Abgasaffäre: VW for­dert Scha­dens­er­satz von Win­ter­korn und Stadler

26.03.2021

Strafrechtlich hat die Abgasaffäre für Martin Winterkorn und Rupert Stadler schon ein Nachspiel. Nach einer mehrjährigen Prüfung will VW nun auch zivilrechtlich gegen die beiden Ex-Top-Manager vorgehen.

Der Volkswagen-Konzern (VW) verlangt von seinem früheren Chef Martin Winterkorn und von Ex-Audi-Chef Rupert Stadler Schadensersatz im Zusammenhang mit dem Dieselskandal. Dies teilte das Unternehmen am Freitag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit.

Die Kontrolleure hatten zuvor die Ergebnisse umfangreicher Prüfungen in der Regressfrage diskutiert. Volkswagen erklärte, man werde die beiden ehemaligen Top-Manager nun "wegen aktienrechtlicher Sorgfaltspflichtverletzungen auf Schadensersatz in Anspruch nehmen". Welches finanzielle Ausmaß die Forderungen haben könnten, stand zunächst nicht fest. Im Fall anderer VW-Vorstandsmitglieder seien dagegen keine Verstöße festgestellt worden.

Gegenstand der Untersuchungen war, ob Winterkorn, Stadler und möglicherweise auch noch weitere damalige Führungskräfte vor dem Auffliegen der Affäre im September 2015 fahrlässige Management- und Kontrollversäumnisse vorzuwerfen sind - was letztlich die Manipulationen an weltweit Millionen Dieselautos ermöglicht oder zumindest nicht verhindert haben könnte. Die Kanzlei Gleiss Lutz beriet den VW-Aufsichtsrat zu diesem Thema und legte in dieser Woche ihren Abschlussbericht vor.

Nach Angaben der Kanzlei haben sich Untersuchung und Prüfung auf alle im jeweils relevanten Zeitraum amtierenden Mitglieder des Vorstands der drei Gesellschaften konzentriert. Dafür seien über 65 Petabyte Daten gesichert und insgesamt mehr als 480 Millionen Dokumente in Datenräume überführt worden. Man habe rund 1,6 Millionen Dateien als relevant identifiziert, gesichtet und überprüft sowie über 1.550 Interviews und Vernehmungen geführt. Zudem seien staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakten, Berichte des US-Monitors sowie behördliche und gerichtliche Verfahren weltweit ausgewertet und berücksichtigt worden. Die jetzt abgeschlossene Untersuchung ist nach Kanzleiangaben die "mit Abstand umfangreichste und aufwändigste Untersuchung in einem Unternehmen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte".

Aufklärungsarbeit unterlassen

Ein zentraler Befund: Winterkorn habe es in der Zeit nach einer als "Schadenstisch" bezeichneten Krisenkonferenz am 27. Juli 2015 unterlassen, "die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Softwarefunktionen in 2,0-Liter-TDI-Dieselmotoren, die in den Jahren 2009 bis 2015 im nordamerikanischen Markt vertrieben wurden, unverzüglich und umfassend aufzuklären". Er habe darüber hinaus nicht dafür gesorgt, "dass in diesem Zusammenhang gestellte Fragen der US-amerikanischen Behörden umgehend wahrheitsgemäß und vollständig beantwortet werden".

Zum Fall Stadlers erklärte der Konzern, dieser habe es ab Ende September 2016 unterlassen, dafür zu sorgen, dass von Audi entwickelte größere Dieselmotoren - sie waren zusätzlich auch in Autos der Marken VW Pkw und Porsche eingebaut - "im Hinblick auf unzulässige Softwarefunktionen untersucht werden". Bei den Töchtern Audi und Porsche sollen den Angaben zufolge zudem Schadensersatzforderungen gegen die Ex-Manager Ulrich Hackenberg, Stefan Knirsch und Wolfgang Hatz geltend gemacht werden. Bei dem früheren VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer sei dies schon geschehen, hieß es.

