Die lang erwartete Aussage von "Olga" drängt den Fokus auf die Frage, wer die treibende Kraft hinter der Entführung der Kinder von Christina Block war. Die Vorsitzende liefert am Ende zwei Paukenschläge für den weiteren Prozessfortgang.
Am 50. Verhandlungstag ist es wieder voll im Saal. Die Schlange vor dem Sicherheitstrakt streckt sich den Gang hinunter und die Zuschauerreihen sind eng besetzt. Im Gerichtssaal bleiben kaum Plätze frei. Der Grund für das neuentflammte Interesse ist nicht das Jubiläum, sondern die angereiste Zeugin: Keren T., bekannter als "Olga". Die Prozessbeteiligten versuchten zu entschlüsseln, welche Rolle die 51-jährige Israelin in dem Familiendrama spielte, das in der Entführung der beiden jüngsten Kinder von Christina Block in der Silvesternacht 2023/24 gipfelte. Sie wird als Organisatorin der Entführung bezeichnet, als Strippenzieherin, von der Block emotional abhängig war. Um "Olga" ranken sich in diesem Prozess ähnlich viele Mythen wie um den mutmaßlichen Chef-Entführer David Barkay, dessen "rechte Hand" sie gewesen sein soll. Israelische Spezialeinheit, Mossad, Luftwaffe: Wo die Informationen fehlten, haben Spekulationen den Raum gefüllt.
Heute spricht "Olga" nun zum ersten Mal selbst. Gespannte Aufmerksamkeit breitet sich aus, als sie als Zeugin aufgerufen wird. Es wird sich aufgerichtet, getuschelt, vorgebeugt.
Die grauhaarige Frau mit dem kinnlangen Bob, der breiten Brille und den rot lackierten Gelnägeln, die den Saal betritt, passt vom Auftreten her nicht zu Agentenfilmen. Mit einem breiten Lachen und eindringlich geschilderten emotionalen Szenen trifft sie dafür das Bild, das die Hauptangeklagte selbst von ihr gezeichnet hatte: eine gleichaltrige, "unheimlich warme" Frau, zu der sie schnell eine tiefe Verbindung aufbaute. Die Reste dieser Verbindung sieht man auch heute noch, etwa in dem Blickkontakt, den sie zu vermeiden versuchen, aber doch immer wieder finden.
Davon, dass sich die einstigen Freundinnen gegenseitig schützen, kann allerdings keine Rede sein. Block hatte in ihrer Einlassung Keren T. die Schuld an der Entführung zugeschoben, diese müsse auf eigene Faust gehandelt haben. Erst danach meldete sich die Israelin, gegen die gesondert ermittelt wird, bei den deutschen Behörden. Und zeigte mit dem Finger auf Block.
Emotionale Tiefe, aber dünne Fakten
Dass hinter dem betont mütterlich-harmlosen Auftritt der mutmaßlichen Strippenzieherin auch Kalkül liegen könnte, zeigt sich immer dort, wo die feingliedrigen Fragen der Vorsitzenden Richterin sie zwingen, außerhalb der Geschichte zu antworten, die sie emotional vorträgt. Während sie davor immer pathetisch den Wortlaut der Äußerungen zitieren kann, die ihre Erzählung untermalen, wird sie bei unbequemen Nachfragen schnell ungenau. Teilweise nennt sie bereitwillig Namen und Details, etwa den Chef des Hamburger Hafens oder wo der Schlüssel zum Büro des Familienanwalts war. Im Gegensatz zu bisherigen Zeugen benennt sie jedoch keines der "Teammitglieder" außer Barkay.
Ungenau wird es auch bei den Treffen, um die es so häufig geht. Wer war wo dabei, wer hat was gesagt? Hier sind ihre Aussagen vage und inkonsistent. Diese Details sind jedoch entscheidend: Wie schon die bisherigen israelischen Zeugen meint sie, Block hätte von den Plänen für die Silvesternacht gewusst. Diese jedoch bestreitet jede Kenntnis. Aussagen der mutmaßlichen Entführer, die von Christina Blocks Aussage abweichen, belasten Block – Abweichungen in den Aussagen der Entführer untereinander dagegen könnten deren Beweiswert gegen sie entkräften.
Belastend für Block ist, dass auch Keren T. von einem Treffen im Hotel mit Block am 28. Dezember 2023 berichtet, bei dem Block über den Entführungsplan informiert worden sein soll. Block bestreitet, dass es dieses Treffen gegeben hat. Zuletzt war eine Tasche in den Fokus gerückt, in der sie den Entführern Gegenstände für die Kinder übergeben haben soll, um diese bei der Entführung zu beruhigen. Ein mutmaßlicher Entführer hatte Ende April von einem Teddy und einem Schal berichtet, bei Keren T. waren es nun ein Teddy, ein Kissen und ein Pullover. Sie spricht von einer Tasche, bei anderen war es eine Plastiktüte. Mal soll sie nur die Gegenstände übergeben haben, mal die ganze Tasche. Ob dies eher eine Übereinstimmung zu Lasten von Block oder als ein Widerspruch gewertet wird, wird das Gericht zu bedenken haben.
Unsichere Glaubwürdigkeit
Zeitweise ist die Israelin von den Fragen der Vorsitzenden sichtbar irritiert. Diese lässt sich aber nicht aus dem Konzept bringen und erklärt, sie wolle schrittweise vorgehen. Die scheinbar banalen Fragen, bewusst offen und ohne direkten Hinweis darauf, worauf sie hinauswill, zeigen ihre Wirkung: Wiederholt beantwortet die Zeugin Teilfragen, deren Zweck sie noch nicht kennt, um dann eine damit nicht mehr übereinstimmende Aussage zu treffen, sobald die Richterin ihr das Puzzle zusammensetzt. Oft erinnert sich Keren T. erst nach Vorhalt aus ihrem Vernehmungsprotokoll plötzlich an Dinge, von denen sie davor nichts gewusst haben wollte. Diese "Erinnerungen" sind bemerkenswert beschränkt auf genau das, was die Richterin gerade vorgelesen hat.
Der Knackpunkt in ihrer Aussage ist dagegen ein simpler, und dessen scheint sie sich sehr sicher zu sein: Christina Block hatte stets beteuert, bei der Beauftragung der Cybersecurity-Firma sei es nicht um die Kinder gegangen. Das hätte sich erst später ohne ihr Zutun verselbstständigt. Dem widerspricht ihre einstige Vertraute ganz klar. Als die Vorsitzende sie darauf hinweist, dass Block dies anders ausgesagt hatte, sagt sie fest: "Alles, was ich heute sage, ist wie die Dinge passiert sind." Sie wirft einen Seitenblick auf die Hauptangeklagte, die ihr schräg gegenübersitzt.
Die Vorsitzende Richterin konfrontiert die Zeugin auch mit Christina Blocks Aussagen in ihrer Einlassung, wonach sie im Nachhinein das Gefühl gehabt habe, das "perfekte Opfer" gewesen zu sein – reich, verzweifelt, leicht auszunutzen. Diese Darstellung ist ein wesentliches Element ihrer Verteidigungslinie. Ob das stimmen würde, will die Richterin von der Zeugin wissen. Für gewöhnlich ist sie es, die Blocks Verteidiger Dr. Ingo Bott ermahnt, Zeugen nicht nach Dingen zu fragen, die sie aus eigener Wahrnehmung nicht berichten können. Heute ist es umgekehrt: Bott hält die Frage für unzulässig, weil Keren T. schließlich nicht sagen könne, wie Block das wahrgenommen hätte. Die Richterin meint, das sei zulässig, formuliert die Frage aber mehrfach um. Sie wolle wissen, "wie Frau T. die Situation einschätzt, ob Frau Block ein Opfer war", sagt sie schließlich. Bott reicht das nicht: "Ne, ich beanstande die Frage."
Die Kammer befindet die Frage nach Beratung für zulässig, viel weiter bringt das den Ablauf aber auch nicht, die Zeugin versteht sie nämlich nicht. Die Richterin bricht es dann herunter auf: "Haben Sie Frau Block ausgenutzt?" Keren T. lächelt breit. "Nein", sagt sie wenig überraschend.
Kein Wiedersehen um jeden Preis
Die Israelin hat aber nicht nur Belastendes über ihre einstige Freundin zu sagen. "Christina und ich sind enger zusammengekommen. Es hat sich so angefühlt, als ob ich sie unterstütze auf dem Weg", beschreibt sie ihre Beziehung. Über die Beziehung mit ihrem Ex-Mann hätten sie sich unterhalten, über die Kinder. Sie betont, natürlich habe Block ihre Kinder wiedersehen wollen. "Aber nicht um jeden Preis."
