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Weniger Insolvenzen während Corona: Zah­lungs­moral deut­scher Unter­nehmen lässt nach

11.08.2020

Dominosteine

© Андрей Яланский - stock.adobe.com

Bei etlichen Unternehmen verschlechtert sich wegen der Pandemie die Zahlungsmoral, obwohl bislang nur wenige Firmen Insolvenz anmeldeten. Während das BMJV die Antragspflicht weiter aussetzen will, befürchten Experten eine Kettenreaktion.

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Trotz der Coronakrise sind auch im Mai weniger Firmen in die Pleite gerutscht als ein Jahr zuvor. Doch warnen Experten, dies könne die Ruhe vor dem Sturm sein. Darauf deutet auch eine aktuelle Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hin: Danach scheint bei etlichen Firmen allmählich das Geld knapp zu werden. Jedenfalls werden immer mehr offene Rechnungen nur noch mit Verspätung bezahlt. Das Zahlungsverhalten der Unternehmen sei aktuell so schlecht wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Sommer 2015, klagte die Wirtschaftsauskunftei und warnte vor einer Kettenreaktion.

Auf den ersten Blick ist die Lage in der deutschen Wirtschaft trotz Pandemie noch erstaunlich gut. Insgesamt verzeichneten die deutschen Amtsgerichte im Mai nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gerade einmal 1.504 Firmenpleiten. Das waren 9,9 Prozent weniger als im gleichen Vorjahresmonat. Die meisten Unternehmensinsolvenzen gab es im Handel einschließlich Kfz-Werkstätten mit 247 Fällen. Unternehmen des Baugewerbes stellten 235 Insolvenzanträge. Im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen wurden 168 und im Gastgewerbe 164 Insolvenzanträge gemeldet. Im Schnitt waren die Betriebe allerdings größer als vor einem Jahr, denn die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger lagen mit knapp 3,1 Milliarden Euro deutlich über der Summe des Vorjahresmonats von 2,5 Milliarden Euro.

Insolvenzantragspflicht ausgesetzt

Ein wichtiger Grund für die vergleichsweise positive Entwicklung der Insolvenzzahlen ist allerdings, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen seit dem 1. März 2020 ausgesetzt ist. Die wirtschaftliche Not durch die Corona-Krise spiegele sich somit bislang nicht in der Pleitebilanz wider, folgerten die Statistiker.

Umso wichtiger werden deshalb andere Indikatoren für die Bewertung der Lage der Wirtschaft: beispielsweise die jüngste Creditreform-Studie zur Zahlungsmoral. Ihr Bild fällt deutlich düsterer aus als die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Die Creditreform-Experten haben rund 3,5 Millionen Rechnungsbelege aus dem 1. Halbjahr ausgewertet und kommen zu dem Ergebnis: "Insgesamt hat die Krise einen spürbaren Druck auf die Liquidität erzeugt."

Die durchschnittliche Verzugsdauer bei offenen Rechnungen in der deutschen Wirtschaft sei im ersten Halbjahr auf 10,82 Tage gestiegen, berichtete Creditreform. Mit 2.188 Euro lag der Durchschnittsbetrag der verspätet bezahlten Rechnungen außerdem um gut 5 Prozent über dem Vorjahresniveau und sogar rund 23 Prozent höher als 2016.

Weniger Insolvenzen, mehr Zahlungsrückstände

Negative Auswirkungen der Pandemie auf das Zahlungsverhalten ließen sich vor allem in der Industrie und in Exportbranchen beobachten. Beide Bereiche seien von der Krise unmittelbar getroffen worden.

Ein Anstieg der Zahlungsverzögerungen bedeute für die davon betroffenen Vorlieferanten und Kreditgeber höhere Ausfallrisiken, warnte Creditreform. "Damit droht eine Kettenreaktion insbesondere in stark verflochtenen Wirtschaftsbereichen bis hin zu vermehrten Insolvenzanmeldungen."

Creditreform hatte bereits Mitte Juni gewarnt, Deutschland drohe "eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß", falls sich die Wirtschaft nicht rasch von dem durch die Corona-Pandemie ausgelösten Konjunktureinbruch erhole. Nach Einschätzung von Experten könnte es einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben, hieß es damals.

DIHK-Präsident: Fristverlängerung geht "einseitig zulasten der Gläubiger"

Bereits seit einiger Zeit wird deshalb die Forderung lauter, die Insolvenzantragspflicht über Ende September hinaus auszusetzen. Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach sich am Wochenende dafür aus, überschuldete Unternehmen noch länger von der Pflicht zum Insolvenzantrag befreien. "Um pandemiebedingt überschuldeten Unternehmen Zeit zu geben, sich durch das in vielen Branchen wieder anziehende Wirtschaftsgeschehen oder staatliche Hilfsangebote zu sanieren, werde ich vorschlagen, die Insolvenzantragspflicht für diese Unternehmen weiterhin bis Ende März 2021 auszusetzen", kündigte sie an.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, hält das nicht für den richtigen Weg. "Eine Verlängerung der Frist würde einseitig zulasten der Gläubiger gehen und damit weitere Unternehmen gefährden", sagte Schweitzer dem Handelsblatt. Wir brauchen stattdessen kurzfristig eine Reform des Insolvenzrechts." Es bedürfe neuer Verfahren außerhalb der klassischen Insolvenz. "Ziel muss es sein, dass Unternehmen zum Beispiel mit ihren wichtigsten Gläubigern Sanierungsmaßnahmen vereinbaren können", erläuterte Schweitzer.

Auch Dr. Christoph Niering, Insolvenzverwalter und Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), spricht sich aus diesem Grund dafür aus, die ausgesetzten Insolvenzantragspflichten zum 30. September endgültig auslaufen zu lassen. Von zentraler Bedeutung sei es, dass die betroffenen Unternehmen ihr insolventes Scheitern erkennen würden. "Flankiert von dem derzeit diskutierten vorinsolvenzlichen Restrukturierungsverfahren und einer finanziellen Stützung der Sanierung über ein Insolvenzverfahren könnten sich die betroffenen Unternehmen dann so schnell wie möglich sanieren und restrukturieren", so Niering weiter.  

dpa/mgö/LTO-Redaktion

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Weniger Insolvenzen während Corona: . In: Legal Tribune Online, 11.08.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/42460 (abgerufen am: 09.03.2026 )

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