Die Debatte über die Rückkehr der Wehrpflicht ist in vollem Gange. Mit Freiwilligen wird die Bundeswehr ihren Bedarf jedenfalls nicht decken können. Kommt also der Pflichtdienst? Oder ein "republikanisches Jahr", wie es Cem Özdemir vorschlägt?
Drohnen kreisen über Europa, Cyberangriffe stören kritische Infrastrukturen – hybride Kriegsführung ist Realität. Auch Deutschland ist betroffen und die Frage nach der Verteidigungsfähigkeit ist in aller Munde, immerhin fehlen der Bundeswehr 80.000 Soldaten.
Jetzt meldet sich Alfons Mais zu Wort, der viele Jahre Inspekteur des Heeres gewesen ist. Der sogenannte Inspekteur des Heeres ist der oberste Vorgesetzte des Heeres der Bundeswehr. Kurz vor seinem Ruhestand richtet Mais im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur deutliche Worte an die Politik – und an die Gesellschaft.
Mais: "Gottvertrauen in die Freiwilligkeit"
Nachdem 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, hat das Bundeskabinett im August 2025 einen Gesetzesentwurf für den neuen Wehrdienst eingebracht. Weiterhin ist Freiwilligkeit für den Wehrdienst vorgesehen. Mit dem neuen § 2a Wehrpflichtgesetz soll die Bundesregierung aber auch außerhalb des Verteidigungsfalls die Einberufung zum Wehrdienst anordnen können. Doch das neue Wehrdienstgesetz stößt auf Kritik – vor allem in der Union.
Mais warnt dazu: Das "Gottvertrauen in die Freiwilligkeit wird nicht ausreichen", um der Bundeswehr die 80.000 fehlenden Soldaten zu bescheren. Angesichts wachsender Bedrohungen müsse Deutschland mehr tun. Es brauche nicht nur Experten im Hinterland, um die Logistik zu stabilisieren, sondern auch Soldaten an der Front. Die bestversorgteste Truppe nütze nichts, wenn das "Feldheer vorne nicht hält". Mais beanstandet damit den Fokus der Politik, anstatt der aktiven Truppen die Reserve zu stärken. Der neue Wehrdienst werde nicht für nennenswert mehr Soldaten an der Front führen.
Özdemir schlägt "republikanisches Jahr" vor
Auch Grünen-Politiker und Ex-Landwirtschaftsminister Cem Özdemir meldet sich jetzt in der Debatte zu Wort. Eine Wehrpflicht über die Köpfe der jungen Generationen hinweg einzuführen, würde die Gesellschaft spalten, da es bei den jungen Leuten keine Akzeptanz für den Wehrdienst gäbe.
Özdemir plädiert stattdessen für ein "republikanisches Jahr". Dieses solle sowohl den Wehrdienst als auch soziale oder zivile Dienste als Möglichkeit umfassen – etwa in der Katastrophenhilfe oder bei der medizinischen Versorgung. Der Grünen-Politiker betonte, dass eine freie Demokratie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten mit sich bringe. Die junge Generation müsse Verantwortung übernehmen können – aber nicht zwingend mit der Waffe in der Hand.
Zum Vergleich: Russlands Präsident Wladimir Putin hat kürzlich in wenigen Wochen 135.000 Männer zum Dienst einberufen. Beobachter warnen, Russland könne bis 2029 militärisch bereit sein, die NATO direkt herauszufordern. Die russischen Streitkräfte sollen dann 2,4 Millionen Mann stark sein, 1,5 Millionen davon Soldaten.
Deutschland dagegen zählte Ende 2024 rund 181.000 aktive Soldaten. Geplant ist ein Ausbau auf 260.000 Berufssoldaten plus 200.000 Reservisten – unter anderem durch das neue Wehrdienstgesetz, das jetzt so hart kritisiert wird.
sj/dpa/LTO-Redaktion
Deutschland fehlen 80.000 Soldaten: . In: Legal Tribune Online, 02.10.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58297 (abgerufen am: 07.03.2026 )
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