Unternehmerin Christina Block ist vor dem Landgericht Hamburg wegen mutmaßlicher Kindesentführung angeklagt. Ihr Verteidiger Dr. Ingo Bott kritisiert erneut die Arbeit der Ermittler. Foto: picture alliance/dpa/Pool dpa/Marcus Brandt.
Am 41. Prozesstag hagelt es von den Anwälten Vorwürfe. Gegen die Arbeit der Ermittler, gegen die Anwälte auf der Gegenseite - und gegen das Publikum. Schließlich muss die Vorsitzende eingreifen. Auch als Fotos aus dem Block-Haus gezeigt werden.
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Die Plätze im Zuschauerraum sind nicht mehr so umkämpft, dafür aber die Fahrradstellplätze vor dem Gerichtsgebäude. Auch der mitangeklagte Anwalt der Block-Familie, der sogenannte Familienanwalt, kommt mit dem Fahrrad. Weiter geht es heute mit der Einordnung der gestrigen Zeugenaussage. Und klar, auch das wird wieder für Diskussionen unter den Anwälten und mit der Staatsanwaltschaft sorgen. Beide Seiten werfen sich vor, "Framing" zu betreiben, die Fakten in ihre Richtung zu deuten und die Wahrnehmung zu beeinflussen. Insgesamt spielt das Thema Öffentlichkeit und Medien am 41. Verhandlungstag eine große Rolle. Der Stiefmutter der entführten Kinder wird vorgeworfen, die Ermittlungen absichtlich zu Blocks Lasten beeinflusst zu haben.
Die heutige Zeugenaussage ist kurz und hat kaum Potential für Aufregung, erst danach sollte es so richtig losgehen. Also kurz und bündig: Der 50-jährige Kriminalbeamte Tom S. berichtet von Ermittlungen im dänisch-deutschen Grenzgebiet, die aufgrund der Beschreibungen der jüngsten Block-Tochter durchgeführt worden seien. Die damals 13-Jährige und ihr zehnjähriger Bruder waren laut Anklage in der Silvesternacht 2023/24 im Auftrag ihrer Mutter Christina Block gewaltsam dem in Dänemark lebenden Vater Stephan Hensel entrissen und nach Deutschland gebracht worden. Christina Block streitet das ab. Der Zeuge berichtet von zwei unterschiedlichen Ohrringen, die in dem Grenzgebiet hinter einem Schuppen gefunden worden seien. Hensels neue Ehefrau habe diese als der entführten Tochter gehörend identifiziert und Fotos der jeweiligen Gegenstücke geschickt.
Kammer bestätigt Beweisverwertungsverbot
Umso mehr Stoff für Auseinandersetzung bot die Befragung des Zeugen vom Vortag, eines Kriminalbeamten. So viel, dass es am Freitag gleich noch weiterging. Die Auseinandersetzung nimmt bisweilen solche Ausmaße an, dass sich die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt berufen fühlt, die Anwälte daran zu erinnern, nur gem. § 257 Abs. 2 StPO Erklärungen zur letzten Beweiserhebung abzugeben. Die Anwälte nutzen diese Gelegenheit im Block-Prozess regelmäßig, um noch sonstige Ansichten und Kommentare loszuwerden, wofür sie sich dann untereinander kritisieren. Erst am Vortag waren sie darüber aneinandergeraten.
Christina Blocks Verteidiger Dr. Ingo Bott und Dr. David Rieks, der ihren wegen Beihilfe angeklagten Lebensgefährten Gerhard Delling verteidigt, kritisieren, dass die Kriminalbeamten bei der Aussage von Hensels Ehefrau nicht wussten, dass gegen sie ebenfalls ein Verfahren wegen Kindesentziehung lief. Sie hatte mit Hensel die Kinder 2021 rechtswidrig in Dänemark zurückbehalten. Die Verteidiger meinen, Hensel und seine Frau hätten in der Ermittlung auch als selbst mutmaßliche Entführer behandelt werden müssen. Dass die Polizei das nicht getan habe, hätte die Ermittlung verzerrt.
"Ein Museum der Kindheit"
Dann kommen die Fotos, die bei einer damaligen Hausdurchsuchung bei Christian Block gemacht wurden und diverse Räume des Hauses detailliert abbilden.
Blocks Verteidiger Ingo Bott will die Öffentlichkeit ausschließen, immerhin sei das ihre Privatsphäre. Von der Meden hält Privatsphäre für ein schlechtes Argument, weil Block selbst für das gesteigerte öffentliche Interesse an der Sache gesorgt habe. Der Umgang mit den Medien ist ein ewiger Streit zwischen den Lagern Block und Hensel: Sie werfen sich gegenseitig vor, selbstdarstellerisch zu agieren und die Nähe zu den Medien zu suchen. Weil es auf beiden Seiten inzwischen zahllose Interviews, Podcastauftritte, Zeitungsartikel und Gastbeiträge gibt, streitet man jetzt, wer angefangen hat. Ob das wirklich noch relevant ist, kann man bezweifeln; heute wird es jedenfalls nicht beantwortet. Die Richterin unterbricht kurz zur Beratung, vor dem Verhandlungssaal nimmt Delling seine Lebensgefährtin in den Arm.
