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BAG zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz : Busengrapscher allein nicht immer Kündigungsgrund

10.02.2015

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz berechtigt nicht automatisch zu einer fristlosen Kündigung. Vielmehr komme es stets auf die konkreten Umstände des Einzelfalls, insbesondere auf Umfang und Intensität des jeweiligen Vorfalls an. Mit dieser Begründung gab das BAG mit einer am Dienstag bekannt gewordenen Entscheidung einem Automechaniker Recht, der sich gegen seine fristlose Kündigung gewehrt hatte.

Der Mann hatte einer externen Reinigungskraft im Sozialraum seines Arbeitgebers an die Brust gefasst, ließ jedoch sofort von ihr ab, als sie deutlich machte, dass sie dies nicht wünsche. Später berichtete die Frau ihrem Arbeitgeber von dem Vorfall, der wiederum den Arbeitgeber des Mechanikers informierte. Von seinem Chef zur Rede gestellt, gestand der Mann den Vorfall und gab an, "sich eine Sekunde vergessen zu haben". Er habe geglaubt, die Frau flirte mit ihm. Der Vorfall tue ihm furchtbar leid. Er schäme sich, so etwas werde sich nicht wiederholen. Dennoch erhielt er noch am gleichen Tag eine fristlose Kündigung.

Im Nachgang entschuldigte sich der Mann bei der Frau schriftlich und zahlte als Täter-Opfer-Ausgleich ein Schmerzensgeld. Die Kündigung hielt der Arbeitgeber jedoch aufrecht, dagegen klagte der Automechaniker.

Vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG) bekam er nun Recht. Der Mann sei seit 1996 ohne Beanstandung bei dem Arbeitgeber beschäftigt gewsen. Zwar habe der Automechaniker durch die sexuelle Belästigung seine arbeitsvertraglichen Pflichten und auch die Würde der Frau in einem Maß verletzt, dass eine fristlose Kündigung hätte ausgesprochen werden können. In seinem Fall hätte eine Abmahnung allerdings gereicht, da keine Wiederholungsgefahr bestehe. Der Vorfall entspreche einer "einmaligen Entgleisung", urteilten die Erfurter Richter (Urt. v. 20.11.2014, Az. 2 AZR 651/13).

mbr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

BAG zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz : Busengrapscher allein nicht immer Kündigungsgrund . In: Legal Tribune Online, 10.02.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14648/ (abgerufen am: 07.07.2020 )

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Kommentare
  • 10.02.2015 16:58, isla

    das ist ja ein freischein! super! wieder ein schritt rückwärts...tut mir leid, aber wenn schon wegen einer so klaren belästigung nicht gekündigt werden darf (in manchen fällen zumindest), wofür denn dann? fängt es erst bei einer vergewaltigung an?
    woher wollen die denn wissen, dass das eine einmalige sache war, mit dem begrapschen? viele opfer verschweigen solche übergriffe.
    ein täter braucht nur gestehen und schon sinkt die strafe ins bodenlose. es lebe die krokodilsträne.

    • 11.02.2015 13:24, Blubi

      Ich halte das Urteil aus arbeitsrechtlicher Sicht für richtig. Immerhin hat er das sofort zugegeben, obwohl dies eine 4-Augensituation war und es zur Aussage gegen Aussage hätte kommen können. Grundsäztlich muss man den Einzelfall betrachten, was der BAG hier auch gemacht hat.
      Immer und pauschal mit viel voller Härte die arbeitsrechtlicher Keule auspacken, halte ich für maßlos übertrieben - unabhängig davon, welche Tatbestände aus dem AGG erfüllt sind. Zivilrecht ist kein Strafrecht!

      Im strafrechtlichen Sinne gab es ja eine Anzeige. Das Opfer selbst hat die Anzeige ja wieder zurückgenommen, nachdem er sich entschuldigt und Schmerzensgeld als Täter-Opfer-Ausgleich gezahlt hat.
      Es lag also am Opfer, SIE hat die Anzeige zurückgenommen.

      Ihre Meinungen kann ich dementsprechend nicht teilen und finde sie auch hysterisch. Das sie hier in diese "Vergewaltungsschiene" einsteigen, disqualifizieren sie sich automatisch. Dass hier Unrecht geschehen ist, keine Frage. Aber mehr eben nicht! Und Konsequenzen für sein Verhalten hat er auch erfahren.

      Kleiner Tipp: Erst den Artikel aufmerksam lesen, dann kommentieren. Denn dort steht drin:

      "In seinem Fall hätte eine Abmahnung allerdings gereicht, da keine Wiederholungsgefahr bestehe. Der Vorfall entspreche einer 'einmaligen Entgleisung'". Damit ist alles gesagt.

    • 11.02.2015 13:46, Joni

      Der Mann hat sich in aller Form entschuldigt und soll wegen so einem Vorfall jetzt seine Existenzgrundlage verlieren? Ich glaube nicht, dass Sie dieaen Einzelfall so genau beurteilen kann, wie die Richter, die ihn geschildert bekommen haben. Natürlich soll sexuelle Belästigung oder Missbrauch bestraft werden (was er ja auch wurde) und sollte sich solch ein Fall noch einmal wieder holen, würde ein härteres Strafmaß greifen. Aber pauschal jeden gleich zu verurteilen, das wäre nun wirklich ein Rückschritt.

  • 12.02.2015 09:46, pp

    Das ist doch immer toll, wenn Männer Verständnis für solches Verhalten zeigen.
    Ich denke, die Aufassung des Gerichts könnte ich noch bei einer Umarmung verstehen.
    Beim Busenanfassen ist definitiv die Grenze überschritten !!!!
    Willkommen in der Steinzeit !

  • 12.02.2015 17:19, Suane

    Sexuelle Belästigung ist und bleibt immer das gleiche...lästig. Am Arbeitsplatz hat das anfassen von Busen oder Po nichts zu suchen. Ein Mann der sich damit äußert "sich kurzfristig vergessen zu haben" sollte seine generelle Einstellung gegenüber Frauen überdenken. Frauen sind KEIN Frischfleisch und egal wie hübsch und attraktiv sie auch sein mag, sollte man ihre Menschenwürde beachten und sie mit Respekt behandeln. Für mich sind Arbeitskollegen generell weder männlich noch weiblich sondern MENSCHLICH! Das spart jede menge ärger.

  • 23.02.2015 19:43, privvaat

    Jo Jo...

    > Beim Busenanfassen ist definitiv die Grenze überschritten !!!!

    das ist doch lächerlich...

    Drängen, in die Kleidung fassen, etc...

    Aber anfassen? Lachhaft. Ich, als Mann, bin in meinen 39 Jahren 100x angefasst worden, überwiegend von Frauen.

    Flirten ist halt keine schriftliche Einladung...

    UND

    > sollte seine generelle Einstellung gegenüber Frauen überdenken. Frauen sind KEIN Frischfleisch

    ist auch überzogen.
    Wenn er "Frischfleisch" denken würde, wäre das bestimmt nicht das 1x gewesen, vllt?


    Im übrigen: Wer von Frauen WIRKLICH als Frischfleisch denkt, glaub mir, das sind Männer die genau wissen wie sie sich benehmen müssen :D