Studie zu Femiziden in Deutschland: "Gewalt an Frauen ernst nehmen"

von Annelie Kaufmann

20.11.2025

Eine neue Studie zu Femiziden zeigt: Gewaltvolle Beziehungen und eine schlechte sozioökonomische Lage sind ein Risiko. Es brauche allerdings wesentlich mehr Forschung als bisher, um verlässliche Aussagen zum Thema Femizid treffen zu können.

Ein 39-Jähriger, der in Ludwigshafen seine Ehefrau tötet – nach Angaben ihrer Familie wollte sie sich trennen. Eine 20-Jährige, die in Sachsen-Anhalt von ihrem Ex-Freund erstochen wird, der zuvor schon gewalttätig war. Fälle aus dem Jahr 2025, in denen sich die Frage stellt: Wurden diese Frauen getötet, weil sie Frauen waren? Wie oft kommen solche Taten in Deutschland vor? Was kann und muss man dagegen tun?

Bisher gab es nur wenig kriminologische Forschung und keine belastbaren Zahlen, schlagwortartig war von "jeden Tag ein Femizid" die Rede. Nun zeigt die aktuelle Studie: Es sind weniger Taten. Aber Femizide machen einen wesentlichen Anteil der Frauentötungen in Deutschland aus. Besonders häufig werden Frauen im Kontext einer Trennung oder aus Eifersucht von einem Partner oder Ex-Partner getötet.

Die Studie "Femizide in Deutschland", kurz FemiziDE, wurde am Donnerstag vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und dem  Institut für Kriminologie der Universität Tübingen vorgestellt. Ziel des Forschungsprojekts war es, herauszufinden, wieviele Femizide es in Deutschland gibt. Die Studie kann diese Frage nicht abschließend beantworten, zeichnet aber zumindest ein genaueres Bild von Femiziden in Deutschland als die bisher.

Was ist ein Femizid?

Ein Problem in der Diskussion um Femizide bisher: Es ist unklar, was mit dem Begriff überhaupt gemeint ist. Die Kriminologinnen und Kriminologen mussten deshalb zunächst eine Definition entwickeln. Sie schlagen vor, zwischen einem engen motivbezogenen und einem weiten soziostrukturellen Femizidbegriff zu unterscheiden.

Bei Femiziden geht es immer um vorsätzliche Tötungsdelikte, die sich gegen Frauen und Mädchen richten und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Tötung und dem Geschlecht. Dieser Zusammenhang könne sich einerseits aus dem sexistischen Motiv der Täter ergeben (enger Femizidbegriff). Andererseits könne er auch daraus resultieren, dass Frauen aufgrund ihrer Stellung in der deutschen Gesellschaft und einer strukturellen Diskriminierung für bestimmte Arten von Tötungsdelikten besonders vulnerabel sind (weiter Femizidbegriff). Umfasst sind damit auch Tötungsdelikte in Partnerschaften, Tötungen der Mutter oder Großmutter, Taten in losen sexuellen Beziehungen und Tötungen von Sexarbeiterinnen.

Ausgewertet wurden 292 Strafverfahrensakten aus dem Jahr 2017 zu Tötungsdelikten mit mindestens einem weiblichen Opfer. Dabei sei es eine große Herausforderung gewesen, überhaupt umfassende Informationen zu den Taten zu erhalten, berichtet Prof. Dr. Jörg Kinzig von der Universität Tübingen. So habe man etwa aus Berlin gar keine Akten von den Strafverfolgungsbehörden erhalten und deshalb auf verschiedene Großstädte in Nordrhein-Westfalen zurückgegriffen. Außerdem wurden Strafverfahrensakten aus fünf weiteren Bundesländern ausgewertet. Das Jahr 2017 wurde gewählt, um möglichst Fälle betrachten zu können, in denen das Strafverfahren bereits abgeschlossen war. Es wurden aber auch Fälle einbezogen, in denen sich etwa der Täter nach der Tat selbst getötet hat, sodass es kein Strafverfahren gab.

Einige der 292 Fälle wurden im nächsten Schritt ausgeschlossen, sie stellten sich als Fehlerfassung, Fälle ohne Tatnachweis oder ohne Tötungsvorsatz heraus. In der Stichprobe verblieben 197 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte zulasten von Frauen. Davon wurden 133 (67,5 Prozent) als Femizide im weiteren soziostrukturellen Sinne klassifiziert. In 74 Fällen (37,6 Prozent) konnte ein sexistisches Motiv des Täters festgestellt werden, sodass gleichzeitig ein Femizid im engeren Sinne vorliegt. Partnerinnenfemizide seien dabei die häufigste Form von Femiziden und auch von Frauentötungen in Deutschland. Es geht dabei oft um eine Trennung oder um Eifersucht des Täters. "Sehr oft gab es schon vorher Gewalt in der Beziehung", so Florian Rebmann, einer der Autoren der Studie. "Wir sollten Gewalt an Frauen ernst nehmen und nicht kleinreden."

Wie viele Femizide pro Jahr?

Wieviele Femizide pro Jahr in Deutschland begangen werden, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten. Sabine Maier, eine der Autorinnen der Studie, weist in der Pressekonferenz am Donnerstag auf zahlreiche Schwierigkeiten hin. So habe sich gezeigt, dass die Polizei tendenziell zu viele Fälle registriere. Bei einem Anteil der in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Tötungen an Frauen stellt sich heraus, dass es sich nicht um ein Tötungsdelikt oder jedenfalls nicht um ein Tötungsdelikt an einer Frau handelt. Die verbleibenden Fälle brauchen eine genaue Betrachtung. Um die Anzahl von Femiziden pro Jahr genau zu beziffern, brauche es jedoch mehr Forschung. Derzeit könne man sagen "jeden dritten Tag ist wahrscheinlich richtiger als jeden Tag", so Maier.

Von 108 Partnerinnenfemiziden führten nur 50 zu einer Verurteilung wegen eines Tötungsdelikts, in den meisten übrigen Fällen sei das Verfahren aufgrund eines Suizids des Täters eingestellt worden oder der Täter wurde in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Bei den Tötungsdelikten an Partnerinnen – in der Regel wegen einer Trennung – wurden die Täter in ungefähr der Hälfte der Fälle wegen Totschlags, in der anderen Hälfte der Fälle wegen Mordes verurteilt. Das häufigste Mordmerkmal sei Heimtücke gewesen, gefolgt von niedrigen Beweggründen. Den Gerichten falle es oft schwer, das Hauptmotiv des Täters herauszuarbeiten und einen Bezug zum Geschlecht des Opfers eindeutig herzustellen.

Eine allgemein schlechte sozioökonomische Lage gilt als Risikofaktor für Femizide. In den weitaus meisten Fällen kannte der Täter das Opfer. Teilweise töteten die Täter nicht nur die Frau, sondern auch Drittte, etwa die Kinder. Die Studie empfiehlt größere Anstrengungen, um Gewalt gegenüber Frauen früher zu erkennen und zu stoppen. Dafür müsste auch die Polizei gezielt aufgeklärt werden. Die elektronische Fußfessel könnte dazu beitragen, dass Gewaltschutzmaßnahmen besser eingehalten werden. Allerdings zeige sich, dass teilweise umgangsrechtliche Regelungen weitgehend darauf hinwirken, dass ein Umgang zu den Kindern besteht – was Gewaltschutzmaßnahmen zuwiderlaufen kann. Hier sei ein vorsichtiges Umdenken angebracht. Die Kriminologinnen und Kriminologen werben außerdem dafür, einen "German Homicide Monitor" einzuführen, um Tötungsdelikte umfassend und langfristig zu erforschen. Solche Forschungsprojekte gibt es bereits in anderen europäischen Ländern. 

aka/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Studie zu Femiziden in Deutschland: . In: Legal Tribune Online, 20.11.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58678 (abgerufen am: 22.01.2026 )

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