Kilian Wegner über die unerfüllten Verheißungen des Strafrechts, den Einfluss von KI auf die Rechtswissenschaft – und ein Oktopus-Orakel gegen zu viel Examensstoff.
Prof. Dr. Kilian Wegner ist seit Oktober 2025 Inhaber eines Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und nachhaltiges Wirtschaftsstrafrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit 2019 ist er zudem als Strafverteidiger mit einem Schwerpunkt im Wirtschaftsstrafrecht tätig.
Kilian Wegner wurde von Dr. Martin Würfel für LTO Most Wanted nominiert.
Mein Getränk und meine Bar:
Pils vom Faß, holzvertäfelte Wirtschaft (zum Beispiel Diener Tattersall am Berliner Savignyplatz)
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
City – "Am Fenster"
"Il Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Der Ortasee
Güstrow oder Istanbul?
Güstrow hat manchen Vorzug, allen voran die Altstadt mit seinem Dom, wo Barlachs Engel so ahndungsvoll schwebt. Den Vergleich mit İstanbul verbietet aber schon die Mecklenburgische Bescheidenheit, die sich auch in der Selbstvermarktung der Stadt als "Paris des Nordens" handgreiflich niederschlägt.
Warum Jura und warum das Strafrecht?
Mein Jura-Studium war eine Verlegenheitswahl, glücklicherweise mit halbwegs glimpflichem Ausgang. Auch in das Strafrecht bin ich irgendwie reingeraten. Es ist mir bis heute ungeheuer geblieben. Einerseits kann ich die bei den Menschen mal mehr, mal weniger lodernden Strafbedürfnisse persönlich nachempfinden. Andererseits lässt sich, bei wachem Verstand, vor dem Strafrecht mit seinen allezeit unerfüllten Verheißungen als allmächtiges gesellschaftliches Steuerungsinstrument nur warnen – was ich denn auch als meine vorzügliche professorale Aufgabe sehe.
Was ich an meiner Arbeit mag und was mich stört:
Lehre und (mehr noch) Forschung sind trotz mancher Fehlentwicklung immer noch in traumhaftem Umfang frei von inhaltlichen Vorgaben und wirtschaftlichen Zwängen. Was mich stört, ist der stetig wachsende Tross an Verwaltungsbürokraten, der das Universitätsleben meist aus Unverstand, mal aus Boshaftigkeit, jedenfalls aber nach Kräften lähmt.
Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:
Die Frage, welcher Beweismaßstab gilt (und gelten soll), wenn geprüft wird, ob Vermögen verdächtiger Herkunft einzuziehen ist.
Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:
Mein akademischer Lehrer Thomas Rönnau, von dem ich gelernt habe, dass das Verhältnismäßigkeitsprinzip nicht gilt, wenn es um Akribie beim Abfassen juristischer Texte geht.
Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:
Wenn die Entwicklung im gegenwärtigen Tempo voranschreitet, ist ungewiss, ob es die Berufe, die wir bei der rechtswissenschaftlichen Ausbildung vor Augen haben, in wenigen Jahren überhaupt noch geben wird – wenn dann sicherlich in stark veränderter Form. Darauf muss die universitäre Lehre reagieren – nur wie? Auch in der Forschung bröckeln die Gewissheiten. Die wissenschaftlichen Zeitschriften haben Mühe und Not, den richtigen Umgang mit KI-generierten Texten zu finden und selbst altehrwürdige Publikationsorgane drucken dieser Tage versehentlich "halluzinierte" Texte ab. Mit steigender KI-Qualität werden die Fragen nur quälender: Erschöpft sich Rechtswissenschaft nicht letztlich in einer mit Sprachspielen garnierten Kompilation von Rechtstexten, die neuronale Netze bald ohne Qualitätsverlust ganz allein erstellen können?
Ein Paragraf, den ich gerne ändern oder streichen würde:
Es sollte ausdrücklich im Strafgesetzbuch verzeichnet werden, dass die medizinisch indizierte Verabreichung von schmerz- oder leidmindernden Medikamenten mit (erklärter oder mutmaßlicher) Einwilligung des Patienten auch dann rechtmäßig ist, wenn dadurch der Todeseintritt beschleunigt wird (sog. "indirekte Sterbehilfe").
500 Zeichen zum Zollfinanzgerechtigkeitsgesetz:
Auf Bundesebene Ermittlungskapazitäten für komplexe Fälle der Finanzkriminalität zu schaffen, ist eine gute Idee. Man muss hoffen, dass es gelingt, diese Kräfte so in die vorhandene Sicherheitsstruktur einzubauen, dass sie mit Erfolg arbeiten können. Das Instrument der administrativen Vermögenseinziehung halte ich für misslungen. Bizarr ist die Norm zu den Bankkonten von verdeckten Ermittlern, da die Entwurfsverfasser offenbar irrig davon ausgingen, verdeckte Ermittler dürften Geld waschen (und die Banken ihnen dabei helfen).
Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung:
Erstens: Smartphones und Laptops werden am Eingang abgegeben, die PowerPoint-Präsentationen der Dozenten im Gegenzug auch: Es gilt nur das gesprochene Wort.
Zweitens: Ein Oktopus-Orakel darf unter notarieller Aufsicht ein Viertel des Examensstoffes streichen – professorales Veto ausgeschlossen. Die freiwerdende Zeit und Kraft wird für zwischenmenschliche Erfahrungen genutzt (Moot-Courts, Law Clinics, Rollenspiele usw.).
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:
Steuerrecht: Der Schlüssel für das Verständnis der meisten Sonderbarkeiten des Wirtschaftsrechts und zugleich ein untrüglicher Gradmesser dafür, wo eine Gesellschaft in zentralen politischen Fragen steht.
Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:
Benjamin Lahusen ist der einzige Rechtshistoriker, dessen Werke auch am Pool gelesen werden können (und sollten).
Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Fatima Hussain | Victoria Fricke | Stephanie Beyrich | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Jutta Otto | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Stefan Sax | Rick van Aerssen | Staffan Illert | Wolf Bussian | Thomas Müller | Jerry Roth | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ana Bruder | Verena Nosch | Alexandra Schluck-Amend | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Charlotte D'Agostino | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Jan Spoenle | Sina Dörr | Isabelle Biallaß | Christian Walz | Jannina Schäffer | Anja Schiemann | Susanne Beck | Georgia Stefanopoulou | Dana Valentiner | Anke Gimbal | Özge İnan | Konstantin Grubwinkler | Michael Kubiciel | Anne Brorhilker | Wolfgang Janisch | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 18.09.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60886 (abgerufen am: 09.10.2026 )
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