Das KI-Startup Libra Technology wird Teil des niederländischen Informationsdienstleisters Wolters Kluwer. Das Volumen des Deals kann bis zu 90 Millionen Euro erreichen.
Künstliche Intelligenz (KI) verändert Kanzleien und Rechtsabteilungen. Und sie sorgt für eine engere Verzahnung von juristischen Inhalten und Technologie – in Form von Kooperationen und verstärkt auch durch Übernahmen. Jüngstes Beispiel: Libra, neben Harvey, Legora und Noxtua einer der bekanntesten Anbieter von KI-Tools für den juristischen Bereich, steht vor der Übernahme durch Wolters Kluwer. Zuletzt hatte schon Noxtua viel Aufmerksamkeit bekommen, als bekannt wurde, dass sich neben dem Verlag C.H. Beck auch die Kanzleien CMS und Dentons im Rahmen einer Finanzierungsrunde beteiligt haben.
Bis zu 90 Millionen Euro lässt sich der niederländische Konzern Wolters Kluwer, zu dem auch LTO gehört, die Investition in die eigene Wettbewerbsfähigkeit kosten. Als Käuferin tritt die deutsche Holding auf, die Integration von Libra in das Angebot von Wolters Kluwer wird sich aber nicht auf den deutschen Markt beschränken. Die Übernahme ist als Earn-out angelegt: der Kaufpreis ist variabel und hängt davon ab, ob bestimmte Ziele (sogenannte Meilensteine) erreicht werden. Lediglich 30 Millionen Euro sind als sofort fällige Zahlung vereinbart. Das Closing der Transaktion soll in den nächsten Wochen erfolgen.
KI-Tools im Abomodell
Libra, 2023 gemeinsam gegründet von dem dänischen Wissenschaftler Dr. Bo Tranberg und dem ehemals bei Freshfields tätigen Anwalt Viktor von Essen, ist mit seinen KI-Assistenten seit 2024 am Markt und beschäftigt inzwischen 15 Mitarbeitende, die nun alle zu Wolters Kluwer wechseln werden. Libra bietet sogenannte AI Workspaces als vordefiniertes Paket oder auch als maßgeschneiderte Lösung an – jeweils in Abonnement-Modellen. Kanzleien und Rechtsabteilungen soll damit die tägliche Arbeit erleichtert werden – gedacht ist dabei vor allem an wiederkehrende Tätigkeiten wie die Erstellung und Analyse von Verträgen oder das Zusammenfassen von Texten.
Das Startup vermarket sich und seine Produkte als "Gamechanger in der Rechtsbranche" und als "Schweizer Taschenmesser für Anwälte". Das wirkt: Bis zum Ende des laufenden Jahres will Libra einen jährlich wiederkehrenden Umsatz von rund 5 Millionen Euro erreichen. Aktuell wird die Plattform nach Libra-Angaben von 9.000 Nutzerinnen und Nutzern aus 800 Kanzleien und Rechtsabteilungen genutzt.
Das Ziel: ein neuer Standard für KI im Rechtsmarkt
Ihren Anspruch an die künftige Zusammenarbeit haben die Beteiligten klar definiert, es soll ein neuer Standard für Künstliche Intelligenz im Rechtsmarkt entstehen. "Das kombinierte Angebot setzt neue Maßstäbe für Genauigkeit, Compliance und Fachkompetenz." heißt es in einer Mitteilung von Wolters Kluwer. Die bewährte, hochmoderne Lösung von Libra beschleunige die eigene, spannende Roadmap für KI-Entwicklung, so Martin O’Malley, CEO Wolters Kluwer Legal & Regulatory.
Die Idee wird schnell klar: bereitet man den umfassenden Fundus juristischer Inhalte bei Wolters Kluwer mittels KI-gestützer Software in einer ansprechenden Benutzerumgebung auf, kann eine All-In-One-Lösung entstehen, die der Zielgruppe unnötige Handgriffe, Zeit und Geld spart. Durch die Zugehörigkeit zu Wolters Kluwer und den Zugang zu den führenden juristischen Inhalten und dem tiefen Fachwissen könne man das volle Potenzial des Libra AI Assistenten in mehreren Ländern entfalten, so Viktor von Essen, CEO von Libra Technology.
Bei Wolters Kluwer geht man davon aus, mit der Übernahme in den nächsten drei bis fünf Jahren eine Kapitalrendite von mindestens acht Prozent zu erwirtschaften. Das entspreche den gewichteten Kapitalkosten nach Steuern, so das Unternehmen.
Libra wurde zur Transaktion von einem Team der Kanzlei PXR beraten. Auf Seiten von Wolters Kluwer wurde das Inhouse-Team des Global Law and Compliance Department um Santiago Armas (Senior Legal Counsel M&A EMEA) und Markus Heins (Senior Legal Counsel) durch Bird & Bird unterstützt.
sts/LTO-Redaktion
Bird & Bird für Wolters Kluwer:
Stefan Münch (Partner, Gesellschaftsrecht/M&A, München)
Michael Gaßner (Senior Counsel, Gesellschaftsrecht/M&A, München)
Yannick Stahl (Associate, Gesellschaftsrecht/M&A, München)
Künstliche Intelligenz für juristischen Content: . In: Legal Tribune Online, 14.11.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58631 (abgerufen am: 16.02.2026 )
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