Druckversion
Mittwoch, 14.10.2026, 06:52 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/icc-istgh-jubilaeum-voelkerstrafrecht-voelkerrecht-kriegsverbrechen-den-haag
Fenster schließen
Artikel drucken
48913

20-jähriges Jubiläum des IStGH: Ein "Mei­len­stein für die Men­schen­rechte"?

von Joschka Buchholz

01.07.2022

Internationaler Strafgerichtshof

Im Jahr des 20-jährigen Jubiläums steht der ICC insbesondere wegen Ermittlungen im Zuge des russischen Angriffskrieges in der Ukraine im Fokus der Weltöffentlichkeit. Foto: Ankor light - stock.adobe.com

Heute vor 20 Jahren nahm der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag seine Arbeit auf. Trotz anhaltender Kritik ist seitdem viel passiert und die Rolle des IStGH ist ob des russischen Angriffskrieges aktueller denn je.

Anzeige

Einen Tag nach dem Inkrafttreten des deutschen Völkerstrafgesetzbuchs (VStGB) nahm am 1. Juli 2022 vor 20 Jahren auf Grundlage des Römischen Statuts auch der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) seine Arbeit auf. 60 Staaten ratifizierten damals das Römische Statut, mittlerweile sind es 123 Staaten. Doch darin liegt schon eine der maßgeblichen Schwachstellen des IStGH: Weder die USA noch Russland und auch China, Indien, Israel und Äthopien zählen nicht zu den heutigen Vertragsstaaten.

Seit dem 1. Juli 2002 urteilt der IStGH über die sogenannten "core crimes": Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord, oftmals auch als "crime of crimes" bezeichnet. Seit nunmehr vier Jahren zählt auch das Verbrechen der Aggression zur Jurisdiktion des IStGH, nachdem dieses bereits 2010 im Zuge der Kampala-Konferenz in das Römische Statut aufgenommen worden war.

IStGH-Präsident Piotr Hofmański findet anlässlich des Jubiläums lobende Worte: "Am 20. Jahrestag des ICC können wir die Tatsache feiern, dass es ein permanentes und unabhängiges Gericht gibt, welches sich dem Kampf gegen die Straflosigkeit von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und dem Verbrechen der Aggression widmet."

Zu den 16 Richterinnen und Richtern gehörten bzw. gehören auch zwei deutsche Richter: zunächst von 2003 bis 2014 Dr. h.c. Hans-Peter Kaul, der als Diplomat zuvor maßgeblich an der Ausarbeitung des Römischen Statuts mitgewirkt hatte. Am IStGH war er in der Vorverfahrensabteilung (pre-trial Chamber) tätig und zudem auch drei Jahre zweiter Vizepräsident des Gerichts. Seit 2015 arbeitet Prof. Dr. Bertram Schmitt in der Hauptverfahrensabteilung des IStGH. Schmitt, der eigentlich dem 2. Strafsenat beim Bundesgerichtshof angehört, ist in der Rechtswissenschaft insbesondere durch seine Kommentierung der Strafprozessordnung bekannt.

Erstes Urteil im März 2012

Der IStGH existiert parallel zu mehreren internationalen ad-hoc Strafgerichten, wie beispielsweise dem Sondertribunal für die in Jugoslawien begangenen Verbrechen (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia, ICTY) oder solcher in Ruanda (International Criminal Tribunal for Rwanda, ICTR). Auch agiert die deutsche Justiz aufgrund des Weltrechtsprinzips parallel zum IStGH und hat auf Grundlage des VStGB besonders in jüngster Vergangenheit mehrere Urteile gesprochen, wobei der Fokus hier derzeit auf der Region Syrien/Irak liegt. So verurteilte beispielsweise das Oberlandesgericht Koblenz zu Beginn dieses Jahres im nach Angaben der Bundesanwaltschaft weltweit ersten Strafprozess um Staatsfolter in Syrien einen Ex-Offizier zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Er hat in der Anfangsphase des syrischen Bürgerkrieges Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. 

Vor dem ICTY hatte es unter anderem einen Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević gegeben, welcher international enormes Aufsehen erregte.

Sein erstes Urteil fällte der IStGH am 14. März 2012. Der ehemalige Präsident der Demokratischen Republik (DR) Kongo, Thomas Lubanga, wurde zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er wurde unter anderem wegen der Rekrutierung und des Einsatzes von Kindersoldaten schuldig gesprochen. Die Haftstrafe wird nunmehr durch die DR Kongo vollstreckt.

