Legal Technology in Rechtsabteilungen: Ohne Stra­tegie

von Dr. Anja Hall

02.02.2018

General Counsel sind sich sicher, dass ihre Abteilungen von Legal Technology profitieren. Aber sie haben noch keinen Plan, wie und wo sie die Anwendungen strategisch sinnvoll einsetzen. Das ergibt eine Studie, die am Freitag vorgestellt wird.

Legal Technology ist wichtig für die Rechtsabteilungen – das ist den Unternehmensjuristen klar. Aber was sie damit anfangen sollen, wissen sie im Moment noch nicht so recht. So zugespitzt lässt sich das Ergebnis einer repräsentativen Studie formulieren, die am Freitag auf dem Kongress des Bundes der Unternehmensjuristen (BUJ) vorgestellt wird. Corporate Legal Insights und Wolters Kluwer Deutschland, zu der auch LTO gehört, hatten im Herbst vergangenen Jahres mehr als 100 Rechtsabteilungen zu ihrem Umgang mit neuen Technologien befragt.

Wenn man unter Legal Tech versteht, dass juristische Fachdatenbanken durchsucht oder Dokumente digital verwaltet werden, dann ist das bei Deutschlands Unternehmensjuristen längst Alltag. Die meisten der befragten Rechtsabteilungen nutzen Software-Lösungen der sogenannten ersten Legal-Tech-Generation, also IT-Systeme zur digitalen Dokumentenverwaltung, elektronische Rechnungsstellung, juristische Fachdatenbanken und Software für das Workflow-Management. Rund 85 Prozent der Studienteilnehmer sagen, ihre Abteilung habe bei der Arbeit mit diesen Anwendungen einen mittleren bis hohen Reifegrad.

Legal Tech kommt - wenn auch nicht so schnell

Bei Legal Tech 2.0 und Legal Tech 3.0, also bei teil- und vollautomatisierten Rechtsdienstleitungen, ist die Lage aber schon ganz anders: Für nur rund drei Prozent der Befragten spielen Blockchain, Smart Cards oder eDiscovery im Berufsalltag schon eine Rolle. Und etwa jeder sechste Leiter Recht gibt an, gar keine Legal-Tech-Services aus dieser Generation zu nutzen.

"Legal Tech kommt aber ohne jeden Zweifel", ist Ralph Vonderstein, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereiches Legal Software bei Wolters Kluwer Deutschland, überzeugt. Allerdings werde das nicht so schnell und umfassend geschehen, wie es die Fachabteilungen in den Unternehmen gerne hätten. "Sie wünschen es sich aus Kostengründen, aus Zeitgründen und weil die Digitalisierung neue Services in Aussicht stellt, die heute weder durchführbar noch abrechenbar sind - zuweilen noch nicht einmal vorstellbar", sagt Vonderstein.

General Counsel sehen Chancen, aber auch Risiken

Grundsätzlich stehen die meisten General Counsel den neuen Anwendungen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Sie sind überzeugt davon, dass Legal Tech ihren Abteilungen nützt. Software-Lösungen sollen Arbeitsabläufe effizienter sowie Kosten transparenter machen und letztere senken. Das zumindest erwarten die Rechtsabteilungsleiter beim Einsatz von Legal Tech vorrangig.

Wie groß die Erleichterungen tatsächlich sind, darüber sind sich die Befragten allerdings uneins: Mehr als drei Viertel der Studienteilnehmer geben an, dass die eingesetzten Legal Tech-Anwendungen ihren Arbeitsalltag erleichtern. Acht Prozent sprechen sogar von "großer" bis "sehr großer" Erleichterung. Im Gegensatz dazu sagen aber 14,5 Prozent, also etwa jeder Siebte, dass Legal Tech ihre Arbeit überhaupt nicht oder nur wenig leichter von der Hand gehen lässt.

