Tijen Ataoğlu hält die Legalisierung von Cannabis für einen Fehler und die Richterbesoldung in Deutschland für nicht angemessen. Und sie verrät, warum die Politik aktuell Vorrang vor ihrem Traumberuf hat.
Tijen Ataoğlu ist seit 2019 Richterin am Landgericht Hagen, seit 2021 aber in Sonderbeurlaubung – zunächst für ihre politische Tätigkeit bei der Landtagsfraktion der CDU in Nordrhein-Westfalen, aktuell für ihr Mandat als Bundestagsabgeordnete. Ihr Jurastudium hat sie in Köln und Istanbul absolviert.
Mein typischer Montag: Einen typischen Montag gibt es nicht wirklich, da der Tagesablauf davon abhängt, ob ich in meinem Wahlkreisbüro in Hagen oder in meinem Berliner Büro bin.
Wenn ich im Wahlkreis bin: Termine bei Unternehmen, Vereinen, Institutionen oder mit Bürgerinnen und Bürgern, Beantwortung von E-Mails und Bürgeranfragen, Planung von Veranstaltungen und Gremiensitzungen.
In einer Sitzungswoche im Bundestag: Planung der Sitzungswoche, Teambesprechung, Vorbereitung der Arbeitsgemeinschaften und Ausschusssitzungen und interne Sitzungen.
Mein Getränk und meine Bar: Eine eiskalte Cola Zero mit einer Scheibe Limette in der Bar "360 Istanbul" in Istanbul.
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
Jhené Aiko: What a Life.
Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker.
Auf der Kuppel des Deutschen Bundestages.
Warum Jura? Schon als Kind hatte ich ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Dieses hat sich nach einem Praktikum bei einem Anwalt in meiner Heimatstadt Wipperfürth dann noch verstärkt, als ich gesehen habe, was er für seine Mandaten bewirken konnten. In der Abiturzeit hat mich am Jurastudium dann besonders gereizt, welche Verwendungsbreite man als Volljurist hat.
Die Politik reizt mich derzeit mehr als das Richteramt, weil: Das Richteramt ist mein absoluter Traumberuf. Daran hat sich nichts geändert. Ich habe mich aber auch schon immer intensiv mit Politik beschäftigt. Aus meiner Sicht ist es derzeit wichtiger denn je, dass es Menschen gibt, die sich in der Politik engagieren. Das Parlament stellt für gewöhnlich einen Querschnitt der Bevölkerung dar. Es ist jetzt nicht so, dass Juristen unterrepräsentiert sind im Parlament. Aber wir aus der Justiz schon. Deshalb möchte ich gerade in der Rechts- und Innenpolitik etwas für die Justiz bewirken.
Zahl meiner Arbeitsstunden pro Woche: Das variiert sehr. Im politischen Alltag gibt es viele Abend- und Wochenendveranstaltungen, so dass es keine klassischen freien Tage gibt. 60-70 Stunden im Schnitt sind wohl realistisch.
Das größte Plus in meinem Job: Es ist eine große Ehre, Vertreterin des Deutschen Volkes zu sein. Aktiv mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen, ist ein einmaliges Privileg. Und man kann wirklich etwas bewirken; im Einzelfall wie im großen Ganzen.
Das größte Minus in meinem Job: Die Anfeindungen und Diffamierung von Politikerinnen und Politikern. Es gibt Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass man Politiker willkürlich beleidigen und beschimpfen darf. Wie viele Briefe, Zuschriften und Kommentare auf Sozialen Netzwerken sich im strafrechtlich relevanten Bereich befinden, ist erschreckend.
Ein Gesetz, das dringend geändert werden sollte: Aus meiner Sicht definitiv das Cannabisgesetz. Ich halte die Legalisierung weiter für einen schweren Fehler. Ich setze darauf, dass eine wissenschaftliche Evaluierung ebenfalls zu diesem Ergebnis kommen wird.
Die Besoldung deutscher Richterinnen und Richter ist: Dem Amt nicht angemessen. Richter und Staatsanwälte tragen eine herausragende Verantwortung für den Rechtsstaat. Dass die R1-Besoldung diese Verantwortung nur ansatzweise widerspiegelt, sehe ich nicht.
Meine letzte Frage an ChatGPT: Ich nutze kein ChatGPT, weil ich mich (noch) lieber auf die menschliche Intelligenz verlasse.
Zwei Ideen zur Reform der juristischen Ausbildung: Die juristische Ausbildung hat sich in den letzten Jahren bereits verbessert. Das ist begrüßenswert.
Ich wünsche mir allerdings noch mehr Praxisbezug. Es darf nicht sein, dass man das erste Mal eine Gerichtsakte in der Zivilstation des Referendariats in der Hand hält. Zudem würde ich begrüßen, wenn die Universitäten ihre Repetitorien noch mehr ausbauen würde. Als erste Akademikerin meiner Familie setze ich mich im Bundestag für Bildungsgerechtigkeit ein. Bislang vernehme ich diese in der juristischen Ausbildung noch nicht genug.
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten: An meiner Alma Mater in Köln haben wir viele herausragende Professorinnen und Professoren. Mein Highlight seinerzeit war die Vorlesung Schuldrecht Allgemeiner Teil bei Frau Professorin Dr. Dr. Dauner-Lieb. Eine bewundernswerte Juristin und Persönlichkeit.
Diese/n Juristin/Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen: Rechtsanwalt Philippos Botsaris aus meinem Gerichtsbezirk, der als Strafverteidiger über seinen Arbeitsalltag bei Instagram realistisch berichtet.
Mehr Most Wanted? Hier geht es zu den bisherigen Ausgaben: Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Die Übersicht mit allen bisherigen Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 20.06.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57446 (abgerufen am: 20.01.2026 )
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