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Urteil im Vergewaltigungsprozess: 20 Jahre Haft für den Ex-Mann von Gisèle Pelicot

19.12.2024

Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot am Donnerstag vor dem Tribunal Judiciaire in Frankreich, wo das Urteil im Prozess gegen ihren Ex-Mann verkündet wurde. Foto: picture alliance/dpa/MAXPPP | Rey Jerome

Ihr Ex-Mann hatte sie über Jahre hinweg immer wieder betäubt und vergewaltigt. Indem Gisèle Pelicot ihren grausamen Fall öffentlich macht, wird sie zur Symbolfigur im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Nun fiel das Strafurteil.

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Im Vergewaltigungsprozess von Avignon wurde Dominique Pelicot zu 20 Jahren Haft verurteilt. Der 72-Jährige hatte seine Frau Gisèle über fast ein Jahrzehnt hinweg immer wieder betäubt, missbraucht und sie auch von Dutzenden Fremden vergewaltigen lassen. Pelicot gestand die Taten vor Gericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

In dem Mammutverfahren in Südfrankreich stehen neben dem Hauptangeklagten 50 weitere Männer vor Gericht, die meisten wegen Vergewaltigung. Die Urteilsverkündung gegen sie dauert an. Einen der Angeklagten sprach das Gericht lediglich wegen versuchter Vergewaltigung schuldig, zwei weitere wegen sexueller Gewalt.

Alle anderen wurden der schweren Vergewaltigung schuldig gesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte bis zu 18 Jahre Gefängnis für sie gefordert. Der Nebenklageanwalt Antoine Camus sagte: "Jeder hat auf seine Weise zu dieser Monstrosität, diesem Martyrium dieser Frau beigetragen." Zum Zeitpunkt der Taten sollen die Männer zwischen 21 und 68 Jahren alt gewesen sein. Dominique Pelicot hatte den Kontakt zu ihnen über eine Online-Plattform gesucht.

Vergewaltigungen kamen zufällig ans Licht

Der jahrelange sexuelle Missbrauch von Gisèle Pelicot war vor vier Jahren eher zufällig aufgeflogen. Dominique Pelicot war im September 2020 festgenommen worden, nachdem er Frauen im Supermarkt unter ihren Rock gefilmt hatte. Bei der Durchsuchung seines Computers fanden Polizisten hunderte Fotos und Videos, die den Missbrauch seiner Frau dokumentierten.

Gisèle selbst hatte die Übergriffe aufgrund der starken Medikamente, die ihr damaliger Mann ihr heimlich verabreicht hatte, nicht bemerkt. Sie geht davon aus, etwa 200 Mal vergewaltigt worden zu sein. Die Ermittler vermuten zudem, dass ein Dutzend weiterer Täter beteiligt waren, die jedoch nicht identifiziert werden konnten.

Gisèle Pelicot wird zur Vorbildfigur

Das seit September laufende Verfahren hat Frankreich aufgerüttelt. In einem ungewöhnlichen Schritt entschied sich Gisèle Pelicot dazu, den Prozess nicht hinter verschlossenen Türen führen zu lassen, wie es zum Schutz von Opfern solcher Taten eigentlich vorgesehen ist. Sie habe sich nichts vorzuwerfen, betonte die Anfang-Siebzigjährige. 

In nur wenigen Wochen wurde Pelicot zum Vorbild und zur feministischen Ikone. Sie wolle, dass andere missbrauchte Frauen durch sie Mut bekämen, sagte sie vor Gericht. "Ich will, dass sie keine Schande mehr verspüren. Nicht wir sollten uns schämen, sondern sie."

Anlässlich des Urteils im Vergewaltigungsprozess betonte die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, die Bedeutung solcher Prozesse: "Jeder Gerichtsprozess hilft unzähligen anderen Betroffenen", erklärte Ataman. Das Verfahren in Südfrankreich zeige, dass es sich lohne, Täter vor Gericht zu bringen. "Denn es muss klar sein: Sexuelle Gewalt, und auch jede Form von sexueller Belästigung, ist verboten – auch bei uns in Deutschland."

Weißer Ring hofft auf Signalwirkung in Deutschland

Der "Weiße Ring" hofft, dass der Avignon-Prozess auch in Deutschland einen Lerneffekt auslöst. "Gisèle Pelicot ist nicht nur eine bewundernswert tapfere Frau – ihr ist ohne jede Einschränkung zuzustimmen, wenn sie fordert: 'Die Scham muss die Seite wechseln'", sagte die Bundesgeschäftsführerin der Opferschutzorganisation, Bianca Biwer, in Mainz.

"Niemand muss sich schämen, Opfer einer Straftat geworden zu sein. Für Taten sind Täter verantwortlich, niemals die Opfer", betonte Biwer. "Ich wünsche mir sehr, dass diese Erkenntnis endlich auch in Deutschland die letzten Zweifler erreicht, die immer noch meinen, die Kleidung eines Vergewaltigungsopfers oder der Trennungswunsch eines Femizidopfers hätten etwas mit dem Verbrechen zu tun." Vielleicht trage das "furchtlose Auftreten" Pelicots in der Öffentlichkeit dazu bei, sagte Biwer. 

Femizid ist der Begriff für die Tötung von Frauen, meistens durch ihren Partner oder Ex-Partner.

dpa/xp/LTO-Redaktion

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Urteil im Vergewaltigungsprozess: . In: Legal Tribune Online, 19.12.2024 , https://www.lto.de/persistent/a_id/56150 (abgerufen am: 15.02.2026 )

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