Auch dass die Digitalisierung Risiken birgt, ist den General Counsel durchaus bewusst. "Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Rechtsabteilungen ein sehr realistisches Bild von den auf sie zukommenden Herausforderungen haben", beobachtet Prof. Dr. Peter Körner, der die Studie als Director von Corporate Legal Insights verantwortet. Als ihre wichtigste Aufgabe sehen die Unternehmensjuristen das Managen der Schnittstelle zwischen IT und Rechtsberatung. Zudem gehen sie davon aus, dass die Arbeitsabläufe in der Rechtsabteilung neu organisiert und definiert werden und die Syndizi im Hinblick auf IT-Fachwissen weitergebildet werden müssen.

Tiefe Programmierkenntnisse nicht notwendig

Rechtsabteilungen brauchen in Zukunft zwei Dinge, ist Körner überzeugt: "Verantwortliche, die den Bedarf an neuen Qualifikationen und Kompetenzen erkennen, und Mitarbeiter, die juristisches Wissen und zumindest eine informationstechnologische Grundausbildung mitbringen."

Das bedeute nicht, dass nun Informatiker mit juristischen Kenntnissen rekrutiert werden müssten. "Es genügt, wenn sie ausreichend Juristen finden, die in Sachen Legal Tech aufgeschlossen über den engen Tellerrand der bisherigen Juristenausbildung blicken", glaubt Körner. Tatsächlich beklagten im Rahmen der Studie viele der befragten Rechtsabteilungsleiter, dass die fehlende Akzeptanz der Mitarbeiter den Einsatz von Legal Tech oft erschwere.

Unternehmensjuristen sollten erkennen können, wann Technologieeinsatz sinnvoll ist und wo die Technologie an ihre Grenzen stößt, sagt Körner, der auch an der Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Turnaround Management sowie Artificial Intelligence lehrt. Dazu seien keine fortgeschrittenen Programmierkenntnisse nötig. Aber die Juristen sollten zumindest ein Verständnis fürs Programmieren und für technologische Zusammenhänge haben.

Strategien fehlen

Die Aufgaben, die auf die Rechtsabteilungen warten, sind also zahlreich. Eigentlich sollten die General Counsel deshalb mithilfe einer Strategie festlegen, welche Ziele sie mit Legal Tech erreichen wollen und welche Maßnahmen dafür ergriffen werden müssen. "Und an dieser Stelle hapert es noch", sagt Körner. Denn die Studie zeigt deutlich: Eine Planung für den Einsatz von Legal Tech hat bislang fast keine Abteilung: Nur zwei der 62 teilnehmenden Rechtsabteilungen haben eine Strategie. Im Umkehrschluss: 96,8 Prozent haben noch keinen echten Plan für den Umgang mit den Software-Diensten - allerdings hat mehr als jedes dritte Unternehmen immerhin damit begonnen, eine Strategie zu erarbeiten.

Dieser Befund überrascht Körner nicht. "Es ist typisch für Juristen, dass sie Veränderungen Schritt für Schritt angehen und nicht disruptiv, indem sie alles einreißen", sagt er. "Juristen müssen sich bei jedem neuen Fall erst ein Bild von der Lage machen, den - bildlich gesprochen – 'Elefanten in Scheiben schneiden' und den Mehrwert jeder Scheibe ermitteln. 'Scheiben' werden priorisiert angegangen und dann erst die endgültige Strategie entwickelt", meint Körner.

Bislang sei der Veränderungsdruck auch noch nicht so hoch gewesen, als dass die Juristen dringend hätten aktiv werden müssen, sagt Körner. Viele haben zunächst überlegt, welche Einzelmaßnahmen sie mit ihren Bordmitteln stemmen können, ohne eine große Strategie zu entwickeln. "Allerdings wird sich das ändern", ist er überzeugt. Er ist sicher, dass in diesem Jahr in sehr vielen Rechtsabteilungen und Wirtschaftskanzleien eine konkrete Digitalisierungsstrategie ausgebildet werden wird.

