Druckversion
Dienstag, 11.08.2026, 16:38 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/neue-fallzahlen-zur-politisch-motivierten-kriminalitaet-rechtsextremismus-antisemitismus
Fenster schließen
Artikel drucken
57239

Neue Fallzahlen zur Politisch motivierten Kriminalität: Exp­lo­si­ons­ar­tiger Ans­tieg

20.05.2025

Dobrindt bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Statistik zu politisch motivierten Kriminalität

Minister Dobrindt stellt alarmierende Zahlen vor Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Bei Straftaten mit politischem Hintergrund gibt es eine alarmierende Entwicklung. Vor allem rechte und antisemitische Straftaten nehmen stark zu. Es sind die höchsten Zahlen seit Beginn der Erhebung.

Anzeige

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat am Dienstag gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundeskriminalamt (BKA) Holger Münch in Berlin die neuesten Fallzahlen zur politisch motivierten Kriminalität vorgestellt. Die Erhebung umfasst vor allem Straftaten aus dem rechten, linken und religiös-fundamentalistischen Spektrum. Wesentliches Ergebnis: Im Jahr 2024 wurden 84.172 Straftaten aus dem Bereich politisch motivierter Kriminalität (PKM) erfasst. Das sind 40,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor - ein überdeutlicher Anstieg. 

In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Straftaten damit mehr als verdoppelt (fast 116 Prozent). Während die Zahl im Teilbereich der Gewaltdelikte 2023 noch gesunken war, stiegen sie 2024 deutlich um 15,3 Prozent auf 4.107 Taten. Als Einflussfaktoren nannte Dobrindt die Wahlen im letzten Jahr, eine Polarisierung der Gesellschaft und den gestiegenen Antisemitismus. Er kündigt eine "Sicherheitsoffensive von Bund und Ländern" an, wie sie bereits auch im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vereinbart ist.

Größte Gefahr von Rechts

Insbesondere die rechts motivierten Straftaten nahmen im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent massiv zu. Rechtsmotivierte Gewalttaten sind dabei um rund 17 Prozent gestiegen, was laut Bericht eine anhaltende und zunehmende Gewaltbereitschaft zeigt. 45 Prozent aller Opfer seien von rechtsmotivierten Täters verletzt worden, so Dobrindt. Ein Großteil der Taten von rechts stellen sogenannte Propagandadelikte dar, worunter vor allem Straftaten nach § 86 und § 86a Strafgesetzbuch (StGB) fallen.

"Es ist zu vermuten, dass die intensiv geführten Wahlkampfdebatten zur Migrationspolitik zu einer weiteren Polarisierung der teils fremdenfeindlichen, insbesondere rassistischen und ausländerfeindlichen Einstellungen in der rechten Szene beigetragen haben", heißt es auf der Seite des Bundeskriminalamtes.

Auch Straftaten von links sind gestiegen und zwar um 28,2 Prozent. Insgesamt wurden 6.236 Fällen verzeichnet. Rückläufig ist dabei jedoch die Anzahl der Gewaltdelikte. Sie sanken um 16,8 Prozent auf 762 Fälle. Es handelte sich bei den Taten häufig um Sachbeschädigungen, vermehrt waren Einrichtungen der Infrastruktur Ziel. Dabei seien enorme Schäden verursacht worden, erklärte Dobrindt. 

Über ein Viertel der Taten Hasskriminalität

Besonders groß ist nach der neuesten Statistik der Anteil der Hasskriminalität. 21.773 Fälle wurden erfasst. Das bedeutet mehr als ein Viertel aller Taten. Innerhalb der Hasskriminalität verzeichnen den stärksten Anstieg frauenfeindliche Straftaten. Gut möglich, dass dieser Anstieg auch mit der 2023 in Kraft getretenen Neufassung von § 46 Abs. 2 StGB zusammenhängt, wonach bei der Strafzumessung besonders rassistische, fremdenfeindliche oder sonstige menschenverachtende Beweggründe und Ziele zu beachten sind. Mehr als 51 Prozent der Taten waren zudem auch rechtsmotiviert. 

Weiter stieg laut Bericht auch die Anzahl der antisemitischen Straftaten als Teil der Hasskriminalität: Um 20,8 Prozent auf 6.236 Fälle. Bereits 2023 war eine fast 100-prozentige Zunahme verzeichnet worden, was ebenso wie der diesjährige Zuwachs auch mit dem Krieg in Gaza zu tun haben dürfte. 

"Dieser Anstieg ist nicht verwunderlich, denn bereits in den Jahren 2022/23 hat es eine Zunahme antisemitisch motivierter Taten gegeben - und zwar bereits in den ersten drei Quartalen 2023, also vor dem Terroranschlag der Hamas am 7.10.2023. Danach sind die Vorfälle in die Höhe geschossen und seither auf einem relativ hohen Niveau geblieben.", erläutert der Strafrechtler Prof. Martin Heger die Entwicklung. "Während früher vor allem rechtsextreme Täter verantwortlich waren, sind zuletzt verstärkt auch islamistische und linke Tätergruppen in den Vordergrund getreten", so der Lehrstuhlinhaber und Leiter des Forschungsprojektes "Antisemitismus als Justizielle Herausforderung" an der Berliner Humboldt-Universität.

Anzeige

Justizministerin Hubig: "Die Lage ist ernst"

Zu besonders vielen Straftaten kam es im Kontext der diversen Wahlen im vergangenen Jahr. Dazu zählten laut Bericht u.a. Sachbeschädigungen an Wahlplakaten, Parteibüros und verbale wie auch körperlichen Übergriffe auf Politiker:innen und Wahlkampfhelferende. Hier stiegen die Fallzahlen um 427 Prozent an im Vergleich zu 2023. 

"Diese Entwicklung ist ein Warnsignal: Extremismus, Fanatismus und Hass sind eine große Gefahr für unser friedliches Zusammenleben", erklärte Bundesjustizministerin Dr. Stefanie Hubig. "Das geht am besten mit guter Politik: soziale Sicherheit, Gerechtigkeit, ein Staat, der funktioniert - in der Schule, auf dem Amt oder vor Gericht."  Ähnlich bewertete auch BKA-Präsident Holger Münch die Lage: "Wenn politische Straftaten und Gewalt zunehmen, ist das nicht nur ein statistisches Phänomen", so Münch. "Es ist ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Polarisierung und wachsender Radikalisierung und zeigt einmal mehr: Unsere Demokratie steht unter Druck." 

lm/LTO

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Neue Fallzahlen zur Politisch motivierten Kriminalität: . In: Legal Tribune Online, 20.05.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57239 (abgerufen am: 11.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • BKA
    • Bundesjustizministerium
    • Rechtsextremismus
    • Straftaten
Richterin Isabel Hildebrandt, Vorsitzende Richterin am Landgericht, auf ihrem Platz hinter der Richterbank. 10.08.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 66:

Aus­ge­rechnet auf der Ziel­ge­raden meldet sich der nächste Israeli

Eigentlich hat das Gericht sein Beweisprogramm schon für abgeschlossen erklärt, da meldet sich der nächste, mutmaßlich an der Entführung in der Silvesternacht beteiligte Israeli. Muss die Kammer diesen möglichen Zeugen jetzt anhören?

Artikel lesen
Ein Führungszeugnis ohne Eintragung 10.08.2026
Cannabis-Legalisierung

Tilgung von Cannabisdelikten aus dem Bundeszentralregister:

Die rich­tige Anwen­dung eines kaum durch­dachten Gesetzes

Taten im Zusammenhang mit Cannabis, die seit der Teillegalisierung nicht mehr bestraft werden, können aus dem BZR getilgt werden. Welche Eintragungen darunterfallen, ist jedoch unklar. Pascal Reuer sieht den Gesetzgeber in der Pflicht.

Artikel lesen
Die Angeklagten stehen im Sitzungssaal im Strafjustizgebäude in Hamburg 05.08.2026
Rechtsextremismus

Hanseatisches Oberlandesgericht:

Haft­strafen im Pro­zess gegen "Letzte Ver­tei­di­gungs­welle"

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechten Terrorgruppe "Letzte Verteidigungswelle" vor Gericht. Weil sie so jung sind, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nun hat das Hanseatische OLG Haftstrafen verhängt.

Artikel lesen
Ein Strafgesetzbuch liegt auf einer Ausgabe des Jugendgerichtsgesetzes 05.08.2026
Jugendkriminalität

Debatte ums Jugendstrafrecht:

Kommt die Reform früher als geplant?

Eine vom BMJV in Auftrag gegebene Studie soll bis 2028 herausfinden, ob bei Heranwachsenden nur noch im Ausnahmefall das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen soll. Nach dem CSD-Anschlag wächst der Druck. Kommt die Reform deshalb früher?

Artikel lesen
Philip von der Meden geht durch die Tür zum Gerichtssaal, Ingo Bott ist verschwommen im Vordergrund zu sehen. An der Tür hängt ein Schild zum Ausschluss der Öffentlichkeit 29.07.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 65:

Ent­schei­dende Stunden hinter ver­sch­los­senen Türen

Die kinderpsychiatrische Gutachterin sagt bei ausgeschlossener Öffentlichkeit aus. Es geht um die psychischen Schäden, die die entführten Kinder erlitten – und damit möglicherweise um die Frage, ob Christina Block ins Gefängnis muss.

Artikel lesen
ChatGPT auf einem Handy-Bildschirm, im Hintergrund OpenAI-Logo 28.07.2026
KI

Wer ist für Straftaten der KI verantwortlich?:

"Die Modelle lügen, sie betrügen, sie hacken"

Wenn KI-Modelle autonom Straftaten begehen, kommt das Rechtssystem an seine Grenzen. Denn Strafe setzt persönliche Schuld voraus. Wer die Verantwortung für KI-Delinquenz trägt, erläutert Christian Heinelt.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Unabhängiger Kontrollrat
Voll­ju­ris­tin­nen oder Voll­ju­ris­ten (w/m/d) als Re­fe­ren­tin oder Re­fe­rent für...

Unabhängiger Kontrollrat, Ber­lin

Logo von Aderhold Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­walt (m/w/d) im Be­reich Ar­beits­recht

Aderhold Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Dort­mund und 1 wei­te­re

Logo von PwC Legal AG
Syn­di­kus­rechts­an­walt - Ver­trags­ver­hand­lung und IT (w/m/d)

PwC Legal AG, Frank­furt am Main

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Health­ca­re/Öf­f­ent­li­ches Recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Mün­chen

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen
Voll­ju­rist (m/w/d) Bau- und Im­mo­bi­li­en­recht

Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen, Wies­ba­den

Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Han­no­ver

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Green Claims: Umweltaussagen rechtssicher gestalten

11.08.2026

PraxisRadar Verkehrsrecht

11.08.2026

23. Landesanwaltstag Sachsen-Anhalt 2026

28.08.2026, Merseburg

Aktuelles zur Erbschaft-/Schenkungsteuer und Bewertung

11.08.2026

EU AI Act Compliance im Griff – Schritt für Schritt zur Umsetzung

11.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH