Druckversion
Freitag, 10.04.2026, 16:16 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/justizministerin-hubig-besuch-istgh-igh-den-haag-voelkerrecht
Fenster schließen
Artikel drucken
59254

Besuch der Justizministerin in Den Haag: Hubig wider­spricht Merz – und stärkt dem IStGH den Rücken

06.02.2026

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD, l) besucht den Internationalen Gerichtshof. Neben ihrTomoko Akane (r), Präsidentin des Internationalen Gerichtshofs (IStGH).

Ministerin Hubig (l.) wurde von der Präsidentin des IStGH Tomoko Akane (r.) empfangen. Foto: picture alliance/dpa/Anne-Beatrice Clasmann | Anne-Beatrice Clasmann

Bei ihrem Besuch in Den Haag wirbt Justizministerin Hubig für die Einhaltung des Völkerrechts. Mit Blick auf den Haftbefehl gegen Netanjahu widerspricht sie Bundeskanzler Merz deutlich.

Anzeige

Die beiden wichtigsten internationalen Gerichte in Den Haag – der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) und der Internationale Gerichtshof (IGH) – stehen aktuell unter starkem politischem Druck. Das sieht auch die Bundesregierung als Problem an, was Justizministerin Stefanie Hubig bei einem Besuch der beiden Institutionen verdeutlicht. Deutschland, das sich selbst gerne als kompromissloser Verfechter des Völkerrechts präsentiert, hatte zuletzt auch kritische Fragen zu seiner eigenen Standfestigkeit in geopolitisch stürmischen Zeiten beantworten müssen. 

Vielleicht deshalb betont Hubig in Den Haag mehrfach, Deutschland stehe auch in schwierigen Zeiten zum Völkerrecht und den sich daraus ergebenden Verpflichtungen. "Wir sehen natürlich, dass das Völkerrecht unter Druck steht" sagt die SPD-Politikerin.

Zweifel an dieser Haltung hatten unter anderem Äußerungen von Friedrich Merz ausgelöst. Der IStGH hatte im November 2024 Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu, den damaligen israelischen Verteidigungsminister Joav Galant sowie den Hamas-Militärchef Mohammed Deif erlassen. Merz hatte vor seiner Wahl zum Kanzler gesagt, er wolle Mittel und Wege finden, um Netanjahu im Falle eines geplanten Deutschlandbesuchs eine Ein- und Ausreise ohne Festnahme zu ermöglichen.

Hubig betonte nach einem Treffen mit IStGH-Mitarbeitern dagegen, für sie sei klar, dass Deutschland seine völkerrechtlichen Verpflichtungen erfüllen müsse. Das würde bedeuten, Netanjahu festzunehmen und nach Den Haag zu überstellen, wenn er deutschen Boden betritt. "Wir halten das Völkerrecht hoch", sagte Hubig.

US-Sanktionen gegen den IStGH

Auch der IStGH selbst steht vor erheblichen Herausforderungen. Im Februar 2025 verhängte US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen acht Richter und drei Mitarbeitende der Anklagebehörde. Diese Sanktionen, die später auch weitere IStGH-Mitarbeiter und ihre Familien umfassten, behinderten das Gericht vorübergehend, unter anderem weil E-Mail- und Bankzugänge blockiert wurden. Im Oktober wechselte der IStGH vom US-Anbieter Microsoft zum deutschen Anbieter Open Desk. 

Die Verwaltungssoftware, deren Entwicklung von der Bundesregierung als Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit von außereuropäischen Dienstleistern finanziert wurde, ermöglicht die Nutzung von Cloud-Speicher, E-Mail-Funktionen, Chats, Videokonferenzen und anderen Elementen, unabhängig von Produkten und Dienstleistungen von US-Unternehmen. 

Gegenwind gibt es auch von anderer Seite. Ein Moskauer Gericht hat im Dezember neun Vertreter des IStGH in Abwesenheit zu langen Haftstrafen verurteilt. Der Vorwurf der Behörde: Chefankläger Karim Khan habe illegale Strafverfahren gegen russische Staatsbürger eingeleitet und der IStGH rechtswidrige Haftbefehle erlassen. 

Khan legte sein Amt im Mai 2025 vorübergehend nieder, da gegen ihn Untersuchungen wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe laufen. Khan weist die Vorwürfe vehement zurück. Im Dezember 2025 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, die interne Untersuchung sei abgeschlossen. Die Ergebnisse seien jedoch vertraulich und würden derzeit durch ein externes Gremium überprüft. Obwohl ein Abschluss dieses Verfahrens binnen 30 Tagen angekündigt war, liegen die Ergebnisse bis heute nicht vor.

Entschädigung für Kriegsfolgen in der Ukraine

Justizministerin Hubig besucht auch das Ukraine Schadensregister. Es wurde geschaffen, damit Ukrainer eines Tages Entschädigungszahlungen für zerstörte Wohngebäude, den Verlust von nahen Angehörigen, Zwangsarbeit und andere Schäden erhalten können. Woher das Geld dafür kommen soll – eine Überlegung ist die Nutzung des russischen Auslandsvermögens – ist noch offen. 

Anträge können digital über eine ukrainische Regierungs-App gestellt werden. Sie sollen unabhängig von Reparationszahlungen behandelt werden, die eines Tages Teil einer Vereinbarung zur Beendigung des von Russland begonnenen Angriffskriegs gegen die Ukraine sein könnten. Bisher wurden nach Angaben des Direktors, Markiyan Kliuchkovskyi, rund 110.000 Anträge gestellt. Mehr als 30.000 der Antragssteller kämen demnach bisher für eine Entschädigung infrage.

Hubig: "IGH hat mehr Bedeutung als jemals zuvor"

Letzter Stopp für Hubig ist der IGH. Der IGH habe "mehr Bedeutung, als er jemals zuvor hatte", sagt die Ministerin. Gleichzeitig gebe es "immer wieder Staaten, die nicht mehr dieser Gerichtsbarkeit unterfallen wollen", so Hubig.  Da es einen laufenden Rechtsstreit gibt, der Deutschland betrifft, spricht Hubig im Einklang mit den Gepflogenheiten des Gerichtshofs beim IGH nur mit dem stellvertretenden Gerichtskanzler.

Südafrika hat Israel wegen mutmaßlichen Völkermordes an den Palästinensern im Gazastreifen verklagt. Im März 2024 wandte sich Nicaragua mit dem Vorwurf an das Gericht, Deutschland leiste durch Waffenlieferungen an Israel Beihilfe zu einem Völkermord. Die Bundesregierung zweifelt die Zulässigkeit des Verfahrens an. Bis März soll Nicaragua darauf antworten.

dpa/ep/fkr/LTO-Redaktion

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Besuch der Justizministerin in Den Haag: . In: Legal Tribune Online, 06.02.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59254 (abgerufen am: 11.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Europa- und Völkerrecht
    • Bundesjustizministerium
    • Israel
    • IStGH
    • USA
    • Völkerrecht
    • Völkerstrafrecht
Verteidigungsminister Pete Hegseth bei einer Pressekonferenz des Pentagon. 10.04.2026
Pressefreiheit

Bundesrichter rügt Presseregeln der US-Regierung:

Pen­tagon darf kri­ti­sche Presse nicht aus­sperren

Das Pentagon wollte die Presse im eigenen Haus einschränken. Die zog dagegen vor Gericht und gewann. Eine erneute Schlappe für die US-Regierung – der Bundesrichter kritisiert in deutlichen Worten Angriffe auf die Pressefreiheit.

Artikel lesen
Zwei Frachter am 15.01.2012 bei Khasab (Oman) in der Straße von Hormus. 09.04.2026
Völkerrecht

Straße von Hormus:

Was können Staaten gegen die Blo­c­kade unter­nehmen?

Trotz der Waffenruhe können erst wenige Schiffe die Straße von Hormus passieren. Der Iran will Gebühren dafür verlangen. Ist das zulässig? Und was können Staaten unternehmen, um die sichere Passage der Meerenge zu ermöglichen?

Artikel lesen
Trump gestikuliert leidenschaftlich während einer Ansprache über die anstehenden Wahlregelungen, Einflussnahme auf Bundesstaaten thematisierend. 01.04.2026
Trump

Einflussnahme auf Bundesstaaten?:

Trump ändert Regeln für Wahlen per Dekret

US-Präsident Donald Trump unterzeichnet ein Dekret mit neuen Wahlregeln, darunter für die Briefwahl. Demokraten und Experten äußern verfassungsrechtliche Bedenken, Kalifornien kündigt Klage an. 

Artikel lesen
Dr. Stefanie Hubig (SPD) 31.03.2026
Terrorismus

Gesetzliche Grundlage für Bundesopferbeauftragten:

BMJV will Ter­r­or­opfer besser unter­stützen

Seit 2018 gibt es einen Bundesopferbeauftragten. Jetzt will das BMJV das Amt auf eine gesetzliche Grundlage stellen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt nun vor.

Artikel lesen
Israels Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, reckt die Faust nach oben aus Freude über die positive Abstimmung über das Todesstrafe-Gesetz, 30.03.2026 30.03.2026
Israel

Auch Netanjahu stimmte dafür:

Israels Par­la­ment stimmt für ums­trit­tenes Todes­strafe-Gesetz

Wer tötet, um dem Staat Israel zu schaden, soll künftig mit dem Tod bestraft werden können. In den besetzten Gebieten soll die Todesstrafe sogar zwingende Rechtsfolge sein. Erfasst sein werden vor allem Palästinenser.

Artikel lesen
Mark zuckerberg verlässt das Gerichtsgebäude im Februar nach seiner Aussage. 26.03.2026
Jugendschutz

Erfolgreiche Klage in den USA:

Meta und Google infor­mieren nicht genug über Sucht­po­ten­zial

Eine junge Frau warf Online-Plattformen in einer Klage vor, deren Dienste machten süchtig. Geschworene in Los Angeles sprachen ihr einen Millionenbetrag zu. In Deutschland wäre das Verfahren so nicht möglich, hohe Bußgelder aber schon.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Fieldfisher
As­so­cia­te (m/w/d) Tech & Da­ta | Ber­lin, Düs­sel­dorf, Frank­furt, Ham­burg oder...

Fieldfisher, Mün­chen und 4 wei­te­re

Logo von White & Case
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin / wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter...

White & Case, Düs­sel­dorf und 3 wei­te­re

Logo von Osborne Clarke GmbH & Co. KG
Se­nior Ma­na­ger (w/m/d) Pri­cing & Ne­go­tia­ti­on

Osborne Clarke GmbH & Co. KG, Ham­burg und 3 wei­te­re

Logo von Freshfields
Smart Chal­len­ge – Som­mer­prak­ti­kum­s­pro­gramm 2026

Freshfields, Frank­furt am Main

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te für den Be­reich Fi­nan­cial Ser­vices Re­gu­lato­ry und...

Simmons & Simmons, Frank­furt am Main

Logo von White & Case
Tran­sac­ti­on La­wy­er (m/w/d) - Re­struk­tu­rie­rung & In­sol­venz

White & Case, Frank­furt am Main

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Steu­er­be­ra­ter / Rechts­an­walt (m/w/d) Zöl­le / Ver­brauch­steu­er

Flick Gocke Schaumburg, Bonn und 2 wei­te­re

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Rechts­an­walt (m/w/d) Re­struk­tu­rie­rung und In­sol­venz­recht

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG, Frank­furt/M. und 1 wei­te­re

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Verschmelzung und Spaltung von GmbHs

13.04.2026

VPP-Frühjahrsfachtagung 2026

23.04.2026, Dortmund

Gestaltungssichere Umwandlung einer GmbH in eine Personengesellschaft

14.04.2026

Update 2026: SGB II-Leistungsausschluss für (EU-)Ausländer – Grundlagen & Profiwissen

13.04.2026

Kongress Arbeitsrecht

14.04.2026, Berlin

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH