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Wirecard-Prozess in München: Braun-Ver­tei­diger for­dert Aus­set­zung

12.12.2022

Markus Braun mit seinem Verteidiger Alfred Dierlamm im Gerichtssaal der JVA Stadelheim.

Markus Braun (r.) mit Verteidiger Alfred Dierlamm im Gerichtssaal der JVA München-Stadelheim. Bild: picture alliance/dpa | Peter Kneffel

Im Wirecard-Prozess folgt auf die Verlesung der Anklage ein Rundumschlag von Alfred Dierlamm gegen die Staatsanwaltschaft und den Kronzeugen. Der Verteidiger von Ex-CEO Markus Braun will das Verfahren aussetzen lassen.

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Mit schweren Vorwürfen an die Staatsanwaltschaft will die Verteidigung des früheren Wirecard-Chefs Markus Braun den am vergangenen Donnerstag in der Münchener Justizvollzugsanstalt Stadelheim gestarteten Prozess um den mutmaßlichen Milliardenbetrug aus den Angeln heben. Brauns Anwalt Alfred Dierlamm forderte in seinem Eröffnungsplädoyer am Montag die Aussetzung des Verfahrens. Eine ordnungsgemäße Hauptverhandlung sei nicht möglich.

"Infolge der schweren Versäumnisse im Ermittlungsverfahren stehen wir heute vor einem Scherbenhaufen", sagte Dierlamm. Der Verteidiger warf der Staatsanwaltschaft sowohl schlampige und fehlerhafte Ermittlungen als auch gravierende Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien vor. So beschuldigte der Rechtsanwalt die Ermittler, der Verteidigung wesentliche Unterlagen vorenthalten zu haben. Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts München I will im Laufe der nächsten Prozesstage entscheiden, ob sie den Prozess tatsächlich stoppt.

Der seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzende Braun ist gemeinsam mit zwei weiteren früheren Wirecard-Führungskräften angeklagt, mit Hilfe erfundener Geschäfte Banken und andere Kreditgeber um mehr als drei Milliarden Euro geprellt zu haben. Dierlamm sagte dazu, Braun habe noch kurz vor dem Zusammenbruch des Zahlungsdienstleisters Wirecard-Aktien für 2,5 Millionen Euro gekauft: "Eine geradezu abwegige und absurde Vorstellung, dass ein Bandenanführer so handelt."

Braun sieht sich nach eigener Darstellung als Opfer krimineller Machenschaften seiner Untergebenen. Als Haupttäter beschuldigte Dierlamm den Mitangeklagten Oliver Bellenhaus, ehemals Geschäftsführer einer Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai. Bellenhaus dient der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge.

Die Spuren des Geldes

Der Dax-Konzern brach im Sommer 2020 zusammen, nachdem der Vorstand einräumen musste, dass 1,9 Milliarden angeblich auf Treuhandkonten verbuchte Euro nicht auffindbar waren. Dierlamm warf der Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang vor, zahlreiche Hinweise auf den Verbleib des Geldes ignoriert zu haben. "Follow the money", sagte Dierlamm - doch die Staatsanwaltschaft sei der Spur nicht gefolgt. Stattdessen hätten die Ermittler die Anklage auf Bellenhaus’ Aussagen gestützt, dessen Glaubwürdigkeit Dierlamm grundlegend in Zweifel zog.

Der Anwalt hielt der Staatsanwaltschaft auch vor, der Verteidigung wesentliche Unterlagen vorenthalten zu haben. Es seien "gravierende Rechtsstaatsverstöße". LG und OLG München seien bei der Zulassung der Anklage und den regelmäßigen Haftprüfungen auf den Zug der Staatsanwaltschaft aufgesprungen.

Dierlamms letzter Angriffspunkt: Die Staatsanwaltschaft schickte nach den Worten des Anwalts kurz vor Beginn der Hauptverhandlung immense Mengen an Akten, Daten und Kontounterlagen an die Anwälte - allein am 7. November 128 Aktenbände: "Vier Wochen vor der Hauptverhandlung 44.000 neue Aktenseiten."

Verteidigung sieht keine Belege für Täterschaft von Braun

Aus Sicht des Verteidigers hat keiner der 450 Zeugen Braun beschuldigt. Es existierten keine Mail und keine Chat-Nachricht, die eine Täterschaft Brauns belegten. Der Anwalt beschuldigte seinerseits Bellenhaus, maßgeblich an der Veruntreuung von Milliardenbeträgen beteiligt gewesen zu sein.

Braun selbst will - anders als angekündigt - zumindest bis Weihnachten nichts zu den Vorwürfen sagen. Bellenhaus hingegen will sich äußern. Dessen Anwälte versuchten, Brauns Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Verteidiger Florian Eder hielt Braun vor, trotz jahrelanger Zweifel an den Wirecard-Bilanzen die Vorgänge nie untersucht zu haben. "Es war Teil des Systems Wirecard, Angriffen mit Gegenangriffen zu begegnen." Der Vorstandschef eines Dax-Unternehmens wolle über Jahre nicht mitbekommen haben, was in seinem Unternehmen los gewesen sei. "Die Wirecard als solche war ein Blendwerk", sagte Eder.

Der dritte Angeklagte, der ehemalige Chefbuchhalter Stephan von Erffa, schweigt ebenfalls. Verteidigerin Sabine Stetter attackierte Bellenhaus im Laufe ihrer kurzen Eröffnungserklärung ebenfalls. Sofern die Kammer das Verfahren nicht aussetzt, wird der Prozess voraussichtlich bis ins Jahr 2024 hinein dauern.

dpa/sts/LTO-Redaktion

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Wirecard-Prozess in München: . In: Legal Tribune Online, 12.12.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/50446 (abgerufen am: 15.03.2026 )

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