Ahmad al-Faqi al-Mahdi aus Mali wurde 2016 schuldig gesprochen, in Timbuktu mehrere Mausoleen und eine Moschee zerstört zu haben und wurde deshalb wegen Kriegsverbrechen zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Damit wurde zum ersten Mal überhaupt ein Dschihadist wegen der Zerstörung von Kulturgut verurteilt.

Ermittlungen wegen Verbrechen in Israel, Palästina und der Ukraine

Ende 2019 kündigte Fatou Bensouda, die damalige IStGH-Chefanklägerin, eine Ermittlung für Verbrechen in Israel und in "Palästina" an. Das sorgte schon im Vorfeld für heftige internationale Reaktionen, da es auch um die Staatlichkeit der palästinensischen Gebiete, insbesondere des Gazastreifens und von Gebieten in Judäa und Samaria, geht. Die israelische Regierung wehrt sich dabei ihrerseits schon gegen die Ermittlungsbefugnis des IStGH. Im Raum steht der Vorwurf von Kriegsverbrechen gegen Israel, insbesondere durch die Hamas. Die weiteren Entwicklungen werden hier abzuwarten sein.

Im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat der Chefankläger des IStGH, Karim Khan, Ermittlungen gegen Russland insbesondere wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet. Auch eine Verurteilung des russischen Präsidenten, Wladimir Putin, ist dabei grundsätzlich möglich.

Anlässlich des 20. Jahrestages bekräftigte das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) nochmals seine Zustimmung zum Schritt des Chefanklägers, die Ermittlungen aufzunehmen. Es seien ferner alle Staaten zur Unterstützung des Chefanklägers bei der Sammlung von Beweiesen aufgerufen, so Beate Rudolf, Direktorin des DIMR. 

Anzeige

Ein neokolonialer Gerichtshof?

Immer wieder sieht sich der IStGH auch diverser Kritik ausgesetzt. Insbesondere wird der Vorwurf erhoben, es bestehe ein zum Rassismus tendierender "neokolionaler" Fokus auf afrikanische Staaten. Dem tritt der deutsche Richter Schmitt gegenüber LTO entschieden entgegen und betont, dass es kaum eine internationale Organisation gebe, bei der afrikanische Menschen so machtvoll seien, wie beim IStGH. Ein weiterer immer wieder angebrachter Kritikpunkt ist trotz des beispiellos hohen Aufwands der Verfahren, dass das Gericht insgesamt zu ineffektiv und zu langsam arbeite.

IStGH-Präsident Hofmański ermutigt anlässlich des 20-jährigen Jubiläums nochmals alle Staaten, sich der Jurisdiktion des ICC anzuschließen, "um Opfern überall Zugang zu Gerichtigkeit zu geben und dabei zu helfen, die Menschheit vor Gräueltaten zu beschützen".

Aus Sicht des DIMR war die Schaffung des ICC ein "Meilenstein für den Schutz der Menschenrechte", erklärt Beate Rudolf.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

20-jähriges Jubiläum des IStGH: . In: Legal Tribune Online, 01.07.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/48913 (abgerufen am: 14.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Europa- und Völkerrecht
    • Strafrecht
    • IStGH
    • Krieg
    • Kriegsverbrechen
    • Völkermord
    • Völkerrecht
    • Völkerstrafrecht
  • Gerichte
    • Internationaler Strafgerichtshof (IStGH)
IStGH 13.10.2026
IStGH

Nach US-Sanktionen gegen IStGH als Institution:

BRAK und DAV for­dern mehr Schutz für Inter­na­­ti­o­­nalen Straf­­ge­richtshof

Der IStGH steht im Zuge von US-Sanktionen massiv unter Druck. Deutschland unterstützt das Gericht bereits, doch BRAK und DAV fordern von der Bundesregierung noch mehr.

Artikel lesen
Internationaler Strafgerichtshof mit Eingang und moderner Architektur, umgeben von Wolken und blauem Himmel. 09.10.2026
IStGH

Außenminister droht mit Abschaffung:

USA ver­hängen Sank­tionen gegen Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richtshof

Schon lange hat US-Präsident Trump den Internationalen Strafgerichtshof im Visier. Nun verhängt er erstmals Sanktionen direkt gegen das Gericht. Außenminister Rubio droht sogar mit der Abschaffung des Gerichts.

