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Einlassung im NSU-Prozess: Zschäpe weist jede Betei­li­gung an NSU-Ver­b­re­chen zurück

09.12.2015

"Habe stundenlang auf sie eingeredet, mit dem Töten aufzuhören"

Sie habe versucht, Mundlos und Böhnhardt vom Morden abzuhalten, erklärte Zschäpe. "Ich erinnere mich, dass ich stundenlang auf sie einredete, mit dem Töten aufzuhören." Sie habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen und das Leben im Untergrund zu beenden. Doch wegen der Selbstmorddrohung ihrer Freunde sei die Lage für sie unlösbar gewesen.

Polizei und Geheimdienste waren den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen jahrelang nicht auf die Spur gekommen - auch wegen gravierender Ermittlungsfehler. Erst im November 2011 flog das Trio nach einem Banküberfall in Eisenach auf. Zschäpes mutmaßliche Komplizen Mundlos und Böhnhardt töteten sich nach bisherigen Erkenntnissen damals selbst, um einer Festnahme zu entgehen.

Zschäpe gestand, an diesem Tag die letzte Fluchtwohnung der Gruppe in Zwickau in Brand gesetzt zu haben. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde. Anschließend sei sie planlos vier Tage quer durch Deutschland gefahren, bevor sie sich der Polizei gestellt habe. Seit Mai 2013 steht Zschäpe in München vor Gericht. Seit Prozessbeginn hatte sie bislang beharrlich geschwiegen. Neben ihr sind vier mutmaßliche Unterstützer angeklagt.

Opferanwalt spricht von "Lügendkonstrukt"

Der Opferanwalt Mehmet Daimagüler hält die Aussage der mutmaßlichen Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe im NSU-Prozess für unglaubwürdig. Zschäpe habe in der Erklärung, die ihr Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch präsentierte, ein "Lügenkonstrukt" vorgelegt. "Ich habe ihr heute kein Wort geglaubt", sagte Daimagüler. "Sie kann diese Art von Entschuldigung behalten."

Der Nebenklage-Anwalt Stephan Lucas sagte: "Heute hat man sehr gut verstehen können, warum es manchmal klug ist, einfach den Mund zu halten." Er ergänze: "Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt."

Bundesanwalt Herbert Diemer sagte: "Wir werden diese Einlassung natürlich genauestens prüfen." Sie sei "ein Beweismittel unter vielen". Eine Bewertung wolle er noch nicht vornehmen. "Alles andere wäre unprofessionell."

dpa/una/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Einlassung im NSU-Prozess: Zschäpe weist jede Beteiligung an NSU-Verbrechen zurück . In: Legal Tribune Online, 09.12.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17798/ (abgerufen am: 16.06.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.12.2015 14:37, Bernd

    Und dafür der ganze Affentanz? Das hätten sich alle Beteiligten nun wirklich sparen können, da sich durch diese Nichtaussage ihre Position kaum verändert. Spannend könnte höchstens eine Konfrontation mit Zeugenaussagen werden, nach denen sie in der Nähe von Tatorten gesehen wurde, aber da wird sie wahrscheinlich ähnliche Märchen auftischen.

    • 09.12.2015 15:27, Max

      Nicht ganz. Da sich Zschäpe zu allen angeklagten Taten eingelassen hat (und man muss schon fragen, welcher Teufel ihre Anwälte da geritten hat), hat sie sich selbst die Möglichkeit eines Teilschweigens genommen.
      Schweigt sie nun (wieder) zu Taten, zu denen sie sich im Rahmen dieser Einlassung geäußert hat, so kann dieses Schweigen auch zu ihrem Nachteil gereichen.

      Die Verteidigungssituation hat sich damit, so zumindest der bisherige Eindruck, verschlechtert.

    • 10.12.2015 12:49, Bernd

      Naja, sie wird wahrscheinlich bei Rückfragen wieder irgendeine Story erzählen, die zufälligerweise genau auf das beschränkt bleibt, was ihr eh schon nachgewiesen wurde. Von daher sehe ich die Aussicht als relativ gering ein, dass das Gericht ihre Einlassungen in welche Richtung auch immer für einen Erkenntnisgewinn nutzen kann.

    • 10.12.2015 15:03, Christian

      Das ist aber ihr gutes Recht und genau dieses nutzen beschuldigte doch permanent. Wieso erwartet man jetzt, dass eine Frau plötzlich 10 Morde auf ihre Kappe nimmt...

      Es verschwinden Akten... Der Staat ist vermutlich mehr oder weniger involviert aber das eine Frau, die übrig bleibt ihre Rechte in Anspruch nimmt, ist jetzt ein Skandal???

      10 Morde 250 Verhandlungstage weit über vier Jahre ... Das man bei diesem Verfahrens überhaupt noch eine Aussage benötigt ist doch Wahnsinn.

  • 09.12.2015 19:36, Christian

    Man muss ihr die Taten nachweisen wie jedem anderen auch. Nun sind über 250 Verhandlungstage vergangen, sowie mehrerer Jahre. Es gab viele Morde nicht nur einen.

    Das sie sich nicht belastet ist etwas was wohl jedem zusteht. Genau das war ja auch schon die Taktik des Schweigens denke ich. Sie hat gewartet, dass Ihr beweisen wird, dass... . Das ist aber irgendwie seit Jahren nicht passiert.

    Wenn es nach dieser ganzen Zeit und diesem aufwenigen Verfahren unter diesem enormen öffentlichen Druck immer noch nicht gelungen ist wirklich zu beweisen, dass sie Mittäterin, Gehilfen oder auch sonst etwas war spricht das für sich.
    Es ist schon seltsam, dass man aus dem angeblich von ihr nach außen hin so "normalen" Leben etwas strafbares machen möchte, anstatt strafbares zu finden und darüber zu urteilen.
    Es wird doch auch keiner Frau eines Hooligans vorgeworfen, dass sie ihren gewalttätigen Mann deckt indem sie mit Nachbarn Kaffee trinkt.
    Mir kommt es so vor, dass Frau Zschäpe der Sündenbock ist. Das ist natürlich subjektiv.