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OLG Schleswig-Holstein zu historischen Gebäuden: Mit glatten Böden ist nicht zu rechnen

22.04.2016

Wer historische Gebäude betritt, muss besonders achtsam sein. Man kann nämlich nicht erwarten, dass der Fußboden so gleichmäßig flach ist, wie in modernen Gebäuden. Wer deswegen über Unebenheiten stolpert, ist selber schuld.

Ist ein Gebäude erkennbar nach einem historischen Vorbild errichtet worden, so kann ein Besucher weder damit rechnen, dass der Fußboden so gleichmäßig flach ist wie in einem modernen Gebäude, noch kann er erwarten, dass er vor Unebenheiten durch besondere Schilder gewarnt wird. Das hat das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht (OLG) in einer jetzt bekannt gewordenen Entscheidung entschieden und eine Schadensersatzverpflichtung eines Tierparkbetreibers gegenüber einer Besucherin verneint, die gestürzt war (Beschl. v. 23.03.2016, Az. 11 U 97/15).

Die Frau besuchte einen Tierpark in Neumünster, auf dem sich auch die Nachbildung eines historischen Geestbauernhofs befindet. Der Eingangsbereich des Bauernhauses weist aufgrund unterschiedlicher Pflasterungen Höhenunterschiede und Unebenheiten auf. Beim Betreten des Gebäudes stürzte sie und verletzte sich erheblich. Für die entstandenen Schäden verlangte sie Schadensersatz vom Tierparkbetreiber.

Der Senat wies die Klage aber ab. Den Betreiber treffe keine Pflicht, die vorhandene Rinne im Eingangsbereich des Gebäudes zu beseitigen oder davor in besonderer Weise zu warnen. In einem Tierpark sei schon ganz generell mit unebenen Wegen und unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit zu rechnen. Dies gelte besonders bei Gebäuden, die erkennbar nach einem historischen Vorbild errichtet worden sind, befanden die Richter.

Besucher historischer Gebäude könnten keine Bodenbeschaffenheit wie bei modernen Gebäuden erwarten und gerade im Eingangsbereich müsse man mit Schwellen, Stufen oder sonstigen Veränderungen rechnen. Im Eingangsbereich sei deshalb besondere Vorsicht geboten. Dies gelte umso mehr, als man beim Betreten des Gebäudes von einem hellen, sonnigen Bereich in einen dunklen, schattigen Bereich hineintritt und das Auge eine gewisse Zeit braucht, um sich auf die veränderten Lichtverhältnisse einzustellen. Die Frau war laut Gericht offensichtlich nicht vorsichtig genug, denn sonst hätte sie die Unebenheit und den Höhenunterschied erkannt, befanden die Richter.

acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

OLG Schleswig-Holstein zu historischen Gebäuden: Mit glatten Böden ist nicht zu rechnen . In: Legal Tribune Online, 22.04.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19172/ (abgerufen am: 19.09.2019 )

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Kommentare
  • 22.04.2016 13:25, Christoph

    Ehrlich gesagt erschließt sich mir die Argumentation nicht ganz.
    Einerseits wird argumentiert, dass Besucher historischer Gebäude mit Unebenheiten rechnen müssten. Dies ist auch vollkommen nachvollziehbar, denkt man an das Alter der Gebäude, die damaligen Baufertigkeiten und die aufgrund der Zeit auftretenden Verwerfungen des Bodens etc.
    Dies müsse auch für Gebäude gelten, die nach historischem Vorbild errichtet wurden. Das erschließt sich mir nicht. Hier wird etwas für ein neu errichtetes Gebäude vorausgesetzt, was z.T. über Jahre bei einem historischen Gebäude entstanden ist oder was aufgrund der damaligen Unzulänglichkeiten entweder des Baus an sich oder der Bodenbeschaffenheiten zurückzuführen ist.
    Hier hat das OLG meines Erachtens Äpfel mit Birnen verglichen. Denn es muss einem Bauherren in der Gegenwart zumutbar sein, selbst bei historischer Darstellung des Bodens auf die Verkehrssicherheit zu achten bzw. dafür Sorge zu tragen, dass eben niemand stürzt.
    Das OLG impliziert hinsichtlich des Sturzes grobe Fahrlässigkeit der Frau, was ich anhand der Informationen aus dem Text für sehr bedenklich halte.

    Ein (Neu)Bau nach Abbild eines historischen Gebäudes ist nun einmal kein historisches Gebäude.

  • 24.04.2016 07:12, Freddy

    Widersprüchlich erscheint die Urteilsbegründung insoweit, dass "bei historischen Gebäuden" mit baujahrbedingten Fußbodenunebenheiten zu rechnen sei. Aber in der Tat handelt es sich bei diesem Tierpark um eine "Nachbildung eines historischen Geesthofs". Eine Gebäude-Nachbildung ist nur eine äußere Kopie, also kein Original! Der Eigentümer hat sich meines Erachtens sehr wohl schuldig gemacht durch fehlenden Hinweis auf Bodenunebenheiten. Bauausführungen, auch bei Gebäude-Nachbildungen, unterliegendem dem Baurecht und dieses richtet sich nach heutigen Maßstäben. Das heißt, die Wände etc. können historisch nachgebildet sein, aber die Böden müssen sehr wohl ebenerdig sein, genauso wie Brandschutzbestimmungen (besonders wegen Besucherverkehr) bautechnisch angebracht sein müssen.
    Der Eigentümer hat meines Erachtens keinerlei Anspruch darauf, dass er sich auf das ursprüngliche Baujahr beruft, und hierbei den die Nachbildung nach heutigem Baurecht außen vor läßt.
    Man hätte gegen dieses Urteil Berufung einlegen sollen. Es ist ungeheuerlich.

  • 25.04.2016 11:44, GrafLukas

    Schonmal im Zoo gewesen? Da sind die Wege nunmal nicht asphaltiert. Also muss ich damit rechnen, dass es Bodenunebenheiten gibt.

    Und warum soll eine Nachbildung nur eine _äußere_ Kopie sein? Es wäre doch gerade eine schlechte Nachbildung, wenn sie die "Mängel" des Originals verbessern würde.

    Warum sollte es auf grobe Fahrlässigkeit ankommen? Es war einfach Pech, wofür der Betreiber nicht haftet.