Artikel lesen
Kommentar von Dr. Markus Sehl zum IStGH ohne deutschen Richter 08.10.2026
IStGH

Internationaler Strafgerichtshof:

Wenn es hart auf hart kommt, sind die Deut­schen nicht dabei

Deutschland beschwört den Internationalen Strafgerichtshof als zivilisatorische Errungenschaft. Ausgerechnet bei dessen wohl größter Bewährungsprobe fehlt ein deutscher Richter – auch weil die Bundesregierung ihre Chance verstreichen ließ.

Artikel lesen
Antrag auf Kriegsdienstverweigerung auf einem Untergrund mit Flecktarnmuster. 06.10.2026
Wehrpflicht

Über 12.000 Anträge:

Zahl der Kriegs­di­enst­ver­wei­gerungen steigt rasant an

Mehr als 12.000 Menschen haben von Januar bis Ende August 2026 den Kriegsdienst verweigert – und damit dreimal so viele wie im gesamten Vorjahr. Das Bundesamt warnt zugleich: Viele Anträge seien fehlerhaft und würden zurückgesendet.

Artikel lesen
Ansicht des Meeres, auf dem ein Blubbern aus dem Wasser zu sehen ist: In der Tiefe liegt die gesprengte Pipeline 06.10.2026
Terrorismus

Prozess um Sprengung der Nord-Stream-Pipelines:

Gaz­prom-Töchter nicht als Neben­kläger zuge­lassen

Das Hanseatische Oberlandesgericht hat die Nebenklage der Nord-Stream-Betreiberinnen abgewiesen und klar gemacht, dass der Strafprozess nicht dazu gemacht ist, wirtschaftliche Interessen zu verfolgen oder politische Aufarbeitung zu leisten.

Artikel lesen
Taiwanesische Ehrengarden hissen im Vorfeld des Treffens zwischen Trump und Xi in Washington auf dem Freiheitsplatz in Taipeh eine Taiwan-Flagge. 29.09.2026
Völkerrecht

Wenn Staatlichkeit nicht genügt:

Wie Taiwan das Völ­ker­recht auf die Probe stellt

Geopolitische Interessen der Großmächte können internationale Organisationen begrenzen. Besonders deutlich sieht man das in Taiwan. Vivienne Essig analysiert, was vom Völkerrecht bleibt, wenn politische Macht über Teilhabe entscheidet.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te Öf­f­ent­li­ches (Wirt­schafts-) Recht (w/m/d)

Noerr, Düs­sel­dorf

Logo von Generali Investments Holding S.p.A.
Stu­den­ti­sche Aus­hil­fe (m/w/d) In­vest­ments Le­gal

Generali Investments Holding S.p.A., Köln

Logo von CMS
Se­nior Le­gal En­gineer (m/w/d) AI / De­ve­lop­ment

CMS, Stutt­gart und 7 wei­te­re

Logo von Bundesministerium der Finanzen
Trainee­pro­gramm für Ju­ris­tin­nen / Ju­ris­ten (w/m/d) mit ers­ter Prü­fung (§...

Bundesministerium der Finanzen, Ber­lin

Logo von RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) als An­ge­s­tell­te oder in frei­er Mit­ar­beit

RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Logo von becker bohn rechtsanwälte
Rechts­an­walts­fach­an­ge­s­tell­te (m/w/d)

becker bohn rechtsanwälte, Stutt­gart

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle, Cel­le und 9 wei­te­re

Logo von Rheda-Wiedenbrück
Ab­tei­lungs­lei­tung Recht und Ge­mein­de­ver­fas­sung (m/w/d)

Rheda-Wiedenbrück, Rhe­da-Wie­den­brück

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
RVG 2026: Abrechnung in Straf- und Bußgeldsachen – Gebührenpotentiale nutzen!

16.10.2026

Logo von Freshfields
Freshfields NextGen AI

06.11.2026, Brüssel

Verteidigung in Verkehrsordnungswidrigkeiten-Poliscan, TraffiStar, VKS und Co.

19.10.2026

Rechtskataster neu gedacht: Wie Sie ISO-Audits entspannt bestehen und Fachbereiche entlasten

20.10.2026

Verteidigungsstrategien bei Untersuchungshaft

26.10.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH