"Die zwingende lebenslange Freiheitsstrafe in § 211 StGB gehört ersetzt", meint Michael Kubiciel. Der Universitätsprofessor verrät, was er gerade liest, wer ihn geprägt hat und was aus seiner Sicht “gute Lehre” auszeichnet.
Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Kubiciel ist Inhaber des Lehrstuhls für Deutsches, Europäisches und Internationales Strafrecht, Strafprozessrecht sowie Wirtschafts- und Medizinstrafrecht an der Universität Augsburg. Als freier Autor schreibt er für verschiedene Medien, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für die Kanzlei Tsambikakis & Partner ist Kubiciel als Of Counsel tätig. 2011 wurde ihm der Preis für gute Lehre des Freistaates Bayern verliehen.
Michael Kubiciel wurde von Konstantin Grubwinkler für LTO Most Wanted nominiert.
Mein Getränk und meine Bar:
Cappuccino in der "Cafebar" in Regensburg, ein Malbec im "Lovis" (Berlin)
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
Aktuell höre ich Haute & Freddy – “Touch Touch”
Aktuell lese ich: Yasima Reza "Die Rückseite des Lebens" und Peter-André Alt "Die Kanzler und die Intellektuellen"
Ort: Hans-Jakob-Tribüne in Regensburg
Warum Jura und warum das Strafrecht?
Weil ich Journalist werden wollte und mir ein Studienberater gesagt hat, dass Jura zu meinem Berufswunsch und meinen Abifächern gut passt.
Was ich an meiner Arbeit mag und was mich stört:
Besonders mag ich an meinem Beruf, dass ich die Möglichkeit habe, so viele interessante Menschen jeden Alters und mit ganz verschiedenen Hintergründen kennenzulernen. Störend ist, dass oft zu wenig Zeit bleibt für die Fragen, die mich am meisten interessieren.
Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:
Wie Wörter und Sätze eines Gesetzestextes so interpretiert werden können, dass sie eine innere Einheit bewahren und doch kleinteilige Probleme lösen können, welche die Verfasser des Gesetzestextes nicht voraussehen konnten.
Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit:
Das Recht ist der Alltagslotse durch die zahllosen Interessenkonflikte einer Gesellschaft. An der Gerechtigkeit richtet sich die Kompassnadel des Lotsen aus, wenn dieser selbst nach Orientierung sucht.
Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:
In der Vergangenheit meine akademischen Lehrer, allen voran Michael Pawlik, aber auch Albin Eser. Heute lerne ich am meisten aus Gesprächen mit jüngeren Juristinnen und Juristen.
Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:
Es ist ein Recherchetool neben anderen, insbesondere für Statistiken, Dokumente der Gesetzgebung etc., das aber die Recherche in Büchern nicht ersetzen kann. Manchmal lasse ich mir alternative Formulierungsvorschläge geben, wenn ich zu betriebsblind bin, um einen Schachtelsatz aufzulösen.
Ein Paragraf, den ich gerne ändern oder streichen würde:
Die zwingende lebenslange Freiheitsstrafe in § 211 StGB gehört ersetzt. Über die Unverjährbarkeit des Mordes sollte man nachdenken, da die historischen Gründe für diese Regelung entfallen sind.
Welches Rechtsgebiet wird sich in den nächsten Jahren am stärksten verändern und warum?
Das Leben ist ständige Veränderung und mit der Gesellschaft ändert sich auch das Recht – in seiner Gesamtheit. Größere Veränderungen erwarte ich im Planungs- und Infrastrukturrecht.
Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung:
Eine Idee haben wir in Augsburg (nun mit der Uni Greifswald) umgesetzt: eine Legal Masterclass, in der man sich die Zeit nimmt, lange und grundlegende Texte zu lesen und mit dem Autor bzw. der Autorin zu diskutieren. Einen qualitätsgesicherten, integrierten "bayerischen" Bachelor.
500 Zeichen zur "anlasslosen Vorratsdatenspeicherung":
Gemeint ist die Verbindungsdatenspeicherung. Sie war so lange Standard, wie Telefonanbieter für die Rechnungsstellung Informationen darüber speichern mussten, mit welcher Telefonnummer ein Gerät verbunden war. Strafverfolgungsbehörden konnten z.B. auf gerichtliche Anordnung prüfen, mit welcher Nummer ein Mordopfer zuletzt telefoniert hatte. Skandalisiert wurde dies nie.
Als sich die Flatrates durchsetzten, speicherten die Telefonanbieter diese Daten nicht mehr bzw. nur für kurze Zeit, so dass der Gesetzgeber tätig wurde. Daraufhin entstand in Deutschland eine Diskussion um die dann so genannte "anlasslose Vorratsdatenspeicherung", die nicht immer rational war. Deutsche Behörden waren auf Daten internationaler Partner angewiesen, um bspw. gegen Kinderporno-Ringe ermitteln zu können. Inzwischen hat der EuGH zu einer problemadäquaten Linie gefunden, der wir folgen sollten.
Was zeichnet "gute Lehre" aus?
Gute Lehre sollte sich Zeit für das nehmen, was sich unter der Buchstabenoberfläche von Gesetzestexten verbirgt – das System, die geschichtlichen und soziokulturellen Hintergründe und die politischen Interessen.
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:
Eine Vorlesung über Rechtsphilosophie.
Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:
Rechtsanwalt Dr. Martin Würfel (München), der nicht nur ein ausgezeichneter Verteidiger ist, sondern auch ein exzellentes rechtshistorisches Buch geschrieben hat.
Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Fatima Hussain | Victoria Fricke | Stephanie Beyrich | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Jutta Otto | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Stefan Sax | Rick van Aerssen | Staffan Illert | Wolf Bussian | Thomas Müller | Jerry Roth | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ana Bruder | Verena Nosch | Alexandra Schluck-Amend | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Charlotte D'Agostino | Natalie Ferdinand | Anika Schürmann | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Jan Spoenle | Sina Dörr | Isabelle Biallaß | Christian Walz | Jannina Schäffer | Anja Schiemann | Susanne Beck | Georgia Stefanopoulou | Dana Valentiner | Anke Gimbal | Özge İnan | Kilian Wegner | Benjamin Lahusen | Anne Brorhilker | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 04.09.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60774 (abgerufen am: 07.10.2026 )
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