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Mit Gitarre die Klassentür blockiert: Musik­lehrer wegen Frei­heits­be­rau­bung ver­ur­teilt

24.08.2016

Die Stunde war laut und nicht alle Schüler gehorchten. Da setzte sich der Lehrer nach dem Ende der Stunde quer vor die Klassentür. Dafür gab es vom AG Neuss nun eine Verwarnung mit Strafvorbehalt wegen Freiheitsberaubung.

Strafarbeiten, Nachsitzen und ähnliche Erziehungsmethoden sind in Deutschlands Schulen keine Seltenheit. Die Methode eines Musiklehrers einer Realschule in Neuss bei Düsseldorf beschäftigte nun aber die Justiz. Das Amtsgericht (AG) Neuss verurteilte den Pädagogen am Mittwoch wegen Freiheitsberaubung, weil er Schüler am Verlassen des Klassenraums gehindert hatte.

Eine empfindliche Strafe erging jedoch nicht. Zwar sprach das Gericht eine Geldstrafe aus. Es blieb aber bei einer Verwarnung mit Strafvorbehalt nach § 59 Strafgesetzbuch (StGB). Als Auflage (§ 59a StGB) muss sich der Musiklehrer im Umgang mit undisziplinierten Schülern fortbilden. Andernfalls droht die Vollstreckung. Die Zahl der Tagessätze ist nicht bekannt. Insgesamt beträgt die Geldstrafe 1.000 Euro.

Der Lehrer hatte einer lauten Schulklasse im Unterricht eine schriftliche Arbeit aufgebrummt: Sie mussten einen Wikipedia-Eintrag über einen Musiker abschreiben. Nach dem Unterricht mussten die Sechstklässler ihre Arbeiten einzeln abgeben. Dabei hatte der Lehrer mehrere Schüler daran gehindert, den Raum zu verlassen, indem er sich mit seiner Gitarre auf einen Stuhl vor die Tür gesetzte hatte. Einer von ihnen hatte schließlich per Handy die Polizei gerufen.

Vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen

Zudem hatte der 50-Jährige einem der Schüler bei der Rückgabe einer Arbeit mit der Faust in den Bauch getroffen. Deshalb war der Lehrer auch wegen Körperverletzung angeklagt. Der Schüler selbst wollte dem Pädagogen am Mittwoch im Zeugenstand aber keine Absicht unterstellen: Es habe auch nicht lange wehgetan, versicherte der 13-Jährige. Die letzte Stunde sei zu Ende gewesen und alle hätten schnell nach Hause gewollt. Das Gericht sprach den Mann insoweit schließlich frei.

Zwar versicherte der Richter dem Angeklagten "volles Verständnis für ihren schweren Job": "Was macht ein Lehrer, dem die Schüler auf der Nase herumtanzen?", fragte er. Dass sich der Lehrer nach Unterrichtsende mit seinem Stuhl und einer Gitarre auf den Knien vor die Klassentür gesetzt und Schüler nicht herausgelassen habe, erfülle dennoch den Tatbestand der Freiheitsberaubung.

Das Abschreibenlassen eines Wikipedia-Eintrags sei zudem wohl eine unzulässige Kollektivmaßnahme gewesen. Aber darauf komme es nicht an, so das Gericht.

dpa/una/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Mit Gitarre die Klassentür blockiert: Musiklehrer wegen Freiheitsberaubung verurteilt . In: Legal Tribune Online, 24.08.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20377/ (abgerufen am: 19.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 24.08.2016 21:19, Heinz Behnke

    Es kann nicht schaden, wenn Richter ebenfalls an weiterbildenden Maßnahmen teilnehmen, um beurteilen zu können, wie Pädagogik sinnvoll angewandt wird. Hier von Freiheitsberaubung zu sprechen, scheint mir einmal wieder ein juristischer Witz wie so viele in letzter Zeit zu sein. Danke, lieber Richter.

  • 25.08.2016 17:04, Ingo

    Ich musste in meiner Schulzeit auch öfters mal "Nachsitzen" und es wurde mir dann auch verboten das Klassenzimmer zu verlassen. Und diese Maßnahmen wurden von der Gesellschaft im allgemeinen immer getragen.
    In der schriftlichen ABI Prüfung durfte man auch nicht auf die Toilette, wenn schon ein anderer draußen war. Ansonsten hätte es NULL Punkte gegeben, nach dem Maßstab wäre das dann Nötigung gewesen.
    Mit dem Besuch einer Schule werden durch die Eltern und Schüler bestimmt Verhaltensweisen und Maßnahmen akzeptiert. Bei der Bundeswehr werden auch bestimmte Grundrechte ausgesetzt und zu Zeiten der Wehrpflicht ist das vergleichbar wie die Schulpflicht.

    • 26.08.2016 15:27, Alex

      Nö, das wäre es nur, wenn man gar nicht rausgedurft hätte, einzeln war es ja möglich, sicher auch nicht mit allzu großen zeitlichen Verzögerungen und zum Schutz der Vergleichbarkeit der Prüfungsleistung auch geboten.

    • 27.08.2016 14:45, Larissa Müller

      @ Ingo: Die Schule, die Sie befürworten, gibt es in Deutschland zum Glück nicht. Entscheidend ist hier der Unterschied zwischen "nicht raus dürfen" und "nicht raus können". Natürlich gibt es 0,0 Punkte, wenn man bei einer Prüfung ohne Erlaubnis hinausgeht. Aber man kann es tun.
      Der famose Lehrer hingegen sorgte dafür, daß kein Schüler herausgehen konnte. Und dafür gab's völlig zu Recht eine Strafe. Der Lehrer darf nämlich keinen Arrest eröffnen, auch nicht vorübergehend.

  • 06.09.2016 12:21, Reibert

    Es sei hier an Art. 104 II 1 GG erinnert. Über freiheitsentziehende Maßnahmen befindet ein Richter und nicht ein Lehrer.

    Man könnte zu dem Ergebnis kommen, dass ein Lehrer der die Verfassung mit Füßen tritt, als Beamter nicht tragbar ist. Und hier aufgrund der eingenommen Stellung und Vorbildfunktion weit härter zu bestrafen gewesen wäre, als mit einer Verwarnung.

    • 04.12.2016 13:13, RDA

      Sehe ich auch so. Die Aberkennung der Beamtenrechte oder wenigstens des Ruhegehalts wären das mindeste.

  • 07.12.2016 23:38, Horst

    Wäre interessant zu wissen, was der Herr Lehrer inzwischen macht. Hartz IV?