Ein 84-Jähriger erlitt am Steuer einen Herzanfall und verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Eine Mutter und ihr Kind sterben. Nun wurde der Senior zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Vorwurf: Er wusste um seinen Gesundheitszustand.
Eine Berlin-Touristin und ihr vierjähriger Sohn im Kinderwagen wurden auf der Leipziger Straße in Berlin-Mitte von einem Auto erfasst. Rund 15 Monate nach dem Tod der beiden wurde ein 84-Jähriger zu zwei Jahren Haft zur Bewährung verurteilt. Das Amtsgericht (AG) Tiergarten sprach den Mann der fahrlässigen Tötung in zwei Fällen, der fahrlässigen Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung in vier Fällen schuldig (Urt. v. 27.06.2025, Az. 212 Ls 1/25).
Der Angeklagte habe sich trotz erheblicher körperlicher Mängel – in Kenntnis einer Herzerkrankung, bei der es jederzeit zu Ohnmachtsanfällen kommen könne – ins Auto gesetzt, sagte die Vorsitzende Richterin Franziska Bauersfeld.
Kurz vor dem Unfall am 9. März 2024 sei es bei ihm zu einem Anfall gekommen, der Angeklagte sei immer schneller geworden und auf das Stauende zugefahren. Dann habe er gesehen, dass die Fahrzeuge gestanden hätten, habe sich "irgendwie retten wollen". Als er auf den Radweg gezogen habe, habe er die Familie erfasst. Durch sein Fehlverhalten habe er eine Familie zerstört – "das Leid ist unermesslich".
Mit Tempo 89 bei erlaubten 30 Kilometern pro Stunde
Als der Fahrer die Frau und ihr Kind gesehen habe, habe er noch versucht, gegenzulenken. Dies sei ihm aber nicht rechtzeitig gelungen. Mit 89 Kilometern pro Stunde habe er die 41-jährige Frau aus Belgien und ihren im Kinderwagen sitzenden Sohn erfasst. Fünf weitere Menschen wurden verletzt. Nach Überzeugung des Gerichts befuhr der Senior zunächst die Busspur. Statt der dort erlaubten 30 Kilometer pro Stunde soll er auf 70 bis 90 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben.
Die Frau war mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Schwester unterwegs. Die Familie aus Belgien wollte die Leipziger Straße auf der Höhe der Mall of Berlin überqueren. Während der Mann und die Schwester den Gehweg auf der anderen Straßenseite bereits erreicht hatten, befand sich die Mutter mit dem Buggy-Kinderwagen noch an der Bordsteinkante, als der Angeklagte auf der Radspur laut Gutachten ungebremst auf sie zuraste. Mutter und Kind starben kurze Zeit später in einem Krankenhaus.
Der 42-jährige Mann und die Schwester der 41-Jährigen erlitten einen Schock. Die Familie war den Angaben zufolge für einen touristischen Kurzbesuch in Berlin. Der Feuerwehrmann und die Schwester waren im Prozess Nebenkläger. "Sie sind aber nicht in der Lage, persönlich zu erscheinen", sagte ihr Rechtsanwalt. Nebenkläger war zudem ein 64 Jahre alter Tierarzt, dessen Auto angefahren worden war.
Schuldunfähig beim Zusammenstoß
Der 84-Jährige hatte im Prozess erklärt, es tue ihm unendlich leid. An den Unfall habe er allerdings keine Erinnerung. Bei Fahrtantritt habe er sich gesundheitlich nicht beeinträchtigt gefühlt. Täglich müsse er an das Geschehen und die Opfer denken, so der Witwer. Er sei seit 1963 als Kraftfahrer im Fernverkehr tätig gewesen, sei ohne Vorbelastungen. Seinen Führerschein hatte der 84-Jährige nach dem Unfall freiwillig abgegeben.
Das AG ging davon aus, dass sich der Senior am Steuer möglicherweise in einem Zustand befunden habe, "in dem eine bewusste Entscheidung nicht mehr möglich war". Im Zeitpunkt des Zusammenstoßes sei er demnach nicht mehr schuldfähig gewesen. Der eigentliche Schuldvorwurf bestehe darin, dass er in sein Fahrzeug gestiegen sei, obwohl er gewusst habe, dass er an einer Erkrankung leide, die jederzeit zu körperlichen Ausfallerscheinungen führen könne.
Ärztin: Möglicher Herzstillstand für Sekunden
Eine Kardiologin, die den Angeklagten nach dem Unfall untersucht hatte, sagte im Prozess, aus ihrer Sicht könnte es durch eine Synkope für einige Sekunden zu einem Herzstillstand gekommen sein. Der Senior sei bereits im Juni 2023 auf die Notwendigkeit eines Herzschrittmachers hingewiesen worden. Damals sollen bei ihm Herzrhythmusstörungen festgestellt worden sein. Er soll wegen einer Krebserkrankung seiner Frau nicht darauf eingegangen sein. Eine kardiologische Synkope trete plötzlich auf, so die Ärztin. Einen
epileptischen Anfall bei dem Senior schloss sie aus.
Der Fall hatte die Debatte um eine Kontrolle für ältere Führerscheininhaber erneut entfacht. Die Grünen-Fraktion im damaligen Bundestag forderte verpflichtende Untersuchungen, während SPD und FDP auf Freiwilligkeit setzten.
Der Staatsanwalt und der Nebenklage-Anwalt, der den Mann der 41-Jährigen und ihre Schwester vertrat, plädierten auf zwei Jahre Haft auf Bewährung. Der Verteidiger forderte Freispruch. Sein Mandant, der an jenem Tag erstmals allein zum Grab seiner knapp acht Monate zuvor gestorbenen Ehefrau habe fahren wollen, sei wegen der Belastungen schuldunfähig gewesen.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
dpa/lmb/LTO-Redaktion
AG Tiergarten verurteilt 84-Jährigen zu Bewährungsstrafe: . In: Legal Tribune Online, 27.06.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57532 (abgerufen am: 13.12.2025 )
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