter zurückgehen darf. Der Fall um Mannesmann, Esser, Ackermann war ein Prozess, der uns mit seinen betriebswirtschaftlichen und juristischen Seiten lange beschäftigt hat.

Dr. Hermann: Betriebswirtschaftliche Erkenntnisse dazu, wie sich die Veränderungen von Märkten auf Unternehmen auswirken, bilden ein besonders interessantes Gebiet. Wir erleben zurzeit den unglaublichen Wandel der digitalen Transformation, der ganz neue Geschäftsfelder und -prozesse öffnet und alte Modelle ablöst. Juristische Fallkonstellationen treten hier nach und nach hinzu – umso wichtiger, rechtswissenschaftlich und betriebswirtschaftlich gut gewappnet zu sein.

LTO: Herr Prof. Dr. Rudolf, Herr Dr. Hermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mehr Informationen zu der Ausbildung „CFB WHU“ finden Sie hier.

Zitiervorschlag

Neue BWL-Ausbildung für Juristen: Betriebswirtschaft maßgeschneidert für Wirtschaftsjuristen . In: Legal Tribune Online, 22.04.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19175/ (abgerufen am: 21.10.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 28.04.2016 17:26, Dr. Tutschka

    Dass die Juristische Ausbildung veraltet ist und in vielerlei Hinsicht dringend reformbedürftig - geschenkt. Die Frage ist doch aber: Müssen Juristen - und erst Recht unsere Nachwuchsjuristen - heute zu Allroundern ausgebildet werden? Also nicht nur noch mehr juristisches Fachwissen sondern auch noch Fachwissen aus anderen Bereichen mit entsprechenden Abschlüssen "sammeln"? Und nicht zuletzt muss man sich fragen: wenn ein Monat BWL aus einem Juristen einen Wirtschaftsjuristen machen - dann macht das doch auch ein Monat Jura auch aus einem BWLer, oder? Demnächst kommt ein Monat Medizin, ein Monat Architektur etc. dazu... Das hat schon bei der Einführung der Fachanwaltschaften nicht wirklich funktioniert. Mehr Fachwissen macht aus Juristen nicht unbedingt bessere Anwälte. Warum glauben wir Juristen eigentlich immer, alles selbst können zu müssen, statt endlich zu lernen, mit Spezialisten aus anderen Professionen wirklich zusammenzuarbeiten? Und zu lernen, das Wesentliche zu sehen und durchzusetzen? Die Anwälte von Morgen sind keine "eierlegende Wollmichsau" sondern gereifte Persönlichkeiten!

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