Druckversion
Donnerstag, 19.02.2026, 10:21 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/kanzleien-unternehmen/k/legal-tech-studie-bucerius-boston-consulting-kanzlei-organisation
Fenster schließen
Artikel drucken
18361

Studie: Legal Tech verändert Kanzleistrukturen: Pyra­mide oder Stein?

von Dr. Anja Hall

03.02.2016

Kanzleistrukturen (Symbol)

© f9photos - Fotolia.com

Legal Tech ändert alles. Nicht nur die juristischen Berufe, sondern auch Geschäftsmodelle und sogar Organisationsstrukturen von Kanzleien. Das zumindest legt eine Studie des Bucerius CLP und der Boston Consulting Group nahe.

Anzeige

Die Botschaft ist klar: Kanzleien können es sich nicht länger erlauben, Legal Technology zu ignorieren. Denn die Digitalisierung macht vor der Rechtsberatung nicht halt, und für Kanzleien ist es deshalb essentiell, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen, wenn sie auch in den nächsten fünf bis zehn Jahren wettbewerbsfähig bleiben wollen. Branchenbeobachter weisen seit langem unermüdlich auf diesen Befund hin. Doch zumindest im deutschen Kanzleimarkt ernten sie dafür entweder verständnislose Blicke oder wohlmeinende Interessensbekundungen – mehr aber auch nicht.

Denn hiesige Kanzleien nutzen Legal Technology noch kaum, und nur ungefähr zehn Start-ups bieten spezielle Software-Lösungen an. Tendenziell setzen sich Großkanzleien mit mehr als 100 Berufsträgern stärker mit Legal Tech auseinander als kleinere Kanzleien mit weniger als zehn Anwälten, die sich vor allem auf Standardgeschäft fokussieren. Einige Kanzleien, etwa CMS, haben gar eigene IT-Lösungen entwickelt, andere wie Dentons investieren in Legal-Tech-Start-ups. Jedoch passiert das nur selten aus eigenem Antrieb, sondern vor allem auf Druck von Mandanten.

Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie How Legal Technology Will Change the Business of Law, die das Bucerius Center on the Legal Profession (Bucerius CLP) gemeinsam mit der Boston Consulting Group erstellt hat. Dazu wurden 50 Interviews mit Partnern von Großkanzleien geführt, darunter die neun umsatzstärksten Kanzleien, die etwa 13 Prozent des gesamten Umsatzes von Rechtsanwaltskanzleien ausmachen. Zusätzlich wurden Besitzer und Vertreter von Legal-Tech-Unternehmen über die Auswirkungen von Legal Technology auf die Geschäftsmodelle von Kanzleien befragt.

Mehr Dienstleistung für weniger Geld

Legal Tech könnte den Kanzleien dabei helfen, den Anforderungen ihrer Mandanten besser zu entsprechen. Denn große Unternehmen behandeln ihre Anwälte inzwischen so, wie sie alle ihre Zulieferer behandeln: Sie erwarten mehr und bessere Dienstleistungen für weniger Geld. Sie wünschen mehr Transparenz bei der Honorargestaltung und eine reibungslosere Zusammenarbeit zwischen Rechtsabteilung und externen Anwälten.

Kommen die Law Firms diesen Erwartungen nicht nach, dann werden sie eben durch Wettbewerber ersetzt, ganz oder zumindest teilweise. Hier kommt Legal Technology ins Spiel: Mittels Software können Arbeitsabläufe digitalisiert und automatisiert werden, etwa das Auswerten von Vertragswerken, das Management von Fällen oder Back-Office-Arbeiten.

Computerprogramme könnten künftig 30 bis 50 Prozent der Aufgaben von Junior-Anwälten übernehmen und damit auch kostengünstiger erledigen, schätzen Branchenkenner – und genau das ist die Kehrseite der schönen neuen Technikwelt: Legal Tech gefährdet immer mehr Anwaltsjobs. Wie es in der Studie heisst, wird der Bedarf an Support Lawyers, Junganwälten und Generalisten zurückgehen. Stattdessen werden Projektmanager und Experten für Legal-Technology gefragt sein.

Mehr Projektmanagement, weniger Standardgeschäft

Um ihren Marktanteil zu halten und profitabel zu bleiben, sollten Kanzleien daher ihre Geschäftsmodelle überdenken, meinen die Studienautoren. Große Kanzleien könnten etwa dazu übergehen, nicht nur Rechtsberatung, sondern auch juristisches Projektmanagement anzubieten. Sie könnten beispielsweise als "Outsourcing Manager" auftreten, indem sie Due Diligences und anderes Standardgeschäft auf Dienstleister auslagern und nur noch komplexe Rechtsfragen selbst bearbeiten.

Denkbar wäre auch, dass Sozietäten die Rolle eines "Master Legal-Tech Vendors" übernehmen, wie es die Studienautoren formulieren. Sie vermitteln ihren Mandanten den richtigen Outsourcing-Partner für das Standardgeschäft und helfen ihnen dabei, Teams zusammenzustellen, die an hochkarätigen und komplexen Mandaten arbeiten. So behalten die Kanzleien die Kontrolle über die Mandate und festigen zudem die Mandantenbeziehung.

Auch die Wertschöpfungskette in den Kanzleien dürfte künftig anders aussehen, glaubt man der Studie. Wenn Law Firms dazu übergingen, weniger komplexe Arbeiten auszulagern und arbeitsintensive Standardaufgaben zu automatisieren, dann hätte dies auch ein Verschwinden oder zumindest einen Bedeutungsverlust der Stundenhonorare zugunsten von Festpreisen oder Erfolgshonoraren zur Folge.

Stein statt Pyramide

Letztlich stellt sich die Frage, wie sich die großen Kanzleien künftig aufstellen werden. Das traditionelle Pyramiden-Modell mit wenigen Partnern an der Spitze und vielen Projektanwälten und Associates am Boden wird womöglich einer Organisationsstruktur weichen, die eher die Form eines runden Kieselsteins hat, glauben die Studienautoren. Kennzeichen des neuen Modells ist demnach eine geringere Leverage, es kämen also weniger angestellte Anwälte auf einen Partner. Der Einsatz von Legal Technology gerade für Standard- oder leichte Aufgaben könnte dazu führen, dass die Leverage gegenüber dem gegenwärtigen Modell um bis zu drei Viertel sinkt.

Zugleich würde der "Kanzlei-Stein" ergänzt durch nichtanwaltliche Mitarbeiter, etwa Projektmanager oder Legal-Tech-Experten. Das bedeutet, dass die Zahl der Mitarbeiter einer Kanzlei wohl gleich hoch bliebe. Allerdings dürfte die Zahl der hochqualifizierten und spezialisierten Juristen sinken.

Die Autoren der Studie räumen ein, dass es nicht leicht ist, derart tiefgreifende Veränderungen umzusetzen. Allerdings könnten es sich die Kanzleien nicht erlauben, diese Mühen zu scheuen. Wer sich gemütlich zurücklehnt, der riskiert, von progressiveren Wettbewerbern an den Rand gedrängt zu werden.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Anja Hall, Studie: Legal Tech verändert Kanzleistrukturen: . In: Legal Tribune Online, 03.02.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18361 (abgerufen am: 19.02.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Digitale Rechtsberatung
    • Kanzlei
    • Kanzlei-Organisation
    • Kanzlei-Strategie
Vermummte Polizisten tragen nach der Durchsuchung eines Objektes am 03.12.2015 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) einen Server und einen Karton mit Beweismitteln. 18.02.2026
Durchsuchung

Trotz strenger Rechtslage:

Warum werden immer wieder rechts­widrig Anwalts­kanz­leien durch­sucht?

Es kann der Super-Gau für Anwälte und Mandanten werden: Trotz bekannter Rechtslage erklären Gerichte Durchsuchungen in Kanzleien nachträglich für rechtswidrig. Tendenz steigend, so Beobachter. Das BVerfG warnt; das BMJV plant eine Gesetzesänderung.

Artikel lesen
Das Bild zeigt Elemente eines Podcasts über gute Führung, KI und deren Einfluss auf die Jurakarriere mit Prof. Dr. Madeleine Bernhardt. 17.02.2026
Irgendwas mit Recht

Jura-Karriere-Podcast:

Was KI mit guter Füh­rung zu tun hat

Die aktuelle Folge von "Irgendwas mit Recht" dreht sich um Künstliche Intelligenz in Kanzleien und Rechtsabteilungen. Madeleine Bernhardt erzählt, warum KI nicht nur ein Technologiethema, sondern vor allem ein Führungsthema ist.