Unterschiedliche Ansätze je nach Abteilungsgröße

Wie die Abteilungen vorgehen, wenn sie Legal-Tech-Strategien entwickeln, wird auch von ihrer Größe abhängen, meint Ralph Vonderstein von Wolters Kluwer: "Manche Konzerne mit großer Rechtsabteilung nutzen ein Legal Ticketing und analysieren auf Basis der erfassten Daten, zu welchen Themen die meisten Anfragen kommen. Die Idee: Stehen hier automatisiert Antworten zur Verfügung, steigert das besonders die Effizienz", beobachtet er. Einem Mittelständler könne dagegen eine einfache Umfrage reichen, was die zehn wichtigsten juristischen Fragestellungen der Fachabteilungen im Tagesgeschäft seien.

Dann komme es darauf an, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, fährt Vonderstein fort: Der Konzern könnte beispielsweise die eigenen Juristen durch eine bestimmte IT-Lösung in ihrer Arbeit unterstützen. Für eine kleine Rechtsabteilung wäre dagegen denkbar, den Einsatz von Legal Tech bei einem der Topthemen zu forcieren, beispielsweise durch Kooperation mit einer Kanzlei.

"Richtig ist letztendlich, was die Rechtsabteilung des Unternehmens zu vertretbaren Kosten effizienter macht", sagt Vonderstein. Aber es gehe nicht nur um Geld, sondern um Zukunftsfähigkeit. "Wer heute bei Investitionen in Legal Tech spart, verliert ja nicht nur den technologischen Anschluss, sondern auch massiv an Attraktivität für potenzielle Mitarbeiter", gibt er zu Bedenken. "Eine Rechtsabteilung ohne moderne IT-Lösungen werden die hochqualifizierten Juristen der 'Generation Digital Native', die jetzt schon ins Berufsleben drängen, kaum als spannenden Arbeitgeber empfinden", ist Vonderstein überzeugt.

Mehr als 60 Rechtsabteilungen gaben Einblicke

Im Oktober und November 2017 wurden insgesamt 106 Unternehmensjuristen in Aktiengesellschaften befragt. 62 Unternehmen haben den Fragebogen beantwortet zurückgesandt, die Rücklaufquote liegt damit bei 58,5 Prozent. Die Unternehmen kommen aus 15 unterschiedlichen Wirtschaftszweigen, vor allem aus den Bereichen Dienstleistung, Versicherungen & Finanzdienstleister sowie IT & Telekommunikation.

Die Verfasser betrachten die Ergebnisse der Studie wegen der hohen Rücklaufquote und der Diversität der teilnehmenden Unternehmen über alle Wirtschaftszweige und Unternehmensgrößenordnungen hinweg als repräsentativ und übertragbar.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Legal Technology in Rechtsabteilungen: Ohne Strategie . In: Legal Tribune Online, 02.02.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26847/ (abgerufen am: 21.03.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 02.02.2018 11:22, M.D.

    Wir sind uns sicher, dass sich auf diesem Sektor Geld verdienen lässt, wir wissen nur noch nicht wie. Das ist auch der Grund, warum wir derzeit noch keine Strategien anbieten können. Genau genommen haben wir außer viel heißer Luft überhaupt nichts vorzuweisen. Das hält uns jedoch nicht davon ab, Vorträge zu halten, Bücher zu schreiben und uns als Experten buchen zu lassen.

    Den Blick in die Glaskugel zu verkaufen, ist ein funktionierendes Geschäftsmodell nicht nur auf dem Jahrmarkt oder auf Astro-TV, sondern auch für Visionäre und Vertriebsmitarbeiter von Produkten, die es noch gar nicht gibt.

    • 02.02.2018 11:51, LegalTechHype

      Man kann nicht sagen, dass es hier monothematisch würde. Aber so ein ganz kleines bisschen drängt sich der Verdacht auf.Gut, dass es noch die beA-Berichterstattung gibt.

    • 02.02.2018 12:48, Tech

      Monothematisch? Haben Sie die zig anderen Artikel zu anderen Rechtsthemen alle überlesen? Bilden Sie mal eine Summe der Artikel der letzten vier Wochen und setzen dann die Anzahl der IT-Law-Artikel dagegen.

      Iudex non calculat und reine Gefühlsäußerungen oder wie? Kein Wunder, dass man der Rechtswissenschaft das "wissenschaft" abspricht.

    • 02.02.2018 12:57, B.

      IT-Law oder Law-IT? M.E. nicht dasselbe.

    • 02.02.2018 14:00, LegalTechHype

      Uuuuups, wie unangemehm. Da habe ich doch glatt zahlreiche Artikel zu anderen Themen überlesen. Sehr peinlich.

    • 02.02.2018 14:26, Gast

      Viele von den Artikeln hier, die sich mit Legal Tech beschäftigen, sind ziemlich nichtssagend. Da wiederholen sich die immer gleichen vagen Aussagen dazu, dass Legal Tech kommt, dass Anwälte sich anpassen müssen, dass Strategien entwickelt werden müssen etc.. Ich würde mich vermutlich nicht beschweren, wenn ein bisschen mehr konkretes dabei wäre, schließlich nutze ich konkrete Programme X oder Y und nicht abstrakte Legal Tech. Ganz überwiegend geht es in diesen Artikeln aber immer um die abstrakte Idee. Insofern wird gefühlsmäßig über Legal Tech schon eine Menge Text mit wenig Inhalt produziert. Jeder will auf dem Wagen mitfahren und so wird das ganze außer Proportion aufgeblasen.

      Nicht falsch verstehen, ich verkenne nicht das grundsätzliche Potential. Manche Konzepte werden sich durchsetzen, andere nicht. Bevor Legal Tech Anwälten aber echte juristische Arbeit abnehmen kann, wird noch eine ganze Weile vergehen. Für die allermeisten von uns wird sich auch bei umfassender Adoption der neuesten Technologie reichlich wenig daran ändern, wie wir unsere Arbeit machen. Ein digitales Diktiergerät kann mehr und ist so viel praktischer als ein Kassettenrecorder. Aber was am Ende zählt, ist das was diktiert worden ist. Für vermutlich mehr als 9 von 10 Legal Tech Produkten, von denen ich bisher gehört habe, gilt genau das gleiche.

  • 03.02.2018 10:12, 2600

    Als IT‘ler lese ich mit großem Interesse die Kommentare der vermutlich Juristen, aus denen auch die Angst spricht irgendwann überflüssig zu sein. Wird kommen, finden Sie sich damit ab.

    • 03.02.2018 22:19, Skeptiker

      Bleiben Sie bei dem, was Sie verstehen. Wie man von Ihrem angedeuteten technikdeterministischen Weltbild, das - wie meist bei Exemplaren wie Ihnen zu beobachten - viel zu sehr in irgendwelchen Schwärmereien über mögliche Neuerungen steckt und selten einmal nach Grenzen oder Sinn seines ewigen Strebens fragt, entnehmen kann, scheint das in erster Linie der Computer zu sein. Das Denken und das Recht überlassen Sie, bis Sie ihr Gehirn aus dem Winterschlaf bekommen haben, lieber anderen - wie bis jetzt eben auch.

      Zur Sache: Der Artikel war mir ebenfalls zu abstrakt. Das große Schreckgespenst der "Legal Tech" mit nicht verifizierbaren Stimmungsbildern ist zwar schön und gut aber ein paar Anwendungsfälle abseits der etablierten, angedeuteten Beispiele wären nicht schlecht gewesen. Nur Befindlichkeiten über abstrakte Bilder auszutauschen ist mangels einheitlichem Bild wenig zielführend: Sinn oder Unsinn einer Neuerung hängen in erster Linie von der Struktur ab, auf die sie angewandt werden soll, sowie den Fähigkeiten der Neuerung selbst. Über Ersteres kann man schwer schreiben, Beispiele für das Zweite verbunden mit einer Analyse gehen aber durchaus. Das Erste ist dann halt Hausaufgabe für den Leser. ;)

    • 04.02.2018 09:00, @2600

      "Wird kommen, finden Sie sich damit ab." Da sprechen Sie ein großes Wort gelassen aus. Den gleichen Satz spreche ich (Jurist) seit Jahrhunderten zu Feuerwehrleuten, Huren, Friseuren und Bestattern. Mit welchem Erfolg?

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