Ergriffen berichtet sie von den Versuchen Blocks, die Kinder zur sterbenden Großmutter zu bringen. Sie habe ihrem Ex-Mann schriftlich versichert, keine rechtlichen Schritte zu unternehmen, nicht tätig zu werden, ihm die Kinder nicht wegzunehmen. "Sie wollte nur, dass sie sich verabschieden können", sagt sie mit tränenerstickter Stimme. Hensel brachte die Kinder nicht, die Großmutter starb. Auch zur Beerdigung habe er sie nicht gelassen. Noch immer scheint sie das nicht richtig fassen zu können. "Er hatte ein Dokument, das sie nichts machen würde, um ihm die Kinder wegzunehmen", erklärt sie und muss sich kurz sammeln.
Auch wenn sie bei ihrer Fassung bleibt, dass die Mutter der entführten Kinder in die Pläne eingeweiht gewesen sei, tritt bei ihr ein anderer Beteiligter in die Schlüsselrolle: Andreas Costard, der Vertrauensanwalt der Familie Block. Dieser habe unter enormem Druck durch den Gründer des Block-Imperiums, den Vater der Hauptangeklagten, gestanden, den er an das Team weitergegeben habe. Eugen Block ist selbst nicht Beteiligter in dem Prozess, mischt aber immer wieder lautstark durch Interviews oder Dienstaufsichtsbeschwerden mit. Seine Tochter hatte sich davon bereits distanziert. Wie alle übrigen Beschuldigten außer dem geständigen Entführer, der in Untersuchungshaft sitzt, bestreitet auch Costard die Anklagevorwürfe.
Vertrauensanwalt mit Schlüsselrolle
"Christina wollte, dass alles ordnungsgemäß verlief", erklärt die mutmaßliche Organisatorin der Kindesentführung. Das habe im Gegensatz zum Drängen ihres Vaters und seines Anwalts Costard gestanden. Nachdem dann die Großmutter der Kinder, Eugen Blocks Frau, im Sommer 2023 starb, sei es zunehmend "eskaliert". Die große Sorge, so sei es ihnen kommuniziert worden, sei gewesen, dass aufgrund des laufenden Kindesentziehungsverfahrens gegen den Vater der Kinder, Stephan Hensel, ein Haftbefehl gegen diesen erlassen werde und Hensel dann mit den Kindern verschwinden würde. Besonders Costard habe diese Angst auch gegenüber Christina Block geschürt und darauf gedrängt, die Kinder zu holen. Auf seine Aussage, das Vorhaben sei legal, verließen sich wohl alle Beteiligten – er sei eine Autoritätsperson, so T. Mehr Gründe dafür, als dass er Rechtsanwalt in hoher Position in einem Unternehmen war, brauchte es scheinbar nicht, wie die Richterin verwundert feststellt.
Das Team um David Barkay hätte aber auf einen "Friedensplan" setzen wollen, so die Zeugin. Nach diesem Plan hätten beide Eltern Umgang mit den Kindern haben sollen. Die Mutter wäre damit sofort einverstanden gewesen: "Ja! Ja! Ja! Ich werde alles tun, damit ich die Situation befrieden kann", hätte sie gesagt, als ihr der Plan präsentiert wurde. Andreas Costard soll sich dagegen eher gesperrt haben. Bei einem gemeinsamen Treffen hätte Christina Block ihm dann die Stirn geboten. "Schaffen Sie es, dass sich die Anwälte an einen Tisch setzen", habe Block ihn angewiesen. Ob er das dann getan habe, wisse sie aber nicht – nur, dass der Anwalt David Barkay im Anschluss an die Auseinandersetzung sagte: "Sie müssen das beenden. Das ist alles Bullshit."
Bei ihrer Schilderung eines weiteren Treffens taucht dann noch ein neues Gesicht in dem Komplex auf: Andreas Costards Sohn, der inzwischen als Anwalt in seiner Kanzlei arbeitet. Damals hatte er zwar noch keine Anwaltszulassung, soll aber ebenfalls bei Treffen mit dem Team um Barkay und Keren T., seinem Vater und Christina Blocks Lebensgefährten Gerhard Delling dabei gewesen sein. Was Delling bei diesen Treffen gemacht habe, wisse sie nicht, erzählt T. Der Sohn des Anwalts habe aber gemeinsam mit seinem Vater auf Barkay eingewirkt, die Kinder nach Deutschland zurückzuholen: "Holen Sie die Kinder einfach", habe er gesagt.
Sie beschreibt eine sich immer weiter erhitzende und zuspitzende Lage. Der Vater der Kinder sei ihnen als aggressiv und gewalttätig beschrieben worden; die Hotel-Security habe ihn als Psychopathen bezeichnet, der nach seiner Kündigung "Dinge im Büro zerbrochen" hätte.
Die Ergebnisse der Silvesternacht klingen bei Keren T. sehr viel undramatischer und entspannter als bei den bisherigen Zeugen. Insbesondere nach den bereits abgespielten Audioaufnahmen der Kinder in der Nacht hat dies mehr den Eindruck, als wolle sie sich die Situation im Nachhinein schönreden.
Entführte Tochter mit Hass auf alles Deutsche
Erschreckt habe sie viel mehr der Hass, berichtet sie, den das entführte Mädchen geäußert habe: "Sie sagte, ich will kein Deutsch sprechen, ich hasse Deutschland, ich hasse meine Mutter, ich hasse alles aus Deutschland."
Christina Block habe große Angst vor dem Wiedersehen gehabt, da sie die Kinder so lange nicht gesehen habe und sie ihr entfremdet worden seien." Sie habe nicht einmal gewusst, wie die Stimme ihres Sohnes jetzt klinge. Sie sei auf dem Alpakahof, zu dem die Kinder gebracht worden waren, in der Nacht angekommen. Da hätten die Kinder schon geschlafen, sie habe sie nicht wecken wollen. Nur angesehen habe sie sie, habe sie gerochen. Die Israelin hält inne, kämpft mit den Tränen. "Sie wollte sie wirklich sehen", sagt sie mit brechender Stimme und beginnt zu weinen.
Als Block dann endlich zu ihren Kindern gehen konnte, sei kurz Streit zu hören gewesen, aber nicht lange." Als sie reingekommen sei, hätten die Kinder gemeinsam mit der Mutter lachend auf dem Bett gesessen: Sie habe nicht glauben können, wie sich das, was die Tochter ihr im Wohnwagen gesagt hatte, so schnell in Lachen, Umarmen und gemeinsam Singen gewandelt haben konnte.
Danach habe sie nur noch zweimal Kontakt mit Christina Block gehabt. Beim ersten Mal berichtete sie glücklich davon, wie ihre Kinder sich einlebten, wie ihr Sohn "immer viel um sie herum" sei, sie viel umarme. Er habe berichtet, dass er in Dänemark gezwungen worden sei, "schlechte Dinge" zu sagen. Beim zweiten Telefonat sagte sie ihr, dass die Kinder ihr wieder weggenommen würden. "Dr. Costard hatte gesagt, es wäre alles in Ordnung. Aber es war nicht alles in Ordnung", beendet die Israelin ihre Geschichte schluchzend.
Ein Paukenschlag mit Ende in Sicht
Zum Abschluss des Tages kommt es noch zu dramatischen Szenen, als die Kammer den Antrag der Eheleute B. auf Aufhebung der Anwesenheitspflicht ablehnt. Der Antrag der beiden nur am Rande Beteiligten, die im Prozess kaum Erwähnung finden, war von sämtlichen Beteiligten, einschließlich Nebenklage und Staatsanwaltschaft, unterstützt worden. Zudem steht die Aufhebung der Anwesenheitspflicht im Ermessen des Gerichts und kann jederzeit wieder angeordnet werden, weshalb die Entscheidung nur schwer nachvollziehbar scheint. Auch die Begründung der Kammer, die Belastung sei wohl nur finanzieller Natur, stößt nicht unbedingt auf Zustimmung im Raum – und steht sichtbar in Widerspruch zu der hochemotionalen, verzweifelten Reaktion der Betroffenen.
Gewichtiger für die Entscheidung der Kammer dürfte gewesen sein, dass sie davon ausgeht, das Beweisprogramm sei nahezu abgeschlossen, wie die Vorsitzende erklärt. Nach derzeitiger Planung könne das Hauptverfahren im August abgeschlossen werden – das wäre eine deutliche Verkürzung zu den zunächst bis Weihnachten angesetzten Terminen. Ein Jubiläum zum 100. Verhandlungstag wird es im Block-Prozess dann wohl nicht geben.
Nach einer Verschiebung sind nun Mittwoch, Donnerstag und Freitag der kommenden Woche ebenfalls für die Befragung von T. reserviert. Die Kammer hofft, die Befragung dadurch am Stück abschließen zu können.
Block Prozess: Tag 50: . In: Legal Tribune Online, 21.05.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60020 (abgerufen am: 18.06.2026 )
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