Artikel lesen
Lydia Eppler 13.02.2026
Most Wanted

Köpfe:

LTO Most Wanted mit Lydia Eppler

Lydia Eppler erzählt von dem schwierigsten Moment in ihrer Karriere, stört sich an polemischen Schriftsätzen und empfiehlt die Vorlesung Schuldrecht AT. 

Artikel lesen
Besprechungsraum 04.02.2026
Kanzlei

BGH: Gelegentlich anmieten reicht nicht:

An­wälte müssen eigene Besp­re­chungs­räume haben

Auch wenn sie nur selten Mandantengespräche führen: Rechtsanwälte müssen Besprechungsräume vorhalten. Nur gelegentlich Räume anzumieten, etwa in einem Workspace, reicht nicht, so der BGH. Martin W. Huff setzt sich mit der Entscheidung auseinander.

Artikel lesen
Der EGMR in Straßburg 17.12.2025
Menschenrechte

Ex-Clifford-Partner siegt vorm EGMR:

BGH muss Nicht­vor­lage an den EuGH begründen

Ein früherer Clifford-Partner streitet mit der Kanzlei über eine Ruhestandsregelung. Der BGH lehnte die Vorlage des Falles an den EuGH ab, ohne dies zu begründen. Das hätte er aber machen müssen, entschied der EGMR.

Artikel lesen
Mann vergibt nur einen von fünf möglichen Sternen 22.10.2025
Meinungsfreiheit

OLG Stuttgart zu negativer Google-Rezension:

Man­dant bewertet Kanzlei als "absolut ent­täu­schende Erfah­rung"

Ein Ex-Mandant kritisierte eine Kanzlei auf Google scharf. Das OLG Stuttgart wies ihre Unterlassungsklage ab: Es handele sich um Werturteile, keine Schmähkritik – die Meinungsfreiheit überwiege. Gerichte muten Kanzleien damit einiges zu.

Artikel lesen
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people
lto karriere transfermarkt logo

Ihre Transfermeldung – Sichtbar. Relevant. Reichweitenstark.

Jetzt eintragen!
ads lto paragraph
ads lto arrow
lto karriere transfermarkt logo

Den nächsten Karriereschritt feiern – mit einer Meldung im LTO Transfermarkt.

Jetzt eintragen!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Taylor Wessing
As­so­cia­te Di­gi­ta­li­sie­rungs­recht (w/m/d) - KI & Di­gi­ta­li­sie­rung...

Taylor Wessing , Ber­lin

Logo von ZEHN+ Kanzlei für Arbeitsrecht
Rechts­an­wält*in

ZEHN+ Kanzlei für Arbeitsrecht , Ber­lin

Logo von Kliemt.Arbeitsrecht
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) mit Be­ruf­s­er­fah­rung

Kliemt.Arbeitsrecht , Mün­chen

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) M&A

Gleiss Lutz , Mün­chen

Logo von Kliemt.Arbeitsrecht
Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter (m/w/d)

Kliemt.Arbeitsrecht , Mün­chen

Logo von DLA Piper UK LLP
(Se­nior) As­so­cia­te (m/w/x) im Be­reich Ar­beits­recht

DLA Piper UK LLP , Ham­burg

Logo von CMS Deutschland
Rechts­an­wäl­­te (m/w/d) für den Be­reich Ban­king & Fi­nan­ce

CMS Deutschland , Frank­furt am Main

Logo von Kliemt.Arbeitsrecht
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) mit Be­ruf­s­er­fah­rung

Kliemt.Arbeitsrecht , Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von e-fellows.net GmbH & Co. KG
LL.M. Day Berlin

14.03.2026, Berlin

Product Compliance Forum 2026

19.03.2026, Düsseldorf

Logo von Freshfields
Freshfields NextGen AI

20.03.2026, Frankfurt am Main

Logo von Deloitte Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Legal Update Germany 2026

05.03.2026

Massenentlassungsrecht - Im Fokus: Neue EuGH-Rechtsprechung

04.03.2026, Bonn

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH