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Studie zu alternativen Finanzierungsmodellen: Herr­schaft des klas­si­chen Bank­k­re­dits

12.11.2015

Europäische Unternehmen machen weiterhin aktiv von alternativen Finanzierungen Gebrauch: Laut einer am Mittwoch von Allen & Overy veröffentlichten Studie finanzieren sich Unternehmen zu rund einem Drittel aus dieser Quelle.

Dennoch ist der Markt für alternative Finanzierungen nach wie vor stark fragmentiert und weitgehend auf die nationale Ebene beschränkt, so das Ergebnis. Um einen einheitlichen Standard durchzusetzen, seien daher gemeinsame Anstrengungen der Branche nötig, um die über ganz Europa ungleich verteilten Kapitalpools nutzbar machen zu können.

"Kleine und mittelgroße deutsche Unternehmen finanzieren sich derzeit in aller Regel über klassischen Bankkredit oder über den Schuldscheinmarkt, den bestetablierten europäischen lokalen Private Placement Markt", sagt Dr. Neil George Weiand, Partner im Bereich Bank- und Finanzrecht von Allen & Overy, hinsichtlich des deutschen Marktes. Das Interesse an und die Vertrautheit mit anderen alternativen Finanzierungen als dem Schuldschein sei – wie die Studie belege – in Deutschland bis auf Sondersituationen, wie etwa margenträchtigeren langfristigen Strukturfinanzierungen oder Buy Out Finanzierungen, gering.

"So haben die erst kürzlich publizierten Standarddokumente für pan-europäische Privatplatzierungen und Best Practice Leitfäden hierzu meines Wissens im hiesigen Markt noch keine Verwendung gefunden", sagt Weiand. Gesamteuropäische Privatplatzierungen dürften jedoch künftig erheblich an Bedeutung gewinnen, wenn die Märkte nicht mehr so liquide seien und die Kreditwirtschaft, die auch künftig eine wichtige Mediatorenrolle einnehmen dürfte, die erhöhten regulatorischen Kosten weitergebe. Dann stünden heute etablierte Finanzierungswege nicht mehr für alle Kreditnehmer offen.

Europäischer Markt erreicht einen Wendepunkt

Der europäische Markt erreiche dagegen allmählich einen Wendepunkt, zeigt die Studien von Allen & Overy. Der Finanzierungsmix habe sich etabliert und alle für einen lebendigen Markt erforderlichen Faktoren seien vorhanden. Standardisierte Dokumentationen und der Best-Practice-Leitfaden für Privatplatzierungen hätten eine gute Grundlage geschaffen, diesen Markt einheitlicher zu gestalten.

"Es war nicht wirklich zu erwarten, dass dieses Format gerade einmal zehn Monate nach der Einführung bei allen Transaktionen genutzt wird. Es muss aber noch mehr getan werden, diese Strukturen allen Marktakteuren nahezubringen, um europaweit besser nutzbare Kapitalressourcen zum Vorteil aller zu schaffen", so Ben Fox, Partner im Bereich Bank- und Finanzrecht von Allen & Overy. Banken mit ihren tief verwurzelten Beziehungen und riesigen Vertriebsnetzen sowie Anwaltskanzleien käme dabei eine Schlüsselrolle zu, um Marktteilnehmer auf den neuesten Stand zu bringen.

Nach der Studie sind der Pan-European Corporate Private Placement Market Guide und andere standardisierte Dokumentationsformen zwar drei Vierteln (76 Prozent) der Kapitalnehmer bekannt, würden jedoch nur von einem Viertel auch tatsächlich genutzt. Investoren hätten die Standardisierung dagegen bereitwilliger angenommen: 54 Prozent nutzen hier den Leitfaden bzw. entsprechende Dokumentationen.

Zukunft liegt bei den alternativen Modellen

Für die europaweit durchgeführte Umfrage wurden nach Angaben von Allen & Overy über 360 Personen befragt – je zur Hälfte Finanzchefs bei Unternehmen und Entscheidungsträger bei Investoren. Die Umfrage mache deutlich: Während Bankkredite nach wie vor die wichtigste Finanzierungsquelle für europäische Unternehmen sind (mit einem Anteil von durchschnittlich 48 Prozent am gesamten Finanzierungsaufkommen), habe nahezu die Hälfte der Unternehmen (48 Prozent) angegeben, in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich vermehrt alternative Finanzierungen zu nutzen. Dies liege über den Erwartungen der Unternehmen für den Anstieg von Bankkrediten oder Kapitalmarktfinanzierungen (jeweils 31 Prozent).

Diese Einschätzung werde von den Investoren gestützt, bei denen über die Hälfte der Befragten (57 Prozent) einen Anstieg der Bereitstellung alternativer Finanzierungen für große Unternehmen erwarteten. Mittlere Unternehmen würden noch stärker profitieren: 63 Prozent der Investoren rechneten mit einem Anstieg der Finanzierungen für dieses Unternehmenssegment.

Allen & Overy hat diese Studie hauptsächlich mittels telefonischer Befragungen von 368 Teilnehmern, sowohl Vertreter von Unternehmen als auch Investoren, in sechs europäischen Märkten durchgeführt, und zwar in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien und Benelux.

Die Befragten bei den Unternehmen verteilten sich gleichmäßig auf mittlere und große Unternehmen und über alle wichtigen Branchen mit Ausnahme des Finanzdienstleistungssektors. Alle Befragten verfügten nach Angaben von Allen & Overy in ihren Unternehmen über wesentlichen Einfluss auf Entscheidungen zur Kapitalaufnahme. Auf Investorenseite hätten sich die Befragten auf verschiedene Organisationen, darunter Private-Debt-Fonds, Asset Manager, Hedgefonds, Versicherungsgesellschaften, Family Offices, Pensionsfonds, Peer-to-Peer- und Crowdfunding-Plattformen usw. verteilt Alle Befragten verfügten in ihren Organisationen über wesentlichen Einfluss auf Entscheidungen zur Kapitalvergabe, so die Kanzlei.

Beteiligte Kanzleien

Quelle: Allen & Overy

Zitiervorschlag

Studie zu alternativen Finanzierungsmodellen: Herrschaft des klassichen Bankkredits . In: Legal Tribune Online, 12.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17515/ (abgerufen am: 26.11.2020 )

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