Druckversion
Freitag, 5.12.2025, 17:55 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/gesetzesentwurf-zur-wehrpflicht-steinmeier-auslosung-erste-lesung
Fenster schließen
Artikel drucken
58401

Wehrpflicht per Losverfahren?: Bun­des­prä­si­dent Stein­meier meldet Zweifel an

16.10.2025

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner (links) mit NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU)

Hält vom Losverfahren eher weniger, schlägt stattdessen eine allgemeine Dienstpflicht vor: unser Bundespräsident Steinmeier. Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

Das Wehrdienstgesetz sorgte schon vor seiner ersten Lesung im Bundestag für Streit. Besonders ungewöhnlich: Der Bundespräsident mischte sich bereits ein. Dabei wird über die kontroverse "Wehrpflicht per Losverfahren" noch gar nicht beraten.

Anzeige

Seit Tagen streitet die Union über eine mögliche "Wehrpflicht per Losverfahren", jetzt mischt sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sein. "Lassen Sie mir etwas Zweifel zu, ob das Losverfahren wirklich ein taugliches Verfahren ist", sagte Steinmeier dem SWR-Magazin Zur Sache Rheinland-Pfalz. Damit ist die Debatte vollständig im Chaos versunken, zumal über ein Losverfahren im Bundestag noch gar nicht beraten wird.

Um die Verwirrung aufzudröseln: Laut NATO-Vorgaben muss die Bundeswehr eine Sollstärke von rund 260.000 aktiven Soldaten haben, rund 80.000 fehlen derzeit. Auch die Reserve muss massiv auf 200.000 Personen aufgestockt werden. Das entsprechende Gesetz soll daher einen Teil der bislang ausgesetzten Wehrpflicht faktisch reaktivieren – wenn auch in abgewandelter Form. So sollen ab kommendem Jahr alle 18-Jährigen angeschrieben werden, um Angaben zu Ausbildung, Gesundheitszustand und ihrer möglichen Bereitschaft zu einem mindestens sechsmonatigen Dienst zu machen. Männer wären zur Antwort bußgeldbewehrt verpflichtet, während Frauen freiwillig teilnehmen könnten. Dieser Gesetzentwurf wurde am Donnerstag in erster Lesung im Bundestag diskutiert und danach in den Ausschuss überwiesen, wo mögliche Änderungen besprochen werden.

Wohl nicht genug Soldaten auf freiwilliger Basis

Das Problem: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die freiwilligen Meldungen nach dem neuen System bei weitem nicht ausreichen werden, um den Bedarf der Bundeswehr zu decken. Die Debatte darüber, was man dann machen sollte, ist eskaliert. Daraus erwachsen ist der Vorschlag, notfalls das Los darüber entscheiden zu lassen, wer gemustert und damit letztlich zum Wehrdienst eingezogen wird. Das Losverfahren selbst ist im aktuellen Gesetzentwurf aber noch gar nicht enthalten, sondern wäre regulär erst Teil der Diskussionen im Ausschuss. 

Wenn es wie jetzt in Koalitionen kracht, dringt das in der Regel nicht so früh und nicht so offen nach außen, sondern bleibt im Gesetzgebungsverfahren meist in den Ausschüssen. Steinmeier selbst sprach mit Blick auf die jüngsten Turbulenzen von einer "kommunikativen Fehlleistung", die sich hoffentlich bald bereinigen werde.

Dass sich der Bundespräsident überhaupt so früh äußert – nämlich noch vor Beginn der parlamentarischen Beratungen am Donnerstagnachmittag –, ist ungewöhnlich. Normalerweise bleibt das Staatsoberhaupt bis zur Ausfertigung eines Gesetzes im Hintergrund. Umso bemerkenswerter, dass Steinmeier nun öffentlich Zweifel anmeldet, während die Koalition ihren Streit schon nach außen getragen hat.

Steinmeier könnte Gesetz theoretisch stoppen

Eigentlich ist der Bundespräsident das letzte Glied in der Kette des Gesetzgebungsverfahrens. Nachdem ein Entwurf durch Bundestag und Bundesrat gegangen ist, landet das Gesetz auf seinem Schreibtisch – erst dann prüft und unterzeichnet er es. Seine Aufgabe ist damit vor allem die Ausfertigung, also der finale formelle Schritt, bevor ein Gesetz in Kraft tritt; die Verkündung im Bundesgesetzblatt ausgeklammert.

Wenn auch wenn die Ausfertigung oft als Formalie wahrgenommen wird, ist sie es nicht. Der Bundespräsident prüft jedes Gesetz vor seiner Unterschrift – zunächst formell, also ob es ordnungsgemäß zustande gekommen ist, und in engen Grenzen auch materiell, nämlich auf offensichtliche Verstöße gegen das Grundgesetz. Dieses materielle Prüfungsrecht übt er traditionell äußerst zurückhaltend aus: Seit 1949 haben Bundespräsidenten nur achtmal die Unterzeichnung verweigert, zuletzt 2006, als Horst Köhler sowohl das Luftsicherheitsgesetz als auch das Gesetz zur Verbraucherinformation nicht ausfertigte.

Steinmeiers Skepsis gegenüber dem Losverfahren dürfte daher aber allem politisch-mahnender Natur sein. Gleichwohl weist sie auf mögliche verfassungsrechtliche Spannungen hin: Ein Losverfahren berührt Fragen der Gleichbehandlung (Art. 3 Grundgesetz (GG)), der Wehrpflicht (Art. 12a GG) und der Gewissensfreiheit (Art. 4 Abs. 3 GG). Der Bundesgerichtshof hatte Anfang des Jahres betont, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung sei kein "unabdingbarer Grundsatz der verfassungsrechtlichen Ordnung"– eine Einschätzung, die in der Fachöffentlichkeit teils auf deutliche Kritik gestoßen ist.