Die Kammer lässt die Öffentlichkeit zu, die Vorsitzende sortiert die Fotos aber vor und lässt sie nicht wie sonst mit dem Beamer an die Wand werfen. Es ginge ohnehin vor allem um die Fotos der Kinderzimmer, erklärt die Richterin. Dramatisch schildert Bott das Haus als "Museum für eine Familie, die auseinandergerissen wurde", die Namen der Kinder in bunten Holzbuchstaben an den Türen der Zimmer. Die "Kinderzimmer, in denen die Zeit stehen geblieben ist, weil die Kinder einfach verschwunden sind". In seiner ihm eigenen Theatralik malt er damit das Bild einer Mutter, die ihr Haus in dem Zustand konservierte, in dem ihre Kinder es verlassen hatten, in der verzweifelten Hoffnung auf deren Rückkehr.
Wie das alles zu deuten ist, darüber waren schon zu Beginn der heutigen Verhandlung Dr. Sascha Böttner, Verteidiger des bisher einzig geständigen Angeklagten Tal S., und Bott in Streit geraten. Während Bott die mangelnde Vorbereitung im Haus seiner Mandantin als ein Indiz sieht, dass sie nichts von den Entführungsplänen gewusst hat, meint Böttner, es habe ja auch niemand behauptet, dass sie den genauen Zeitpunkt kannte. Warum sollte sie in der vagen Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Kinder eine Willkommensparty schmeißen? Bott aber meint, in ihrer Verzweiflung hätte sich Block an jede noch so vage Hoffnung geklammert. "Dieses Haus ist ein Museum der Kindheit, die so plötzlich unterbrochen wurde", zeichnet er das Bild. Böttner ist gespannt, wie Bott erklären wolle, dass "Museumsstücke" daraus in das Wohnmobil der Entführer gekommen seien. Das werde Block bald erklären, so Bott. Wir dürfen also gespannt sein.
Kommentare aus dem Zuschauerraum?
Hensel-Vertreter Philip von der Meden weist die Kritik am Vorgehen der Ermittler zurück; auch eine strafbare Entziehung der Kinder durch Hensel oder seine Frau gäbe es gar nicht, das müsse notfalls sonst der Europäische Gerichtshof bestätigen. Was er damit meint, wird nicht ganz klar. Beim Landgericht Hamburg jedenfalls ist das Verfahren gegen Hensel und seine Frau wegen Entziehung Minderjähriger bzw. Beihilfe dazu anhängig, wie die Oberstaatsanwältin auf Anfrage bestätigte. Dellings Verteidiger Rieks wirft von der Meden vor, Nuancen zu verwischen, um sein "Framing" zu verstärken. Davon, dass er dieses oft wiederhole, werde es aber nicht richtig.
Von der Meden muss sich noch über etwas anderes beschweren. Immer, wenn er anfange zu reden, kämen Kommentare aus dem Publikum. Verteidiger Reinhard Daum, der eine Verwandte von Christina Block vertritt, sitzt näher am Zuschauerraum und will nichts gehört haben. Aus dem Zuschauerraum wird tatsächlich immer wieder kommentiert, besonders zu Hensel und seinen Anwälten. Als von der Meden aber heute das Wort ergriff, war es still.
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"Ich kann nicht anordnen, dass der Luftraum über Israel geöffnet wird"
Die verbleibende Zeit will die Vorsitzende scheinbar nutzen, um auf die Kritik der vergangenen Wochen an der Prozessplanung eingehen. Sie nimmt sich die Zeit, mit den Anwesenden über das kommende Zeugenprogramm zu sprechen. Undurchsichtige Krankheiten, fehlende Babysitter, Iran-Krieg: Es gibt viele Baustellen, die der Richterin die Planung erschweren.
Eigentlich sei Keren T. für die nächste Woche geladen gewesen. Sie soll die rechte Hand des mutmaßlichen Chef-Entführers David Barkay gewesen und als "Olga" zu einer engen Vertrauten Christina Blocksgeworden sein; ihre Vernehmung wird mit Spannung erwartet. Aufgrund des andauernden Iran-Krieges werde sie aber nicht kommen können. Ihr Anwalt habe einen möglichen Termin Mitte April in Aussicht gestellt, falls dann der Luftraum wieder geöffnet wäre. Anwalt von der Meden ist etwas ungehalten darüber. Von seinen Vorschlägen, dass die Israelis etwa über Ägypten mit dem Schiff reisen sollten, ist die Vorsitzende aber nicht sehr begeistert. "Ich kann auch nicht anordnen, dass der Luftraum über Israel geöffnet wird", meint sie. "Sie könnten es aber versuchen", witzelt einer der Verteidiger.
Viele der Zeugen sollen wohl zu der Vernehmung der entführten Kinder aussagen. Staatsanwältin Mona Paul bittet daher zum Schluss noch alle Beteiligten, sich zu überlegen, ob man nicht direkt die Vernehmungsprotokolle verlesen könnte. Das ist nach § 251 StPO möglich, erfordert aber die Zustimmung aller Verteidiger. Die Richterin Hildebrandt jedenfalls befürwortet das: Die Vernehmungsbeamtin habe einen starken Dialekt, durch den die Richterin sie nur schwer verstehen könne.
Weiter geht es am Dienstag, was da auf dem Programm steht, muss sich Hildebrandt noch überlegen.
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