Alternative Arbeitsmodelle: Das Ende der Kanz­lei­welt, wie wir sie kennen?

von Dr. Anja Hall

07.09.2017

2/2 Alternative Karrierewege

Bessere Erfahrungen hat Baker McKenzie gemacht. 2014 hat die Kanzlei - im Gegensatz zu Mayer Brown ohne großes PR-Getöse - einen "Alternative Career Track" (ACT) eingeführt. Während der Partnertrack den Associate in die Partnerschaft führt, endet der "Alternative Track" mit dem Counsel-Status. Das System ist jedoch durchlässig: Ein Wechsel ist für Volljuristen jährlich möglich.

Heute arbeiten zehn Associates auf dem ACT, das sind zehn Prozent der angestellten Anwälte in Deutschland. Das klingt nach wenig. Doch Claudia Trillig, HR-Verantwortliche der Sozietät, ist damit zufrieden "angesichts der Tatsache, dass die Kanzlei diesen Weg bewusst behutsam eingeführt hat". Künftig soll der Anteil noch weiter steigen. "Wir wollen mehr dieser Kandidaten an Bord nehmen. Unser Ziel ist eine stärkere Diversifizierung der Teams und die Möglichkeit zu schaffen, auf die verschiedenen Lebensphasen einzugehen", sagt sie.

Neue Modelle bei McDermott und Linklaters

Zuletzt sind zwei weitere internationale Großkanzleien auf den Work-Life-Balance-Zug aufgesprungen. McDermott Will & Emery kündigte im März an, ein neues Arbeitszeitmodell einzuführen. Associates können demnach auswählen, ob sie nach Vertrauensarbeitszeit arbeiten wollen oder in einem Modell, das eine fest vereinbarte Wochenarbeitszeit zwischen 35 und 38,5 Stunden beinhaltet. Diese verringerte Arbeitszeit geht mit Gehaltsabschlägen einher: Die Einstiegsgehälter liegen nach Kanzleiangaben zwischen 68.000 und 75.000 Euro pro Jahr, gegenüber 115.000 bis 125.000 Euro in der Vertrauensarbeitszeit.

Mit dem neuen Modell will die Kanzlei Kandidaten ansprechen, die "mit guten Noten kommen und gutes Geld verdienen, aber eine geregelte Arbeitswoche mit besser planbarer Zeit für Familie und Freizeit wollen ", sagt Volker Teigelkötter, Partner bei McDermott. "Das ist kein Marketingmodell, wir meinen es ernst", bekräftigt er. Die Resonanz bei den Bewerbern sei gut. Die Praxisprobe steht allerdings noch aus. Im Herbst werden die ersten beiden Juristen eingestellt, die nach dem neuen Modell arbeiten.

Linklaters hat im Mai das Karriere-Modell "YourLink" eingeführt, das ähnlich wie McDermott fest vereinbarte Arbeitszeiten gegen einen Gehaltsabschlag vorsieht: Wer im neuen Modell arbeitet, steigt mit 80.000 Euro Jahresgehalt ein, im klassischen Modell sind es 120.000 Euro. Die Beförderung zum Managing Associate und Counsel ist im YourLink-Modell ebenso möglich wie im klassischen Modell. Dann ist die alternative Karriere aber auch schon zu Ende. Anders als bei McDermott, wo die Partnerschaft zumindest nicht ausgeschlossen ist, müssen YourLink-Anwälte in das klassische Modell wechseln, um Partner zu werden. Linklaters rechnet damit, dass zehn bis 20 Prozent der Mitarbeiter das neue Modell wählen. Zwischenbilanz nach knapp zwei Monaten: Es gab viele Anfragen von Mitarbeitern und Bewerbern - und einen ersten Vertragsschluss.

Kanzleien werden bunter

Ob die neuen Karrierewege bei Linklaters und McDermott tatsächlich auf Dauer genügend Bewerber anlocken können, wird sich zeigen. Vielleicht machen die Kanzleien auch ähnliche Erfahrungen wie Baker McKenzie, wo der ACT seit drei Jahren erprobt wird. Dort hat man gelernt, dass es um viel mehr geht als darum, pünktlich Feierabend zu machen. "Ursprünglich hatten wir mit dem ACT die Kandidaten im Sinn, die eine gute Work-Life-Balance suchen", erzählt Trillig. Diese hat die Kanzlei zwar auch erreicht.

Der Track hat sich aber auch als gute Alternative für Anwälte herausgestellt, die nicht so recht in das stromlinienförmige Konzept der Großkanzleien passen wollen. Etwa junge Väter, die nach der Geburt ihrer Tochter für einige Jahre kürzer treten wollen - aber eben nicht dauerhaft. Oder Associates, die zwar gerne anwaltlich arbeiten und denen ungeregelte Arbeitszeiten überhaupt nichts ausmachen, die aber kein Interesse haben, Partner zu werden. "Manche der Kollegen haben nicht in das klassische Schema gepasst, und die haben wir früher verloren", berichtet Trillig. Mit dem ACT-Modell haben diese Juristen jetzt eine Alternative zur Kündigung.

Was die Zusammensetzung der Teams angeht, denkt man bei Baker übrigens noch einen Schritt weiter: "Wo brauchen wir Volljuristen, wo passen auch andere Qualifikationen? Wo kann man Wirtschaftsjuristen und sogar nicht-anwaltliche Kollegen einsetzen und wo ersetzt Technik die Arbeit?", umreißt Trillig die Fragestellungen, mit denen sich die HR-Verantwortlichen der Kanzlei derzeit beschäftigen.

Wie die Arbeitswelt der Kanzleien in 20 Jahren aussehen wird, kann wohl niemand verlässlich prognostizieren. Eines aber ist sicher: Mit alternativen Arbeitsmodellen werden Großkanzleien bunter. In den Teams arbeiten künftig karrierebewusste Workaholics auf dem Partnertrack mit Kollegen zusammen, die nachmittags das Büro verlassen, um dem Schulkonzert ihrer Kinder zu lauschen. Das erweitert den Horizont, erfordert aber auch viel Toleranz und eine gute Führung.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Alternative Arbeitsmodelle: Das Ende der Kanzleiwelt, wie wir sie kennen? . In: Legal Tribune Online, 07.09.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/24363/ (abgerufen am: 18.07.2024 )

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