Ehemalige Führungskräfte bereits angeklagt

Winterkorn war vor gut fünfeinhalb Jahren von seinem Amt als VW-Chef zurückgetreten, kurz nachdem der Abgasskandal von US-Behörden und -Wissenschaftlern aufgedeckt worden war. Er hatte betont, sich keines Fehlverhaltens bewusst zu sein. Allerdings ging der VW-Aufsichtsrat weiterhin möglichen Schadensersatzansprüchen nach. Er hatte während des Verfahrens mehrfach erklärt, dass die Prüfung von Haftungsansprüchen gegen frühere oder amtierende Vorstandsmitglieder "umfangreich" sei. Man agiere hier vorbehaltlos und ohne Ansehen der Person.

Winterkorn wird wegen der Abgasaffäre auch vor Gericht stehen. Mitte September soll in Braunschweig der Prozess gegen ihn und vier weitere, teils ehemalige Führungskräfte wegen mutmaßlichen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs beginnen. Das Landgericht hatte den Beginn wegen der Corona-Lage kürzlich verschoben. Stadler steht wegen einer möglichen Mitverantwortung wegen der manipulierten Abgaswerte bereits vor dem Münchner Landgericht.

dpa/mgö/LTO-Redaktion

Beteiligte Personen

Gleiss Lutz für den Volkswagen-Aufsichtsrat (Kernteam):

Prof. Dr. Michael Arnold, Gesamtverantwortung Volkswagen, Audi, Porsche

Martin Hitzer, Federführung Volkswagen

Dr. Vera Rothenburg, Federführung Volkswagen

Steffen Carl, Federführung Audi

Dr. Adrian Bingel, Federführung Porsche

Dr. Gabriele Roßkopf, Federführung Porsche

 

 

Gleiss-Lutz-Team für den Aufsichtsrat der Volkswagen AG:

Dr. Hansjörg Scheel, Partner

Dr. Dirk Wasmann, Partner

Dr. Burghard Hildebrandt, Partner

Prof. Dr. Christian Arnold, Partner

Dr. Alexander Werder, Partner

Dr. Bernhard Busch, Partner

Dr. Christian Hamann, Partner

Dr. Detlef Schmidt, Of Counsel

Dr. Thomas Kreuz

Dr. Matthias Gärtner, Counsel

Nils Maiwurm

Katharina Bein

Dr. Simon Frye

Dr. Joscha Meyer

Lukas Neuhaus

Dr. Bettina Sauter

Dr. Michael Traub

Dr. Nikolai Unmuth

Dr. Jan-David Geiger

Daniel Bernhardt

Frank Buchhöcker

Martin Weil

Dr. Ricarda Zeh

Konrad Discher, Counsel

Dr. Christian Ditté

Dr. Daniel Görlich

Simon Wegmann

Aylin Hoffs

Tatjana Schmidt

Henrike Westphal

Dr. Dominik Monz

Carsten Fitting

Dr. Markus Martin

Moritz Stilz

Dr. Eva Koch, Counsel

Dr. Hilmar Hütten

Dr. Lars Kindler

Dr. Ulrike von Paris

 

Gleiss-Lutz-Team für den Aufsichtsrat von Audi:

Dr. Patrick Mossler, Partner

Dr. Tobias Harzenetter, Partner

Dr. Tobias Boecken, Partner

Dr. David Quinke, Partner

Dr. Stephan Dangelmayer

Dr. Julius Scheifele

Dr. Tobias Klemm

Dr. Julian Aicher

Melina Grauschopf

Dr. Daniel Widmann

Dr. Nadja Al-Wraikat

Anke Siemer-Arqc

Dr. Julia Egyptien

Laura de Leeuw

Dr. Stephan Kreifels

Simone Lindenmüller

Alexandra-Helene Schwager.

 

Gleiss-Lutz-Team für den Porsche-Aufsichtsrat:

Marie-Theres Lochner

Dr. Christian Bock

Dr. David Schneider

Dr. Stephanie Lumpp, Counsel

Dr. Johannes Culmann, Counsel

Richard Notz

Oliver Wolf

Dr. Matthias Schilde

Jan Hinrichs

Matthias Hahn

Maximilian Imre

Julia Schumann

Beteiligte Kanzleien

Zitiervorschlag

Abgasaffäre: VW fordert Schadensersatz von Winterkorn und Stadler . In: Legal Tribune Online, 26.03.2021 , https://www.lto.de/persistent/a_id/44597/ (abgerufen am: 05.08.2021 )

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