Steinmeier selbst brachte erneut einen anderen Ansatz ins Spiel: eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen. Junge Menschen sollten sich demnach zwischen einem sozialen Dienst und einem Wehrdienst entscheiden können. Mit dieser Idee knüpft der Bundespräsident an frühere Überlegungen an, die gesellschaftliche Teilhabe und Wehrfähigkeit zugleich stärken sollen.

In den vergangenen Jahren sei die Zustimmung für eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht deutlich angestiegen, sagte Steinmeier. "Wenn wir jetzt wieder anfangen, gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen, die Jungen gegen die Alten, die Alten gegen die Jungen, dann glaube ich, verlieren wir wieder das, was wir an Überzeugungskraft schon geleistet haben."

xp/LTO-Redaktion

Mit Material der dpa

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Wehrpflicht per Losverfahren?: . In: Legal Tribune Online, 16.10.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58401 (abgerufen am: 06.12.2025 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Öffentliches Recht
    • Bundespräsident
    • Bundestag
    • Bundeswehr
    • Gesetzgebung
    • Gesetzgebungskompetenz
    • Gleichberechtigung
    • Grundgesetz
    • Wehrpflicht
Gute Laune: Lars Klingbeil und Friedrich Merz bei der Abstimmung über das Rentenpaket im Bundestag. 05.12.2025
Politik

318 Ja-Stimmen:

Bun­destag besch­ließt Ren­ten­ge­setz mit Kanz­ler­mehr­heit

Die lange Zitterpartie ist vorbei. Der Bundestag hat das umstrittene Rentengesetz beschlossen. Kanzler Merz kann aufatmen, auch wenn zunächst noch ein kleiner Rest Unsicherheit bleibt.

Artikel lesen
Plakat zum Schulstreik 04.12.2025
Schulen

Proteste gegen den Wehrdienst:

Dürfen Schüler streiken?

Am Freitag stimmt der Bundestag über die Neuregelung des Wehrdienstes ab. Für denselben Tage haben junge Menschen zu einem bundesweiten Aktionstag und Demonstrationen aufgerufen. Doch Schulstreik kollidiert mit dem Bildungsauftrag.

Artikel lesen
Bushaltestelle in Brüssel 28.11.2025
Datenschutz

Vorschläge der Kommission zum Digitalen Omnibus:

Kein Kahl­schlag im Daten­schutz

KI-Anwendungen, Meldepflichten, Cookies: Dies sind drei der datenschutzrechtlichen Themenfelder des "Digital Omnibus" der EU-Kommission. Die Vorschläge heben die DSGVO aber nicht aus den Angeln. Eine Analyse von Niko Härting.

Artikel lesen
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt 19.11.2025
Drohnen

Kabinett beschließt Dobrindt-Entwurf:

Bun­des­wehr soll bei Droh­nen­ab­wehr helfen

Wann dürfen Drohnen über Deutschland abgeschossen werden? Und vor allem: Von wem eigentlich? Nun gibt es einen Kabinettsbeschluss, der auf die Frage nach wochenlanger Debatte eine Antwort gibt: Die Bundeswehr soll helfen dürfen.

Artikel lesen
Frank Schwabe (SPD) 18.11.2025
Verfassung

Bundesregierung lehnt Verfassungsänderung ab:

Recht auf Anwalt kommt nicht ins Grund­ge­setz

Im Bundesrat geht es am Freitag um einen Antrag, im Grundgesetz das Recht auf einen unabhängigen Anwalt zu verankern. Doch das Vorhaben ist aussichtslos: Das SPD-geführte BMJV und die Union halten eine Verfassungsänderung für überflüssig.

Artikel lesen
Ein Fallschirmjäger schwebt durch den Himmel, symbolisch für den Weg von der Hauptschule zum Jurastudium. 17.11.2025
Berufswege

Hauptschule, Fallschirmjäger, Jurastudium:

"Ich wollte immer Anwalt werden – meine Mit­schüler haben gelacht"

Pierre Falkenburg kam von der Hauptschule auf die Realschule, verfehlte dann aber die Qualifikation fürs Gymnasium. Er ging zur Bundeswehr, holte sein Abitur nach und studierte Jura – ein harter Weg mit vielen kurzen Nächten.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • One-Klick Bewerbung: Dein Klick zum neuen Job, einfach und schnell.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

NEU! Mit LTO Easy Apply so einfach und schnell bewerben wie nie zuvor

Zu den Top Jobs
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Mün­chen

Logo von Noerr
Wis­sen­schaft­li­che/r Mit­ar­bei­ter/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Dres­den

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Ham­burg

Logo von Bundesamt für Justiz
Lei­te­rin bzw. Lei­ter (m/w/d) für die Ab­tei­lung VIII (Ver­brau­cher­schutz;...

Bundesamt für Justiz , Bonn

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Re­gu­lato­ry (w/m/d)

Noerr , Frank­furt am Main

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Sta­de

Logo von Technische Universität München
Wis­sen­schaft­li­che/r Mit­ar­bei­ter/in (m/w/d) im Be­reich Le­gal Tech,...

Technische Universität München , Mün­chen

Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle , Han­no­ver

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Bucerius Compliance Officer 2026

22.01.2026, Hamburg

Betriebsratswahl 2026

09.12.2025

Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort und die Folgen für die Fahrerlaubnis (5 Zeitstunden)

08.12.2025

Jahresrückblick Familienrecht Stand: Dezember 2025

08.12.2025

NEU - Vergütungsvereinbarungen optimal gestalten

08.12.2025

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH