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Köpfe: LTO Most Wanted mit Holger Dahl

von Stefan Schmidbauer

01.08.2025

Holger Dahl

Holger Dahl

Der Schlichter Holger Dahl über das Jurastudium als Ausweg, schräge Rechtsprechung, Zufriedenheit im Job und die Definition eines guten Kompromisses.

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Holger Dahl war nach seinem Studium zunächst Anwalt in einer internationalen Kanzlei, später dann Richter an den Arbeitsgerichten in Frankfurt am Main und Wiesbaden. Schon seit 2003 ist er als Schlichter tätig, ab 2023 in der Kooperation "Die Schlichtung". Sein Schwerpunkt ist die Konfliktlösung in Tarifverhandlungen quer durch alle Branchen.

Mein typischer Montag: 

Startet zwischen 5 und 6 Uhr mit der Erledigung kleinerer Angelegenheiten und Sport.

Mein Getränk und meine Bar: 

Kaltes Adelholzener Wasser nach einer Feldbergrunde.

Ein Song, ein Buch, ein Ort:

"Werden Sie gestreichelt?" von Jimmy Schlager und "Getting to Yes" (das Harvard Konzept) kann ich gerade in der heutigen Zeit empfehlen.

Mein Lieblingsort ist der Freibergsee bei Oberstdorf.

Warum Jura? 

Ich musste nach einer gescheiterten Musterung improvisieren und habe eine Ausbildung beim Kreis Offenbach begonnen. Das konnte nicht gutgehen. Jura war dann auch keine Herzensentscheidung, sondern ein Ausweg.

Anwalt in der Großkanzlei, Richter am Arbeitsgericht, Schlichter – wo ist/war der Reiz am größten?

Schlichter. Das mache ich seit 22 Jahren. Jeden Tag andere Menschen, jeden Tag ein neuer Konflikt, den es mit juristischem Hintergrundwissen, Aufmerksamkeit und Neugier zu lösen gilt.

Zahl meiner Arbeitsstunden pro Woche:

Arbeitsstunden zähle ich nicht. Ich bin glücklich mit meiner Arbeit und meiner Familie.

Das größte Plus in meinem Job: 

Ich muss nicht in Rente gehen, sondern "nur" irgendwann aufhören, wenn ich die Leute nicht mehr verstehe.

Das größte Minus in meinem Job: 

Mir fällt keins ein.

Ein Gesetz oder Paragraf, das/der dringend geändert werden sollte:

Das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) und selbst das Kündigungsschutzgesetz sind entgegen der Meinung vieler "Fachleute" auch heute noch fantastische Gesetze. Das Problem liegt in der teils ausgeuferten und teils schrägen Rechtsprechung wie z.B. zur Darlegungslast von Kündigungsgründen oder zur kurzfristigen Änderung von Dienstplänen.

Wenn wir als Standort in internationalen Matrixorganisationen bestehen wollen, bedarf es gerade in der Betriebsverfassung keiner Gesetzesänderungen, sondern Kreativität der Betriebsparteien und eines besseren Verständnisses der Arbeitswelt durch die Arbeitsgerichte.

Die Machtbalance zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich in den letzten Jahren: 

Nicht verschoben, aber verschärft. Der Druck auf den Standort Deutschland ist durch den Vormarsch der internationalen Matrixorganisationen enorm. Ich habe jeden Tag mehrere Anfragen zu Betriebsänderungen mit Massenkündigungen. Dagegen steht unser BetrVG mit der vollen Bandbreite der Mitbestimmung. Es bedarf charakterstarker Vertreter/innen von Labour Relations und besonnener Betriebsräte, um die Herausforderungen zu meistern.

Mein Verständnis eines guten Kompromisses: 

Die Orange aus dem Harvard Konzept ist ein schönes Bild, aber auch nicht mehr. Eine gute Lösung haben wir dann, wenn beide Seiten den Eindruck haben, dass ihre Interessen gehört wurden und in die Lösung eigegangen sind.

Meine letzte Frage an ChatGPT: 

Ich nutze ChatGPT regelmäßig in meinem Privatleben und bin von der Entwicklung beeindruckt. Beruflich habe ich ChatGPT zwar noch nicht genutzt, bin mir aber sicher, dass KI auch unsere Arbeitswelt massiv verändern wird. Wie bei allen vorherigen (technischen) Entwicklungen wird der Versuch der Verhinderung aussichtslos sein. Die Aufgabe ist, Lösungen für den Umgang zu finden.

Zwei Ideen zur Reform der juristischen Ausbildung: 

Da fragen Sie den Falschen. Ich war während meines Studiums selten an der Uni. Das lag nicht nur daran, dass ich zu der Zeit intensiv Fußball gespielt habe. Ich konnte auch mit den frontalen Vorlesungen in "Hörsälen" (was für ein Wort) durch mehr oder weniger motivierte Professoren nichts anfangen. Ist es heute noch so, dass mehr als 90 Prozent der Studenten Repetitorien zur Vorbereitung auf das Examen nutzen (müssen)? Ich tippe, dass die Quote an der Bucerius und der EBS geringer ist. Man müsste mal schauen, was die genau besser machen.

Vielleicht hilft auch ein Blick in Richtung der aktuell nicht angesagten USA. Dort kommen die Kinder mit einem deutlich geringeren Bildungsstand aus den Schulen und werden durch engere Leitplanken an den Universitäten doch noch zu Akademikern.

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten: 

Ich habe alle mehr oder weniger geschwänzt.

Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen: 

Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin. Sie ist ein toller, vorbildlicher und interessanter Mensch, der auch im Rentenalter sehr aktiv ist.

 

Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Lea Beckmann | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Die Übersicht mit allen bisherigen Ausgaben finden Sie hier.

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Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 01.08.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57798 (abgerufen am: 09.02.2026 )

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