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Missverständnis um EU-Verordnung: Zoo muss Klein­hir­sche doch nicht schlachten

24.01.2017

Der Leipziger Zoo teilte am Montag mit, aufgrund einer EU-Verordnung seine chinesischen Kleinhirsche schlachten zu müssen. Das stimmt aber nicht, erklärte die Europäische Kommission daraufhin. Über die Tiere wird jetzt erneut entschieden.

Die Europäische Kommission hat der Darstellung des Leipziger Zoos widersprochen, wonach dieser aufgrund einer EU-Verordnung (VO Nr. 1143/2014) seine chinesischen Kleinhirsche töten müsse. Der Zoo hatte mit Verweis auf die VO angekündigt, seine vier lebenden Muntjaks würden geschlachtet und an die Raubtiere verfüttert. Ein genauer Termin wurde nicht genannt. "Ich bedauere sehr, dass es keine andere Lösung gibt. Wir sind allerdings gezwungen, uns an geltendes Recht zu halten", hatte Zoodirektor Jörg Junhold erklärt. Die VO untersage die Zucht und Weitergabe der Tiere.

Die VO schreibe das Töten von Tieren aber nicht vor, erklärte Reinhard Hönighaus, Sprecher der EU-Kommission in Deutschland in Berlin. Zoos könnten die in der Verordnung aufgeführten Tiere bis zu deren natürlichen Tod halten. Laut Hönighaus muss der Zoo lediglich sicherstellen, dass sich die Muntjaks nicht weiter vermehren oder entkommen können. Bis zum Ablauf der Übergangsfristen dürften sie jedoch durchaus transportiert werden, auch in andere EU-Staaten.

Schicksal der Tiere wird erneut geprüft

Der Zoo hatte sich auf ein EU-Papier bezogen, das 37 Tierarten aufführe, die sich außerhalb ihres Ursprungsraumes ausbreiteten und dadurch eine Gefahr für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt darstellten. Darunter sind auch die in Leipzig gehaltenen chinesischen Muntjaks. Für die in der Liste aufgeführten Arten gelten laut Hönighaus derzeit noch Übergangsfristen, innerhalb derer die Tiere verkauft werden dürften. Im Fall der Muntjaks laufe die Frist bis zum 2. August 2017.

Nach der Erklärung durch die Kommission wolle der Zoo nun erneut abwägen, wie mit den Tieren weiter verfahren werden soll. Eine behördliche Prüfung stehe noch aus, so eine Sprecherin gegenüber LTO.

Chinesische Muntjaks haben eine Schulterhöhe von lediglich 50 Zentimetern. Im 19. Jahrhundert waren einige Exemplare von China nach England exportiert worden. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden einige Tiere aus einem Park freigelassen, sie verbreiteten sich schnell über weite Teile der britischen Insel.

dpa/acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Missverständnis um EU-Verordnung: Zoo muss Kleinhirsche doch nicht schlachten . In: Legal Tribune Online, 24.01.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21874/ (abgerufen am: 02.03.2021 )

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Kommentare
  • 24.01.2017 15:38, Bobo

    Typischer Fall von EU-Bashing - die armen, süßen Zwerghirsche, an die Raubtiere verfüttert! Spätestens in Zeiten von Trump sollten wir stolz darauf sein, dass wir in Europa Probleme gemeinsam angehen, auch solche von invasiven Tierspezies. Und bevor öffentlichkeitswirksam entsprechende Pressemittleiungen herausgegeben werden, in denen der Zorn auf Brüssel natürlich mitschwingt, muss man eben die entsprechende VO genau lesen!

  • 24.01.2017 18:17, Jemand_NRW

    Die VO findet sich hier:
    http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32014R1143&from=DE

    Maßgebliche Übergangsvorschrift für den Zoo als kommerziellen Betreiber dürfte Art. 32 sein, der da lautet:

    "Artikel 32 - Übergangsbestimmungen für kommerzielle Bestände

    (1) Die Halter eines kommerziellen Bestands von Exemplaren invasiver gebietsfremder Arten, die vor deren Aufnahme in die Unionsliste erworben wurden, dürfen bis zu zwei Jahre nach der Aufnahme der Arten in die Liste lebende Exemplare dieser Arten oder reproduktionsfähige Teile davon zwecks Verkauf oder Übergabe an Forschungs- oder Ex-situ-Erhaltungseinrichtungen und für Zwecke medizinischer Tätigkeiten gemäß Artikel 8 halten und befördern, sofern die Exemplare unter Verschluss gehalten und befördert werden und alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, um eine Fortpflanzung oder ein Entkommen auszuschließen, oder um diese Exemplare zu töten oder human zu keulen, um ihren Bestand zu erschöpfen.
    (...)"

    Von "leben lassen bis zum natürlichen Tod" steht da nichts,
    im Gegensatz zu der Bestimmung für nichtgewerbliche Besitzer, Art. 31:

    "Artikel 31 - Übergangsbestimmungen für nichtgewerbliche Besitzer

    (1) Abweichend von Artikel 7 Absatz 1 Buchstaben b und d dürfen Besitzer von zu nichtgewerblichen Zwecken gehaltenen Heimtieren, die zu den in der Unionsliste aufgeführten invasiven gebietsfremden Arten gehören, diese Tiere bis zum Ende ihrer natürlichen Lebensdauer behalten, sofern die folgenden Bedingungen erfüllt sind:
    (...)"

  • 25.01.2017 09:12, Anwalt

    Wenn botanische Gärten die klassischen Formen der Ex-situ-Erhaltungseinrichtung für Pflanzen sind: ist ein Zoo dies dann nicht entsprechend für Tiere?

  • 25.01.2017 12:54, Michael Dopf

    Toll, Zoos sollen keine invasiven Arten mehr züchten dürfen. Jeder Jagdpächter darf aber sein "Wild" im Winter dickfüttern, damit ja kein Tier wegen der Kälte stirbt (wie das normal sein sollte) aussderdem werden jedes Jahr Greifvögel, Wölfe und andere Beutegreifer geschossen, vergiftet oder anders um die Ecke gebracht, damit ja nichts vom "Wild" gerissen wird. Dass zum Beispiel Damwild und Muffelwild in den deutschen bzw. europäischen Wäldern nur zum Zwecke der Jagdausübung ausgesetzt wurde und wird stört anscheinend niemanden. Na ja, wen wundert´s - sind die meisten Jäger doch auch in öffentlichen Ämtern vertreten und fürchten um ihren Wochenendspass bei Tiere abknallen. Übrigens, die vielen Gold- und Jagdfasane, die auf heimischen Feldern zu sehen sind, wurden auch alle ausgesetzt und werden gehegt und gepflegt bis zur nächsten Jagd.